DIA­GNO­SE: FRAUENFEINDLICH

Annabelle - - KARRIERE - Text: Bar­ba­ra Acher­mann Illustration: Ra­hel Ni­co­le Ei­sen­ring

Ei­ne Anäs­the­sis­tin klagt das Ber­ner In­sel­spi­tal we­gen Dis­kri­mi­nie­rung ein und er­hält recht. Un­se­re Re­cher­che zeigt: Auch Ärztinnen in an­de­ren Schwei­zer Spi­tä­lern wer­den be­nach­tei­ligt – weil sie Frau­en sind.

Natalie Ur­wy­ler ver­lor den Fö­tus an ei­nem Don­ners­tag wäh­rend der Nacht­schicht. Sie war in der neun­ten Wo­che schwan­ger, als sie hef­ti­ge Bauch­krämp­fe be­kam und stark zu blu­ten an­fing. Sie ahn­te, dass sie ge­ra­de ei­ne Fehl­ge­burt er­litt, aber es gab nie­man­den, der sie hät­te ab­lö­sen kön­nen. Als Ober­ärz­tin durf­te sie nicht weg aus dem Ope­ra­ti­ons­saal, ob­wohl sie kaum noch ste­hen konn­te. «Es kur­sier­te un­ter uns Anäs­the­sis­ten der Spruch, dass man die Nacht­schicht nur dann nicht an­tritt, wenn man zur ei­ge­nen Be­er­di­gung muss.» Natalie Ur­wy­ler lacht dun­kel. «Das tönt viel­leicht nach ei­nem Witz, ist aber ernst ge­meint.» Ei­gent­lich möch­te sie nicht über die Fehl­ge­burt spre­chen, sagt die Ärz­tin, wäh­rend sie den Blin­ker stellt und am Ran­de von Brig in ei­ne ru­hi­ge Sei­ten­stras­se ein­biegt. Es sei ihr un­an­ge­nehm und zu­dem schon fünf Jah­re her. Doch das Er­eig­nis ist ein wich­ti­ges Puz­zle­stück, es mar­kiert den An­fang vom En­de ih­rer Kar­rie­re als Nar­ko­se­ärz­tin. Ob­wohl ihr mehr­mals schwarz vor Au­gen wur­de und ihr die Trau­er um das ver­lo­re­ne Kind die Keh­le zu­schnür­te, ar­bei­te­te Natalie Ur­wy­ler in die­ser Nacht wei­ter so­wie auch die kom­men­den drei Näch­te, ver­setz­te Not­fall­pa­ti­en­ten in die Voll­nar­ko­se, über­wach­te At­mung und Herz­schlag, steck­te ge­bä­ren­den Frau­en Na­deln in die Wir­bel­säu­le. Man wür­de er­war­ten, dass sich ei­ne ge­stan­de­ne Ober­ärz­tin in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on Hil­fe holt, doch Natalie Ur­wy­ler brach­te den Mut nicht auf, sich an den Kli­nik­lei­ter zu wen­den. «Nicht nach all dem, was in den Mo­na­ten da­vor pas­siert war», sagt sie. Erst am Mon­tag­mor­gen nahm sie sich die Zeit, ei­ne Gy­nä­ko­lo­gin auf­zu­su­chen, die ihr die Fehl­ge­burt be­stä­tig­te.

Natalie Ur­wy­ler war ei­ne der gröss­ten Nach­wuchs­hoff­nun­gen am Ber­ner In­sel­spi­tal. Ei­ne an­ge­hen­de Pro­fes­so­rin, die an der re­nom­mier­ten St­an­ford-Uni­ver­si­tät ge­forscht hat­te. Sie wur­de vom Na­tio­nal­fonds ge­för­dert und er­ar­bei­te­te sich zu­sätz­lich For­schungs­gel­der in der Hö­he von 200 000 Fran­ken. Doch in­ner­halb ei­nes Jah­res wur­de ihr al­les ge­nom­men: der Job, die

Kar­rie­re als For­sche­rin und Ärz­tin, das Re­nom­mee und zu­letzt auch die Hoff­nung, ein an­de­res Spi­tal wer­de sie als Anäs­the­sis­tin ein­stel­len. Sie muss­te noch­mals ganz neu an­fan­gen, als As­sis­tenz­ärz­tin ei­nes Re­gio­nal­spi­tals, wo sie heu­te noch ei­nen Drit­tel ih­res vor­ma­li­gen Lohns ver­dient. Der Grund für Natalie Ur­wy­lers tie­fen Fall ist die Tat­sa­che, dass sie ei­ne Frau ist und kein Mann. Das Re­gio­nal­ge­richt Bern-Mit­tel­land be­zieht sich bei sei­nem Ur­teil auf das Gleich­stel­lungs­ge­setz. Der Fall könn­te Rechts­ge­schich­te schrei­ben, denn es ist das ers­te Mal, dass mit der In­sel-Grup­pe ein Schwei­zer Kon­zern ei­ne Dis­kri­mi­nie­rungs­kla­ge ver­liert. Das In­sel­spi­tal liess es bis zum Re­dak­ti­ons­schluss of­fen, ob man das Ur­teil an die nächs­te In­stanz wei­ter­zieht. Und die Lei­tung woll­te auf An­fra­ge nicht de­tail­liert zu den Vor­wür­fen Stel­lung be­zie­hen.

Natalie Ur­wy­ler par­kiert in ei­ner Ga­ra­ge, die mit ih­ren zwölf Ve­los über­stellt ist, vom Tan­dem bis zum Renn­rad, sie hängt ih­re Ja­cke an ei­nen Bü­gel, steigt zü­gig die Trep­pe hoch und setzt sich an den Kü­chen­tisch ih­res mo­der­nen Ein­fa­mi­li­en­hau­ses. Sie mag es zweck­mäs­sig. Ih­re Ein­rich­tung ist prak­tisch, ih­re Klei­der sind sch­licht. Das ein­zig Auf­fäl­li­ge ist ih­re blaue Bril­le. 43 Jah­re alt ist sie, bo­den­stän­dig, selbst­be­wusst, spricht ei­nen schnel­len Mix aus Bern- und Wal­li­ser­deutsch. Ob­wohl sie fünf Jah­ren lang ge­gen das In­sel­spi­tal pro­zes­siert hat, wirkt sie nicht ver­bit­tert.

«Ich bin kei­ne Ro­te», sagt Ur­wy­ler. Sie meint da­mit, dass sie po­li­tisch nicht links ste­he und sich auch nie für Frau­en­rech­te in­ter­es­siert ha­be. «Ich war stets der Mei­nung, wenn ich hart ar­bei­te, wer­de ich gleich be­han­delt wie ein Mann.» Ein Irr­tum, wie sich im Ver­lauf ih­rer Kar­rie­re her­aus­stel­len soll­te. Als Ers­tes fiel ihr auf, dass ih­re männ­li­chen Kol­le­gen wäh­rend ih­rer Aus­land­auf­ent­hal­te deut­lich mehr For­schungs­zu­schüs­se er­hiel­ten. Sie be­schwer­te sich bei ih­rem Vor­ge­setz­ten. We­nig spä­ter stell­te sie fest, dass ih­re Kol­le­gen ei­nen Bo­nus für Pu­bli­ka­tio­nen be­ka­men, sie hin­ge­gen leer aus­ging. Wie­der wehr­te sie sich, ob­wohl ihr die Sache all­mäh­lich un­an­ge­nehm wur­de. Sie merk­te, dass sie sich da­mit bei ih­rem Chef, dem Lei­ter der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Anäs­the­sio­lo­gie und Schmerz­the­ra­pie, un­be­liebt mach­te. «Aber was soll­te ich denn tun? Auf das Geld ver­zich­ten, nur weil ich ei­ne Frau bin?»

Natalie Ur­wy­ler sitzt nicht aufs Maul. Wenn sie et­was stört, so sagt sie das. Und zwar oh­ne Um­schwei­fe. Die In­sel-Grup­pe wirft ihr vor, sie sei «nicht in der La­ge, sich in ein Team oder in hier­ar­chi­sche Struk­tu­ren ein­zu­fü­gen» und sie nei­ge zur «Selbst­über­schät­zung». Das Ge­richt fegt die Vor­wür­fe in sei­ner Ur­teils­be­grün­dung vom Tisch, räumt aber ein, dass Ur­wy­ler po­la­ri­siert ha­be. Ehe­ma­li­ge Ar­beits­kol­le­gin­nen und -kol­le­gen be­stä­ti­gen die­se An­sicht. Sie er­zäh­len, dass Ur­wy­ler sehr di­rekt sei. Man­che fin­den: «End­lich mal ei­ne, die die Din­ge beim Na­men nennt.» An­de­re emp­fin­den sie als «un­di­plo­ma­tisch», «zu do­mi­nant». Aber ei­nes hal­ten ihr selbst Kri­ti­ker zu­gu­te: Sie sei nicht nur für sich sel­ber ein­ge­stan­den, son­dern auch für an­de­re Frau­en. Et­wa für ei­ne jun­ge Ärz­tin, die trotz Schwan­ger­schaft zu den üb­li­chen 7-Ta­ge-Di­ens­ten ein­ge­teilt wor­den war. Ei­nes Mor­gens brach sie zu­sam­men und wand­te sich wei­nend an Natalie Ur­wy­ler. Sie sei er­schöpft. Und: Der Fö­tus sei zu we­nig ge­wach­sen. Ur­wy­ler war alar­miert, sie in­ter­ve­nier­te für die jün­ge­re Kol­le­gin beim Di­enst­pla­ner und beim Kli­nik­lei­ter und mahn­te, man sol­le die ge­setz­lich ge­re­gel­ten Schon­zei­ten ein­hal­ten. Das war, noch be­vor sie sel­ber schwan­ger wur­de. Der Kli­nik­lei­ter ging nicht auf die Kri­tik ein, im Ge­gen­teil, er mass­re­gel­te Ur­wy­ler. Des­sen un­ge­ach­tet er­ar­bei­te­te sie ein Kon­zept, wie und wo man Schwan­ge­re im Di­enst­plan ein­tei­len könn­te. «So, dass sie in­ter­es­san­te Ar­bei­ten ma­chen kön­nen, dem Spi­tal wei­ter­hin nütz­lich sind, aber gleich­zei­tig ihr Kind nicht ge­fähr­den», fasst Ur­wy­ler ih­ren Ent­wurf zu­sam­men. Er lan­de­te im Pa­pier­korb.

Die schwan­ge­re As­sis­tenz­ärz­tin war kein Ein­zel­fall. Es war an der In­sel ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass schwan­ge­re An­ge­stell­te ge­ne­rell un­ge­nü­gend ge­schont wur­den. Zu die­sem Schluss kommt auch ei­ne wis­sen­schaft­li­che Ar­beit aus dem Jahr 2014: Bei drei Vier­teln der Ärztinnen wur­de der Di­enst­plan trotz Schwan­ger­schaft nicht an­ge­passt, 85 Pro­zent konn­ten nie oder nicht ge­nug Pau­sen ma­chen und knapp ein Vier­tel wur­de un­ge­nü­gend vor ge­sund­heits­schä­di­gen­den Ein­flüs­sen ge­schützt. Mit an­de­ren Wor­ten: Man fou­tier­te sich mehr­heit­lich um ihr Wohl.

Über­ar­bei­te­te Schwan­ge­re gibt es nicht nur an der Ber­ner In­sel. Auch an an­de­ren Schwei­zer Spi­tä­lern wird der ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Mut­ter­schutz zu­wei­len igno­riert. Drei Ärztinnen aus ver­schie­de­nen Kan­to­nen er­zäh­len uns, dass sie mit Ba­by­bauch ge­nau gleich wei­ter­ar­bei­ten muss­ten, sie­ben Ta­ge am Stück, bis zu zwölf St­un­den am Tag. Das ist ein fast dop­pelt so

ho­hes Wo­chen­pen­sum als die ma­xi­mal 45 St­un­den, die das Ar­beits­ge­setz für Schwan­ge­re vor­schreibt. Bei al­len tra­ten nach ei­ni­gen Wo­chen schwe­re ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me auf und sie muss­ten sich für den Rest der Schwan­ger­schaft krank­schrei­ben las­sen. Oder sie wur­den mit ad­mi­nis­tra­ti­ven Ar­bei­ten ab­ge­straft, für die sie wei­t­aus über­qua­li­fi­ziert wa­ren. Ei­ne an­spruchs­vol­le Be­schäf­ti­gung in ei­nem re­du­zier­ten Pen­sum wur­de kei­ner an­ge­bo­ten.

Ja­ni­ne Jun­ker, Rechts­be­ra­te­rin beim Ver­band Schwei­ze­ri­scher As­sis­tenz- und Ober­ärz­te, kom­men sol­che Ge­schich­ten all­zu be­kannt vor. Sie hat häu­fig mit Ärztinnen zu tun, die un­fair be­han­delt wer­den. Die Ju­ris­tin zählt auf: ei­ne Ärz­tin, die in ei­ner viel zu tie­fen Lohn­stu­fe ein­ge­teilt wur­de, ei­ne an­de­re, der nach ei­nem For­schungs­auf­ent­halt kei­ne ad­äqua­te Stel­le mehr an­ge­bo­ten wur­de, oder – der Klas­si­ker – man­geln­der Ge­sund­heits­schutz wäh­rend der Schwan­ger­schaft. Wer sich weh­re, müs­se mit Sank­tio­nen rech­nen. Jun­kers Fa­zit: «An Schwei­zer Spi­tä­lern herrscht teil­wei­se ein frau­en­feind­li­ches Kli­ma.»

Wer ein Me­di­zin­stu­di­um er­folg­reich ab­ge­schlos­sen hat, be­sitzt zwei wich­ti­ge Ei­gen­schaf­ten: In­tel­li­genz und Ehr­geiz. Die­se ver­schwin­den nicht, so­bald sich ei­ne be­fruch­te­te Ei­zel­le in der Ge­bär­mut­ter ein­ge­nis­tet hat. Des­halb ste­cken schwan­ge­re Ärztinnen in ei­nem Di­lem­ma: Ei­ner­seits möch­ten sie das her­an­wach­sen­de Kind nicht mit Stress­hor­mo­nen ge­fähr­den, an­de­rer­seits wol­len sie al­len be­wei­sen, dass man noch im­mer auf sie zäh­len kann. Im Ge­spräch mit Ärztinnen hört man ei­nen Satz im­mer wie­der: «Ei­ne Schwan­ger­schaft ist ei­ne Kar­rie­re­brem­se.» Man wer­de nicht mehr für voll ge­nom­men. Oder man wer­de so­gar ar­beits­los. So wie ei­ne 29-jäh­ri­ge As­sis­tenz­ärz­tin, die wie die an­de­ren zwölf in­ter­view­ten Ärztinnen an­onym blei­ben möch­te. Sie wur­de mit­ten in der As­sis­tenz­zeit schwan­ger. Der Chef riet ihr, so­fort ei­ne An­schluss­stel­le zu su­chen. Doch so­bald man den Bauch sah, be­kam sie nur noch Ab­sa­gen. «Wenn es ge­nug deut­sche Män­ner gibt, die den Job ma­chen, nimmt man kei­ne Schwei­zer Mut­ter», sagt die 29-Jäh­ri­ge am Te­le­fon. Der Schwei­zer Ärz­te­man­gel sei haus­ge­macht, kri­ti­siert sie. Zu­erst bil­de man die Frau­en für ei­ne hal­be Mil­li­on Fran­ken aus. Doch so­bald ei­ne schwan­ger wer­de, las­se man sie im Re­gen ste­hen. Ihr Kind ist jetzt zwei Mo­na­te alt und sie hat kei­ne Ah­nung, wie es wei­ter­ge­hen soll. «Mir wird hun­de­elend, wenn ich an mei­ne Zu­kunft den­ke.»

«Spi­tä­ler stel­len Schwan­ge­re vor die Tür», ti­tel­te die NZZ vor ei­ni­gen Jah­ren und zi­tier­te As­sis­tenz­ärz­tin­nen, die mit dem­sel­ben Pro­blem kämpf­ten: Kaum wa­ren sie schwan­ger, wur­den ih­re Ver­trä­ge nicht mehr ver­län­gert. Aus Angst da­vor, kei­ne Stel­le zu fin­den, war­ten vie­le mit der Fa­mi­li­en­grün­dung, bis sie ei­nen Fach­arzt­ti­tel und ei­ne un­be­fris­te­te An­stel­lung ha­ben. Dann sind sie meist schon Mit­te dreis­sig.

Auch Natalie Ur­wy­ler woll­te aus Kar­rie­re­grün­den nicht zu früh schwan­ger wer­den. Sie war 38 Jah­re alt, als sie die Fehl­ge­burt hat­te. Be­reits kur­ze Zeit spä­ter wur­de sie wie­der schwan­ger, doch ge­schont ha­be man sie auch dies­mal nicht. Ur­wy­ler schaut aus dem Fens­ter. Die Son­ne be­leuch­tet wie ein Schein­wer­fer die Schnee­gip­fel der Wal­li­ser Vier­tau­sen­der. Sie sei gern dort oben, im Win­ter mit den Ski, im Som­mer auf dem Ve­lo, doch noch lie­ber ar­bei­te sie: «St­un­den­lan­ge Ope­ra­tio­nen, kei­ne Zeit fürs Mit­tag­es­sen, 36 St­un­den oh­ne Schlaf – das hat mir nie et­was aus­ge­macht. Aber in der Schwan­ger­schaft war es an­ders. Ich muss­te mich jetzt für das Kind scho­nen.» Der Kon­flikt mit dem Kli­nik­lei­ter spitz­te sich zu. In ih­ren elf Jah­ren an der In­sel hat­te Ur­wy­ler stets gu­te Qua­li­fi­ka­tio­nen er­hal­ten, doch jetzt wur­de sie plötz­lich schlech­ter be­ur­teilt. Die in­ner­fa­kul­tä­re Gleich­stel­lungs­kom­mis­si­on und den Rechts­dienst der Uni­ver­si­tät wur­den ein­ge­schal­tet. Aber die konn­ten oder woll­ten ihr nicht hel­fen. 2013 brach­te sie ihr Kind zur Welt, ein ge­sun­des Mäd­chen. Sie er­kun­dig­te sich, ob sie ihr Pen­sum auf 80 Pro­zent re­du­zie­ren könn­te. Der Wunsch wur­de ab­ge­lehnt. Zu­dem verbot ihr der Kli­nik­lei­ter, zu for­schen und an der Uni­ver­si­tät Stu­den­ten zu un­ter­rich­ten. Dar­auf reich­te Ur­wy­ler ei­ne auf­sichts­recht­li­che Be­schwer­de ge­gen den Kli­nik­di­rek­tor ein. Kur­ze Zeit spä­ter er­hielt sie die Kün­di­gung. Der Grund: ein «nach­hal­tig ge­stör­tes Ver­trau­ens­ver­hält­nis». Geht nicht, be­fand das Ge­richt. Es schreibt, es hand­le sich um ei­ne «Ra­che­kün­di­gung». Und es rügt den Kli­nik­lei­ter da­für, dass er sich mit der Uni­ver­si­tät Bern ab­ge­spro­chen hat, Ur­wy­ler nicht mehr zu be­schäf­ti­gen.

War Natalie Ur­wy­ler ein Ein­zel­fall? Oder wer­den an der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Anäs­the­sio­lo­gie und Schmerz­the­ra­pie am In­sel­spi­tal Bern sys­te­ma­tisch Frau­en dis­kri­mi­niert und ab­ge­straft? Nicht al­le Ärztinnen, mit de­nen wir ge­re­det ha­ben, fühl­ten sich un­fair be­han­delt. Doch die­je­ni­gen, die Kar­rie­re ma­chen woll­ten, er­zäh­len, dass nur Män­ner ei­ne Chan­ce ge­habt hät­ten, ins obers­te Ka­der zu kom­men, und sie des­halb die In­sel ver­las­sen hät­ten. Be­wei­sen kön­nen sie das nicht, denn ei­ne

“ICH WAR STETS DER MEI­NUNG, WENN ICH HART AR­BEI­TE, WER­DE ICH GLEICH BE­HAN­DELT WIE EIN MANN” — Natalie Ur­wy­ler

Be­för­de­rung ist letz­ten En­des im­mer Er­mes­sens­sa­che. Aber es sei all­zu of­fen­sicht­lich ge­we­sen. Ei­ne sagt: «Ich sah, wie Män­ner an mir und mei­nen Kol­le­gin­nen vor­bei­zo­gen, die uns fach­lich un­ter­le­gen wa­ren.»

Nur ei­ne Ärz­tin spricht mit Na­men, weil sie mitt­ler­wei­le selbst­stän­dig ist, bald pen­sio­niert wird und kei­nen Kar­rie­re­knick mehr zu be­fürch­ten hat. Ka­trin Flü­cki­ger war be­reits seit ei­ni­gen Jah­ren Lei­ten­de Ärz­tin, als der deut­sche Pro­fes­sor 2008 die Anäs­the­sie­kli­nik über­nahm. Am Te­le­fon er­zählt sie, wes­halb es zum Bruch kam: «Er nahm mir all mei­ne Füh­rungs­auf­ga­ben weg und setz­te mir ei­nen Mann vor die Na­se.» Auch fi­nan­zi­ell muss­te Ka­trin Flü­cki­ger zu­rück­buch­sta­bie­ren. Als Ka­der­ärz­tin hat­te sie An­spruch auf Gel­der, die mit der Be­hand­lung von Pri­vat­pa­ti­en­ten er­wirt­schaf­tet wur­den. Doch der neue Kli­nik­lei­ter ha­be ih­ren An­teil ge­kürzt und fort­an will­kür­lich und in­trans­pa­rent über die Ver­tei­lung der jähr­lich meh­re­ren Mil­lio­nen Fran­ken ent­schie­den. Ein Um­stand, den auch Natalie Ur­wy­ler ein­klagt. Das Ur­teil dar­über steht noch aus.

Wie viel Macht darf ein Chef­arzt ha­ben? Die­se Fra­gen stellt ei­ne Ärz­tin, wel­che die Anäs­the­sie­kli­nik vor Jah­ren ver­las­sen hat. «Die Pa­ti­en­ten stan­den nicht im Vor­der­grund, son­dern das ei­ge­ne Ego oder Porte­mon­naie», sagt die Ärz­tin. An­statt zu dis­ku­tie­ren, wur­de be­foh­len. «Ich muss­te Ein­grif­fe ma­chen, die aus me­di­zi­ni­scher Sicht nicht sinn­voll wa­ren.» Sie ha­be die­se «Platz­hirsch- und Ma­cho­kul­tur» nicht mehr er­tra­gen. Auch Ka­trin Flü­cki­ger sagt: «Ei­ne sol­che Füh­rungs­kul­tur dient nicht dem Wohl des Pa­ti­en­ten.» Nach und nach wur­den im obe­ren Ka­der der Anäs­the­sie­kli­nik al­le Frau­en durch Män­ner er­setzt. Das fünf köp­fi­ge Lei­tungs­team ist bis heu­te männ­lich ge­blie­ben.

Auch hier ist die Anäs­the­sie der In­sel nur ein ex­tre­mes Bei­spiel für ei­ne lan­des­wei­te Ten­denz. Seit 13 Jah­ren schlies­sen in der Schweiz mehr Frau­en als Män­ner ein Me­di­zin­stu­di­um ab. Doch an die Spit­ze kom­men sie sel­ten: Nur 12 Pro­zent der Chefärzte sind Frau­en und le­dig­lich 22 Pro­zent der leitenden Ärz­te. Die Kon­se­quenz da­von: Ärztinnen wech­seln scha­ren­wei­se in Pri­vat­pra­xen, weil sie an die glä­ser­ne De­cke stos­sen. Oder weil sie wäh­rend der Zeit, in der ih­re Kin­der klein sind, Teil­zeit ar­bei­ten wol­len. Ge­ra­de in den stark von Män­nern do­mi­nier­ten Dis­zi­pli­nen wie Chir­ur­gie, Or­tho­pä­die und Kar­dio­lo­gie wird meist er­war­tet, dass man ein vol­les Pen­sum über­nimmt, in­klu­si­ve Über­stun­den und Nacht­diens­te. Dar­un­ter lei­den auch Vä­ter, die gern mehr Zeit mit ih­ren Kin­dern ver­brin­gen und gleich­wohl nicht auf dem Ab­stell­gleis lan­den möch­ten. Doch un­ter den meis­ten Chef­ärz­ten ist das sch­licht un­mög­lich. Der Chef­arzt Or­tho­pä­die und Wir­bel­säu­len­chir­ur­gie der Uni­k­li­nik Bal­grist sag­te in ei­nem In­ter­view mit dem «Ta­ges-An­zei­ger», das Ar­beits­ge­setz sei we­nig ziel­füh­rend, weil es ei­ne Ma­xi­mal­ar­beits­zeit von fünf­zig St­un­den in der Wo­che vor­schrei­be. Er sel­ber ar­bei­te acht­zig St­un­den, ob­wohl er ei­ne klei­ne Toch­ter ha­be. Auf die Fra­ge, wie er die Kin­der­be­treu­ung or­ga­ni­sie­re, ant­wor­te­te er: «Ich ha­be die liebs­te Frau auf die­ser Welt. Sie ist eben­falls ha­bi­li­tier­te Ärz­tin. Als wir un­se­re Toch­ter be­ka­men, hat sie re­du­ziert.»

Die Ar­beits­be­las­tung gren­ze an Fahr­läs­sig­keit, sagt ei­ne jun­ge Ärz­tin, die kurz vor ih­rem Fach­arzt­ti­tel zur Kar­dio­lo­gin das Hand­tuch warf. Dies sei aber nur ei­ner von meh­re­ren Grün­den, wes­halb sie aus dem Spi­tal aus­ge­stie­gen sei. «Die stän­di­gen Kämp­fe dar­um, wer ope­rie­ren darf, ha­ben mich zer­mürbt. Im­mer muss­te man sich vor­drän­gen. Be­vor­zugt wur­den letzt­lich die Hoch­stap­ler.» Sie hät­te sich gern spe­zia­li­siert, die Herz­me­di­zin war ih­re Lei­den­schaft. «Ich weiss, dass ich in­tel­lek­tu­ell das Zeug da­zu hät­te.» Als sie ih­rem Chef sag­te, sie wer­de Haus­ärz­tin, war er ent­täuscht, das sei «Per­len vor die Säue ge­wor­fen». Er pro­phe­zei­te ihr, sie wer­de sich mit den Grip­pe­pa­ti­en­ten zu To­de lang­wei­len. Doch die jun­ge Ärz­tin woll­te ei­ne Fa­mi­lie grün­den und sie wuss­te, dass das nicht mit ei­ner Spi­tal­kar­rie­re zu ver­ein­ba­ren war: «Ich hät­te in die­sem Kli­ma kein Kind aus­tra­gen kön­nen, ge­schwei­ge denn gross­zie­hen.» Manch­mal är­gert sie sich über sich sel­ber – und über all ih­re Kol­le­gin­nen, die eben­falls still­schwei­gend aus­ge­stie­gen sind: «Wir ha­ben von die­sem an­ti­quier­ten Hau­fen viel zu we­nig ge­for­dert.»

Die­sen Vor­wurf muss sich Natalie Ur­wy­ler nicht ma­chen. Sie hat sich ge­wehrt, hart­nä­ckig und zu­wei­len wohl auch et­was un­di­plo­ma­tisch. Falls das Ur­teil nicht wei­ter­ge­zo­gen wird, er­hält sie 111 000 Fran­ken plus Lohn­nach­zah­lun­gen. Und die In­sel muss sie wie­der als Anäs­the­sis­tin ein­stel­len. Be­zahlt hat sie trotz­dem: mit ih­rer Kar­rie­re. Wer fünf Jah­re nicht forscht, hat kei­ne Chan­cen mehr auf ei­ne uni­ver­si­tä­re Lauf bahn. Ih­ren Kampf be­reut sich gleich­wohl nicht: «Viel­leicht än­dert sich jetzt et­was.» Ih­re Hoff­nung scheint nicht ganz un­be­grün­det. Zu­min­dest leich­te Ver­bes­se­run­gen zeich­nen sich am Ber­ner Spi­tal ab, man spricht be­reits vom «Ur­wy­ler-Ef­fekt»: So ha­ben As­sis­tenz­ärz­tin­nen heu­te ein An­recht auf ei­nen be­zahl­ten Mut­ter­schafts­ur­laub von 16 Wo­chen, selbst wenn ihr Ver­trag be­reits wäh­rend der Schwan­ger­schaft aus­läuft. Und für all die ar­bei­ten­den Müt­ter, die zu­vor in der Du­sche Milch ab­ge­pumpt oder ih­ren Ba­bies auf der Toi­let­te die Brust ge­ge­ben ha­ben, wur­de ein Still­zim­mer ein­ge­rich­tet. Das könn­te ein An­fang sein.

NUR 12 PRO­ZENT DER CHEFÄRZTE SIND FRAU­EN UND LE­DIG­LICH 22 PRO­ZENT DER LEITENDEN ÄRZ­TE

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