Wer war Hel­ve­tia?

Hei­di Wit­zig, His­to­ri­ke­rin und Mit­glied des Ma­tro­nats der Gross­müt­ter­re­vo­lu­ti­on:

Annabelle - - JOURNAL -

«Hel­ve­tia wur­de mit der Grün­dung des Schwei­zer Bun­des­staa­tes 1848 zum Na­tio­nal­sym­bol und wur­de als po­li­ti­sche Fi­gur oft mit Helm, Schild und Speer dar­ge­stellt. Sie soll­te et­was Wehr­haf­tes ha­ben, um das neu ge­grün­de­te Land zu ver­tei­di­gen. Gleich­zei­tig soll­te sie auch Weib­lich­keit, Müt­ter­lich­keit und Kraft ver­kör­pern. Hel­ve­tia ist aber, wie vie­le an­de­re Lan­des­müt­ter, ein pu­res Fan­ta­sie­pro­dukt. Nach der Grün­dung des Bun­des­staa­tes wur­de sie als Ein­heits­fi­gur von of­fi­zi­el­ler Sei­te stark pro­pa­giert. So tauch­te Hel­ve­tia in Ge­sän­gen und an Trach­ten- oder Schwing­fes­ten auf, eben­so auf Mün­zen und Brief­mar­ken. Sie stand für den Zu­sam­men­halt der Spra­chen, Lan­des­tei­le und Kul­tu­ren, muss­te die Ris­se zwi­schen Ka­tho­li­ken und Re­for­mier­ten aus­fül­len so­wie die Neu­tra­li­tät und Wehr­haf­tig­keit der Schweiz sym­bo­li­sie­ren. Als der Ers­te und spä­ter der Zwei­te Welt­krieg aus­bra­chen, be­rief man sich er­neut auf Hel­ve­tia als Sinn­bild für den in­ne­ren Zu­sam­men­halt. Sie dien­te auch als ei­ni­gen­de Klam­mer nach dem Ge­ne­ral­streik von 1918. Ab Mit­te des 20. Jahr­hun­derts be­ginnt Hel­ve­ti­as Be­deu­tung zu schwin­den. Über­staat­li­che und glo­ba­le Fra­gen be­we­gen die Schweiz: Wie soll man sich mit der EU ar­ran­gie­ren, wie den Kli­ma­wan­del be­kämp­fen? Viel­leicht ver­schwin­det Hel­ve­tia ei­nes Ta­ges so­gar von un­se­ren Mün­zen. Ei­ne Skulp­tur der Ber­ner Bild­haue­rin Bet­ti­na Eichin auf der Mitt­le­ren Rhein­brü­cke in Ba­sel zeigt be­reits ei­ne Um­deu­tung Hel­ve­ti­as: Sie sitzt, hat Helm und Schild ab­ge­legt, den Kof­fer ge­packt und blickt rhein­ab­wärts, schwei­z­aus­wärts. Ih­re Ar­beit ist ge­tan.»

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