HÖR MAL, SCHATZ

Annabelle - - JOURNAL - In­ter­view: Bar­ba­ra Acher­mann

Weil Män­ner Krank­hei­ten oft nicht be­mer­ken, braucht es die Frau­en, die sie zum Arzt schi­cken, sagt Da­ni­el Eber­li, Lei­ten­der Uro­lo­ge am Uni­spi­tal Zü­rich.

an­na­bel­le: Män­ner ge­hen we­ni­ger häu­fig zum Arzt als Frau­en. Wes­halb ist das so?

Da­ni­el Eber­li: Frau­en ha­ben die bes­se­re Be­zie­hung zum ärzt­li­chen Sys­tem, weil sie schon früh zur Frau­en­ärz­tin ge­hen und wäh­rend ei­ner Schwan­ger­schaft re­gel­mäs­sig un­ter­sucht wer­den. Für Män­ner ist die Hür­de hö­her. Sie neh­men ih­ren Kör­per auch an­ders wahr, we­ni­ger ganz­heit­lich: Sie den­ken, der Kör­per funk­tio­nie­re wie ei­ne Ma­schi­ne, den ros­ti­gen Aus­puff, den kön­ne man ein­fach er­set­zen. Zu­dem herrscht die weit­ver­brei­te­te Mei­nung vor, Krank­heit sei ein Zei­chen von Schwä­che.

Die­ses Män­ner­bild wan­delt sich ge­ra­de. Das müss­te sich doch auch auf die Me­di­zin nie­der­schla­gen. Ab­so­lut. In mei­ner Sprech­stun­de se­he ich Män­ner un­ter­schied­li­chen Al­ters. Ein 25-Jäh­ri­ger hat häu­fig ein bes­se­res Ver­ständ­nis für sei­ne Krank­heit als ein 75-Jäh­ri­ger, dem sei­ne Frau die Me­di­ka­men­te ne­ben das Jo­ghurt le­gen muss, da­mit er an sie denkt.

Soll ein Mann re­gel­mäs­sig sei­ne Ho­den un­ter­su­chen las­sen, so wie Frau­en zum Krebs­ab­strich ge­hen?

Nein, Ho­den­krebs ist zu sel­ten, um ei­ne Un­ter­su­chung ge­ne­rell zu emp­feh­len. Wir le­gen Män­nern ab fünf­zig aber na­he, die Pro­sta­ta un­ter­su­chen zu las­sen, denn bei fast al­len tritt ir­gend­wann ein uro­lo­gi­sches Pro­blem auf. Das deu­tet zu­wei­len auch auf an­de­re Krank­hei­ten hin. Hat et­wa ein über­ge­wich­ti­ger Mann Po­tenz­pro­ble­me, be­steht die Ge­fahr, dass er in drei Jah­ren ei­nen Herz­in­farkt er­lei­det. Denn die Blut­ge­fäs­se, die zum Pe­nis füh­ren, sind et­was klei­ner als je­ne zum Her­zen.

Män­ner le­ben im Durch­schitt fünf Jah­re we­ni­ger lang als Frau­en. Weil sie zu spät zum Arzt ge­hen?

Das kann sein, ist aber nicht der ein­zi­ge Grund. Ein Mann lebt an­ders als ei­ne Frau, er ist ri­si­ko­be­rei­ter. Zieht er ins Klos­ter, ist sei­ne Le­bens­er­war­tung hö­her. Es konn­te ge­zeigt wer­den, dass sich die Le­bens­dau­er von Non­nen und Mön­chen kaum un­ter­schei­det.

Wel­che Er­fah­run­gen ma­chen Sie mit Arzt­muf­feln? Häu­fig kom­men Män­ner zu mir, die von ih­ren Frau­en ge­schickt wur­den. Man­che ha­ben seit Jah­ren kei­ne Ärz­tin oder kei­nen Arzt mehr ge­se­hen. Des­halb ver­su­che ich, so­weit mög­lich, den gan­zen Men­schen kurz zu scan­nen, um al­len­falls auch an­de­re Krank­hei­ten zu ent­de­cken, die nicht in mei­nem Fach­be­reich lie­gen. Hat er Po­tenz­pro­ble­me, ist es oft die Frau, die die Initia­ti­ve er­greift, um et­was da­ge­gen zu un­ter­neh­men. Sitzt das Paar dann bei mir im Sprech­zim­mer, wird sie dar­auf zu spre­chen kom­men, und er steigt dank­bar ein. Denn al­lei­ne hät­te er es nicht an­ge­spro­chen.

Ist es üb­lich, dass Män­ner ih­re Frau­en zum Uro­lo­gen mit­neh­men?

Et­wa ein Vier­tel al­ler Män­ner neh­men ih­re Frau mit. Ich mo­ti­vie­re sie da­zu, denn vie­le Män­ner­krank­hei­ten sind im Team viel bes­ser be­han­del­bar. Be­son­ders bei Po­tenz­schwie­rig­kei­ten sind die Er­folgs­chan­cen hö­her, wenn man das Pro­blem ge­mein­sam an­geht.

Stu­di­en zei­gen: Ver­hei­ra­te­te Män­ner le­ben län­ger. Auch glück­lich ver­hei­ra­te­te Frau­en le­ben län­ger.

Wer in ei­ner gu­ten Be­zie­hung lebt, hat ei­nen we­ni­ger ho­hen Blut­druck, bes­se­re Cho­le­ste­rin­wer­te und ist sel­te­ner von Dia­be­tes be­trof­fen. Ei­ne schlech­te Be­zie­hung scha­det der Ge­sund­heit der Frau, für den Mann hin­ge­gen ist sie im­mer noch bes­ser als gar kei­ne.

Kommt es häu­fig vor, dass Frau­en Krank­hei­ten ent­de­cken, die ih­ren Män­nern gar nicht auf­fal­len?

Ja. Ein Klas­si­ker ist, dass ein Mann fünf Mal pro Nacht aufs Klo muss. Er sel­ber wür­de des­we­gen nicht zum Arzt ge­hen, aber sei­ne Frau fin­det, das sei doch nicht nor­mal, und drängt ihn da­zu, die Sache ab­zu­klä­ren. Sie hat recht. Bis zu zwei Mal pro Nacht aufs WC zu ge­hen ist okay, al­les, was dar­über liegt, nicht.

Was kön­nen Frau­en für die Ge­sund­heit ih­rer Män­ner tun?

Nichts Welt­be­we­gen­des, sie müs­sen nur da­für sor­gen, dass ih­re Män­ner auf das­sel­be Ni­veau kom­men wie sie: ge­sund es­sen, Sport, we­nig Al­ko­hol, Pau­sen ma­chen. Und dass der Mann zum Arzt geht, wenn er schon lan­ge hus­tet oder seit Jah­ren nicht mehr un­ter­sucht wur­de.

«Män­ner den­ken, der Kör­per funk­tio­nie­re wie ei­ne Ma­schi­ne»: Uro­lo­ge Da­ni­el Eber­le in sei­ner Pra­xis in Zü­rich

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