FREU­DEN TANZ

Der ka­na­disch-deut­sche Tän­zer und Cho­reo­graf Eric Gaut­hier ist so gut drauf, dass er ir­ri­tiert. Nicht zu­letzt die ei­ge­ne Sze­ne.

Annabelle - - KULTUR - Text:He­le­neAe­cher­li Fo­tos:Rain­hard­tAl­brecht-Herz

Stel­len Sie sich vor, Sie ar­bei­ten an ei­ner So­lo­show und wol­len Ihr Pu­bli­kum ak­tiv ins Stück mit­ein­be­zie­hen. Wie wür­den Sies tun? Eric Gaut­hier tut es so: Er kocht in sei­nem neu­en Stück «The Gift» mit sei­nem Pu­bli­kum Spa­ghet­ti Car­bo­n­a­ra. Nicht wirk­lich, na­tür­lich, son­dern als ei­ne Art pan­to­mi­mi­sche Tan­z­ani­ma­ti­on. Er macht es auf der Büh­ne vor, die Zu­schau­er ma­chen mit: sie schla­gen ein Ei auf, schnei­den Schin­ken, wer­fen Pas­ta in die Pfan­ne, raf­feln Kä­se, träu­feln Oli­ven­öl dar­über. Ein klei­ner Spass, wie Gaut­hier sagt, aber auch ei­ne Hom­mage an Ja­mie Oli­ver, den er be­wun­dert, weil die­ser nicht nur gut kocht, son­dern mit sei­nen Küns­ten auch un­zäh­li­ge Men­schen in­spi­riert. Erst re­agiert das Pu­bli­kum, das an die­sem Tag im Stutt­gar­ter Pro­be­raum da­bei ist, ver­le­gen, die Be­we­gun­gen sind un­ge­lenk, doch Mi­nu­ten spä­ter herrscht nur noch ent­spann­te Hei­ter­keit. Gaut­hier ap­plau­diert. Test ge­lun­gen.

Eric Gaut­hier (40) ge­hört zu den über­ra­schends­ten Künst­lern der zeit­ge­nös­si­schen Tanz­sze­ne, er be­geis­tert sein Pu­bli­kum als So­list wie auch als Chef sei­ner Com­pa­ny Gaut­hier Dan­ce. Sein Er­folg liegt aber nicht nur an der Ori­gi­na­li­tät sei­ner Cho­reo­gra­fi­en und der ex­pres­si­ven Ath­le­tik sei­ner Tän­ze­rin­nen und Tän­zer, son­dern vor al­lem dar­an, dass er un­ver­hoh­len zeigt, wie viel Spass er an sei­ner Ar­beit hat – und sich nicht scheut, die­sen Spass auf die Stras­se zu tra­gen. So lei­tet er Tanz­work­shops mit sie­ben­hun­dert Teil­neh­mern, or­ga­ni­siert Flashmobs in Wa­ren­häu­sern oder zeigt in der SWRKin­der­sen­dung «Ti­ger­en­ten-Club» ei­ne ge­tanz­te Fuss­ball­par­odie in Zeit­lu­pe. Letz­te­res hat die Bos­se des FC Bay­ern Mün­chen der­art ent­zückt, dass sie Gaut­hier da­zu ein­lu­den, die Par­odie doch bit­te an der Meis­ter­fei­er zum Bes­ten zu ge­ben.

Pu­ris­ten des Mo­dern Dan­ce mag die­se Main­strea­m­i­sie­rung ih­res Gen­res ein Dorn im Au­ge sein. Eric Gaut­hier be­ein­druckt dies nicht. «This is Eric», be­tont er. «Ich muss so sein, ich brau­che das.» Un­ter vier Au­gen gibt er sich genau­so un­ver­krampft wie im Pro­be­raum, ein «net­ter Ka­na­di­er eben», sein Ge­sicht jun­gen­haft und gleich­zei­tig vä­ter­lich be­sorgt. Er ist ver­hei­ra­tet, hat zwei Söh­ne und ei­ne Toch­ter, das äl­tes­te Kind ist sie­ben, das jüngs­te zwei Jah­re alt. Sei­ne der­zeit gröss­te Her­aus­for­de­rung, sagt er, sei es, Fa­mi­lie und Kar­rie­re un­ter ei­nen Hut zu brin­gen.

Einst hat­te Eric Gaut­hier nur Eis­ho­ckey im Kopf, doch dann sah er in Mon­tréal das Mu­si­cal «Cats» und woll­te nur noch ei­nes: tan­zen. Ei­ne Wo­che spä­ter stand er im Bal­lett­saal, da­mals war er acht. Mit 17 wech­sel­te er vom Na­tio­nal Bal­let of Ca­na­da zum Stutt­gar­ter Bal­lett, avan­cier­te rasch zum So­lo­tän­zer, galt als «Char­lie Chap­lin» des En­sem­bles. Gut elf Jah­re spä­ter hat­te er ge­nug vom Druck zur Per­fek­ti­on, der im klas­si­schen Bal­lett vor­herrscht. Er sehn­te sich nach der «an­de­ren Sei­te des Tan­zes», ver­liess das Bal­lett, sah sich um und frag­te sich: «Was braucht die Tanz­welt?» Als er rea­li­sier­te, dass der Mo­dern Dan­ce eher düs­ter und schwer ver­ständ­lich zu sein hat­te, um ernst ge­nom­men zu wer­den, lan­cier­te er ei­ne Ge­gen­of­fen­si­ve nach dem Cre­do: «Tanz darf auch Spass ma­chen!» Da­mit leg­te er den Grund­stein für sei­ne Com­pa­ny Gaut­hier Dan­ce.

Dass er mit die­sem Cre­do ins Schwar­ze ge­trof­fen hat, be­zeu­gen aus­ver­kauf­te Vor­stel­lun­gen und die An­zie­hungs­kraft, die Gaut­hier Dan­ce ge­ra­de auf ein jun­ges Pu­bli­kum aus­übt. Was sei­nem Schaf­fen noch ei­nen zu­sätz­li­chen Nim­bus ver­leiht, ist die Tat­sa­che, dass Gaut­hier die Freude am Tanz auch je­nen Men­schen ver­mit­teln will, die nicht ins Thea­ter kom­men kön­nen: Men­schen im Spi­tal, im Ho­s­piz, im Al­ters­heim. Er geht mit sei­nen Tän­zern zu ih­nen, «Gaut­hier Dan­ce Mo­bil» nennt er die­ses Kon­zept, ver­wan­delt die Spi­tal­ca­fe­te­ria in Büh­ne und Au­di­to­ri­um und bringt auch dort sei­ne Zu­schau­er da­zu, mit­zu­ma­chen. «Tanz», sagt er, «soll für al­le sein.» Mitt­ler­wei­le ste­hen Cho­reo­gra­fen Schlan­ge, um für ihn Stü­cke zu kre­ieren. Lädt er zu Au­di­tions ein, wird er von In­ter­es­sen­ten über­rannt. Letz­ten Herbst such­te er vier neue Tän­zer, es be­war­ben sich 1400.

Viel­leicht liegt der Schlüs­sel zu Eric Gaut­hiers Er­folg auch dar­in, dass Freude und Lei­den­schaft an­ste­ckend sind. Die Be­geis­te­rung, die er aus­strahlt, über­trägt sich auf an­de­re. Gaut­hier ist sich des­sen be­wusst. Vor je­der Vor­stel­lung schwört er sei­ne Mann­schaft wie ein Fuss­ball­trai­ner auf den Abend ein: «Die­ses Pu­bli­kum», sagt er dann, «muss heu­te die bes­te Show des Jah­res be­kom­men.»

Gaut­hier Dan­ce ist mit dem Pro­gramm «Stream» am Schwei­zer Tanz­fes­ti­val Steps zu se­hen. «Stream» um­fasst un­ter an­de­rem Cho­reo­gra­fi­en von Mau­ro Bi­gon­zet­ti, It­zik Ga­li­li, Na­dav Zel­ner und Eric Gaut­hier. Steps dau­ert vom 12. April bis 5. Mai; steps.ch

Als er rea­li­sier­te, dass der Mo­dern Dan­ce düs­ter und schwer ver­ständ­lich zu sein hat­te, lan­cier­te er ei­ne Ge­gen­of­fen­si­ve: Tan­zen darf Spass ma­chen

Eric Gaut­hier gas­tiert mit sei­ner Com­pa­ny Gaut­hier Dan­ce für das Tanz­fes­ti­val Steps in der Schweiz

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.