… mit 45 Jah­ren noch als Pri­ma­bal­le­ri­na auf­zu­tre­ten?

Annabelle - - WIE IST ES EIGENTLICH... - YEN HAN (45)

Vie­le Bal­le­ri­nas tun sich schwer mit dem Äl­ter­wer­den. Bei mir ist das nicht so. Manch­mal fra­ge ich mich, wie sich ei­ne 45-jäh­ri­ge Frau ei­gent­lich an­füh­len soll­te. Bei mir drif­ten Al­ter und Kör­per­ge­fühl ir­gend­wie aus­ein­an­der. Seit ich ein Kind bin, trai­nie­re ich je­den Tag. Ob in Bal­lett­klas­sen, Pro­ben, im Pi­la­tes oder Yo­ga. Mei­ne Mus­keln er­in­nern sich an die un­zäh­li­gen Work­outs. Ich füh­le mich in mei­nem Kör­per stark und ha­be kei­ner­lei Be­schwer­den. Viel­leicht sind das die Ge­ne. Mei­ne Mut­ter war sehr sport­lich und trai­nier­te mit sieb­zig Jah­ren noch Kampf­kunst.

Mein Na­me ist chi­ne­sisch, mein Aus­se­hen und mei­ne Wur­zeln auch, doch ich bin US-Ame­ri­ka­ne­rin. Als klei­nes Mäd­chen bin ich mit mei­nen chi­ne­si­schen El­tern aus Viet­nam nach Los Angeles gef lüch­tet. Dort ver­lieb­te ich mich in den Tanz. An mei­ne al­ler­ers­te Bal­lett­stun­de kann ich mich ge­nau er­in­nern.

Ich war sechs­ein­halb Jah­re alt und ver­such­te, mei­ne Füs­se in der fünf­ten Po­si­ti­on zu hal­ten. Statt sie aus­zu­dre­hen, stell­te ich sie nach in­nen. Nach mei­ner Aus­bil­dung hat­te ich das Glück, in Zü­rich als So­lis­tin en­ga­giert zu wer­den. Da­mals war ich erst 21.

Ich tan­ze nun seit über zwan­zig Jah­ren für die­ses En­sem­ble. Es in­spi­riert und för­dert mich, wo­für ich dank­bar bin. Die meis­ten Bal­le­ri­nen­kar­rie­ren sind sehr kurz. Vie­le hän­gen ih­re Spit­zen­schu­he lan­ge vor vier­zig an den Na­gel. Weil der Kör­per nicht mehr mit­macht. Und auch, weil als Bal­le­ri­na vie­les nicht in dei­ner Hand liegt. Die Di­rek­ti­on be­stimmt, wer in ei­ne Com­pa­gnie passt, die Cho­reo­gra­fen ent­schei­den über die Be­set­zung. Un­se­re Kar­rie­re ist von der künst­le­ri­schen Vi­si­on an­de­rer ab­hän­gig. Ich bin aber kei­ne wehr­lo­se Pup­pe. Bin ich mit der Si­tua­ti­on un­glück­lich, ist es mei­ne Frei­heit zu ent­schei­den, ob ich blei­be oder ge­he.

Ich be­strei­te nicht, dass in der Bal­lett­welt Ei­fer­sucht und Kon­kur­renz­druck exis­tie­ren. Als Tän­ze­rin er­le­be ich sol­che Ge­füh­le. Wenn ei­ne Kol­le­gin den er­hoff­ten Part nicht be­kommt, spü­re ich, dass sie trau­rig ist. Emo­tio­nen, die auch ich als jun­ge Bal­le­ri­na durch­leb­te. Heu­te neh­me ich das nicht mehr so tra­gisch. Vor al­lem zu Be­ginn der Kar­rie­re ge­hö­ren sol­che Ge­füh­le da­zu, schliess­lich möch­test du vor­an­kom­men und wach­sen. Aber dass sich Tän­ze­rin­nen ge­gen­sei­tig Nä­gel in die Schu­he le­gen oder an­de­re ver­let­zen­de Din­ge tun, wie man das in Fil­men sieht, ha­be ich bis­her nicht er­lebt. Ich glau­be, die­ses über­dra­ma­ti­sier­te Bild kommt aus den Me­di­en.

Ne­ben mei­ner Büh­nen­kar­rie­re füh­re ich mit mei­nem Mann ei­ne Bal­lett­schu­le und ich ha­be zwei Söh­ne im Al­ter von 7 und 14 Jah­ren. Nur we­ni­ge Bal­le­ri­nas be­kom­men wäh­rend ih­rer Kar­rie­re Kin­der. Mei­ner Er­fah­rung nach wächst der Kin­der­wunsch bei den meis­ten Frau­en um die dreis­sig – ge­nau zur Blü­te­zeit je­der Bal­lett­kar­rie­re.

Ich woll­te im­mer Kin­der ha­ben. Wer sich für ein Kind ent­schei­det, tritt ei­nen Schritt zu­rück. Wel­che Rol­le du tanzt, ist dann nicht mehr das Wich­tigs­te. Für mich war es kein Dra­ma, ein Jahr zu ver­lie­ren. Auch wenn ei­ne Tanz­kar­rie­re kurz ist: Sie ist nichts im Ver­gleich zu dem, was ich als Mut­ter ein Le­ben lang ge­win­ne.

Das Wich­tigs­te ist, zu lie­ben, was du tust. Tanz ist und wird im­mer Teil mei­nes Le­bens sein. In Zu­kunft möch­te ich mich mei­ner Schu­le und noch nicht spruch­rei­fen Pro­jek­ten wid­men. Wann der Mo­ment ge­kom­men ist, von der Büh­ne ab­zu­tre­ten, kann und will ich als Künst­le­rin nicht pla­nen. Dem Ab­schied wer­de ich mich Schritt für Schritt nä­hern und spü­ren, wann es Zeit wird. Doch erst gibt es noch so viel mehr in die­ser Tanz­welt zu ent­de­cken.

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