OJE-MIE­NE

Annabelle - - APROPOS MODE - Bar­ba­ra Lo­op

Die Mo­de hat das rea­le Le­ben für sich ent­deckt, so lau­tet das Cre­do der St­un­de. Das Tra­di­ti­ons­haus Di­or schreibt sich fe­mi­nis­ti­sche Bot­schaf­ten auf die Fah­ne, ge­nau­er auf das T-Shirt. Und an­ge­sag­te La­bels wie Eck­haus Lat­ta, Ve­te­ments oder Mar­ques’ Al­mei­da las­sen ih­re Kol­lek­tio­nen von Mo­dels prä­sen­tie­ren, die äl­ter, kur­vi­ger und far­bi­ger sind als je zu­vor.

So weit, so re­al, wä­re da nicht die­ser Aus­druck, den die Mo­dels, oh­ne ei­ne Mie­ne zu ver­zie­hen, seit En­de der Neun­zi­ger­jah­re im Ge­sicht tra­gen: leer, ent­rückt und welt­ver­lo­ren. Ne­ben den tris­ten Mie­nen vom Lauf­steg er­schei­nen selbst die Ge­sich­ter am Mon­tag­mor­gen im Tram wie das blü­hen­de Le­ben. Nein, an den Mo­de­schau­en mag man heu­te viel­leicht auch mal Kur­ven und Fal­ten se­hen, der un­ge­schmink­ten Rea­li­tät aber blickt man ga­ran­tiert nicht ins Au­ge.

Man kann da­ge­gen hal­ten, dass in die­sem bla­siert pas­si­ven Blick die An­mut ei­ner Aris­to­kra­tin auf ei­nem Ren­nais­sance-Ge­mäl­de ruht, die sich zwar be­trach­ten lässt, selbst aber nie­man­den ei­nes Bli­ckes wür­digt. Er­ha­ben und be­geh­rens­wert, so soll sich die Kun­din füh­len, die die­se Mo­de einst tra­gen wird. Oder viel­leicht ist es die Sch­nu­te ei­nes Te­enagers, too cool for school, die uns auf ver­que­re Art in ih­ren Bann zie­hen soll. Oder aber das Ge­gen­teil ist der Fall: Das Mo­del gibt sich aus­drucks­los, um die Mo­de – und nicht sich selbst – in den Vor­der­grund zu stel­len.

All die Ar­gu­men­te las­sen al­ler­dings aus­ser Acht, dass der blut­lee­re Ge­sichts­aus­druck auf dem Run­way kein Na­tur­ge­setz ist. In den Sieb­zi­gern konn­te der Blick von Mo­de­li­ko­ne Pat Cleve­land al­les sa­gen, nur nicht nichts, der von Jer­ry Hall war ge­heim­nis­voll und cool und der von Nao­mi Camp­bell konn­te, Jah­re spä­ter, tö­ten. In den Acht­zi­ger­jah­ren war bei den Shows von Vi­vi­en­ne West­wood die Fuck-You-At­ti­tü­de an­ge­sagt, und ein Jahr­zehnt spä­ter bei Ver­sace die Le­bens­freu­de. Wenn man al­so von der Mo­de mehr Sinn für die Wirk­lich­keit der mo­der­nen Frau­en for­dert und sich die Kör­per der Mo­dels ein biss­chen in Rich­tung Rea­li­tät be­we­gen, dann soll­ten das doch auch ih­re Ge­sichts­zü­ge tun. Es muss ja nicht im­mer ein Lä­cheln sein, schliess­lich ha­ben wir Frau­en trotz neu­em Guc­ci-Man­tel in der Rea­li­tät nicht nur zu la­chen. Aber zu glot­zen wie ein to­ter Fisch hilft bei der Lohn­ver­hand­lung ga­ran­tiert auch nicht wei­ter.

Geht doch! La­chen­de Mo­dels back­s­tage bei Giam­bat­tis­ta Val­li an der Pa­ris Fa­shion Week 2016/17

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