Bas­ler Bett­ler-Oper

Pre­mie­re am Thea­ter Ba­sel Ba­sel strei­tet dar­über, ob es in der Stadt zu vie­le Bett­ler gibt. Als hät­te der neue In­ten­dant des Thea­ters die Dis­kus­si­on vor­aus­ge­ahnt, kon­fron­tiert er das Pu­bli­kum mit so­zia­lem Elend. Doch die Ins­ze­nie­rung lahmt.

Basler Zeitung - - Erste Seite - Si­mon Bor­dier

Be­ne­dikt von Pe­ter zeigt in der ers­ten Bas­ler Oper der Sai­son so­zia­les Elend. Die Mu­sik er­zeugt Em­pa­thie, die Sto­ry Lan­ge­wei­le.

Kaum ei­ne an­de­re Fra­ge er­hitzt die Ge­mü­ter in Ba­sel der­zeit mehr als je­ne nach dem Um­gang mit den vie­len Bett­lern, die seit Auf­he­bung des Bet­tel­ver­bots die Stras­sen be­völ­kern. Als hät­te der neue Thea­ter­di­rek­tor Be­ne­dikt von Pe­ter die De­bat­te vor­her­ge­se­hen, zeigt er in sei­ner ers­ten Re­gie­ar­beit seit sei­ner An­kunft in Ba­sel ge­nau das: ei­ne Ban­de von Bett­lern, die mehr schlecht als recht zu über­le­ben ver­sucht. Mehr noch: Das Pu­bli­kum wird ganz nah an die trau­ri­ge, post-apo­ka­lyp­ti­sche Welt her­an­ge­rückt.

So geht ei­ne stei­le Büh­nen­ram­pe mit­ten durch die Zu­schau­er­rei­hen, und auf der Haupt­büh­ne wer­den nebst Sän­gern (den Bett­lern) und dem Orches­ter auch Zu­schau­er­grup­pen ge­setzt. Wer – wie un­ser­ei­ner bei der Pre­mie­re am Don­ners­tag – ei­nen sol­chen «Lo­gen­platz» er­gat­tert, muss da­mit rech­nen, dass Men­schen in Lum­pen­klei­dern an ei­nem vor­bei­sch­lei­chen oder dass man Was­ser­sprit­zer von den vie­len Pfüt­zen auf der Büh­ne ab­be­kommt.

Ein­ge­schränk­ter Hör­ge­nuss

Von Pe­ters «Raum­thea­ter» kann nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass das Stück des Abends – Oli­vier Mes­sia­ens 1983 ur­auf­ge­führ­te Gross­oper «Saint François d’As­sise» – ein höchst an­spruchs­vol­les mo­der­nes Werk ist. Der Ar­ran­geur und Kom­po­nist Os­car Stras­noy, der für die Bas­ler Auf­füh­rung ei­ne re­du­zier­te, Co­ro­na-kon­for­me Fas­sung er­stellt hat, sag­te kürz­lich: Man sol­le die Oper am ehes­ten wie ei­ne Sin­fo­nie hö­ren (BaZ vom Di­ens­tag). Aber ge­nau dem wirkt das Re­gie­kon­zept in ge­wis­ser

Hin­sicht ent­ge­gen: Die Zer­split­te­rung von Büh­nen- und Pu­bli­kums­be­rei­chen führt da­zu, dass man die Mu­sik nicht im­mer gleich gut mit­be­kommt; im un­güns­tigs­ten Fall keh­ren ei­nem die Prot­ago­nis­ten beim Sin­gen ih­ren Rü­cken zu.

Was bleibt, ist das Ge­fühl ei­nes über­lan­gen Opern­abends mit ei­ni­gen Hö­he­punk­ten. Al­len vor­an der ka­na­di­sche Bass­ba­ri­ton Nat­han Berg in der Rol­le des Bet­tel­mönchs Fran­zis­kus ver­leiht dem Stück ei­ne exis­ten­zi­el­le Di­men­si­on. Er spielt ei­nen zwei­feln­den Got­tes­su­cher, der da­vor zu­rück­schreckt, ei­nen Le­pra­kran­ken zu küs­sen – und schliess­lich doch die Wil­lens­kraft da­für fin­det. Er­staun­lich viel­sei­tig wirkt sein Ge­sang: Das «Tor zur Wahr­heit» ver­mag er mit don­nern­der Stim­me zu öff­nen und we­nig spä­ter die von ihm ge­prie­se­ne gött­li­che «Süs­se» mit wun­der­bar war­mem Tim­bre zu ver­sinn­bild­li­chen. Bei al­ler An­stren­gung, die der Ge­s­angs­part Berg ab­for­dert, ar­bei­tet er die psy­chi­sche Zer­brech­lich­keit der Mönchs­fi­gur her­aus – und ge­winnt die Em­pa­thie der Hö­rer.

Ist das Glau­be oder Wahn?

An­ders als der Kom­po­nist, der mit der Oper ein Glau­bens­be­kennt­nis ab­le­gen woll­te, ver­zich­tet die Re­gie auf all­zu star­ke christ­li­che Sym­bo­lik. Im Zen­trum

steht eher die Fra­ge, was Men­schen üb­rig bleibt, wenn sie al­les ver­lie­ren – wenn die Welt zu Grun­de geht: Der Glau­be ans Jen­seits? Fa­na­tis­mus? Wahn?

Büh­nen­bild­ner Már­ton Ágh hat da­zu ein­drück­li­che Su­jets kre­iert. Die in der Oper all­ge­gen­wär­ti­gen Vö­gel sind bei ihm ein Schwarm pech­schwar­zer Ori­ga­mi-Ge­schöp­fe, die auf Strom­lei­tun­gen sit­zen. Fran­zis­kus ist von ih­rer Le­ben­dig­keit über­zeugt, sei­ne Glau­bens­brü­der sind es je­doch we­ni­ger: Bru­der Lé­on (Ja­son Cox), Mas­sée (Paul Cu­rie­vici), Elie (Karl-Heinz Brandt) und an­de­re be­we­gen sich als ver­rück­te Lum­pen­hor­de über die Büh­ne – und ver­su­chen, die

Vö­gel mit ei­nem Basketball von den Strom­lei­tun­gen zu stos­sen. Nur lang­sam, durch Fran­zis­kus’ «Vo­gel­pre­digt» ent­de­cken sie die ver­steck­ten, schö­nen Sei­ten der Ori­ga­mi-Krea­tu­ren. Der Le­pra­kran­ke (Rolf Rom­ei) tritt der­weil im­mer wie­der als Mi­schung aus Ha­des-Gott­heit und Darth Sidious in Er­schei­nung (Dra­ma­tur­gie: Ro­man Ree­ger).

Ziem­lich welt­lich kommt zu­dem der En­gel da­her: Die jun­ge is­län­di­sche So­pra­nis­tin Álf­hei­dur Er­la Gud­munds­dót­tir fris­tet wie die an­de­ren ein Al­mo­sen-Da­sein und lässt mit ih­rer sanf­ten, meist nur mit leich­tem Vi­bra­to ge­führ­ten Stim­me ih­re gött­li­che Na­tur er­ken­nen.

Aber auch das Sin­fo­nie­or­ches­ter Ba­sel (SOB) un­ter der Lei­tung von Gast­di­ri­gent Cle­mens Heil, ei­nem lang­jäh­ri­gen Künst­ler­part­ner Be­ne­dikt von Pe­ters, trägt zur Stim­mung bei: sei es mit vir­tuo­sen Per­kus­si­ons-Ein­la­gen, sei es mit zau­ber­ha­fen, Stern­schnup­pen-ar­ti­gen Klän­gen der On­des Mar­te­nots.

Chor singt aus der Hö­he

Dass die rie­si­ge Be­set­zung von Orches­ter und Chor, wie sie Mes­sia­en vor­sah, pan­de­mie­be­dingt auf et­wa ein Drit­tel re­du­ziert ist, stört nicht wei­ter: Das SOB ent­wi­ckelt in den rhyth­mi­schen Pas­sa­gen ei­nen star­ken Groo­ve, und die Blech­blä­ser mel­den sich mit alt­tes­ta­men­ta­ri­scher Wucht zu Wort. Ei­nen star­ken Ein­druck hin­ter­lässt der Thea­ter­chor, der das Über­ra­schungs­mo­ment auf sei­ner Sei­te hat: Die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger ent­fal­ten aus höchs­ter Hö­he – vom Schnür­bo­den – ein wei­tes Spek­trum vom äthe­ri­schen Flim­mern bis zu oh­ren­be­täu­ben­den Dis­so­nan­zen (Ein­stu­die­rung: Micha­el Clark).

Lei­der ver­mö­gen auch die­se Klän­ge nicht die Span­nung über et­wa drei St­un­den Auf­füh­rungs­zeit (das Werk wur­de um cir­ca ei­ne St­un­de ge­kürzt) zu hal­ten oder gar als Kitt für das dis­pa­ra­te Büh­nen­ge­sche­hen zu wir­ken. Zu­mal es mit der Ko­or­di­na­ti­on der weit von­ein­an­der ent­fern­ten So­lis­ten, Chor- und Orches­ter­mu­si­ker noch et­was ha­pert: Die Ein­sät­ze kom­men nicht im­mer sau­ber zu­sam­men. So­mit ste­hen ei­ni­gen be­zau­bern­den Mo­men­ten vie­le ster­bens­lang­wei­li­ge Mi­nu­ten ge­gen­über.

Nächs­te Vor­stel­lun­gen: 18., 21., 24., 26., 28. und 30. Ok­to­ber. www.thea­ter-ba­sel.ch

Foto: In­go Höhn

Der Bet­tel­mönch Fran­zis­kus (Nat­han Berg) zankt sich mit dem per­so­ni­fi­zier­ten Tod (Rolf Rom­ei).

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