«In den Al­pen sind wir der Er­de nä­her»

«Si­che­res Flie­gen in den Al­pen»: Die­ses Se­mi­nar bie­ten die Ver­an­stal­ter des in­ter­na­tio­na­len Bü­ck­er­tref­fens an, das heu­te in ei­nem Mo­nat in Thun be­ginnt. Do­zent Da­ni­el Knecht von der Schwei­ze­ri­schen Si­cher­heits­un­ter­su­chungs­stel­le er­klärt, was das Flie­gen i

Berner Oberlander - - Region -

«Das ein­zig Ge­fähr­li­che am Flie­gen ist die Er­de.» Die­ses Zi­tat von Flie­ger­pio­nier Wil­bur Wright bringt für Da­ni­el Knecht die be­son­de­ren Her­aus­for­de­run­gen, die das Flie­gen in den Al­pen an die Pi­lo­ten stellt, «in ei­nem Satz kurz und prä­gnant auf den Punkt», wie er sagt. «In den Al­pen sind wir dem Pla­ne­ten meis­tens noch et­was nä­her als draus­sen im Flach­land», fügt der ge­bür­ti­ge In­ter­lak­ner an. Seit 19 Jah­ren be­fasst er sich be­ruf­lich mit je­nen Mo­men­ten, in de­nen Pi­lo­ten und ih­re Flug­zeu­ge ir­gend­wann der Er­de zu na­he ka­men – zu­nächst beim Bü­ro für Flug­un­fall­un­ter­su­chun­gen, dann bei der neu ge­schaf­fe­nen Schwei­ze­ri­schen Si­cher­heits­un­ter­su­chungs­stel­le, die ihr Au­gen­merk ne­ben der Luft auch auf die ge­fähr­li­chen Mo­men­te auf Schie­ne und zu Was­ser rich­tet. Der 52-Jäh­ri­ge steht dem Be­reich Aviatik vor (vgl. Kas­ten «Zur Per­son»). «Aber ei­gent­lich mag ich den Fo­kus gar nicht auf Un­fäl­le le­gen, auch wenn ich ger­ne ak­tiv an der Front ar­bei­te», sagt Knecht. Denn: «Flie­ge­rei ist ei­ne si­che­re Art, sich fort­zu­be­we­gen.» Auch in den Al­pen? «Auch in den Al­pen.» Selbst in die­sen manch­mal scham­par klei­nen und knapp mo­to­ri­sier­ten Ge­rä­ten? «Auch in Klein­flug­zeu­gen – wenn man ge­wis­se Din­ge be­ach­tet.»

«Thun ist ein idea­ler Flug­platz für die­se The­ma­tik»

Für die­se «ge­wis­sen Din­ge» wol­len die Ver­an­stal­ter des In­ter­na­tio­na­len Bü­ck­er­tref­fens vom 31. Au­gust bis 2. Sep­tem­ber auf dem Flug­platz Thun (vgl. Text un­ten) das Au­ge der Pi­lo­ten schär­fen, in­dem sie ein Se­mi­nar un­ter dem Ti­tel «Si­che­res Flie­gen in den Al­pen» an­bie­ten. «Thun ist ein idea­ler Flug­platz, um die­se The­ma­tik auf­zu­grei­fen», sagt Knecht, der das Se­mi­nar sel­ber lei­ten wird. «Ge­gen Nor­den hin ha­ben wir prak­tisch of­fe­nes Ge­län­de, ge­gen Sü­den hin sind die Ber­ge schon bald sehr na­he.» Da­für, in die­sen er­folg­reich – sprich un­fall­frei – un­ter­wegs zu sein, sei­en die An­for­de­run­gen an die Pi­lo­ten hoch, sagt Knecht. «Vor al­lem wenn man be­denkt, dass die meis­ten Pi­lo­ten al­lein un­ter­wegs sind, wäh­rend in ei­nem Li­ni­en­flug­zeug zwei Pi­lo-

ten im Cock­pit sit­zen.» Sprich: Im Klein­flug­zeug las­tet in der Re­gel die gan­ze Ver­ant­wor­tung für den Flug – die Be­die­nung des Flug­zeugs, die Na­vi­ga­ti­on und die Ori­en­tie­rung im Ge­län­de – auf den Schul­tern ei­ner ein­zi­gen Per­son. «Da ist es es­sen­zi­ell, dass man für je­de Si­tua­ti­on ei­nen Plan B im Kopf oder zu­min­dest griff­be­reit hat», sagt der Ex­per­te. «Man soll­te sich bei­spiels­wei­se so im Ge­län­de be­we­gen, dass man recht­zei­tig re­agie­ren be­zie­hungs­wei­se wen­den kann, wenn

man rea­li­siert, dass man im fal­schen Tal un­ter­wegs ist», sagt Knecht. Ei­ne Si­tua­ti­on, in die man durch­aus ge­ra­ten kön­ne, wenn man das Ge­län­de und die Kar­te nicht ge­nau le­se. «Ge­ra­de bei den ver­gleichs­wei­se schwach mo­to­ri­sier­ten Flug­ge­rä­ten braucht es bis­wei­len ei­ne ziem­li­che Stre­cke, um es doch noch über ei­nen Pass zu schaf­fen – oder eben recht­zei­tig zu wen­den.» Denn: Das Aus­wei­chen nach oben ist nur be­dingt ei­ne Op­ti­on – ober­halb von 3500 Me-

tern über Meer kann es rasch pas­sie­ren, dass Mensch und Ma­schi­ne in­fol­ge Sau­er­stoff­man­gels nicht mehr so funk­tio­nie­ren, wie sie soll­ten. So wie Tau­cher den Tie­fen­rausch fürch­ten, ist der Hö­hen­rausch ei­ne rea­le Ge­fahr für Pi­lo­ten. Zu we­nig Sau­er­stoff im Ge­hirn kann zu Eu­pho­rie oder Selbst­über­schät­zung füh­ren – was nicht sel­ten ver­hee­ren­de Fol­gen hat. «Des­halb ist es um­so wich­ti­ger, dass Pi­lo­ten Stan­dard­pro­zes­se blind­lings be­herr­schen und die­se in kri­ti­schen Si­tua­tio­nen ab­ru­fen kön­nen.» Nicht sel­ten wür­den die­se Pro­zes­se über­dies nicht dem in­stink­ti­ven Han­deln ent­spre­chen, so Knecht. «Des­halb müs­sen sie im­mer wie­der trai­niert wer­den.»

Das Wetter und Zeit­druck ber­gen Ge­fah­ren­po­ten­zi­al

Im­mer ein The­ma ist in den Al­pen auch das Wetter. «Wo man im Flach­land von weit her sieht, wie sich ei­ne Ge­wit­ter­zel­le bil­det, und ent­spre­chend re­agie­ren kann, pas­siert das in den Ber­gen viel­leicht hin­ter ei­nem Berg­kamm aus­ser­halb des Sicht­felds», er­klärt Knecht – be­tont aber auch: «Mit den heu­ti­gen Hilfs­mit­teln soll­te ein Pi­lot ei­gent­lich nicht vom Wetter über­rascht wer­den – wenn er die­se Hilfs­mit­tel rich­tig nutzt.» Wei­te­res Ge­fah­ren­po­ten­zi­al ber­ge bis­wei­len Zeit­druck. «Not­falls muss man ei­ne Ma­schi­ne auf ei­nem Flug­platz ste­hen las­sen und mit dem Zug nach Hau­se rei­sen kön­nen, um das Flug­zeug am nächs­ten Tag wie­der ab­zu­ho­len», sagt Da­ni­el Knecht. «Die nö­ti­ge Zeit da­für soll­te bud­ge­tiert sein.»

Was sich enorm her­aus­for­dernd an­hört, be­zeich­net Da­ni­el Knecht den­noch als «ei­ne der schöns­ten» Ar­ten des Flie­gens: «Es gibt so vie­le wun­der­schö­ne Or­te – Berg­gip­fel, Se­en, Glet­scher –, die man aus der Luft be­stau­nen kann, das ist ein­fach wun­der­bar.» Da­mit ein Al­pen­rund­flug nicht im von Ma­ni Mat­ter be­sun­ge­nen Elend en­det, rät Knecht: «Die Vor­be­rei­tung ist na­tür­lich zen­tral. Wenn man dann auch noch auf al­len Ebe­nen – Ma­te­ri­al, Sprit, To­po­gra­fie und Zeit – ge­nug Mar­ge ein­rech­net, steht ei­nem un­ver­gess­li­chen Er­leb­nis ei­gent­lich nichts im Weg.» pd/mik

«Es ist es­sen­zi­ell, dass man für je­de Si­tua­ti­on ei­nen Plan B im Kopf oder zu­min­dest griff­be­reit hat.»

Da­ni­el Knecht «Mit den heu­ti­gen Hilfs­mit­teln soll­te ein Pi­lot ei­gent­lich nicht vom Wetter über­rascht wer­den.»

Da­ni­el Knecht

Fo­to: PD

Ein Bü­cker-Dop­pel­de­cker auf dem Flug­platz Thun – im Hin­ter­grund rechts das Stock­horn.

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