«. . . dann wä­ren wir ver­schont wor­den»

Drei Ta­ge nach dem Aus­bruch des Fa­ver­ges-Glet­scher­sees zeigt ein Au­gen­schein vor Ort: Das Scha­den­aus­mass dürf­te meh­re­re Mil­lio­nen Fran­ken be­tra­gen. Die Ge­mein­de­ver­ant­wort­li­chen sa­gen, wie sie mit der Si­tua­ti­on um­ge­hen und wel­che Mass­nah­men für die Zu­kunft

Berner Oberlander - - Region -

Ges­tern Mon­tag­mor­gen im Ro­then­bach hin­ter der Lenk: Ge­knickt sitzt Chris­ti­na Jean­ne­ret auf der Holz­bank vor ih­rem Fe­ri­en- und Wo­chen­end­haus Di­stel­fink und starrt ge­dan­ken­ver­sun­ken auf den schlamm­ver­dreck­ten Ma­te­ri­al­berg. «Der Schlamm drang so­gar ins Erdgeschoss der Woh­nung ein. Es kam so plötz­lich und un­auf­halt­sam.» Die Strom­ver­sor­gung und die Hei­zung sind zer­stört und müs­sen er­setzt wer­den.

In der Tief­ga­ra­ge ne­ben­an stan­den ein paar Au­tos, sie wur­den al­le Op­fer der Flu­ten vom Glet­scher­aus­bruch am ver­gan­ge­nen Frei­tag­abend. Im Quar­tier Ro­then­bach-Nord stan­den die Kel­ler von ei­nem Dut­zend Ge­bäu­den vol­ler Was­ser und Schlamm. «Wenn bei den bau­li­chen Mass­nah­men nach den letz­ten Hoch­was­ser­fäl­len der Schutz­damm der Sim­me nur um we­ni­ge Hun­dert Me­ter wei­ter bis zu uns hin­un­ter er­höht wor­den wä­re, dann wä­ren wir ver­schont wor­den. Es ist scha­de, ha­ben wir doch in Ver­gan­gen­heit wie­der­holt dar­auf auf­merk­sam ge­macht», sagt Chris­ti­na Jean­ne­ret.

Der Scha­den dürf­te sich al­lein beim Cha­let Di­stel­fink auf meh­re­re Zehn­tau­send Fran­ken oder gar ei­ne sechs­stel­li­ge Sum­me be­lau­fen, im gan­zen Ro­then­bach­quar­tier wohl auf über ei­ne Mil­li­on Fran­ken.

Wei­te­re Mass­nah­men nö­tig

Ja­kob Trach­sel hat Ver­ständ­nis für den Är­ger der Ro­then­bachBe­woh­ner. Der Bau­ver­wal­ter

nimmt wie folgt Stel­lung: «Der ge­gen­über­lie­gen­de Fluss­damm am We­st­ufer der Sim­me ist we­ni­ger hoch als auf der Ro­then­bach­sei­te; das Hoch­was­ser ist al­so zu­erst dort auf die Wie­sen ge­flos­sen. Die­se Flä­chen im Klöpf­lis­berg gel­ten als ein of­fi­zi­el­les Über­flu­tungs­ge­biet.»

Als ers­ter Schwach­punkt un­ter­halb des Klöpf­lis­berg ha­be sich nun das Ost­ufer beim Ro­then­bach ent­puppt. «Si­cher müs­sen wir da für die Zu­kunft ei­ne bau­li­che Ver­bes­se­rung ma­chen. Wir müs­sen uns aber be­wusst sein, dass wir das Pro­blem so ein­fach im­mer wei­ter tal­wärts trans­por­tie­ren, bis zur nächs­ten Schwach­stel­le.» Trach­sel er­klärt, dass das recht­zei­ti­ge Ent­fer­nen von zwei Brü­cken im Ober­ried Stau­un­gen von Schwemm­holz und so­mit weit grös­se­re Über­schwem­mun­gen ver­hin­dert ha­be. «Auch ha­ben wir mit Ma­schi­nen lau­fend ei­ne di­rek­te Ge­rin­ne­hol­zung ge­macht, so­dass die da­her­ge­schwemm­ten Baum­stäm­me nicht wei­ter tal­wärts schwim­men und dort Ver­stop­fun­gen an­rich­ten konn­ten.»

20 Ku­bik über kri­ti­scher Gren­ze

Auch der Len­ker Ge­mein­de­prä­si­dent Re­né Mül­ler zeigt sich an­ge­sichts der Hef­tig­keit des Glet­scher­aus­bruchs zu­frie­den: «Die Mass­nah­men und das Dis­po­si­tiv ha­ben ge­grif­fen, und die Zu­sam­men­ar­beit der 80 Ein­satz­kräf­te von Feu­er­wehr und Zi­vil­schutz war vor­bild­lich.» Wie gross das Aus­mass des Glet­scher­aus­bruchs war, zeigt Bau­ver­wal­ter Ja­kob Trach­sel an­hand ei­ni­ger Zah­len: «Bei den Sim­men­fäl­len gilt ein Fliess­vo­lu­men von 28 Ku­bik­me­ter Was­ser als kri­tisch, im Dorf Lenk sind es we­gen des Zuf­lus­ses der Sei­ten­bä­che 40 Ku­bik. Am Frei­tag­abend hat­ten wir bei der Mess­stel­le Sim­men­fäl­le aber fast 60 Ku­bik­me­ter.» Ges­tern Mon­tag floss die Sim­me wie­der mit den durch­schnitt­li­chen, harm­lo­sen 5 Ku­bik­me­ter Was­ser tal­wärts – was in­des im­mer noch ei­nem Vo­lu­men von et­wa 25 Ba­de­wan­nen – pro Se­kun- de – ent­spricht. «Der Aus­bruch war so hef­tig, dass so­gar der If­fig­bach, der weit west­lich des Plai­ne-Mor­te-Glet­schers rund ums Mit­tag­horn führt, braun da­her­kam. Und auch bei der Was­ser­fas­sung un­se­rer Ge­mein­de stell­ten wir Se­di­ment­ge­stein vom Glet­scher fest.»

Ge­mein­de­prä­si­dent Re­né Mül­ler kann nicht sa­gen, wie das Ab­fluss­ver­hal­ten der Glet­scher­ge­wäs­ser künf­tig aus­se­hen wird: «Wir le­ben nun hier mal mit­ten in den Ber­gen und ha­ben ge­lernt, mit den Na­tur­ge­wal­ten um­zu­ge­hen. Bru­no Pe­tro­ni

Fo­tos: Bru­no Pe­tro­ni

Al­les, was in Par­terre und Kel­ler stand, ist zer­stört: Bern­hard und Chris­ti­na Jean­ne­ret vor ih­rem durch die Flu­ten arg be­ein­träch­tig­ten Haus.

Hier beim Klöpf­lis­berg­steg trat die Sim­me über die Ufer auf die Wie­sen.

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