«Pri­ma Don­na» geht in Pen­si­on

Wäh­rend fast dreis­sig Jah­ren pro­du­zier­te und re­pa­rier­te die ge­bür­ti­ge Ita­lie­ne­rin An­ge­la Fos­ca­ri Gleit­schir­me für die Fir­ma Ad­van­ce. Die al­ler­ers­te Mit­ar­bei­te­rin des Un­ter­neh­mens hat heu­te ih­ren letz­ten Ar­beits­tag.

Berner Oberlander - - Region -

Sel­ber flie­gen? Nein, das sei nichts für sie, winkt An­ge­la Fos­ca­ri ab. Sie, die prak­tisch ihr gan­zes Ar­beits­le­ben lang mit Gleit­schir­men be­schäf­tigt war, kann der Lei­den­schaft des Flie­gens nicht viel ab­ge­win­nen. Im­mer­hin zwei­mal se­gel­te sie – frei­lich als Tand­em­pas­sa­gie­rin – mit ei­nem Gleit­schirm von der Ax­alp ob Bri­enz ins Tal. «Es war für mich emo­tio­nal», sagt sie. Mit ei­nem Ge­rät zu flie­gen, an dem sie sel­ber in der Fir­ma ge­ar­bei­tet ha­be, sei schon spe­zi­ell. «Ei­ner­seits war es sehr schön. Aber ich hat­te auch Angst.»

Mehr als das Flie­gen an sich ist das Nä­hen und Schnei­dern ihr Ding. Schon seit ih­rer Ju­gend. Im Städt­chen Pa­laz­zo San Ger­va­sio in Sü­dita­li­en, zwi­schen Ba­ri und Nea­pel, mach­te sie ei­ne drei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung zur Schnei­de­rin. Ei­ne Wei­ter­bil­dung kam aus fi­nan­zi­el­len Grün­den nicht in­fra­ge. Sie hei­ra­te­te, noch be­vor sie zwan­zig Jah­re alt war, und folg­te ih­rem Mann in die Schweiz, wo die­ser ei­ne Ar­beit ge­fun­den hat­te. An­ge­la ver­such­te, sich in der Re­gi­on Thun zu ak­kli­ma­ti­sie­ren. «Der An­fang war schwie­rig.» Die Ar­beit

in ei­ner Schuh­fir­ma mach­te ihr kei­nen Spass, und so ging sie aufs Ar­beits­amt. Dort gab man ihr den Hin­weis, dass ein jun­ges 2-Man­nUn­ter­neh­men an der See­stras­se in Thun je­man­den su­chen wür­de, der sich mit Tex­ti­li­en aus­ken­ne. An­ge­la Fos­ca­ri be­warb sich – und wur­de die ers­te Mit­ar­bei­te­rin der Fir­ma Ad­van­ce, die bis da­hin nur aus ih­ren Grün­dern Ro­bert Gra­ham und Rolf Zelt­ner be­stan­den hat­te.

Vor­erst ein Schirm pro Wo­che

Für die Frau, die bis zum Tag ih­rer An­stel­lung noch nie et­was von ei­nem Gleit­schirm ge­hört hat­te, war der Start in ihr neu­es Le­ben ein ziem­li­ches Aben­teu­er. «Auf die Fra­ge, wie ich denn über­haupt ei­nen sol­chen Gleit­schirm zu­sam­men­nä­hen soll­te, er­hielt ich die Ant­wort: ‹An­ge­la, das weiss ich doch auch nicht!›», er­zählt sie und lacht. Trotz­dem nahm sie ih­re Ar­beit auf und wur­de mit­hil­fe von Scha­blo­nen zur fleis­si­gen Gleit­schirm­nä­he­rin. Die ers­ten zehn Jah­re bei Ad­van­ce war An­ge­la Fos­ca­ri da­für zu­stän­dig, ei­nen Schirm pro Wo­che zu nä­hen. «Am Wo­chen­en­de muss­te der Schirm je­weils zum Tes­ten be­reit sein.»

Das jun­ge Thu­ner Un­ter­neh­men be­gann zu wach­sen, stell­te im­mer mehr Mit­ar­bei­ter ein, zü­gel­te ir­gend­wann von der See­stras­se an die Ut­ti­gen­stras­se. Die Pro­duk­ti­on der Gleit­schir­me wur­de ins Aus­land ver­legt. Fort­an war An­ge­la Fos­ca­ri für die War­tung der Schir­me zu­stän­dig. Re­pa­ra­tu­ren er­le­digt sie an ih­rer Näh­ma­schi­ne. Dass sie bei ih­rer Ar­beit ei­ne gros­se Ver­ant­wor­tung hat, ist ihr be­wusst. «Bei klei­nen Feh­lern ge­schieht nichts, aber gros­se Feh­ler darf man sich in mei­nem Job nicht er­lau­ben», sagt sie. Prä­zi­si­on sei das Mass al­ler Din­ge. «Man muss den Kopf bei der Sa­che ha­ben.»

Rück­kehr nach Ita­li­en

Nach fast dreis­sig Jah­ren bei Ad­van­ce schlägt heu­te Diens­tag, 31. Ju­li 2018, die letz­te St­un­de. Ih­re Vor­ge­setz­ten las­sen An­ge­la nicht ger­ne zie­hen, so viel wird beim Be­such in der Fir­ma klar. «Es ist schon aus­ser­ge­wöhn­lich, wenn ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der­art lan­ge – qua­si seit der St­un­de null – bei uns ist», sagt Mar­ke­ting­lei­ter Si­mon Cam­pi­che. Mit An­ge­la Fos­ca­ri ver­liert die Gleit­schirm­fir­ma nicht nur ih­re ers­te Mit­ar­bei­te­rin, son­dern auch ei­ne gu­te Fee, die schon mal in der fir­men­ei­ge­nen Kü­che für sämt­li­che Mit­ar­bei­ter ita­lie­ni­sche Spei­sen auf den Tisch zau­ber­te.

Und was macht nun die frisch­ge­ba­cke­ne Pen­sio­nä­rin? «Zwei, drei Mo­na­te lang will ich ab­schal­ten.» Die Mut­ter von drei er­wach­se­nen Kin­dern und mehr­fa­che Gross­mut­ter wird nach Ita­li­en zu­rück­keh­ren. «Bis der Kopf sagt, dass ich wie­der nach Thun zu­rück­kom­men soll.»

Chris­toph Buchs

«Bei klei­nen Feh­lern ge­schieht nichts. Aber gros­se Feh­ler darf man sich bei die­ser Ar­beit nicht er­lau­ben.»

An­ge­la Fos­ca­ri

Fo­to: Chris­toph Buchs

An­ge­la Fos­ca­ri mit CEO Rolf Zelt­ner (rechts), der die Ita­lie­ne­rin vor knapp dreis­sig Jah­ren als ers­te Mit­ar­bei­te­rin bei Ad­van­ce ein­ge­stellt hat, und Mar­ke­ting­lei­ter Si­mon Cam­pi­che.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.