Hälf­te der Gy­meler f liegt raus

Berner Oberlander - - Schweiz -

Der Kan­ton Genf po­la­ri­siert mit sei­ner li­be­ra­len Auf­nah­me­po­li­tik in den Gym­na­si­en. Vor al­lem die ho­he Aus­fall­quo­te gibt zu re­den.

Für rund 100 000 Ju­gend­li­che be­ginnt nach der Som­mer­pau­se ein neu­er Le­bens­ab­schnitt: Meis­tens ist dies ei­ne Be­rufs­leh­re oder ei­ne wei­te­re Aus­bil­dung. Et­was mehr als ein Fünf­tel da­von geht ans Gym­na­si­um. Die­se Quo­te va­ri­iert al­ler­dings stark. Die Ge­schei­tes­ten sind auf den ers­ten Blick die Gen­fer. Dort liegt die Über­tritts­quo­te bei bis zu 60 Pro­zent.

Al­ler­dings über­steht die Hälf­te der frisch­ge­ba­cke­nen Mit­tel­schü­ler das ers­te Jahr nicht. Dies stell­te der Bil­dungs­öko­nom Stefan Wol­ter bei der Aus­wer­tung sta­tis­ti­scher Da­ten fest und übt hef­ti­ge Kri­tik an dem prü­fungs­frei­en Über­tritt.

Ei­ne so ho­he Aus­fall­quo­te sei teu­er für den Staat und tra­gisch für die Be­trof­fe­nen. Sinn­vol­ler wä­re ge­we­sen, den so rasch schei­tern­den Gym­na­si­as­ten frü­her rei­nen Wein ein­zu­schen­ken und sie auf ei­nen Weg zu schi­cken, auf dem sie ans Ziel ge­lan­gen: die Be­rufs­leh­re.

Bern: Kein Hand­lungs­be­darf

Kan­to­ne mit Auf­nah­me­prü­fun­gen wür­den hier bes­ser fah­ren, ist Wol­ter über­zeugt. Prü­fun­gen ga­ran­tier­ten eher als die Emp- feh­lun­gen der Lehr­per­so­nen, dass nur je­ne ins Gym­na­si­um über­trä­ten, die dort­hin ge­hö­ren wür­den. Ne­ben dem Kan­ton Genf ver­zich­ten auch an­de­re West- und Zen­tral­schwei­zer Kan­to­ne auf die­se prü­fungs­freie Form der Se­lek­ti­on.

Der Kan­ton Bern ge­hört eben­falls da­zu. Trotz den Emp­feh­lun­gen von Stefan Wol­ter sieht man hier al­ler­dings kei­nen Hand­lungs­be­darf. «Die Über­tritts­quo- te liegt bei 19,3 Pro­zent», sagt Ma­rio Batta­glia, Vor­ste­her der Ab­tei­lung für Mit­tel­schu­len. Sie lie­ge da­mit so­gar leicht un­ter dem Schwei­zer Durch­schnitt. Batta­gli­as Fa­zit: «Wir ma­chen sehr gu­te Er­fah­run­gen mit den Emp­feh­lun­gen der Leh­rer der Se­kun­dar­schu­len.»

Wol­ters Stra­te­gie, Auf­nah­me­prü­fun­gen als Qua­li­täts­ga­ran- ten ein­zu­set­zen, ist für Batta­glia des­halb zu kurz ge­dacht.

Al­ler­dings gibt es ei­nen wei­te­ren Grund, den Wol­ter zum Be­für­wor­ter von Auf­nah­me­prü­fun­gen macht. Feh­le die­se Hür­de, pro­fi­tier­ten vor al­lem Kin­der von Aka­de­mi­kern.

Sie schaf­fen den Sprung an Mit­tel­schu­len in die­sem Fall deut­lich häu­fi­ger als dort, wo es Prü­fun­gen zu be­ste­hen gibt, wie der Bil­dungs­be­richt auf­zeigt. Das macht Wol­ter miss­trau­isch. Hier ge­he es we­ni­ger um gu­te För­de­rung, da­für um­so mehr um el­ter­li­ches Po­wer­play. Batta­glia re­la­ti­viert: «Aka­de­mi­ker su­chen im­mer We­ge für ih­ren Nach­wuchs.» Wo es Prü­fun­gen ge­be, schick­ten sie ih­re Kin­der ein­fach da­vor in die pri­va­te Nach­hil­fe. Die­se sei, da oft ziem­lich teu­er, nicht für al­le er­schwing­lich. Ein In­diz für sei­ne Ver­mu­tung sieht Batta­glia im stark aus­ge­bau­ten An­ge­bot im Kan­ton Zü­rich, der Auf­nah­me­prü­fun­gen kennt. Batta­glia be­zwei­felt, dass dies ge­rech­ter ist.

Der Kan­ton Bern ver­zich­tet auch auf die Auf­nah­me­prü­fung. Trotz den Emp­feh­lun­gen von Stefan Wol­ter sieht man hier al­ler­dings kei­nen Hand­lungs­be­darf.

Genf wi­der­spricht

In Genf wi­der­spricht man Wol­ters Be­fun­den gar. Die Aus­fall­quo­te be­tra­ge laut ei­ge­nen Er­he­bun­gen le­dig­lich 28 Pro­zent. Zu­dem sei der vor­zei­ti­ge Ab­bruch nicht im­mer ein Miss­er­folg. Oft ge­he auch ei­ne Neu­ori­en­tie­rung da­mit ein­her.

Chris­toph Ae­bi­scher

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