Wer weiss, wie viel Ihr Haus wert ist?

Neue Pro­gram­me er­mit­teln in Se­kun­den­schnel­le, wel­chen Wert ein Ge­bäu­de hat. Wes­halb Im­mo­bi­li­en­schät­zer aus Fleisch und Blut trotz­dem ge­fragt blei­ben.

Berner Oberlander - - Wirtschaft -

Im hel­len Gross­raum­bü­ro ste­hen Kar­tons her­um, die Lounge-Mö­bel in der Ecke rie­chen nach fri­schem Pols­ter. Das Start-up Pri­ce­hub­b­le hat die Räum­lich­kei­ten im Zürcher Kreis 1 erst vor kur­zem be­zo­gen. Sein Ge­schäfts­mo­dell: Es be­rech­net den Wert von Im­mo­bi­li­en, in­dem es gros­se Men­gen an Da­ten sam­melt und aus­wer­tet. Zu se­hen gibt es bei die­ser Ar­beit nicht viel. Nur ei­ne Hand­voll jun­ge An­ge­stell­te, die vor ih­ren PC sit­zen und kon­zen­triert tip­pen. In der Kaf­fee-Ecke wird Eng­lisch ge­spro­chen.

«Ex­gü­se, ich ho­le gern aus»

Rolf Schif­fer­li spricht nicht Eng­lisch, son­dern brei­tes Bern­deutsch. Im Grun­de macht der 63-Jäh­ri­ge das Glei­che wie Pri­ce­hub­b­le: Er be­stimmt den Preis von Häu­sern. Aber Schif­fer­li braucht da­für kei­nen PC, son­dern ein Klemm­brett und ei­nen Stift. Da­mit steht der Im­mo­bi­li­en­schät­zer an die­sem Som­mer­tag mit­ten im Ber­ner Um­land, zwi­schen Bau­ern­hö­fen, Mais­fel­dern und ei­ner ein­spu­ri­gen Ei­sen­bahn­li­nie. Es ist kurz nach Mit­tag. Die Son­ne brennt auf ei­nen klei­nen Spei­cher mit tief her­un­ter­ge­zo­ge­nem Dach und ver­zier­ter Veran­da, ge­baut 1785. «Sie sind al­so der Ei­gen­tü­mer», be­grüsst Schif­fer­li den Mann, der vor dem Haus auf ihn war­tet. Dann schaut er sich das Ge­bäu­de an, von aussen, von in­nen, und stellt Fra­gen. «Aha, das Fun­da­ment, sa­niert, wann ge­nau? Die Han­dy­an­ten­ne hin­ter dem Haus, wem ge­hört die? Das Dach ha­ben Sie auch re­no­viert, gäued?» Beim Schät­zen ist Schif­fer­li hoch kon­zen­triert, da­ne­ben um­so ge­sprä­chi­ger. «Ex­gü­se, gäued, ich ho­le gern aus», sagt er, und es stimmt.

Schif­fer­li, Mit­glied der Eid­ge­nös­si­schen Schät­zungs­kom­mis­si­on, wird den Spei­cher spä­ter mit rund 60 000 Fran­ken be­wer­ten. Er ist seit 30 Jah­ren im Ge­schäft, pro Jahr hat er et­wa 150 sol­cher Ein­sät­ze. «Ich könn­te dop­pelt so vie­le ma­chen», sagt er. Und zwar trotz des stol­zen Prei­ses, den ei­ne Schät­zung vor Ort kos­tet. Meist sind es mehr als 1000 Fran­ken pro Ob­jekt.

Die Rech­ner von Pri­ce­hub­b­le hin­ge­gen spu­cken in­nert Mi­nu­ten Prei­se für Dut­zen­de Ob­jek­te aus. Das Start-up stellt kei­ne Fra­gen, es sam­melt Da­ten. Zum Bei­spiel über die Prei­se, die für ähn­li­che Ob­jek­te in der Ver­gan­gen­heit ge­zahlt wur­den. Über Fir­men, Schu­len, Bars und Re­stau­rants in der Nä­he, über ÖV-Ver­bin­dun­gen, die Laut­stär­ke in ei­nem Quar­tier und des­sen Be­liebt­heit bei Tou­ris­ten. Die Da­ten kom­men von öf­fent­li­chen Äm­tern wie dem Bun­des­amt für Sta­tis­tik oder von Part­nern. Pri­ce­hub­b­le fischt auch sel­ber In­for­ma­tio­nen aus dem In­ter­net ab, et­wa über On­line­platt­for­men wie Airb­nb. «Üb­li­cher­wei­se liegt der tat­säch­li­che Preis für ein Ob- jekt 5 bis 10 Pro­zent über oder un­ter un­se­rer Schät­zung», sagt Mar­kus Stad­ler, Chef und CoG­rün­der von Pri­ce­hub­b­le. Das Mo­dell ha­be al­so ei­ne ähn­li­che Treff­ge­nau­ig­keit wie ech­te Schät­zer. Zu den Kun­den und Part­nern ge­hö­ren UBS, Cre­dit Suis­se, der Ver­gleichs­dienst Com­pa­ris oder der Ver­si­che­rer Hel­ve­tia, die Pro­duk­te von Pri­ce­hub­b­le nut­zen. Im Fe­bru­ar über­nahm die jun­ge Fir­ma den deut­schen Kon­kur­ren­ten You­val.

Pri­ce­hub­b­le nimmt für sich in An­spruch, die Im­mo­bi­li­en­be­wer­tung zu re­vo­lu­tio­nie­ren. Der ei­gent­li­che Um­bruch im Ge­schäft pas­sier­te al­ler­dings viel frü­her: Mit den so­ge­nann­ten he­do­ni­schen Mo­del­len, die in den 90er-Jah­ren auf­ka­men. Sie be­wer­ten Im­mo­bi­li­en auf­grund der Prei­se, die für ähn­li­che Ob­jek­te an ver­gleich­ba­ren La­gen in den Mo­na­ten vor­her be­zahlt wur­den. Auch sie las­sen Da­ten über Kri­te­ri­en wie Bau­jahr, Re­no­va­tio­nen oder Lärm­be­las­tung ein­flies­sen. Mitt­ler­wei­le ha­ben sich sol­che Mo­del­le vor al­lem bei der Be­wer­tung von we­nig kom­ple­xen Ge- bäu­den wie Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern durch­ge­setzt. Pri­ce­hub­b­le geht laut Fir­men­grün­der Stad­ler noch ei­nen Schritt wei­ter. «Wir ver­wen­den sta­tis­ti­sche Ver­fah­ren aus dem ma­schi­nel­len Ler­nen. Im Ge­gen­satz zu her­kömm­li­chen, he­do­ni­schen An­sät­zen las­sen sich so auch nicht-li­nea­re Zu­sam­men­hän­ge und fei­ne­re lo­ka­le Ent­wick­lun­gen ab­bil­den.» Das Sys­tem ler­ne aus je­der Ve­rän­de­rung. Der Al­go­rith­mus op­ti­miert sich al­so stän­dig sel­ber.

Den Fort­schritt re­kla­mie­ren auch an­de­re für sich. Der Im­mo­bi­li­en­be­ra­ter Ia­zi ver­weist auf ei­ne Smart­pho­ne-App zur «Echt­zeit-Im­mo­bi­li­en­be­wer­tung», die er vor kur­zem lan­cier­te. Sie be­rech­net mit Fo­tos ei­ner Lie­gen­schaft ei­ne Band­brei­te für ih­ren Wert. «Die App be­ruht auch auf Ma­chi­ne-Le­arning- so­wie Bi­gDa­ta-Tech­no­lo­gie», sagt Ia­ziSpre­cher Mi­chel Be­nedet­ti.

Wird Herr Schif­fer­li er­setzt?

Auch die Be­ra­tungs­fir­ma Wüest Part­ner ex­pe­ri­men­tiert mit ma­schi­nel­lem Ler­nen. «Aber bis jetzt kommt die Qua­li­tät der neu­en Mo­del­le noch nicht an je­ne der kon­ven­tio­nel­len her­an», sagt Ver­wal­tungs­rat Ron­ny Haa­se. Zu­dem blei­be der Fak­tor Mensch ent­schei­dend. «Egal, mit wel­chen Mo­del­len man ar­bei­tet: Am An­fang steht im­mer ein Mensch, der die Da­ten er­hebt und die Mo­dell­aus­wahl trifft.» Und die In­dus­tri­en, die mit den Schät­zun­gen ar­bei­ten – Ban­ken oder Ver­si­che­run­gen –, müss­ten nach­voll­zie­hen kön­nen, wie sie ent­ste­hen. «Das ist bei neu­en, Big-Da­ta-ge­trie­be­nen Tech­no­lo­gi­en nicht im­mer ge­ge­ben.»

Was heisst das nun für Rolf Schif­fer­li, den Schät­zer aus Fleisch und Blut? Er är­gert sich, dass aus sei­nem Me­tier ei­ne «Pseu­do­wis­sen­schaft» ge­macht wer­de. «Am En­de geht es um die Zah­lungs­be­reit­schaft. Wie viel will ein Käu­fer für ein Haus aus­ge­ben?» Da­bei spiel­ten auch Denk­feh­ler und Emo­tio­nen ei­ne Rol­le – Din­ge, die ein PC schlecht si­mu­lie­ren kann. «Viel­leicht fin­det ein Käu­fer Ge­fal­len an ei­nem Ob­jekt, weil es ei­ne blaue Dach­rin­ne hat, wie das Haus, in dem er auf­wuchs. Dass die Rin­ne ge­stri­chen wur­de, weil sie ros­tet, in­ter­es­siert ihn nicht.» Auch schein­bar pro­fa­ne Din­ge wie der Stras­sen­na­me be­ein­fluss­ten den Preis. «In der Bel­le­vu­e­stras­se woh­nen, das klingt ein­fach bes­ser als Kran­ken­haus­weg.»

Angst, von Fir­men wie Pri­ce­hub­b­le er­setzt zu wer­den, hat Schif­fer­li nicht. Es ge­be heu­te eher mehr Im­mo­bi­li­en­schät­zer als frü­her. «Ex­per­ten und Dritt­mei­nun­gen wer­den wich­ti­ger. Weil die Men­schen sich ab­si­chern wol­len.» Und bei un­ge­wöhn­li­chen Häu­sern kön­ne kein Pro­gramm den Schät­zer mit Klemm­brett und Stift er­set­zen. Der Ber­ner Spei­cher ne­ben dem Mais­feld scheint die­se Aus­sa­ge zu be­stä­ti­gen. Von Pri­ce­hub­b­le gibt es auf die Schnel­le kei­ne Schät­zung da­für. Es sei ein Spe­zi­al­fall, der nur mit der Adress­an­ga­be nicht au­to­ma­ti­siert be­wer­tet wer­den kön­ne. Fran­zis­ka Koh­ler

Pri­ce­hub­b­le nimmt für sich in An­spruch, die Im­mo­bi­li­en­be­wer­tung zu re­vo­lu­tio­nie­ren.

Fo­to: Beat Ma­thys

Rolf Schif­fer­li beim Schät­zen ei­nes Ob­jekts in Bi­gen­thal.

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