Auf die Rech­nung folgt der Rück­tritt

Berner Oberlander - - Sport -

Weil ihm für den nächs­ten Welt­cup­win­ter 50 000 Fran­ken feh­len, sieht sich der Em­men­ta­ler Cle­mens Bra­cher mit ge­ra­de ein­mal 31 Jah­ren da­zu ge­zwun­gen, sei­ne Kar­rie­re per so­fort zu be­en­den. Die Bob­na­ti­on Schweiz steht da­mit oh­ne Welt­cup­pi­lot da.

Wer den Eu­ro­pa­park in Rust be­sucht, der er­fährt, was die Schweiz wirk­lich aus­macht: Bob. Die 1985 er­öff­ne­te Bob­bahn prägt den The­men­be­reich Schweiz – in­klu­si­ve nost­al­gi­sche Fo­tos so­wie al­te und neue Renn­an­zü­ge im War­te­be­reich. Es han­delt sich um die zweit­äl­tes­te Ach­ter­bahn des Ver­gnü­gungs­parks. Und es ist mit Si­cher­heit kein Zu­fall, ha­ben sich die Ma­cher da­zu­mal für ei­nen Bob­par­cours ent­schie­den. Wie es auch kein Zu­fall ist, dass die vier ja­mai­ka­ni­schen Bob­fah­rer in der Ko­mö­die «Cool Run­nings» vor dem Start aus­ge­rech­net «Eis, zwöi, drü» run­ter­zäh­len.

Die Schweiz, ei­ne stol­ze Bob­na­ti­on – das war ein­mal. Ges­tern er­reich­te der hel­ve­ti­sche Bob­sport viel­mehr die Tal­soh­le: Cle­mens Bra­cher gab mit ge­ra­de ein­mal 31 Jah­ren das En­de sei­ner viel­ver­spre­chen­den Kar­rie­re be­kannt. Was be­deu­tet, dass der Ver­band Swiss Sli­ding nach den Rück­trit­ten von Beat Hef­ti und Ri­co Pe­ter nun gänz­lich oh­ne Welt­cup­pi­lot da­steht.

Die ver­flix­ten 50 000 Fran­ken

Bra­chers Rück­tritt kommt kei­nes­wegs aus dem Nichts. Der Welt­cup­sie­ger und EM-Zwei­te des ver­gan­ge­nen Winters hielt seit 2014 die Lenk­sei­le in den Hän­den. Der ge­lern­te Haus­tech­nik­pla­ner aus Wa­sen im Emmental war ein Idea­list. Er ver­zich­te­te zu­guns­ten des Sports im Pri­va­ten auf vie­les, leb­te zeit­wei­se am Exis­tenz­mi­ni­mum und setz­te sich nach den Olym­pi­schen Spie­len in Pyeong­chang ein Ul­ti­ma­tum. Da war das am­bi­tio­nier­te

Cle­mens Bra­cher Ziel, den nächs­ten Olym­pia­zy­klus mit der Vi­si­on «Me­dail­len­ge­winn 2022 in Pe­king» zu star­ten. Doch da war auch das Bud­get für den kom­men­den Welt­cup­win­ter: 264 400 Fran­ken. Die Rech­nung ging nicht auf. Mit­te Ju­ni fehl­ten Bra­cher 90 000 Fran­ken. Er ver­län­ger­te die ei­gens ge­setz­te Frist um ei­nen wei­te­ren Mo­nat. Am En­de be­läuft sich der nicht ge- deck­te Be­trag auf rund 50 000 Fran­ken. Mit­te letz­ter Wo­che fass­te er den Ent­schluss, zu­rück­zu­tre­ten. Er ver­spü­re ei­ne «ex­trem gros­se Trau­er», sagt Bra­cher. «Die Mo­ti­va­ti­on wä­re zu hun­dert Pro­zent da ge­we­sen. Aber ich ha­be ge­nug Hil­fe­ru­fe aus­ge­sandt.»

Dem Ver­band mag Bra­cher kei­ne Vor­wür­fe ma­chen. In der schrift­li­chen Mit­tei­lung an Swiss Sli­ding hält der Em­men­ta­ler fest: «Es ist mei­ne schmerz­lichs­te Ent­schei­dung. Der Ab­gang kommt auch für mich zu früh. Die Ver­nunft ob­siegt ge­gen Lei­den­schaft und Kampf­wil­le. Der Ent­scheid ent­spricht aber durch­aus mei­ner Grad­li­nig­keit, ist für mich lo­gisch und kon­se­quent.»

31 Olym­pia­me­dail­len ha­ben die Bob­fah­rer für die Schweiz ge­holt – nur die Ski­fah­rer wei­sen bes­se­re Wer­te auf. Nach dem Rück­tritt des ta­len­tier­ten Pi­lo­ten Bra­cher schlit­tert die eins­ti­ge Bob­na­ti­on der An­ony­mi­tät ent­ge­gen. Da passt es ganz gut ins Bild, ist die nost­al­gi­sche Bob­bahn im Eu­ro­pa­park punk­to Be­su­cher­zu­spruch längst von mo­der­nen Fahr­ge­schäf­ten über­holt wor­den.

Re­to Kirch­ho­fer

«Die Ver­nunft ob­siegt ge­gen Lei­den­schaft und Kampf­wil­le.»

Fo­to: Urs Fluee­ler (Keystone)

Helm ab: Der Ber­ner Bob­pi­lot Cle­mens Bra­cher be­en­det sei­ne Kar­rie­re.

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