«Ich war phy­sisch und psy­chisch or­dent­lich in der Müh­le»

Berner Oberlander - - Magazin -

Man kennt ihn als «Tat­ort»-Kom­mis­sar Fred­dy Schenk. Jetzt spielt Diet­mar Bär (57) im Fern­seh­film «Für mei­ne Toch­ter» ei­nen Va­ter, der in Sy­ri­en sei­ne ver­schwun­de­ne Toch­ter sucht.

Herr Bär, das Pu­bli­kum kennt Sie als «Tat­ort»-Star. Jetzt sind Sie in ei­nem TV-Dra­ma zu se­hen, das die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik auf­greift. Wor­um gehts?

Diet­mar Bär: Der Film ist ein Fa­mi­li­en­dra­ma mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Ein Va­ter, der sich zur Flücht­lings­the­ma­tik ge­nau­so dis­tan­ziert ver­hält wie ver­mut­lich vie­le an­de­re in Deutsch­land, muss ins tür­kisch-sy­ri­sche Grenz­ge­biet fah­ren, weil sei­ne Toch­ter dort ver­schwun­den ist. Sie ist aber kei­ner der ra­di­ka­li­sier­ten Teen­ager, die in ein Trai­nings­la­ger des IS ge­hen, son­dern sie hilft den An­ge­hö­ri­gen ei­nes Sy­rers, der in Deutsch­land sub­si­diä­ren Schutz ge­niesst. Vor dem Hin­ter­grund der deut­schen Flücht­lings­po­li­tik ist das al­les sehr span­nend.

Wie fin­den Sie es, dass Deutsch­land und die EU die Flücht­lings­strö­me re­du­zie­ren wol­len?

Ich glau­be nicht, dass man da ir­gend­was re­du­zie­ren kann, das ist ja kein Bach­lauf, den man ein­fach um­lenkt. Da kom­men Men­schen in tiefs­ter Not zu uns, und mit Blick auf un­se­re ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit soll­ten wir Deut­sche wis­sen, was es heisst, wenn man aus sei­ner Hei­mat flie­hen muss.

Soll der Film ein Ap­pell an die Men­sch­lich­keit sein, die Ein­zel­schick­sa­le nicht zu ver­ges­sen in ei­ner Zeit, in der über Tran­sit­zo­nen und Grenz­kon­trol­len ge­re­det wird?

Es soll ganz ein­fach an­spruchs­vol­le Fern­seh­un­ter­hal­tung sein. Wenn wir den Zu­schau­er zum Nach­den­ken be­we­gen, ist das Ziel er­reicht.

Ist ei­ne sol­che Rol­le für Sie ei­ne will­kom­me­ne Ab­wechs­lung zum «Tat­ort»-Job?

Ich bin ja von Be­ruf Schau­spie­ler und nicht «Tat­ort»-Kom­mis­sar. Die­sen Ti­tel gab es frü­her gar nicht, aber mitt­ler­wei­le be­kommt man die­ses Eti­kett, als wür­de man nichts an­de­res auf der Welt mehr tun. Mei­ne be­ruf­li­che Wirk­lich­keit sieht aber an­ders aus. Ich spie­le Thea­ter, ich ma­che Hör­bü­cher und Le­sun­gen. Wenn mir dann ein Film wie «Für mei­ne Toch­ter» an­ge­bo­ten wird, ist das schön. Sol­che tol­len Stof­fe wer­den lei­der im­mer sel­te­ner.

Der Fa­mi­li­en­va­ter, den Sie spie­len, durch­lebt im tür­kisch- sy­ri­schen Grenz­ge­biet ei­ne Odys­see, die bei­na­he töd­lich aus­geht. Wie stra­pa­zi­ös wa­ren die Dreh­ar­bei­ten?

Es war von vorn­her­ein klar, dass wir nicht in Sy­ri­en dre­hen wür­den, das wä­re viel zu ge­fähr­lich für das Team ge­we­sen. Ge­dreht wur­de in Ma­rok­ko. Dort ist es sehr heiss, und es wa­ren im­mer sehr lan­ge Dreh­ta­ge. Es war ei­ne der an­stren­gends­ten Ar­bei­ten, die ich je ge­macht ha­be, und das hat na­tür­lich auch et­was mit dem The­ma des Films zu tun, auf das man sich ein­las­sen muss­te. Da war man emo­tio­nal in ei­ner dau­ern­den Aus­nah­me­si­tua­ti­on. Phy­sisch wie psy­chisch war ich da or­dent­lich in der Müh­le.

Hat­ten Sie bei den Dreh­ar­bei­ten Kon­takt mit Flücht­lin­gen?

Im Film kommt ei­ne sy­ri­sche Flücht­lings­fa­mi­lie vor, die in ei­nem Camp lebt, und die­se Darstel­ler kom­men tat­säch­lich aus Sy­ri­en und ha­ben ei­nen sol­chen Hin­ter­grund. Zur Fa­mi­lie ge­hört ein klei­ner Jun­ge mit sei­ner Schwes­ter, die al­le mit­ein­an­der ei­ne mo­na­te­lan­ge Odys­see hin­ter sich ha­ben. Die sind nicht als so­ge­nann­te Asyl­tou­ris­ten ins schö­ne Mar­ra­kesch ge­kom­men.

Im «Tat­ort» war die Flücht­lings­kri­se schon häu­fi­ger The­ma. Zu­letzt gab es auch Stim­men, dass es zu viel wird.

Es gibt zahl­rei­che «Tat­ort»Teams, und je­de Stadt oder je­de Re­gi­on be­schäf­tigt sich auf ih­re Art und Wei­se mit dem The­ma. Es ist doch nor­mal, dass Ak­tua­li­tät Ein­fluss auf die The­men von Kri­mis und Fern­seh­spie­len neh­men. Die Köl­ner Fol­ge «Wacht am Rhein», in der wir mit dem Stoff ein­mal an­ders um­gin­gen, kam in der Pres­se gut an. Al­ler­dings ha­ben an­de­re Fol­gen, die ein­fach nor­ma­le Kri­mis wa­ren, deut­lich bes­se­re Quo­ten er­zielt. Wo­bei mich per­sön­lich die Quo­ten gar nicht so sehr in­ter­es­sie­ren.

War­um nicht?

Uns schau­en al­lein in Deutsch­land re­gel­mäs­sig an die 10 Mil­lio­nen Men­schen zu, das ent­spricht un­ge­fähr der Be­völ­ke­rungs­zahl von Schwe­den. Das sind tol­le Zah­len. Und wenn ein Film ein­mal we­ni­ger Zu­schau­er holt, muss er des­halb noch lan­ge nicht schlech­ter sein. Manch­mal ist es so­gar um­ge­kehrt. Qua­li­tät und Quo­te fan­gen bei­de mit Q an, aber sie ha­ben ganz we­nig mit­ein­an­der zu tun. Nicht nur im «Tat­ort».

In­ter­view: Cor­ne­lia Wystri­chow­ski

Fo­to: Mohammed Ka­mal / ZDF

Fürch­tet um sein Le­ben: Ben­no Wink­ler (Diet­mar Bär) im TV-Dra­ma «Für mei­ne Toch­ter».

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