Neue Aids-Kam­pa­gne po­la­ri­siert

Ge­sund­heit Die Aids-Hil­fe Schweiz will HIV-po­si­ti­ve Men­schen «ent­dis­kri­mi­nie­ren». Doch ih­re neue Kam­pa­gne ist höchst um­strit­ten. Fach­leu­te und bür­ger­li­che Po­li­ti­ker war­nen vor Ver­wir­rung – mit po­ten­zi­ell fa­ta­len Fol­gen.

Berner Oberlander - - Vorderseite - Be­ni Gaf­ner und Ste­fan Hä­ne

Ge­sund­heit Ge­gen die Dis­kri­mi­nie­rung HIV-po­si­ti­ver Men­schen – da­ge­gen kämpft die neue Kam­pa­gne der Aids-Hil­fe Schweiz. Bür­ger­li­che Par­la­men­ta­ri­er sa­gen, die Kam­pa­gne sei ver­ant­wor­tungs­los.

Es braucht kei­nen Schutz mehr beim Sex mit HIV-Po­si­ti­ven: Das ist die Kern­aus­sa­ge der jüngs­ten Kam­pa­gne der Aid­sHil­fe Schweiz. Am 1.De­zem­ber star­tet die Ak­ti­on, mit Pla­ka­ten und Screens auf Bahn­hö­fen und in Post­au­tos. Die Be­richt­er­stat­tung von Schwei­zer Ra­dio SRF von ges­tern – sie löst be­sorg­te Nach­fra­gen aus: Wer­den Aids­er­kran­kun­gen ver­harm­lost? Soll «im Mi­ni­mum en Gum­mi drum» plötz­lich ob­so­let sein?

Car­la Schuler, Lei­te­rin So­zi­al­dienst der Aids-Hil­fe bei­der Ba­sel, er­klärt stell­ver­tre­tend für die Aids-Hil­fe Schweiz den Hin­ter­grund: Es sei wis­sen­schaft­lich längst be­legt, dass ei­ne HIV-in­fi­zier­te Per­son bei ent­spre­chen­der er­folg­rei­cher The­ra­pie nicht in­fek­ti­ös sei. Schuler ver­weist auf Aus­sa­gen un­ter an­de­rem der Eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­si­on für Aids­fra­gen so­wie des Bun­des­amts für Ge­sund­heit (BAG) vor zehn Jah­ren. «Gleich­wohl wer­den HIV-Po­si­ti­ve heu­te noch im­mer stig­ma­ti­siert und dis­kri­mi­niert.»

Schuler schränkt je­doch ein: «Un­se­re Prä­ven­ti­on sagt noch im­mer: Schüt­zen mit Kon­do­men ist nö­tig.» Kon­do­me brau­che es grund­sätz­lich, wenn man es mit Se­xu­al­part­nern zu tun ha­be, «die man nicht oder flüch­tig kennt». Für Schuler ist klar: «Al­le an­de­ren Schutz­ver­hal­ten müs­sen mit dem Se­xu­al­part­ner dis­ku­tiert wer­den. Und dann müs­sen bei­de mit dem wei­te­ren Vor­ge­hen ein­ver­stan­den sein.»

Wie die «Pil­le da­nach»?

Das sind kla­re Wor­te. Doch kom­men sie beim Pu­bli­kum auch rich­tig an? In Fach­krei­sen herr­schen Zwei­fel. Es hand­le sich um ei­ne gut ge­mein­te Kam­pa­gne für die Be­trof­fe­nen und ih­re Part­ner, aber nicht für die Öf­fent­lich­keit, so Im­mu­no­lo­ge Be­da Stad­ler. Die Aus­sa­ge bei «er­folg­rei­cher The­ra­pie» ma­che für den Pa­ti­en­ten Sinn, ein Laie aber kön­ne sich dar­un­ter nichts vor­stel­len, so der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor. «Man sug­ge­riert, dass ei­ne Aids­the­ra­pie als ‹Pil­le da­nach› ver­stan­den wird, und un­ter­gräbt die an­de­ren Kam­pa­gnen.»

Nicht nur Fach­leu­te zei­gen sich kri­tisch. Un­ter Ge­sund­heits­po­li­ti­kern fal­len die Re­ak­tio­nen mehr­heit­lich ne­ga­tiv aus. Am meis­ten Zu­spruch fin­det die Kam­pa­gne in lin­ken Krei­sen. «Es ist wich­tig, dass die Stig­ma­ti­sie­rung von HIV-Be­trof­fe­nen an­ge­gan­gen wird», sagt Yvon­ne Fe­ri. Die SP-Na­tio­nal­rä­tin sieht die neue Ak­ti­on als ge­lun­ge­ne Er­gän­zung zur klas­si­schen Aid­sPrä­ven­ti­ons­kam­pa­gne Love Life, die par­al­lel wei­ter­läuft.

Kei­ne Hil­fe für Aids­kran­ke

Doch selbst in der SP be­ste­hen teils Vor­be­hal­te. Na­tio­nal­rä­tin Bar­ba­ra Gy­si hält zwar wie Yvon­ne Fe­ri die Kam­pa­gne für grund­sätz­lich «wich­tig und gut». Sie kön­ne aber «zur Sorg­lo­sig­keit ver­lei­ten», wenn man sie nicht im Kon­text der wei­ter­lau­fen­den Love-Life-Kam­pa­gne be­trach­te. Schar­fe Kri­tik üben da­ge­gen bür­ger­li­che Par­la­men­ta­ri­er. «Die Ab­sich­ten hin­ter der neu­en Kam­pa­gne sind red­lich, ber­gen aber ein zu gros­ses Ent­war­nungs­und Ver­wir­rungs­po­ten­zi­al», sagt BDP-Na­tio­nal­rat Lo­renz Hess. Solch dif­fe­ren­zier­te Bot­schaf­ten wür­den sich mit mas­sen­me­dia­len Kam­pa­gnen nicht ver­mit­teln las­sen. Hess er­in­nert an die Zeit, als die ers­ten An­ti-Aids-The­ra­pi­en auf­ka­men: «Das al­lein hat da­für ge­sorgt, dass das Be­wusst­sein für die Ge­fahr ge­sun­ken und das Ver­hal­ten wie­der ri­si­ko­rei­cher ge­wor­den ist.» Joa­chim Eder, Prä­si­dent der stän­de­rät­li­chen Ge­sund­heits­kom­mis­si­on, be­zeich­net den Kampf ge­gen die so­zia­le Ausgrenzung von HIV­po­si­ti­ven Men­schen zwar als rich­tig. Prä­ven­ti­on sei und blei­be für ihn aber grund­sätz­lich vor­dring­li­cher, sagt der FDPS­tän­de­rat. «Ent­war­nung kann näm­lich schnell zu ei­ner Ver­harm­lo­sung wer­den.»

Gar als «ver­ant­wor­tungs­los» ti­tu­liert SVP-Na­tio­nal­rä­tin Ve­re­na Her­zog die Kam­pa­gne, ba­na­li­sie­re die­se doch die Krank­heit und ma­che die bis­he­ri­ge klas­si­sche An­ti-Aids-Kam­pa­gne ka­putt. «Die neue Kam­pa­gne», sagt Her­zog, «hilft kei­nem ein­zi­gen Aids­pa­ti­en­ten, der ihr zum Op­fer fällt.» Die SVP-Po­li­ti­ke­rin macht auf ei­nen wei­te­ren Aspekt auf­merk­sam: Auch wenn Aids be­han­del­bar sei, ver­ur­sach­ten die heu­te recht er­folg­rei­chen The­ra­pi­en ho­he Kos­ten, «die in al­ler Selbst­ver­ständ­lich­keit durch noch wei­ter stei­gen­de Kran­ken­kas­sen­prä­mi­en dem Bür­ger über­wälzt wer­den».

Geld vom Bund

Auch Her­zogs Par­tei­kol­le­ge Se­bas­ti­an Freh­ner rückt die Fi­nan­zen in den Fo­kus: Es sei nicht Auf­ga­be der Aids-Hil­fe, die Ent­dis­kri­mi­nie­rung von HIV-In­fi­zier­ten vor­an­zu­trei­ben, son­dern die Zahl der HIV-An­ste­ckun­gen mög­lichst zu mi­ni­mie­ren. Es ma­che schon fast den Ein­druck, so Freh­ner, als su­che die Aid­sHil­fe Schweiz nach neu­en Auf­ga­ben. «Da ist of­fen­bar zu viel Geld vor­han­den. Wir müs­sen über ei­ne Kür­zung der Bun­des­bei­trä­ge dis­ku­tie­ren.»

In die Kam­pa­gne sel­ber flies­sen laut Bun­des­amt für Ge­sund­heit aber kei­ne Bun­des­gel­der. Die Aids-Hil­fe er­hält aber gleich­wohl Staats­bei­trä­ge – rund 1,5 Mil­lio­nen Fran­ken für ih­re Prä­ven­ti­ons­leis­tun­gen. Das Par­la­ment könn­te al­so ei­ne Straf­ak­ti­on vor­neh­men, in­dem es das Bud­get der Aids-Hil­fe kürzt.

Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alain Ber­set (SP) wür­de sol­che Plä­ne kaum gou­tie­ren. Sei­ne Fach­leu­te im BAG si­gna­li­sie­ren je­den­falls Un­ter­stüt­zung für die Kam­pa­gne. Der Welt-Aids-Tag vom 1.De­zem­ber ste­he eben­falls im Zei­chen der So­li­da­ri­tät mit HIV­po­si­ti­ven Men­schen. Auch sei So­li­da­ri­tät ein wich­ti­ges The­ma im Na­tio­na­len Pro­gramm HIV und an­de­re se­xu­ell über­trag­ba­re In­fek­tio­nen (NPHS), er­läu­tert ein BAG-Spre­cher – und stellt um­ge­hend klar: «HIV ist nach wie vor ei­ne schwe­re, un­heil­ba­re Krank­heit, die ei­ne le­bens­lan­ge, sehr kon­se­quent an­ge­wen­de­te The­ra­pie er­for­dert.»

Fo­to: Kni­el Syn­natzsch­ke (Plain­pic­tu­re)

HIV ist zwar the­ra­pier­bar, die Krank­heit aber bleibt un­heil­bar.

Fo­to: PD

Die neue Kam­pa­gne lenkt den Fo­kus auf die Be­trof­fe­nen.

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