«Hal­lo! Weisst du, wer dran ist?»

En­kelt­rick In Bern sind ver­mehrt En­kelt­rick­be­trü­ger am Werk.

Berner Oberlander - - Region - Micha­el Bu­cher

Dank der gu­ten Re­ak­ti­on ei­nes Bür­gers ging der Po­li­zei vor drei Wo­chen ein En­kelt­rick­be­trü­ger ins Netz. Mit­tags er­hielt ei­ne im Kan­ton Bern wohn­haf­te äl­te­re Per­son ei­nen An­ruf. Ein Hoch­deutsch spre­chen­der Mann gab sich als Be­kann­ter aus. Der An­ru­fer er­klär­te, er be­nö­ti­ge für ei­ne In­ves­ti­ti­on in Zürich 60 000 Fran­ken, ein Kol­le­ge sei­nes No­tars neh­me die Sum­me noch glei­chen­tags ent­ge­gen. Zu­rück­ge­zahlt wer­de sie tags dar­auf. Der An­ge­ru­fe­ne si­cher­te dem an­geb­lich Be­kann­ten die Geld­über­ga­be zu, in­for­mier­te je­doch die Po­li­zei. Die­se konn­te beim Treff­punkt ein Über­wa­chungs­dis­po­si­tiv ein­rich­ten. Als der Geld­emp­fän­ger schliess­lich auf­tauch­te, klick­ten die Hand­schel­len. Beim die­sem han­delt es sich um ei­nen 21-jäh­ri­gen pol­ni­schen Staats­bür­ger, der mut­mass­lich zu ei­ner aus dem Aus­land ope­rie­ren­den Ban­de ge­hört, wie die Po­li­zei da­mals mit­teil­te.

Die En­kelt­rick­be­trü­ge­rei­en ha­ben sich in letz­ter Zeit ge­häuft. Von An­fang Sep­tem­ber bis Mit­te Ok­to­ber gin­gen im Kan­ton Bern rund dreis­sig Mel­dun­gen da­zu ein. Er­beu­tet wur­den meh­re­re Zehn­tau­send Fran­ken. Dass der in fla­gran­ti er­wisch­te Be­trü­ger aus Po­len kommt, ist kein Zu­fall. Denn hin­ter der Be­trugs­ma­sche ste­cken meist aus Po­len ope­rie­ren­de Ro­ma-Clans.

200 Te­le­fon­an­ru­fe pro Tag

«Der Be­griff En­kelt­rick ist et­was ver­al­tet», sagt Rolf Rü­dis­ser, Ber- ner Staats­an­walt für Wirt­schafts- de­lik­te. Denn der An­ru­fer kön­ne sich auch als an­der­wei­tig Ver­wand­ter oder Be­kann­ter aus­ge­ben. Die An­ru­fe in­des wür­den im­mer nach dem­sel­ben Mus­tern ab­lau­fen: Ein Ban­den­mit­glied, ge­nannt Kei­ler, ruft von Po­len aus mit ei­nem Pre­paid-Han­dy, des­sen SIM-Kar­te nicht re­gis­triert ist, po­ten­zi­el­le Op­fer mit un­ter­drück­ter Ruf­num­mer an. «Beim Durch­fors­ten des Te­le­fon­bu­ches le­gen die Kei­ler ihr Au­gen­merk auf Vor­na­men, die auf ei­ne äl­te­re Per­son schlies­sen las­sen», sagt Rü­dis­ser. Ein Ernst oder ei­ne Heidi wer­den eher kon­tak­tiert als ein Lu­ca oder ei­ne Mia. «Bis zu zwei­hun­dert Te­le­fo­na­te füh­ren die Kei­ler pro Tag», so Rü­dis­ser. Als Ein­stieg wäh­len die An­ru­fer Sät­ze wie: «Weisst du, wer dran ist?» So­dann wird der An­ge­ru­fe­ne zum un­frei­wil­li­gen Stich­wort­ge­ber, et­wa wenn er ent­geg­net: «Bist du es, Tho­mas?» Die­se Iden­ti­tät wird dann vom Kei­ler über­nom­men.

Glaubt das Op­fer die vor­ge­gau­kel­te Be­kannt­schaft, macht der An­ru­fer ei­ne fi­nan­zi­el­le Not gel­tend. Si­chert das Op­fer sei­ne Hil­fe zu, wird ein Über­ga­be­ort ver­ein­bart. Ein so­ge­nann­ter Ab­ho­ler wird los­ge­schickt, um das Geld in Emp­fang zu neh­men.

Der in Bern fest­ge­nom­me­ne Po­le war ein sol­cher Ab­ho­ler. Wenn, dann sind sie es, die der Po­li­zei ins Netz ge­hen. An die Kei­ler her­an­zu­kom­men, ge­stal­tet sich um ein Viel­fa­ches schwie­ri­ger. Seit rund ei­nem Jahr sind die Ber­ner Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den im Kampf ge­gen die En­kelt­rick­ma­fia je­doch mit mehr Schlag­kraft aus­ge­stat­tet. Zu­sam­men mit Zürich sind sie Teil ei­nes Jo­int-In­ves­ti­ga­ti­on-Teams mit Mün­chen, Ham­burg und Po­len, das sich aus­schliess­lich der Be­kämp­fung des En­kelt­rick­be­tru­ges wid­met.

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