«Die Puz­zle­tei­le könn­ten in Lon­don zu­sam­men­kom­men»

ATP-Fi­na­le Ro­ger Fe­de­rer zieht be­reits vor dem Schluss­bou­quet in der O2-Are­na ein ers­tes Fa­zit sei­ner Sai­son, die für ihn auch Ent­täu­schun­gen brach­te. Und er er­zählt vom spon­ta­nen Ten­nis­spie­len mit sei­nen vier Kin­dern.

Berner Oberlander - - Sport - Si­mon Graf,

Lon­don

In Pa­ris-Ber­cy lie­fer­ten Sie No­vak Djo­ko­vic ver­gan­ge­ne Wo­che ei­nen mit­reis­sen­den Halb­fi­nal, den Sie knapp ver­lo­ren. Was konn­ten Sie dar­aus nach Lon­don mit­neh­men?

Wenn ich ver­lie­re, bin ich nie hap­py. Ich bin kei­ner, der sagt: Ich ha­be gross­ar­tig ge­spielt, aber trotz­dem ver­lo­ren. Ich fin­de: Wenn ich gross­ar­tig spie­le, ge­win­ne ich. Ja, es war ein gu­ter Match ge­gen Djo­ko­vic. Aber Pa­ris ga­ran­tiert mir nichts für Lon­don. Die Be­din­gun­gen sind an je­dem Tur­nier an­ders. Ich bin ein­fach froh, dass ich in Ba­sel und Pa­ris heil durch die­se acht Matchs kam. Das gibt mir Ver­trau­en in mei­nen Kör­per. Im Kopf bin ich oh­ne­hin be­reit für die­ses letz­te gros­se Tur­nier. Vom Spiel her füh­le ich mich okay. Die Puz­zle­tei­le könn­ten in Lon­don zu­sam­men­kom­men. Aber ich wer­de da­für kämp­fen müs­sen.

Wie ver­lo­ckend ist für Sie die Aus­sicht, dass Sie hier Ih­ren 100. Ti­tel fei­ern könn­ten?

Für mich ist nicht so ent­schei­dend, wo ich den 100. ge­win­ne – so­lan­ge es pas­siert! (lacht) Hier geht es für mich pri­mär ums ATP-Fi­na­le, ich lie­be die­sen Event. Als ich mich 2002 erst­mals qua­li­fi­zie­ren konn­te, war es ein Rie­sen-High­light für mich, un­ter den bes­ten acht zu sein. Und ich hat­te in Shang­hai dann auch ei­nen gu­ten Lauf (er ver­lor erst knapp im Halb­fi­nal ge­gen He­witt). Mein Fo­kus liegt auf dem Tur­nier. Der 100. Ti­tel kommt, wenn er kommt. Aber na­tür­lich lie­ber frü­her als spä­ter.

Sie ha­ben die­ses Tur­nier schon sechs­mal ge­won­nen, auch zwei­mal in Lon­don. Ihr letz­ter Sieg liegt aber sie­ben Jah­re zu­rück. Ist es für Sie schwie­ri­ger ge­wor­den, Ih­re Form und Ihr Fit­ness­le­vel bis zum Sai­son­en­de hoch zu hal­ten?

Ich fin­de nicht. Ich spiel­te ja gut am ATP-Fi­na­le, ob­schon ich seit 2011 nie mehr ge­wann. Das hat­te auch mit den Geg­nern zu tun, ins­be­son­de­re mit Djo­ko­vic.

Kön­nen Sie schon jetzt ein Fa­zit Ih­rer Sai­son zie­hen?

Es war ei­ne gu­te Sai­son. Wenn man mir letz­tes Jahr an­ge­bo­ten hät­te, dass sie so ver­lau­fen wür­de, hät­te ich ein­ge­schla­gen. Wenn man es mir 2016 an­ge­bo­ten hät­te, als ich ver­letzt war, hät­te ich so­gar ju­bi­liert. Und wenn man mir vor vier, fünf Jah­ren vor­aus­ge­sagt hät­te, dass ich 2018 im­mer noch so gut spie­len wür­de, hät­te ich eben­falls so­fort zu­ge­packt. Ich bin sehr hap­py, dass ich ei­nen Grand Slam ge­won­nen ha­be. Okay – Wim­ble­don und das US Open ver­lie­fen nicht, wie ich es er­hofft hat­te. Aber das wa­ren die ein­zi­gen Ent­täu­schun­gen. Ich ge­wann wie­der ei­ne Rei­he von Tur­nie­ren (vier), spiel­te am Aus­tra­li­an Open gross­ar­tig, ge­wann mein Heim­tur­nier in Ba­sel, den La­ver­Cup und spiel­te auch gut am Hop­man-Cup (den er mit Be­lin­da Ben­cic ge­wann). Es war ei­ne sehr so­li­de Sai­son. Und sehr er­freu­lich ist, dass ich es schaff­te, ver­let­zungs­frei zu blei­ben.

Sie star­ten ge­gen Kei Nis­hi­ko­ri, den Sie in Shang­hai und Pa­risBer­cy schlu­gen. Ein Vor­teil?

In Pa­ris hat­te ich schon im Hin­ter­kopf, dass er für Lon­don nach­rü­cken könn­te und ich dann hier mög­li­cher­wei­se zum Auf­takt auf ihn tref­fen wür­de. Auch des­halb setz­te ich al­les dar­an, ei­nen wei­te­ren Sieg ge­gen ihn zu ho­len. Das ist zu­min­dest men­tal ein ge­wis­ser Vor­teil für mich. Doch ich ha­be gros­sen Re­spekt vor Nis­hi­ko­ri, sei­ne Back­hand ist ei­ne der bes­ten auf der Tour. Er wird es si­cher zu ver­ste­hen wis­sen, mich in vie­le Rück­hand­du­el­le zu ver­wi­ckeln.

Apro­pos Rück­hand: Den Aus­tra­li­an-Open-Fi­nal 2017 ge­gen Ra­fa­el Na­dal ge­wan­nen Sie über die Back­hand, die Sie so an­grif­fig spiel­ten wie nie zu­vor. Ha­ben Sie die­sen Schlag in die­sem Jahr wie­der et­was ver­lo­ren?

Das ist schwer zu sa­gen. Je­der Geg­ner spielt an­ders; Na­dal oft eher lang­sam und hoch auf mei­ne Rück­hand, des­halb ge­he ich da mehr in den Ball rein. Wenn ei­ner mit mehr Tem­po auf mei­ne Rück­hand spielt, hart und lang, kann ich mit ihr nicht so at­ta­ckie­ren. Und es kommt auch

ATP-Fi­na­le Lon­don

Grup­pe Ku­er­ten Grup­pe He­witt

Djo­ko­vic (SRB) ATP 1

A. Zverev (GER)

Ci­lic (CRO)

Is­ner (USA)

Sonn­tag

3

6

8

9

An­der­son - Thiem nicht vor 15.00 Fe­de­rer - Nis­hi­ko­ri nicht vor 21.00 Zverev - Ci­lic nicht vor 15.00 Djo­ko­vic - Is­ner nicht vor 21.00 Wei­te­re Fe­de­rer-Par­ti­en Di­ens­tag, Don­ners­tag Halb­fi­nals am Sams­tag, Fi­nal am Sonn­tag

Mon­tag

5

7

10 Fe­de­rer An­der­son (RSA) Thiem (AUT) Nis­hi­ko­ri (JPN) auf die Be­din­gun­gen an. In Stutt­gart oder Hal­le, wo es schnell ist, setz­te ich den Sli­ce mehr ein. In Shang­hai spiel­te ich fast nur Top­spin. In Ba­sel stell­te ich wie­der auf Sli­ce um, weil ich das Ge­fühl hat­te, so ge­win­ne ich das Tur­nier. In Mel­bourne ging es da­mals ein­fach per­fekt auf. Ich fühl­te mich nach sechs Matchs so gut auf der Rück­hand, dass ich das Ge­fühl hat­te, ich kön­ne sie voll durch­zie­hen. Und das tat ich ge­gen Na­dal dann auch in In­dian Wells und Miami. Na­tür­lich hof­fe ich, dass ich manch­mal ei­nen Match dank der Rück­hand ent­schei­den kann. Aber ich weiss, dass mich meis­tens mei­ne Vor­hand, mein Auf­schlag und mei­ne Bein­ar­beit zum Er­folg füh­ren.

2017 ging für Sie al­les auf. 2018 gab es auch Ent­täu­schun­gen. Wis­sen Sie schon, ob Sie 2019 an­ders pla­nen wer­den?

Ich ha­be in die­sem Jahr mehr oder we­ni­ger die Tur­nie­re ge­spielt, die ich spie­len woll­te, wich nicht gross von mei­nem Plan ab. Auch Pa­ris-Ber­cy war im­mer ei­ne Op­ti­on ge­we­sen. Dass al­les so zu­sam­men­kommt wie letz­tes

Fe­de­rers 10 End­spie­le beim ATP-Fi­na­le 2015 v. Djo­ko­vic (SRB) 3:6 4:6 2014 v. Djo­ko­vic w. o. 2012 v. Djo­ko­vic 6:7, 5:7 2011 s. Tson­ga (FRA) 6:3, 6:7, 6:3 2010 s. Na­dal (ESP) 6:3, 3:6, 6:1 2007 s. Fer­rer (ESP) 6:2, 6:3, 6:2 2006 s. Bla­ke (USA) 6:0, 6:3, 6:4 2005 v. Nal­ban­dian (ARG) 7:6, 7:6, 2:6, 1:6, 6:7 2004 s. He­witt (AUS) 6:3, 6:4 2003 s. Agas­si (USA) 6:3, 6:0, 6:4 6 Ti­tel; Bi­lanz to­tal 55:13; bis­her 15 Teil­nah­men Jahr, konn­te ich nicht er­war­ten. Zu­dem sind an­de­re – wie Djo­ko­vic – wie­der stär­ker ge­wor­den, was die Sa­che kom­pli­zier­ter ge­macht hat. Aber ich fin­de, wir ha­ben die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen. Auch was das Trai­ning be­trifft. Aber wir wer­den die­se Sai­son ge­nau ana­ly­sie­ren und dann ent­schei­den, ob wir et­was ver­än­dern sol­len – punk­to Trai­ning oder Spiel­plan.

In Pa­ris sag­ten Sie, Sie sei­en nicht an­ge­reist, um das Tur­nier zu ge­win­nen. Und man hat­te den Ein­druck, dass Sie dort lo­cke­rer spiel­ten. Könn­te es Ih­nen hel­fen, ab und zu ein Tur­nier ein­zu­schie­ben, an dem Sie nicht so viel er­war­ten?

Ja, viel­leicht soll­te ich öf­ters so spre­chen. Dass ich nichts zu ver­lie­ren ha­be, ein­fach mal schau­en will, wie es so läuft. Und es kann ja auch nicht sein, dass ein 37-Jäh­ri­ger der Fa­vo­rit sein soll. Das müss­te doch ei­ner sein, der in sei­ner Blü­te steht. Aber wenn du so we­nig spielst wie ich, ist es nicht sehr ein­fach, es so lo­cker zu se­hen. Du willst nicht früh aus­schei­den und spielst an­fangs eher, um nicht zu ver­lie­ren, als um zu ge­win­nen. In Pa­ris-Ber­cy war ich da schon ent­spann­ter. Ich wä­re auch be­reit ge­we­sen, For­fait zu ge­ben, wenn sich mein Kör­per nicht gut an­ge­fühlt hät­te. Um kei­ne Ri­si­ken ein­zu­ge­hen für Lon­don.

«Wenn man mir vor 4, 5 Jah­ren ge­sagt hät­te, dass ich 2018 noch so gut spie­le, hät­te ich zu­ge­packt.»

In den nächs­ten Mo­na­ten wird ent­schie­den, ob das ATP-Fi­na­le wei­ter in Lon­don bleibt. Wür­den Sie das be­grüs­sen?

Wenn es in Lon­don blei­ben soll­te, wä­re das si­cher ei­ne gu­te Wahl. Das Tur­nier ist der gröss­te wie­der­keh­ren­de Event in der O2-Are­na. Und wie­so soll man nicht blei­ben, wo doch die Leu­te im­mer wie­der hier­her­strö­men? Aber ich weiss nicht, wel­ches die Al­ter­na­ti­ven sind, wel­che Städ­te sich sonst noch be­wor­ben ha­ben. Ich ge­nies­se es je­den­falls, in ei­ner Stadt zu spie­len, in der man sehr viel über Ten­nis weiss. Da­zu kommt, dass es für uns nach Pa­ris ein­fa­cher ist, nach Lon­don zu rei­sen als nach Hous­ton oder Shang­hai.

Kürz­lich kur­sier­te ein Vi­deo, wie Sie mit ei­nem Ih­rer Söh­ne Ten­nis spie­len. Tun Sie das oft?

Ab und zu. Manch­mal mehr­mals in der Wo­che, dann wie­der für län­ge­re Zeit gar nicht. Wenn wir et­wa in Shang­hai oder in To­kio sind, wo ich sehr be­schäf­tigt bin und kein Court in der Nä­he ist, er­zwin­gen wir es nicht. Aber ich spie­le schon hin und wie­der mit den Kin­dern. Zu­letzt am Tag nach dem Djo­ko­vic-Match, als ich wie­der in der Schweiz war, be­vor ich nach Lon­don reis­te. Die Kids hat­ten so­wie­so Ten­nis­trai­ning, da ging ich spon­tan vor­bei und spiel­te mit al­len vier.

Fo­to: Cli­ve Brun­skill (Get­ty Images)

Grup­pen­bild der Fi­nal­teil­neh­mer im Pa­lace of West­mins­ter: Fe­de­rer gilt als ers­ter Her­aus­for­de­rer von Djo­ko­vic. Hin­ter ih­nen (von links) Is­ner, Nis­hi­ko­ri, Thiem, Ci­lic, An­der­son und Zverev.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.