Ein Gespräch, zwei star­ke Mei­nun­gen

Eis­ho­ckey Braucht die NLA mehr Aus­län­der oder nicht? Ein Streit­ge­spräch.

Berner Oberlander - - Vorderseite - Re­to Kirch­ho­fer Mar­co Opp­li­ger Da­ni­el Vil­lard

Am Mitt­woch ent­schei­det die Li­ga­ver­samm­lung dar­über, ob die An­zahl Aus­län­der in der Na­tio­nal Le­ague von vier auf sechs er­höht wird. Trei­ben­de Kraft hin­ter die­sem Vor­ha­ben ist der SC Bern re­spek­ti­ve des­sen Ge­schäfts­füh­rer Marc Lü­thi. Er ist über­zeugt da­von, dass mit die­sem Schritt Kos­ten ge­spart wer­den könn­ten. Zu­dem be­tont Lü­thi: «Die Li­ga wird bes­ser, kei­ne Fra­ge. Mehr Markt gibt mehr Mög­lich­kei­ten.» Ei­ner der här­tes­ten Geg­ner Lü­t­his in die­ser Dis­kus­si­on ist Da­ni­el Vil­lard, Ma­na­ger des EHC Biel. Die­se Zei­tung hat Lü­thi und Vil­lard zum span­nen­den Re­de­du­ell ge­trof­fen.

Die Na­tio­nal Le­ague flo­riert, sie ist at­trak­tiv, die Clubs ver­zeich­nen Re­kord­zah­len beim Ti­cket­ver­kauf. Herr Lü­thi: Wes­halb wol­len Sie ge­ra­de jetzt die Er­folgs­for­mel bei den Aus­län­dern än­dern?

Un­längst wur­de im Rah­men der Prä­si­den­ten­kon­fe­renz ein Auf­trag an die Li­ga er­teilt. In ei­nem Wort for­mu­liert: spa­ren. Die Li­ga­ver­ant­wort­li­chen ha­ben dreis­sig Vor­schlä­ge auf­ge­lis­tet. Al­le wur­den dis­ku­tiert: Geht nicht aus ge­setz­li­chen Grün­den hier, ist nicht um­setz­bar da, ist nicht kon­trol­lier­bar dort, geht aus an­de­ren Grün­den nicht und, und, und. Ei­ner blieb üb­rig: die Aus­län­der­re­ge­lung. Der SC Bern hat sich zum Ziel ge­setzt, dass sich die Ver­wal­tungs­rä­te al­ler Na­tio­nal-Le­ague-Clubs ein­mal ernst­haft mit die­sem The­ma aus­ein­an­der­set­zen. Du kannst nicht je­des Jahr sa­gen: Wir müs­sen spa­ren. Du musst auch et­was un­ter­neh­men. Da­ni­el Vil­lard und ich sind seit Jahr­zehn­ten da­bei. Wir ha­ben man­chen Spar­auf­trag durch­ge­kaut – oh­ne brauch­ba­res Re­sul­tat. Nun ist ein Vor­schlag auf dem Tisch, er wird dis­ku­tiert, am Mitt­woch wird de­mo­kra­tisch ab­ge­stimmt.

Im Schwei­zer Eis­ho­ckey gilt: Was Bern und Marc Lü­thi wol­len, wird auch durch­ge­setzt. Herr Vil­lard, Sie wa­gen es tat­säch­lich, bei der Aus­län­der­the­ma­tik zu wi­der­spre­chen.

(lacht) Es spielt kei­ne Rol­le, ob ein An­trag vom SC Bern, von Rap­pers­wil-Jo­na oder von Thur­gau kommt. Ist er auf dem Tisch, wird er von uns ge­prüft. Die stei­gen­den Löh­ne sind seit län­ge­rem ein The­ma. Die Idee, zwei Aus­län­der pro Team mehr zu­zu­las­sen, ist nicht grund­sätz­lich schlecht. Aber wir ver­mu­ten, dass der An­trag in die­ser Form mehr ne­ga­ti­ve als po­si­ti­ve Fol­gen hät­te.

In­wie­fern?

Die Grün­de sind viel­schich­tig. Ich nen­ne den ers­ten: Las­sen wir zwei Aus­län­der pro Mann­schaft mehr zu, wer­den ge­wis­se Clubs zu­sätz­lich so­ge­nann­te Bil­li­g­aus­län­der ver­pflich­ten, an­de­re hin­ge­gen zwei wei­te­re Top­spie­ler. Es wird ei­ne Ver­schie­bung der Macht­ver­hält­nis­se ge­ben.

Wir ha­ben ei­ne Angst­kul­tur. Im Ach­tel­fi­nal-Hin­spiel der Cham­pi­ons Ho­ckey Le­ague trat Mal­mö ge­gen uns mit fünf Aus­län­dern an. Der Tor­hü­ter war ein Nor­we­ger aus der zweit­höchs­ten Li­ga: Er mach­te ei­nen Su­per­job. Zu­dem spiel­ten drei Dä­nen und ein Ös­ter­rei­cher. Wer die Par­tie ge­se­hen hat, sah kei­nen Un­ter­schied zwi­schen den zwei Teams. Ja, ei­ni­ge Clubs wür­den sich sechs To­paus­län­der leis­ten. Ich glau­be aber auch, dass wir Va­kan­zen, für die es kei­ne vala­blen Schwei­zer gibt, mit Spie­lern vom in­ter­na­tio­na­len Markt fül­len könn­ten.

Und wie stel­len Sie sich das vor?

Brauchst du bei­spiels­wei­se ei­nen Spie­ler für die vier­te Li­nie, es gibt aber kei­nen ta­len­tier­ten Ju­ni­or, dann füllst du die Rei­hen mit ei­nem durch­schnitt­li­chen Schwei­zer, der über­durch­schnitt­lich viel Geld ver­dient. Mit der neu­en Re­ge­lung aber könn­ten wir zu güns­ti­gen Kon­di­tio­nen ei­nen aus­län­di­schen Spie­ler ver­pflich­ten. Auf die­se Wei­se kommst du oh­ne ho­hen fi­nan­zi­el­len Auf­wand zu mehr Brei­te. Die Teams rü­cken nä­her zu­sam­men. Wir müs­sen von der Idee ab­kom­men, Aus­län­der wür­den nur in der ers­ten und der zwei­ten Li­nie ein­ge­setzt. Hat die­ses Um­den­ken statt­ge­fun­den, könn­ten

Pa­trons, Be­kann­te, Geg­ner

Die Be­grüs­sung ist ne­ckisch: «Bisch guet dü­re Zou cho?», sagt Marc Lü­thi schmun­zelnd zu Da­ni­el Vil­lard, der vom See­land in die Haupt­stadt ge­fah­ren ist. Lü­thi führt den SC Bern seit 20, Vil­lard den EHC Biel seit 15 Jah­ren – die Ge­schäfts­füh­rer ken­nen und schät­zen sich. In der De­bat­te um die Er­hö­hung von vier auf sechs spiel­be­rech­tig­te Aus­län­der pro Club sind sie aber Geg­ner: Die Ab­stim­mung fin­det nächs­ten Mitt­woch statt – Lü­t­his An­trag dürf­te ab­ge­lehnt wer­den. wir die Aus­län­der­be­schrän­kung so­gar auf­he­ben. So, wie das in Schwe­den der Fall ist. Die Schwe­den ha­ben kei­ne Angst vor Aus­län­dern, son­dern Ver­trau­en in die ei­ge­ne Ent­wick­lung.

Der Ver­gleich ist kaum zu­läs­sig. Punk­to Ent­wick­lung und Brei­te kön­nen die Schwei­zer nicht mit den Schwe­den mit­hal­ten. Die schwe­di­schen Clubs ha­ben we­der das Be­dürf­nis noch die fi­nan­zi­el­len Mit­tel, in teu­re Aus­län­der zu in­ves­tie­ren.

Das stimmt. In Schwe­den herrscht ei­ne an­de­re Phi­lo­so­phie. Die Teams ha­ben vor­wie­gend ein­hei­mi­sche Trai­ner, ge­ne­rell ist grös­se­res Po­ten­zi­al vor­han­den.

Wenn du ei­nen Schwei­zer zu ei­nem ver­nünf­ti­gen Preis mit ent­spre­chen­den Fä­hig­kei­ten ha­ben kannst, dann wür­den wohl al­le Clubs den Schwei­zer neh­men. Aber es gibt ein­fach zu we­ni­ge. Das ist un­ser Pro­blem.

Aber bei den Aus­län­dern ist die Ge­fahr gross, dass du ab und an ei­ne Nie­te ziehst. Wir ha­ben es mit Men­schen zu tun, manch­mal passt es ein­fach nicht, wenn neue Spie­ler in die Li­ga kom­men. Die Ge­fahr ei­ner Nie­te wür­de grös­ser, weil wir in Märk­ten nach Bil­li­g­aus­län­dern su­chen, die wir nicht gut ken­nen. Al­so müss­ten wir un­ser Scou­ting aus­bau­en, was wie­der Zu­satz­kos­ten ver­ur­sa­chen wür­de.

Gibt es über­haupt Bil­li­g­aus­län­der? Der Langnau­er Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Pe­ter Ja­kob sag­te jüngst in der NZZ, ein Aus­län­der mit ei­nem Net­to­lohn von 100 000 Fran­ken kos­te mit al­lem Drum und Dran 260 000 Fran­ken.

Das stimmt nicht.

Man muss den Be­trag mal zwei rech­nen, so je­den­falls ist es bei uns und beim SCB.

Wie vie­le Aus­län­der ha­ben in den letz­ten Jah­ren für die­sen Lohn in der Schweiz ge­spielt?

Kein ein­zi­ger. Weil wir blöd sind! Es gibt Spie­ler, die in Schwe­den 140 000 Eu­ro ver­dient ha­ben, und wir zah­len ih­nen 250000 Eu­ro net­to. Wo­bei es fest­zu­hal­ten gilt, dass die­se Dif­fe­renz von den Agen­ten for­ciert wird. Sie ar­bei­ten mit zwei Preis­lis­ten. Ich weiss durch mei­ne Auf­ga­be als Prä­si­dent der Al­li­anz eu­ro­päi­scher Eis­ho­ckey­clubs: In der Slo­wa­kei ver­dient der best­be­zahl­te Spie­ler 100000 Eu­ro. Da­von zahlt er Steu­ern und Ver­si­che­run­gen sel­ber. Machst du ei­nem sol­chen Spie­ler ein An­ge­bot – er wür­de in die Schweiz lau­fen.

Herr Lü­thi, Hand aufs Herz: Sie ge­hen punk­to Aus­län­dern aus drei Grün­den ins Fo­re­che­cking: Bern be­nö­tigt für nächs­te Sai­son wohl ei­nen aus­län­di­schen Tor­hü­ter, Bern stösst mit sei­nem Fi­nan­zie­rungs­mo­dell an Gren­zen – und Bern hat punk­to Nach­wuchs die Ent­wick­lung ver­nach­läs­sigt.

Für den ers­ten Teil der Fra­ge ken­nen Sie mei­ne Ant­wort…

...Bern wur­de 2016 mit ei­nem aus­län­di­schen Tor­hü­ter (Ja­kub Ste­pa­n­ek, die Red.) Meis­ter…

...so viel zu die­sem The­ma. Und es ist ein­fach so: An­ge­sichts des Prei­ses, der mitt­ler­wei­le für Schwei­zer Na­tio­nal­spie­ler ver­langt wird, fin­de ich be­stimmt ei­nen Aus­län­der, der gleich gut, aber we­sent­lich we­ni­ger teu­er ist.

Ein Top­spie­ler, der die Leu­te ins Sta­di­on lockt, soll auch ent­spre­chend ver­die­nen. Das Pro­blem ist, dass die Spie­ler aus der drit­ten und der vier­ten Li­nie zu ho­he Löh­ne ha­ben. Es wä­re sinn­vol­ler, ei­nem jun­gen Spie­ler ei­ne Chan­ce zu ge­ben, an­statt dem ver­dienst­vol­len Spie­ler XY ein Gna­den­brot zu zah­len.

Aber die Ta­len­te wach­sen nicht auf den Bäu­men. Und noch zum The­ma Nach­wuchs ver­nach­läs­si­gen: Im Mo­ment spielt Ya­nik Bur­ren bei uns im ers­ten Ab­wehr­block, An­dré Heim führt die vier­te Li­nie an, er hat auch be­reits in der zwei­ten ge­spielt. Kommt da­zu, dass in den letz­ten Jah­ren ei­ni­ge Top­ju­nio­ren aus un­se­rer Or­ga­ni­sa­ti­on den Schritt nach Nord­ame­ri­ka ge­macht ha­ben. Und je­ne, die zu­rück­ge­kom­men sind…

...spie­len jetzt in Lau­sanne.

«Wir müs­sen ler­nen, in un­se­rer Li­ga nicht mehr zwi­schen Schwei­zern und Aus­län­dern zu un­ter­schei­den.»

Das muss ich nicht wei­ter kom­men­tie­ren.

Die Ab­wan­de­rung jun­ger Schwei­zer nach Nord­ame­ri­ka ist in der Aus­län­der­de­bat­te ein wich­ti­ger Punkt. Un­se­re Li­ga ver­liert die­se Spie­ler, weil sich die­se durch den frü­hen Wech­sel nach Über­see bes­se­re Chan­cen auf ei­nen ho­hen Draft aus­rech­nen. Wird die Zahl der Aus­län­der er­höht, ha­ben die­se Spie­ler in der Na­tio­nal Le­ague we­ni­ger Plät­ze – und ei­nen Grund mehr, nach Über­see zu wech­seln.

Ge­schäfts­füh­rer des EHC Biel

Nein! Die­se Spie­ler ha­ben nicht we­ni­ger Platz. Die jun­gen Ta­len­te sind doch un­se­re bil­ligs­ten Kräf­te. Es gä­be aber we­ni­ger Platz für die so­ge­nann­ten Lü­cken­fül­ler.

Doch, die Ge­fahr ist eben gross, dass es den Nach­wuchs trifft. Wür­de Ja­nis Mo­ser bei uns mit der 6-Aus­län­der-Re­gel eben­falls spie­len? Viel­leicht ja, aber si­cher nicht mit so viel Eis­zeit und Ein­fluss. Er ge­hört bei uns zu den bes­ten fünf Ver­tei­di­gern. Mit we­ni­ger Eis­zeit wä­re das Ri­si­ko hö­her, dass Mo­ser nächs­tes Jahr nach Nord­ame­ri­ka gin­ge.

Ei­ne Sta­tis­tik be­sagt, dass in der Vor­sai­son 38 Pro­zent der Po­wer­play-Mi­nu­ten an Aus­län­der gin­gen. Ste­hen noch mehr Aus­län­der auf dem Eis, er­hal­ten die Schwei­zer Spie­ler noch we­ni­ger Ver­ant­wor­tung. Das wä­re nicht im Sinn des Schwei­zer Eis­ho­ckeys, Herr Lü­thi.

Spielt es in der NHL ei­ne Rol­le, ob in ei­nem Team die Ka­na­di­er Re­gie füh­ren? Oder die Schwe­den, die Ame­ri­ka­ner? Nein, es geht ums Team, nicht um Na­tio­nen. Wir müs­sen ler­nen, in un­se­rer Li­ga nicht mehr zwi­schen Schwei­zern und Aus­län­dern zu un­ter­schei­den. Zu­dem geht es nicht dar­um, die gu­ten Schwei­zer Spie­ler, die in wich­ti­gen Si­tua­tio­nen auf dem Eis ste­hen, ein­zu­schrän­ken. Ich will doch Si­mon Mo­ser und Ra­mon Un­ter­san­der nicht mit Aus­län­dern er­set­zen. Die bei­den brin­gen voll­um­fäng­lich ih­re Leis­tung. Es gibt an­de­re Schwei­zer, bei de­nen sich die Über­le­gung lohnt.

Herr Vil­lard: Wür­de das Ni­veau in der Li­ga mit sechs Aus­län­dern pro Team er­höht, könn­ten die Schwei­zer Spie­ler doch auch da­von pro­fi­tie­ren?

Ob das Ni­veau wirk­lich bes­ser wird, hängt da­von ab, wie die Qua­li­tät der zu­sätz­li­chen Aus­län­der ist.

Die Li­ga wird bes­ser, kei­ne Fra­ge. Mehr Markt gibt mehr Mög­lich­kei­ten. Baue ich ein Haus, und ich ha­be nur ei­nen Stro­mer, dik­tiert die­ser den Preis. Las­se ich für den Auf­trag vier, fünf Stro­mer of­fe­rie­ren, sinkt ers­tens der Preis, und zwei­tens kann ich wäh­len, bei wem das bes­te Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis liegt. Wur­den die Prei­se in der Mi­gros er­höht, als Al­di und Lidl in den Schwei­zer Markt ge­kom­men sind? Die Prei­se gin­gen nach­weis­bar run­ter.

«Dann nimmt eben ein Jun­ger aus dem Nach­wuchs den Platz ein. Oder wir fin­den an­ders­wo ein Ta­lent.»

Fo­to: Ni­co­le Phil­ipp

Berns Marc Lü­thi sagt: «In der Slo­wa­kei ver­dient der best­be­zahl­te Spie­ler 100 000 Eu­ro. Da­von zahlt er Steu­ern und Ver­si­che­run­gen sel­ber. Er wür­de in die Schweiz lau­fen.» Marc Lü­thiGe­schäfts­füh­rer des SC Bern

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