Ent­scheid über Kampf­jets nach der Bun­des­rats­wahl

Guy Par­me­lin hält trotz bür­ger­li­cher Kri­tik an ei­ner Grund­satz­ab­stim­mung über die Be­schaf­fung neu­er Kampf­jets fest. Ob er das Vor­ha­ben sel­ber zu En­de brin­gen wird, lässt er of­fen.

Berner Zeitung (Emmental) - - Vorderseite -

Trotz Wi­der­stand hält Bun­des­rat Guy Par­me­lin an sei­nem Rüs­tungs­plan fest. Aber er be­rei­tet das Ter­rain, um ihn an ei­nen Nach­fol­ger ab­zu­schie­ben. Er schiebt den Grund­satz­ent­scheid für die Be­schaf­fung neu­er Kampf­jets hin­aus.

Mit In­ter­view­aus­sa­gen gibt Guy Par­me­lin Spe­ku­la­tio­nen Auf­trieb, er wol­le in ein an­de­res De­par­te­ment wech­seln. Der SVPBun­des­rat moch­te sei­nen Ab­gang aus dem Ver­tei­di­gungs­de­par­te­ment im In­ter­view mit die­ser Zei-

tung nicht ein­mal an­satz­wei­se aus­schlies­sen. Vor al­lem aber kün­digt er an, den Grund­satz­ent­scheid für die Be­schaf­fung neu­er Kampf­jets um bis zu drei Mo­na­te auf­zu­schie­ben. Bis­her war vor­ge­se­hen, dass der Bun­des­rat die­ses Ge­schäft im No­vem­ber ans Par­la­ment über­weist. Jetzt er­klärt Par­me­lin, der Ent­scheid wer­de erst ge­gen En­de Fe­bru­ar fal­len. Mit der Ver­schie­bung auf ei­nen Zeit­punkt nach Bun­des­rats­wahl und De­par­te­ments­ver­tei­lung gä­be Par­me­lin ei­nem all­fäl­li­gen Nach­fol­ger die Chan­ce, das Kampf­jet­ge­schäft an­ders auf­zu­glei­sen. Sein An­satz ist in der Ver­nehm­las­sung auf star­ke Kri- tik ge­stos­sen. FDP und CVP wol­len nichts wis­sen von ei­ner Grund­satz­ab­stim­mung über ein 8-Mil­li­ar­den-Fran­ken-Pa­ket für Kampf­jets und Bo­den-Luft-Ra­ke­ten. Trotz­dem will Par­me­lin am Plan fest­hal­ten. Das Vor­ge­hen mit ei­nem re­fe­ren­dums­fä­hi­gen Pla­nungs­be­schluss blei­be «klar die bes­te Lö­sung». Er wol­le ver­su­chen, die Kri­ti­ker doch noch zu über­zeu­gen. hä

Herr Bun­des­rat, Sie ha­ben ein Pro­blem. Guy Par­me­lin: Hach, ir­gend­wel­che Pro­ble­me gibt es im­mer.

Die­ses be­trifft Ihr wich­tigs­tes Ge­schäft als Bun­des­rat: Ihr Plan für neue Flug­zeu­ge und Bo­den-Luft-Ra­ke­ten fällt in der Ver­nehm­las­sung durch. Das Stoss­rich­tung ist so nicht sind rich­tig. sich al­le In bür- der ger­li­chen un­ter­stüt­zen Par­tei­en die To­ta­ler­neue- ei­nig: Al­le rung un­se­rer Luft­ver­tei­di­gung mit Kampf­flug­zeu­gen und Bod­luv, ei­ner bo­den­ge­stütz­ten Bo­den-Luft-Ver­tei­di­gung. Die­se Ge­schlos­sen­heit gab es 2014 bei der ge­schei­ter­ten Be­schaf­fung des Gri­pen noch nicht: Die Grün­li­be­ra­len et­wa wa­ren da­ge­gen. Ihr Vor­ge­hen mit ei­nem re­fe­ren­dums­fä­hi­gen Pla­nungs­be­schluss wird aber nur von SVP, BDP und GLP un­ter­stützt. Sie ver­ges­sen, dass auch 24 Kan­tons­re­gie­run­gen – ei­ne hat sich nicht ge­äus­sert, ei­ne wei­te­re ent­hal­ten – und so gut wie al­le Wirt­schafts­ver­bän­de und ei­ne Mehr­heit der Mi­li­tär­ver­ei­ne hin­ter un­se­rem Vor­ge­hen ste­hen. FDP und CVP sind – zu­sam­men mit der Lin­ken – da­ge­gen. So kom­men Sie im Par­la­ment nie­mals auf ei­ne Mehr­heit. Ei­ni­ge FDP- und CVP-Par­la­men­ta­ri­er ha­ben mir ge­gen­über si­gna­li­siert, dass sie un­ser Vor­ge­hen ent­ge­gen der Stel­lung­nah­me ih­rer Par­tei un­ter­stüt­zen. Das heisst, Sie hal­ten an Ih­rem Plan fest?

Der Pla­nungs­be­schluss bleibt ganz klar die bes­te Lö­sung. Nur so er­hält die Be­völ­ke­rung die Mög­lich­keit, in ei­nem Grund­satz­ent­scheid über die To­ta­ler­neue­rung der Luft­ver­tei­di­gung ab­zu­stim­men. Die Ar­mee er­hält so sehr rasch Pla­nungs­si­cher­heit für das wei­te­re Vor­ge­hen. Ihr Vor­ge­hen sei Hoch­ri­si­ko, sa­gen FDP und CVP: Falls das Volk den Pla­nungs­be­schluss ab­leh­ne, ste­he die Schweiz ganz oh­ne Schutz im Luf­t­raum da. Po­li­tik ist nie oh­ne Ri­si­ken. Und ei­ne Volks­ab­stim­mung wird es so­wie­so ge­ben. 1993 gab es ei­ne Volks­in­itia­ti­ve ge­gen die F/A-18. 2014 beim Gri­pen stimm­te das Volk über ein Fonds­ge­setz ab. Wenn wir – wie es et­wa die FDP wünscht – die Flug­zeu­ge und Bod­luv-Sys­te­me mit­tels nor­ma­ler Rüs­tungs­pro­gram­me oh­ne Re­fe­ren­dums­mög­lich­keit be­schaf­fen möch­ten, wird es wie­der ei­ne Initia­ti­ve ge­ben. So wä­re die de­mo­kra­ti­sche Mit­spra­che ge­währ­leis­tet.

Auf ei­ne sol­che Volks­in­itia­ti­ve zu war­ten, ist viel mehr Hoch­ri­si­ko als ein Pla­nungs­be­schluss mit Re­fe­ren­dums­mög­lich­keit. Ers­tens wis­sen wir nicht, was genau der In­halt die­ser Initia­ti­ve wä­re. Zwei­tens wür­de sie ver­mut­lich erst lan­ciert, wenn der Ty­pen­ent­scheid ge­fal­len ist. Da­mit hät­ten wir wie­der ei­ne Ab­stim­mung über ei­nen Flug­zeug­typ, was ich ge­ra­de ver­mei­den will. Und drit­tens wür­de ei­ne Volks­in­itia­ti­ve die Be­schaf­fung ver­zö­gern, so­dass die recht­zei­ti­ge Ab­lö­sung der F/A-18 ge­fähr­det wä­re. Ver­ges­sen Sie nicht: Die­se Jets flie­gen nur noch bis 2030. FDP- und CVP-Po­li­ti­ker war­nen, dass Sie das Volk nur schon mit der schie­ren Sum­me von 8 Mil­li­ar­den ver­schre­cken. Dar­um müs­se man Jets und Bod­luv auf­tei­len. Wenn wir das Pa­ket auf­tei­len, dürf­te der Jet-Teil im­mer noch 6 bis 6,5 Mil­li­ar­den Fran­ken kos­ten. Ich glau­be nicht, dass das in ei­ner Ab­stim­mung ei­nen der­art gros­sen Un­ter­schied macht. Trotz­dem: Was pas­siert, wenn das Volk ihr 8-Mil­li­ar­den-Pa­ket ab­lehnt? Dann könn­te man die Ar­gu­men­te, die zum Nein ge­führt ha­ben, ana­ly­sie­ren und ei­nen neu­en, in­halt­lich an­ge­pass­ten An­lauf lan­cie­ren. Ich bin aber sehr zu­ver­sicht­lich, dass das Volk Ja sa­gen wird. Es geht schliess­lich um die Si­cher­heit der Be­völ­ke­rung in un­se­rem Land, um den Schutz un­se­rer Neu­tra­li­tät und um die Zu­kunft un­se­rer Ar­mee. FDP- und CVP-Po­li­ti­ker ar­gu­men­tie­ren auch, dass es ge­gen ei­ne iso­lier­te Bod­lu­vBe­schaf­fung al­lein kaum ei­ne Initia­ti­ve ge­ben dürf­te. Ei­ne Auf­tei­lung ist Sa­la­mi­tak­tik und ge­gen­über den Steu­er­zah­lern nicht kor­rekt. Das Volk soll sich zur gan­zen Luft­ver­tei­di­gung äus­sern kön­nen, nicht nur zu ei­nem Teil. Zu­dem wol­len wir Bod­luv und Flug­zeu­ge op­ti­mal kom­bi­nie­ren. Das ist nicht mög­lich, wenn wir zu­erst nur ein Bod­luv-Sys­tem kau­fen, oh­ne zu wis­sen, wie es nach­her mit den Flug­zeu­gen wei­ter­geht. FDP- und CVP-Po­li­ti­ker fürch­ten sich auch vor ei­nem Prä­ju­diz für ein ge­ne­rel­les Fi­nanz­re­fe­ren­dum. Der Pla­nungs­be­schluss ist kein Fi­nanz­re­fe­ren­dum, weil er nichts aus­sagt über die An­zahl Flug­zeu­ge und Ra­ke­ten­sys­te­me. Im Übri-

«Ei­ne Ab­stim­mung über ei­nen Flug­zeug­typ will ich ver­hin­dern.» «Es macht mir Sor­gen, aber in die­ser Welt spio­niert je­der ge­gen je­den.»

gen die Ein­füh­rung bin ich sel­ber ei­nes eben­falls Fi­nanz­re­fe- ge­gen ren­dums. Die CVP schlägt vor, die Be­schaf­fung der neu­en Flug­zeu­ge im Mi­li­tär­ge­setz zu ver­an­kern. So wä­re eben­falls ein Re­fe­ren­dum mög­lich. Das ist die schlech­tes­te Lö­sung von al­len. Da­für müss­ten wir noch­mals ei­ne Ver­nehm­las­sung durch­füh­ren und wür­den min­des­tens neun Mo­na­te ver­lie­ren. Bis die­se Ge­set­zes­än­de­rung vors Volk kä­me, wä­re der Ty­pen­ent­scheid ge­fal­len. Sie wir­ken ent­schlos­sen: Wie wol­len Sie FDP und CVP doch noch über­zeu­gen? Ich wer­de wei­ter­hin mei­nen Pil­ger­stab in die Hand neh­men und den Po­li­ti­kern mei­ne Ar­gu­men­te er­läu­tern, um sie von dem Pla­nungs­be­schluss zu über­zeu­gen. Nach Plan soll­te der Bun­des­rat den Pla­nungs­be­schluss schon im No­vem­ber über­wei­sen. Ist das im­mer noch Ih­re Ab­sicht? Ich be­ab­sich­ti­ge, dem Bun­des­rat bis En­de Ok­to­ber ein Aus­spra­che­pa­pier zu un­ter­brei­ten mit den Eck­wer­ten für das wei­te­re Vor­ge­hen. Die ei­gent­li­che Bot­schaft ans Par­la­ment wird vor En­de Fe­bru­ar fol­gen. Sind Sie dann über­haupt noch Verteidigungsminister?

Ich füh­le mich im VBS sehr wohl, und zur­zeit ste­hen vie­le wich­ti­ge Ge­schäf­te an, wel­che mir sehr am Her­zen lie­gen. Zu­erst gibt es nun Er­satz­wah­len für die va­kan­ten Bun­des­rats­sit­ze, und ich wer­de heu­te nicht spe­ku­lie­ren, was da­nach pas­siert. Im Mo­ment bin ich Chef des VBS und ha­be nicht nur das Pro­jekt Air 2030 auf dem Tisch, son­dern auch an­de­re gros­se Vor­ha­ben, et­wa die Auf­spal- tung des Rüs­tungs­kon­zerns Ruag oder die Um­set­zung der Ar­mee­re­form WEA. Das In­fra­struk­tur­de­par­te­ment von Do­ris Leuthard und das Wirt­schafts­de­par­te­ment von Jo­hann Schnei­der-Am­mann wer­den frei. Sie könn­ten ei­nes über­neh­men. Die Fra­ge ist ver­früht. Wir Bun­des­rä­te kön­nen we­gen zwei­er Rück­trit­te die Ar­beit in un­se­ren De­par­te­men­ten nicht mo­na­te­lang we­gen ir­gend­wel­cher Even­tua­li­tä­ten ein­stel­len. Als frü­he­rer Land­wirt dürf­te Sie das Wirt­schafts­de­par­te­ment in­ter­es­sie­ren.

Mich in­ter­es­sie­ren vie­le Din­ge.

Letz­te Wo­che ha­ben Hol­land, die USA und Gross­bri­tan­ni­en ko­or­di­niert über rus­si­sche Spio­na­ge­ak­tio­nen in­for­miert, die auch die Schweiz be­tra­fen. War­um schwieg der Bun­des­rat? Wir ha­ben schon vor ei­ni­gen Mo­na­ten kom­mu­ni­ziert, dass wir zu­sam­men mit aus­län­di­schen Part­ner­diens­ten ei­nen An­griff

auf kri­ti­sche In­fra­struk­tur in der Schweiz ver­hin­dert ha­ben. Da­mit ist ge­sagt, was es zu sa­gen gab. Die Schweiz hat aber ein Pro­blem mit rus­si­scher Spio­na­ge.

Die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on macht mir Sor­gen, aber in die­ser Welt spio­niert je­der ge­gen je­den. Wol­len Sie da­mit sa­gen, dass die rus­si­schen Spio­na­ge­an­grif­fe nichts Be­son­de­res sind? Die Schweiz ist und war schon im­mer be­son­ders in­ter­es­sant für aus­län­di­sche Nach­rich­ten­diens­te. Die Auf­ga­be un­se­res Nach­rich­ten­diens­tes ist es, sol­che Spio­na­ge zu ver­hin­dern. Zwei der rus­si­schen Agen­ten, die in Gross­bri­tan­ni­en den An­schlag auf Ser­gei Skri­pal ver­üb­ten, wa­ren zu­vor in Genf. Was ha­ben sie dort ge­macht? Sol­che In­for­ma­tio­nen kom­men­tie­ren wir nicht.

Of­fen­bart die­ser Fall Lü­cken in der Spio­na­ge­ab­wehr?

Im Ja­nu­ar 2016, ich war erst seit drei Wo­chen Bun­des­rat, er­hielt ich die Nach­richt, dass es ei­nen Ha­cker­an­griff auf die Ruag ge­ge­ben hat­te. Seit­her ha­ben wir ei­ne Be­stan­des­auf­nah­me durch­ge­führt und Lü­cken iden­ti­fi­ziert; der Bun­des­rat be­wil­lig­te zu­sätz­li­che Stel­len. Zu­dem ist seit Sep­tem­ber 2017 das neue Nach­rich­ten­dienst­ge­setz in Kraft, das uns bei der Spio­na­ge­ab­wehr ex­trem gu­te Di­ens­te leis­tet.

In­wie­fern?

Da­zu kann ich mich nicht äus­sern. Nur so viel: Das Ge­setz funk­tio­niert sehr gut. Aber es be­las­tet den Nach­rich­ten­dienst auch mit ad­mi­nis­tra­ti­ven Auf­ga­ben. So sind die Ge­su­che an das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt um die Be­wil­li­gung von prä­ven­ti­ven Über­wa­chun­gen sehr auf­wen­dig. Nun stellt sich uns die Her­aus­for­de­rung, auch das ope­ra­tiv tä­ti­ge Per­so­nal des Nach­rich­ten­diens­tes aus­zu­bau­en. Sie wol­len mehr Leu­te für die Spio­na­ge- und Cy­ber­ab­wehr?

Nicht nur, auch der Ji­ha­dis­mus und mög­li­che At­ten­ta­te blei­ben ei­ne Be­dro­hung. Un­ter Lei­tung des neu­en Nach­rich­ten­chefs wer­den nun Prio­ri­tä­ten for­mu­liert. Wie viel zu­sätz­li­ches Per­so­nal wol­len Sie?

Wir brau­chen rasch cir­ca 20 zu­sätz­li­che Per­so­nen.

In­ter­view: Mar­kus Häf­li­ger

Fo­to: Adri­an Mo­ser

Wech­selt Guy Par­me­lin das De­par­te­ment, muss sein Nach­fol­ger die Jets be­schaf­fen.

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