Neue Tö­ne, neue Far­be: SVP gibt Ge­gen­steu­er

Nach ei­ner Se­rie von Nie­der­la­gen über­holt die SVP ih­ren Auf­tritt. Mo­der­ner, po­si­ti­ver und ur­ba­ner soll das wir­ken.

Berner Zeitung (Emmental) - - Vorderseite -

Mit auf­fäl­lig po­si­ti­ven Bot­schaf­ten wirbt die SVP der­zeit für ih­re Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve, die das Ver­hält­nis von Völ­ker­recht und Bun­des­ver­fas­sung neu re­geln möch­te. Auch im In­ter­net ha­ben die Par­tei und ihr na­he­ste­hen­de Krei­se ih­re To­na­li­tät ver­än­dert. Mit Er­folg, wie So­ci­alMe­dia-Fach­leu­te be­ob­ach­ten. Ak­tu­ell wird auf Face­book und Twit­ter ein drol­li­ges Le­go-Fi­gu­ren-Vi­deo ver­brei­tet, das für ein Ja zur Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve wirbt. «Die SVP holt bei So­ci­al Me­dia mas­siv auf», sagt Lau­ra Zim­mer­mann, Co-Prä­si­den­tin von Ope­ra­ti­on Li­be­ro. Die Ab­stim­mungs­pla­ka­te sind in ei­nem Oran­ge ge­hal­ten, das so sehr nach CVP aus­sieht, dass sich CVP-Po­li­ti­ke­rin Ma­ri­an­ne Binder über Dieb­stahl der Cor­po­ra­te Iden­ti­ty be­klag­te. SVP-Prä­si­dent Al­bert Rös­ti und Wahl­kampf­lei­ter Adri­an Am­stutz sind auf Tour­nee, um die Nie­der­la­gen­se­rie der Par­tei zu be­en­den.

Dunk­les Holz, düs­te­res Licht, Män­ner schwen­ken Schwei­zer Fah­nen und ver­tei­len klei­ne ro­te Büch­lein, die Bun­des­ver­fas­sung. Es herrscht Got­tes­dien­stat­mo­sphä­re an die­sem Mon­tag­abend in der Schaff­hau­ser Rat­haus­lau­be. Doch das än­dert sich, als Chris­toph Blo­cher sei­ne Stim­me er­hebt.

The­ma des Abends ist die Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve der SVP oder, wenn es nach Blo­cher geht, die Ret­tung der di­rek­ten De­mo­kra­tie. Blo­cher ist im An­griffs­mo­dus. Die Ar­gu­men­te des grü­nen Na­tio­nal­rats Baltha­sar Glätt­li be­zeich­net er als «Un­sinn» (La­cher). Der Di­rek­to­rin von Eco­no­mie­su­is­se, Mo­ni­ka Rühl, wirft er vor, dass Ma­na­ger die De­mo­kra­tie nicht mö­gen (Ap­plaus). «Frau Rühl, ge­ben Sie es zu», ruft Blo­cher. Rühl: «Das stimmt ein­fach nicht …» Blo­cher (lau­ter): «Na­tür­lich stimmts.» (La­cher und Ap­plaus) Die Links-rechts-Kom­bi­na­ti­on wirkt. Rühl schweigt an­schlies­send mi­nu­ten­lang.

Als der Mo­de­ra­tor den 78-Jäh­ri­gen we­nig spä­ter er­mahnt, schüt­telt der SVP-Pa­tron nur den Kopf. Nein, er wird sich auf sei­ne al­ten Ta­ge hin nicht mehr mäs­si­gen, nicht mehr an­pas­sen. Blo­cher bleibt Blo­cher.

Sei­ne Par­tei hin­ge­gen, die gröss­te des Lan­des, hat sich seit kur­zem ei­nen ganz neu­en Ton auf­er­legt. Ja, es scheint, als er­fin­de sich die SVP gera­de neu. Prä­si­dent Al­bert Rös­ti und Wahl­kampf­lei­ter Adri­an Am­stutz in­ves­tie­ren seit dem Früh­ling viel Kraft und Zeit in die Par­tei­ar­beit, wie die «Schweiz am Wo­che­n­en­de» kürz­lich be­rich­te­te. Um die Nie­der­la­gen­se­rie zu be­en­den und die Nä­he zu den Bür­gern wie­der­zu­fin­den, tourt Rös­ti mit ei­nem VW-Bus durch die Kan­to­ne. Am­stutz trifft sich in der gan­zen Schweiz mit Par­tei­kol­le­gen zu Ge­sprä­chen, um de­ren Mei­nun­gen zu hö­ren und die Volks­par­tei in­halt­lich zu er­neu­ern. In welche Rich­tung es geht? Die Kam­pa­gne zur Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve kann als deut­li­ches In­diz ge­nom­men werden. Mo­der­ner, po­si­ti­ver und ur­ba­ner soll sie sein, die SVP der Zu­kunft.

Plötz­lich in Oran­ge

Am au­gen­fäl­ligs­ten ist es bei den Pla­ka­ten, die seit ei­ni­gen Ta­gen über­all im Land vor­zu­fin­den sind. At­trak­ti­ve jun­ge Bür­ger ste­hen ein für ei­ne po­si­ti­ve Sa­che: «Ja zur di­rek­ten De­mo­kra­tie. Ja zur Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve.» Dass die SVP-Par­tei­ka­der noch vor we­ni­gen Wo­chen mit Kas­per­li­fi­gu­ren Po­li­tik mach­ten – weit weg. Dass sie über ei­ne «kal­te Ent­mach­tung des Vol­kes» durch die po­li­ti­sche Eli­te schwa­dro­nier­ten – ver­ges­sen. Auch von den «frem­den Rich­tern» ist kei­ne Re­de mehr. So­gar das SVP-Sün­ne­li fehlt. Da­für er­scheint das von der Ber­ner Wer­be­agen­tur Ko­met ge­stal­te­te Pla­kat in ei­nem Oran­ge, das so sehr nach CVP aus­sieht, dass sich CVP-Po­li­ti­ke­rin Ma­ri­an­ne Binder ges­tern in der «Aar­gau­er Zei­tung» über Dieb­stahl der Cor­po­ra­te Iden­ti­ty be­klag­te. Die SVP ha­be ab­sicht­lich den Look der CPar­tei imi­tiert, um die «fal­sche Bot­schaft» zu ver­mit­teln, die CVP un­ter­stüt­ze die Initia­ti­ve, so Binder.

Un­ge­wöhn­li­che Ak­ti­vi­tä­ten gibt es auch in den so­zia­len Me­di­en: Ex­em­pla­risch da­für ist ein Vi­deo mit drol­li­gen Le­go-Fi­gu­ren, das seit Wo­chen­be­ginn auf Face­book, Twit­ter und Youtube ver­brei­tet wird. Her­ge­stellt wur­de es von ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on mit dem un­auf­fäl­li­gen Na­men Fo­rum De­mo­kra­tie und Men­schen­rech­te. Die Bot­schaft je­doch fügt sich pass­ge­nau ein in das Nar­ra­tiv der SVP-Pla­kat­kam­pa­gne: Die di­rek­te De­mo­kra­tie schützt die Men­schen­rech­te. Des­halb Ja zur Selbst­be­stim­mung.

Bin­nen we­ni­gen Ta­gen wur­de das Le­go-Vi­deo über 50000-mal ab­ge­spielt, eif­rig ge­teilt und ge­likt. Ein So­ci­al-Me­dia-Hit von rechts. Va­ter des Le­go-Vi­de­os ist Urs Vö­ge­li. Nach­dem er drei Jah­re auf dem Ge­ne­ral­se­kre­ta­ri­at der SVP ge­ar­bei­tet hat­te, mach­te er sich An­fang 2016 als Po­lit­be­ra­ter selbst­stän­dig. Ne­ben­bei ist er Mit­grün­der des Ef­fin­ger beim Bahn­hof Bern, ei­nem tren­di­gen Co-Wor­king-Space mit an­ge­glie­der­ter Kaf­fee­bar. Dort sitzt er und er­zählt von der Dok­tor­ar­beit, die er gera­de schreibt. The­ma: das Zu­sam­men­spiel von De­mo­kra­tie und Men­schen­rech­ten. Vö­ge­li er­wähnt bei­läu­fig den Phi­lo­so­phen Jür­gen Ha­ber­mas, zi­tiert zwi­schen­durch The­sen von SVP-Pro­fes­sor Hans-Ue­li Vogt. Dann sagt er: «Die Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve wird der­zeit schlecht­ge­macht. Es ist von ei­ner An­ti-Men­schen­rechts-Initia­ti­ve die Re­de, von der Herr­schaft der Mehr­heit. Die­se Po­le­mik in­ter­es­siert mich nicht. Ich möch­te in die Tie­fe ge­hen.»

In die Tie­fe? Mit Le­go-Vi­de­os auf SVP-Li­nie? «Ja», sagt Vö­ge­li. Es sei kein Geld ge­flos­sen von der Volks­par­tei. Auch ei­ne in­halt­li­che Ab­stim­mung ha­be es nicht ge­ge­ben. Er sei selbst über­rascht über die To­na­li­tät der SVP-Kam­pa­gne, sagt Vö­ge­li. Aber er fin­de die Pla­ka­te und die Bot­schaft der SVP gut. «Es gibt ei­nen Trend zur Ju­di­zia­li­sie­rung, da­hin al­so, dass im­mer mehr Fra­gen durch Ge­rich­te ent­schie­den werden.» Die Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve set­ze hier ei­nen Ge­gen­ak­zent. «Sie legt das Ge­wicht auf die di­rek­te De­mo­kra­tie.» Die­se Stoss­rich­tung un­ter­stüt­ze auch die par­tei­un­ab­hän­gi­ge Trä­ger­schaft des Fo­rums De­mo­kra­tie und Men- schen­rech­te. Des­halb ha­be man sich auch ent­schie­den, Geld in die Hand zu neh­men, um mit dem Le­go-Vi­deo auf den so­zia­len Me­di­en Reich­wei­te zu er­zie­len. «Wir tes­ten ein biss­chen die­se Wer­be­ka­nä­le», sagt Vö­ge­li. Aber viel Bud­get ste­he da­für nicht zur Ver­fü­gung. Wie viel ge­nau? «Nicht viel», sagt Vö­ge­li. Dass die Schweiz bei ei­nem Ja zur Initia­ti­ve die Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on kün­di­gen müss­te, wie die Geg­ner war­nen, ist für Vö­ge­li «sehr hy­po­the­tisch». Bis zur Kün­di­gung brauch­te es vie­le wei­te­re Schrit­te. «Da hät­te auch das Volk si­cher noch die Ge­le­gen­heit, sich da­zu zu äus­sern.»

Bei den Geg­nern der Initia­ti­ve be­ob­ach­tet man die SVP-Kam­pa­gne sehr auf­merk­sam. Lau­ra Zim­mer­mann, die Co-Prä­si­den­tin von Ope­ra­ti­on Li­be­ro, er­in­nert sich noch ge­nau dar­an, was sie dach­te, als sie Vö­ge­lis Le­goVi­deo zum ers­ten Mal sah. «Ers­tens: Scheis­se! Zwei­tens: Da­mit dür­fen die nicht durch­kom­men.» Kaum je ha­be die SVP ih­re Bot­schaf­ten so stark ver­frem­det wie in der Kam­pa­gne zur Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve, sagt Zim­mer­mann. «Es tönt gut. Es sieht sym­pa­thisch aus, so zi­vil­ge­sell­schaft­lich.» Aber das sei nur Fas­sa­de, ei­ne Ver­wir­rungs­tak­tik. «Die Initia­ti­ve wird da­durch nicht we­ni­ger ge­fähr­lich. Sie zielt auf zen­trals­te Wer­te der Schweiz. Dar­auf müs­sen wir hin­wei­sen», sagt Zim­mer­mann.

Knapp drei Jah­re ist es her, dass die Ope­ra­ti­on Li­be­ro die Dy- na­mik po­li­ti­scher De­bat­ten in der Schweiz be­schleu­nig­te und ver­än­der­te. Lan­ge schien es, als lau­fe das Spiel in den so­zia­len Me­di­en an der SVP vor­bei. In­zwi­schen je­doch sind auch bei der Rech­ten Fort­schrit­te er­kenn­bar. Wie das Le­go-Vi­deo zeigt, ha­ben die SVP und die ihr na­he­ste­hen­den Krei­se gera­de auch von der Ope­ra­ti­on Li­be­ro ge­lernt. Es ge­lingt ihr heu­te bes­ser, jun­ge Leu­te an­zu­spre­chen, die nicht ih­rer Kern­wäh­ler­schaft an­ge­hö­ren. Das ist auch Lau­ra Zim­mer­mann auf­ge­fal­len. Man se­he, dass die SVP ver­mehrt auf so­zia­le Me­di­en set­ze. «Die SVP holt bei So­ci­al Me­dia mas­siv auf.»

Die be­währ­te Dop­pel­stra­te­gie

Die­se Ent­wick­lung dürf­te sich im Wahl­jahr fort­set­zen. Ob die SVP aber auch 2019 auf ein mo­der­nes, po­si­ti­ves Auf­tre­ten setzt, ist noch un­klar. In der Par­tei­zen­tra­le will man je­den­falls nichts von ei­nem grund­sätz­li­chen Stra­te­gie­wech­sel wis­sen.

Dass die Par­tei den Fo­kus bei der Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve auf die di­rek­te De­mo­kra­tie legt, war für Wahl­kampf­lei­ter Adri­an Am­stutz Er­geb­nis ei­ner schlich­ten Gü­ter­ab­wä­gung. Neue Ziel­set­zung, neue Kam­pa­gne. Die SVP braucht ein Ja am 25. No­vem­ber. «Wir wol­len kei­nen Pla­kat­wett­be­werb ge­win­nen, son­dern ei­ne für den ein­zel­nen Stimm­bür­ger zen­tral wich­ti­ge Ab­stim­mung», sagt Am­stutz. Wie die Gü­ter­ab­wä­gung aus­ge­se­hen hat, dar­über schweigt der SVPNa­tio­nal­rat: «Die Stra­te­gie ver­ra­te ich na­tür­lich nicht.» Ein Kurs­wech­sel, sagt Am­stutz, sei das aber si­cher nicht.

Tat­säch­lich schrei­tet die SVP ei­nen Weg wei­ter, denn sie seit län­ge­rem geht. Es gibt in der Par­tei die Lau­ten und Ra­bia­ten. Aber auch die Lei­sen und Kon­kor­d­an­ten. Es ist gera­de die­se Kom­bi­na­ti­on, die den Auf­stieg der Par­tei er­mög­lich­te. Auf den Pla­kat­wän­den er­scheint die Par­tei in die­sen Ta­gen mit ei­nem po­si­ti­ven Män­tel­chen. In den Streit­ge­sprä­chen und Rats­sä­len je­doch ist sie an­grif­fig wie eh und je.

Chris­toph Lenz und Chris­ti­an Zürcher

Bei den Geg­nern der Initia­ti­ve be­ob­ach­tet man die SVP-Kam­pa­gne sehr auf­merk­sam.

Fo­to: Re­to Oesch­ger

«Wir wol­len kei­nen Pla­kat­wett­be­werb ge­win­nen»: Adri­an Am­stutz über die neue Bild­spra­che der SVP.

Fo­to: Fran­zis­ka Ro­then­bue­h­ler

«In die Tie­fe»: Urs Vö­ge­li wirbt mit Le­go für die SVP-Initia­ti­ve.

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