Der Ro­man

Berner Zeitung (Emmental) - - Unterhaltung -

23. Wa­gner leg­te die Ta­ges­zei­tung mit dem Bild der ver­un­stal­te­ten Zoo­hand­lung auf den Tisch. «Me­nitz ver­mu­te­te die Tie­re in die­sem Ge­schäft. Er hat es gründ­lich durch­sucht …»

«Ist das das Werk von Me­nitz’ Leu­ten?», frag­te Teu­ten­berg kühl.

«Ge­nau.» Wa­gner grins­te zu­frie­den. «Raf­fi­niert nicht? Er hin­ter­lässt hau­fen­wei­se Spu­ren, die ver­hin­dern, dass man ihn fin­det…»

«Und er, was hat er ge­fun­den?», un­ter­brach Teu­ten­berg scharf.

«Noch nichts», gab Wa­gner zu, «aber er ist über­zeugt, dass der Weg zu den Tie­ren über die­sen Um­welt­schüt­zer …»

«Tier­schüt­zer», kor­ri­gier­te

Teu­ten­berg.

«… die­sen Tier­schüt­zer füh­ren könn­te. Er heisst Hec­tor Si­mon­net. Im Mo­ment hält er sich in Ka­li­for­ni­en auf. Tier­kon­gress. Me­nitz schlägt vor, sei­ne Rück­rei­se ab­zu­war­ten. Bis dann soll­ten wir uns ru­hig ver­hal­ten …»

«Ru­hig ver­hal­ten!» Teu­ten­berg fiel ihm ins Wort, als hät­te er nur auf das Stichwort ge­war­tet. «Ei­ne Schlä­ge­rei in der Mat­te, ein To­ter in der Lorraine, ei­ne ver­wüs­te­te Zoo­hand­lung in der Stadt! Ich ver­lan­ge ab­so­lu­te Dis­kre­ti­on und was lie­fert Me­nitz? – Ei­ne Schlag­zei­le nach der an­dern!»

«Bing­ge­li war ein Un­fall und der Ein­satz in der Zoo­hand­lung auch ein Ablen­kungs­ma­nö­ver! So­lan­ge kei­ne Zu­sam­men­hän­ge er­kenn­bar sind …»

«Was heisst ‹so­lan­ge›?», fuhr Teu­ten­berg auf. «Es gibt kei­ne Zu­sam­men­hän­ge! Nicht ein­mal für Me­nitz! Ich will doch sehr hof­fen, dass Sie sich dar­an hal­ten!»

«Selbst­ver­ständ­lich», ver­si­cher­te Wa­gner, «of­fi­zi­ell sind Me­nitz und sei­ne Leu­te im­mer noch als Se­cu­ri­ty für den In­ves­to­ren­an­lass in zehn Ta­gen en­ga­giert …»

«Okay!» Teu­ten­berg schien et­was be­ru­higt. «Bis dann möch­te ich al­les un­ter Kon­trol­le wis­sen. Si­mon­net ist ein ech­tes Ri­si­ko. St­auf­fer soll da­für sor­gen, dass die La­bor­ser­vice AG nicht ne­ga­tiv in die Presse kommt, das könn­te ein schlech­tes Licht auf das FEY wer­fen und dies wie­der­um auf Co­o­pers Pro­jekt. Es ist wie beim Obst. Hat je­mand ei­nen brau­nen Fle­cken ent­deckt, er­klärt er den gan­zen Ap­fel für faul.»

«Es ist al­les un­ter Kon­trol­le», ver­si­cher­te Wa­gner. «Und soll­te je­mand ei­nen Fle­cken fin­den, dann haf­tet er an Me­nitz’ Leu­ten. Was sa­ge ich St­auf­fer kon­kret?»

«Die La­bor­ser­vice AG soll recht­lich ge­gen Hec­tor Si­mon­net vor­ge­hen. Und zwar so, dass wir min­des­tens bis zum In­ves­to­ren­an­lass Ru­he vor ihm ha­ben.»

«Das könn­te schwie­rig werden. Wir werden An­zei­ge er­stat­ten müs­sen. Als Tier­schüt­zer hat er die Sym­pa­thi­en auf sei­ner Sei­te.»

«Aber nicht als Wirt­schafts­spi­on!»

«Da müss­ten wir et­was in der Rich­tung ge­gen ihn in der Hand ha­ben.»

«Rich­tig, Herr Wa­gner! Sie ha­ben drei Ta­ge Zeit. Sor­gen Sie da­für, dass bei Si­mon­net ge­nü­gend Ma­te­ri­al ge­fun­den wird, um ihn ein paar Ta­ge aus dem Ver­kehr zu zie­hen.»

«Zum Bei­spiel durch ei­ne Un­ter­su­chungs­haft?» Wa­gner be­gann zu be­grei­fen.

«Zum Bei­spiel – aber das be­stimmt dann letzt­lich un­ser An­walt. Für die Aus­la­gen in­klu­si­ve St­auf­fers Ho­no­rar ha­be ich Fünf­zig­tau­send auf das Spe­sen­kon­to der La­bor­ser­vice AG über­wei­sen las­sen.»

Teu­ten­berg lä­chel­te freund­lich.

«Wie­viel da­von für Sie bleibt, hängt auch von Ih­rem Ver­hand­lungs­ge­schick mit dem Rechts­an­walt und von Me­nitz’ Er­folg ab. Wir se­hen uns in drei Ta­gen.»

Teu­ten­berg ver­ab­schie­de­te sich und ver­liess das Sit­zungs­zim­mer Rich­tung «Schwei­zer­hof». Wa­gner steck­te nach­denk­lich die Zei­tung ein. Er konn­te Teu­ten­bergs schlech­te Lau­ne nicht nach­voll­zie­hen. Me­nitz leis­te­te für die Mist­vie­cher vol­len Ein­satz und er lief sich für den In­ves­to­ren­an­lass die Ha­cken ab.

Wo­rum ging es Teu­ten­berg ei­gent­lich? Was spiel­te er für ei­ne Rol­le? Er schien sich mehr um Pro­fes­sor Co­o­pers Ruf zu sor­gen als je­des an­de­re Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied. Da­bei tauch­te sein Na­me we­der im Or­ga­ni­gramm der La­bor­ser­vice noch des FEY ir­gend­wo auf. Wa­gner sah nur, dass ihm Teu­ten­bergs Zu­satz­auf­trä­ge in den letz­ten zwei Jah­ren mehr ein­ge­bracht hat­ten als sei­ne An­stel­lung bei der La­bor­ser­vice AG.

Wäh­rend er den Jung­brun­nen Rich­tung FEY ver­liess, über­leg­te er, wie er die Fünf­zig­tau­send am ef­fi­zi­en­tes­ten ein­set­zen, sprich, wie er die Aus­ga­ben mög­lichst tief hal­ten konn­te. Er kann­te St­auf­fer. Ein knall­har­ter An­walt mit ei­ner rei­nen Wes­te. Aber Wa­gner wuss­te auch um ein paar Schwach­punk­te und Dreck­fle­cken.

24

Li­ma­cher fand den Rechts­me­di­zi­ner buch­stäb­lich in sei­ne Ar­beit ver­tieft.

«Ich su­che noch die Ne­ben­nie­re, dann bin ich bei dir», er­klär­te Mar­tens und beug­te sich wie­der über die Lei­che.

«Kein Pro blem, die Luft hier ist gut für mei­ne Na­se. Eben noch glaub­te ich mei­nen Ge­ruchs­sinn zu ver­lie­ren und jetzt rie­che ich be­reits wie­der das For­ma­lin.»

«Das hat we­nig mit Rie­chen zu tun», be­lehr­te ihn Mar­tens. «For­ma­lin reizt ganz ein­fach die Schleim­häu­te, das wür­den so­gar Men­schen mit ab­ge­stor­be­nem Ge­ruchs­sinn fest­stel­len kön­nen.»

«Mein Ge­ruchs­sinn ist nicht ab­ge­stor­ben, son­dern ge­stört. Ich fürch­te, der Gang in die Ka­na­li­sa­ti­on hat mei­ne Na­se rui­niert.» Er schnäuz­te sich kräf­tig. «Al­les stinkt, so­gar der Kaf­fee.»

«Das nennt man Ka­kos­mie», do­zier­te Mar­tens in den Bauch der Lei­che, «wenn das an­dau­ert, soll­test du es ab­klä­ren las­sen. Meist steckt ein psy­chi­sches Prob lem da­hin­ter, aber auch ein Ei­ter­herd oder gar ein Hirn­tu­mor kom­men als Ur­sa­che in Fra­ge.»

«Du hast ei­ne selt­sa­me Art, dei­nen Pa­ti­en­ten Trost zu spen­den.»

«Ich bin Rechts­me­di­zi­ner. Mei­ne Auf­ga­be ist nicht zu trös­ten, son­dern die Wahr­heit zu fin­den. Und du bist nicht mein Pa­ti­ent – aber ich rate dir trotz­dem, ei­ne Mas­ke zu neh­men, an­ste­cken kannst du dich auch mit ka­put­ter Na­se.»

Li­ma­cher blick­te auf die Lei­che. «Im­mer noch die Som­mer­grip­pe?»

«Wir tap­pen noch im Dun­keln. Ge­stor­ben ist sie an ei­nem HUS, da kom­men vie­le Ur­sa­chen in Fra­ge.»

«Was ist ein HUS?»

«HUS steht für Hä­m­o­ly­ti­schUrä­mi­sches Syn­drom. Das heisst auf gut Deutsch et­wa so viel wie: Die Blut­kör­per­chen lö­sen sich auf, und die frei wer­den­den Ei­weis­se ver­stop­fen die Nie­ren. Geht die Stö­rung wei­ter, stei­gen nach und nach wei­te­re Or­ga­ne aus. Mul­ti­or­gan­ver­sa­gen nennt sich das dann.»

«Wie bei un­se­rer Ab­was­ser­lei­che?»

«Ähn­lich! Bei Nie­der­hau­ser führ­te ei­ne Blut­ver­gif­tung zur Zer­set­zung des Blu­tes, bei der Pa­ti­en­tin hier ver­mut­lich ei­ne Pan­ne im Ab­wehr­sys­tem. Das Re­sul­tat ist das glei­che: Erst lö­sen sich die Blut­kör­per­chen auf, dann ver­sa­gen die Or­ga­ne.»

Fort­set­zung folgt

Paul Witt­wer: Best­zel­ler. Kri­mi­nal­ro­man.

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