Dreis­te Die­be im Schloss­mu­se­um

Im Schloss­mu­se­um wur­de letz­te Wo­che die weis­se Schür­ze des Di­enst­mäd­chens ge­klaut. Das Stück Stoff mit Spit­zen­be­satz ist über 100 Jah­re alt.

Berner Zeitung (Emmental) - - Erste Seite - Hans Ulrich Schaad

Je­gen­storf Un­be­kann­te ha­ben letz­te Wo­che im Schloss die weis­se, über 100-jäh­ri­ge Schür­ze des «Di­enst­mäd­chens» mit­lau­fen las­sen. Das Ob­jekt hat ei­nen emo­tio­na­len Wert und lässt sich kaum zu Geld ma­chen.

Mu­ri­el­le Schlup ist ent­setzt. Die Lei­te­rin des Schloss­mu­se­ums Je­gen­storf spricht von ei­ner «sinn­lo­sen» Tat: «Un­glaub­lich. Wer macht das und war­um?» Die Tat ist ein Dieb­stahl und das ver­schwun­de­ne Ob­jekt ist die weis­se Schür­ze des Di­enst­mäd­chen. Wie kom­me je­mand auf die Idee, in ei­nem Mu­se­um et­was zu steh­len, erst recht, wenn das Ob­jekt vor­wie­gend «emo­tio­na­len Wert» hat und sich kaum zu Geld ma­chen lässt, fügt Schlup an.

Im Schloss Je­gen­storf ist ei­ne Ecke im Mu­se­ums spe­zi­ell dem Di­enst­per­so­nal ge­wid­met. Da­mit wol­le man zei­gen, wie die­se An­ge­stell­ten frü­her un­ten durch muss­ten. Aus­ser Kost und Lo­gis ver­dien­ten sie nichts, er­zählt Schlup. Ei­ne «äus­serst span­nen­de Par­al­lel­welt» un­ter den Dä­chern des Schlos­ses.

Vie­le Re­ak­tio­nen

In die­ser Ecke steht un­ter an­de­rem ei­ne Pup­pe mit ei­ner schwar­zen Uni­form aus dem 19. Jahr­hun­dert. Die­ses «Di­enst­mäd­chen» trug die­se weis­se Schür­ze, über 100 Jah­re alt und mit Spit­zen­be­satz. «Die Schür­ze war nicht nur um­ge­bun­den», sagt Schlup. «Sie war zu­sätz­lich mit Si­cher­heits­na­deln be­fes­tigt.» Die Tä­ter­schaft muss­te ei­nen ge­wis­sen Auf­wand be­trei­ben, sie konn­te die Schür­ze nicht ein­fach mit­neh­men. «Un­glaub­lich dreist», fasst die Mu­se­ums­lei­te­rin in ih­rem Face­book-Post zu­sam­men, der schon knapp 9000 Per­so­nen er­reicht und un­zäh­li­ge Kom­men­ta­re aus­ge­löst hat.

Der Dieb­stahl pas­sier­te vor rund ei­ner Wo­che. Am Sonn­tag­nach­mit­tag, dem 21. Ju­ni, war die Schür­ze noch da. Am Mitt­woch, als das Mu­se­um am Nach­mit­tag öff­ne­te, wur­de das Feh­len der Schür­ze be­merkt. Ent­we­der noch am Sonn­tag selbst oder am Di­ens­tag­nach­mit­tag muss sich je­mand be­dient ha­ben. Am Mon­tag ist das Mu­se­um ge­schlos­sen.

Spe­zi­ell an der Ge­schich­te sei, dass es sich nicht um den ers­ten Dieb­stahl aus der seit zwei Jah­ren be­ste­hen­den Di­enst­per­so­nalE­cke hand­le, fährt Mu­ri­el­le Schlup fort. So wur­den schon ein an­ti­kes Milch­kän­ne­li, ein Sei­fen­be­häl­ter und ein ein­fa­cher Ker­zen­stock ent­wen­det. Sie kann sich nicht vor­stel­len, dass der Sei­fen­hal­ter nun in ei­nem Ba­de­zim­mer steht oder sich je­mand die Schür­ze zum Ko­chen um­bin­det.

Nach den ers­ten Dieb­stäh­len ha­be die Stif­tung kei­ne An­zei­ge ge­macht. Aber dies­mal wer­de man ei­ne ma­chen. Am Mitt­woch wird Schlup an ei­ner Be­spre­chung mit Stif­tungs­rats­prä­si­dent Urs Ga­sche die An­zei­ge vor­be­rei­ten. Ein selt­sa­mes Ge­fühl, we­gen der Schür­ze ei­nes Di­enst­mäd­chen zur Po­li­zei zu ge­hen. Sie fragt sich, ob die glei­che Tä­ter­schaft da­hin­ter­steckt, weil die Sa­chen im­mer aus der glei­chen Ecke ge­stoh­len wur­den.

Die Stif­tung über­legt sich, Über­wa­chungs­ka­me­ras an­zu­schaf­fen und das Auf­sichts­per­so­nal auf­zu­sto­cken, so­weit das mit den knap­pen fi­nan­zi­el­len Res­sour­cen über­haupt mög­lich ist. Die wert­vol­len Ob­jek­te sei­en aber gut ge­si­chert und hin­ter Vi­tri­nen, be­tont die Mu­se­ums­lei­te­rin.

Ein be­rühm­ter Dieb­stahl

Im Zu­sam­men­hang mit dem Dieb­stahl macht Schlup ei­nen Bo­gen zur ak­tu­el­len Aus­stel­lung «300 Jah­re – 30 Ob­jek­te. Schät­ze und Trou­vail­len der Samm­lung» an­läss­lich des Ju­bi­lä­ums 300 Jah­re Ba­rock­schloss. Ei­nes der dort ge­zeig­ten Ob­jek­te ist ei­ne gol­de­ne Ta­bak­do­se. Sie war ein Ge­schenk von Kö­nig Fried­rich I. von Würt­tem­berg an Phil­ipp Ema­nu­el von Fel­len­berg an­läss­lich des Be­suchs in Hof­wil im Jahr 1808.

An die­ser wert­vol­len Do­se fand der be­rüch­tig­te El­säs­ser Kunst­dieb Sté­pha­ne Breit­wie­ser Ge­fal­len und ent­wen­de­te sie aus dem Schloss. Die Do­se ge­hör­te zu je­nen 239 Kunst­wer­ken mit ei­nem Wert von 1,4 Mil­li­ar­den Fran­ken, die Breit­wie­ser zwi­schen 1995 und 2001 ge­stoh­len hat­te, um sei­ne pri­va­te Kunst­samm­lung zu er­wei­tern. Nach sei­ner Fest­nah­me er­hielt das Schloss die wert­vol­le Ta­bak­do­se un­ver­sehrt zu­rück.

Foto: PD

Heu­te trägt das Di­enst­mäd­chen nur noch Schwarz. Die weis­se Schür­ze ist ge­stoh­len wor­den.

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