Auf dem Land zu neu­en Ide­en

Die preis­ge­krön­te Ber­ner Sa­ti­ri­ke­rin trenn­te sich von Hab und Gut und zog von der Stadt in ei­ne klei­ne Woh­nung aufs Land. War­um?

Berner Zeitung (Emmental) - - Erste Seite - Ma­ri­na Bolz­li

Die Ber­ner Sa­ti­ri­ke­rin hat sich von ih­rem Be­sitz ge­trennt und ist von der Stadt in ein klei­nes Dorf im Mit­tel­land ge­zo­gen. Hier kom­me sie auf neue Ide­en.

«Nor­ma­ler­wei­se sieht man die Ber­ge», sagt Li­sa Ca­te­na und deu­tet hin­aus. Dort gibt es nur Wol­ken – und dar­un­ter sat­tes Grün, so weit das Au­ge reicht. Vor ein­ein­halb Jah­ren ist Ca­te­na mit ih­rem Part­ner in ein 350-See­len­dorf im Ber­ner Mit­tel­land ge­zo­gen. Das Züg­li von Bern hier­her braucht 20 Mi­nu­ten, es fährt ein­mal die St­un­de. Beiz gibts kei­ne mehr im Dorf, nur ei­nen Hof­la­den, Kü­he, Wald und Ho­ckey spie­len­de Jungs auf der Stras­se.

Li­sa Ca­te­na wohnt hier in ei­nem Stöck­li. Zwei gross­zü­gi­ge Räu­me mit we­nig Mö­beln. Ein Bett, ein So­fa, ei­ne Hän­ge­mat­te. Ein Tisch, vier Stüh­le. Vor­her be­wohn­te Ca­te­na al­lein ei­ne 4-Zim­mer-woh­nung in der Ber­ner Läng­gas­se. Das Haus wur­de sa­niert, die Mie­te er­höht, Ca­te­na zog aus. «Ich muss­te mich von vie­lem tren­nen, als ich hier­her­kam», sagt sie.

«Ich hat­te vor­her ei­nen so voll­ge­stopf­ten Kopf, ich konn­te nicht mehr ar­bei­ten. Es war von al­lem zu viel: Lärm, Hek­tik, Kon­sum.» Da­bei hät­te sie doch ein neu­es Pro­gramm ent­wi­ckeln sol­len, lus­ti­ge Ko­lum­nen schrei­ben, Ra­dio­sen­dun­gen ge­stal­ten. Denn für die 41-jäh­ri­ge Ber­ne­rin lief es grad rich­tig gut. Seit sie 2012 das ers­te Olt­ner Ka­ba­rett-cas­ting ge­won­nen hat­te, stand sie mit ei­ge­nen Sa­ti­re­pro­gram­men auf der Büh­ne. Im Re­per­toire hat­te sie im­mer zwei: ei­nes auf Bern­deutsch für das Schwei­zer Pu­bli­kum, ei­nes auf Hoch­deutsch für das Pu­bli­kum im Nach­bar­land. Für die­se Pro­gram­me wur­de sie mehr­mals aus­ge­zeich­net, zu­letzt et­wa mit dem För­der­preis des Deut­schen Ka­ba­rett­prei­ses (2019). Nun wä­re ein neu­es Schwei­zer Pro­gramm ge­fragt ge­we­sen.

«Zu­ge­müllt mit Sa­chen»

«Das Schrei­ben mach­te mir kei­ne Freu­de mehr», sagt Li­sa Ca­te­na

jetzt. Sie sitzt am Tisch und trinkt ein Glas Was­ser. Die Kri­se sei exis­ten­zi­ell ge­we­sen. «Ich hat­te kei­ne fri­schen Ide­en mehr, ich war so zu­ge­müllt mit Sa­chen.» Das er­ge­be sich wohl so, ir­gend­wann als Stu­den­tin fan­ge man an, Din­ge an­zu­häu­fen, Klei­der, Bü­cher, Krims­krams, am Schluss sei es im­mer mehr. Im Nach­hin­ein den­ke sie, dass vie­le ih­rer Ein­käu­fe Kom­pen­sa­ti­ons­hand­lun­gen ge­we­sen sei­en. «Nach je­dem Auf­tritt be­lohn­te ich mich mit et­was Schö­nem.»

Vor ih­rem Um­zug be­sass Li­sa Ca­te­na vier­zig Paar Schu­he, un­zäh­li­ge Klei­der, Bü­cher, Haus­halts­ge­gen­stän­de. Vie­les hat sie ver­schenkt oder in die Bro­cken­stu­be ge­bracht, vie­les auch weg­ge­wor­fen. «Die meis­ten Sa­chen ha­ben fast kei­nen Wert mehr, denn das Neue ist so bil­lig, dass es nicht lohnt, et­was ge­braucht zu kau­fen», sagt Ca­te­na.

Zehn Paar Schu­he hat sie heu­te noch, Ski- und Wan­der­schu­he mit ein­ge­rech­net. Zwei Paar Je­ans und zwei far­bi­ge Auf­tritts­ho­sen, zehn weis­se T-shirts. Mi­ni­ma­lis­mus ist im Trend. Li­sa Ca­te­na hat er be­freit. Seit sie aufs Land ge­zo­gen sei, ha­be sie noch mehr

Din­ge weg­ge­ge­ben. Und nein, ver­misst ha­be sie noch nie et­was von dem, was nicht mehr da war. Und als letzt­hin ei­ne ih­rer Je­ans ge­ris­sen sei, ha­be sie sich ei­ne neue ge­kauft. «Ich ha­be mich ge­freut wie ein klei­nes Kind.»

We­ni­ger In­ter­net macht frei

Das Ma­te­ri­el­le ist aber nur der klei­ne­re Teil. Wirk­lich frei ge­macht ha­be sie die Zeit­be­schrän­kung von Han­dy und so­zia­len Me­di­en. Zur Un­ter­strei­chung ih­rer Aus­sa­ge hebt sie ihr Mo­bil­te­le­fon hoch, drückt kurz dar­auf her­um. «Ich darf zum Bei­spiel nur zehn Mi­nu­ten pro Tag auf Ins­ta­gram sein, und ich ha­be al­le Push-nach­rich­ten ab­ge­stellt.» So hat Ca­te­na sich selbst über­lis­tet. «Am An­fang war ich rich­tig auf Ent­zug, erst da merk­te ich, dass es ei­ne Sucht ge­we­sen war», sagt sie. «Ich muss­te strikt und ra­di­kal zu mir sein.» Jetzt ha­be sie sich dar­an ge­wöhnt.

Sie spa­ziert mehr im Wald, ist mehr al­lein. Und sie hat neue Ide­en. «Ich ha­be wie­der Platz im Kopf», sagt Ca­te­na. Die­se Tat­sa­che al­lein ma­che sie nun si­cher nicht zu ei­ner bes­se­ren Ka­ba­ret­tis­tin. Aber sie füh­le sich bes­ser in die­ser Wei­te, weg von der Hek­tik. «Manch­mal fra­ge ich mich, ob des­halb vie­le Songs so aus­tausch­bar klin­gen. Weil al­le so über­sti­mu­liert sind und die fri­schen Ide­en feh­len?»

Li­sa Ca­te­na hat ihr Pro­gramm ge­schrie­ben. Es heisst «Fer­tig Thea­ter» und han­delt vom Thea­ter, das die Welt­po­li­tik ver­an­stal­tet. Und ein biss­chen auch von der Wand­lung, die Ca­te­na durch­mach­te. «Dar­über kann man pri­ma Witze ma­chen», sagt sie.

Ein po­si­ti­ver Ef­fekt lässt sich aber nicht weg­re­den: «Seit ich mi­ni­ma­lis­tisch le­be, ge­be ich we­ni­ger Geld aus.» So kann Li­sa Ca­te­na auch der durch Co­ro­na aus­ge­lös­ten Kri­se der Kul­tur­schaf­fen­den ge­las­se­ner ent­ge­gen­bli­cken. «Ich le­be un­ter mei­nem Bud­get», sagt sie. «Und wenn das mit der Kul­tur dann ein­mal nicht mehr geht, ha­be ich si­cher ei­ne an­de­re gu­te Idee.»

Draus­sen hat es zu nie­seln be­gon­nen. Die Ber­ge ver­ste­cken sich im­mer noch. Doch das sat­te Grün, es bleibt.

Vor­stel­lun­gen «Fer­tig Thea­ter»: Sa, 17. 10., 20 Uhr; So, 18. 10., 17 Uhr, La Cap­pel­la, Bern.

Foto: Ra­pha­el Mo­ser

Li­sa Ca­te­na wohnt seit kur­zem auf dem Land.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.