Wie Nat­a­cha kämpf­te

Sie wur­de als ers­te Mun­d­art-ro­cke­rin be­kannt. Das ist nun 30 Jah­re her. Heu­te ist Nat­a­cha zwei­fa­che Gross­mut­ter und er­zählt, wie sie sich ih­ren Platz im Mu­sik­ge­schäft er­kämpf­te.

Berner Zeitung (Emmental) - - Erste Seite - Re­gi­na Schnee­ber­ger

Die Sän­ge­rin be­haup­te­te sich in ei­ner rei­nen Män­ner­do­mä­ne. Vor 30 Jah­ren war das kein Leich­tes.

«Wenn Schluss ist, sa­ge ich das erst am letz­ten Kon­zert.»

Sän­ge­rin Nat­a­cha

Es ist ru­hig an die­sem wol­ken­ver­han­ge­nen Vor­mit­tag beim Land­gast­hof Lueg. In der Fer­ne klin­gen die Kuh­glo­cken, hin und wie­der fährt ein Trak­tor vor­bei. Der Blick schweift über die Em­men­ta­ler Hü­gel. Dann ein Auf­tritt, der nicht so recht in die­se länd­li­che Idyl­le pas­sen will. Sän­ge­rin Nat­a­cha fährt mit ih­rem Ma­na­ger und Le­bens­part­ner Heinz Win­zen­ried im schwar­zen Of­f­roa­der vor. Er, der Ge­schäfts­mann, klas­si­scher Ka­ro­man­tel, mo­der­ner Kurz­haar­schnitt. Sie, die Ro­cker-la­dy, Trai­ner­jägg­li, Dech­li­kap­pe, un­zäh­li­ge Rin­ge an den Fin­gern.

Per­sön­lich­kei­ten und ih­re Or­te

Und doch ge­hört Nat­a­cha un­ver­kenn­bar hier­hin. Das wird auf dem kur­zen Spa­zier­gang zum Lueg-denk­mal klar. Zu je­nem Aus­sichts­punkt, den an son­ni­gen Sonn­ta­gen Scha­ren von Aus­flüg­lern auf­su­chen. Im­mer wie­der hält Nat­a­cha Uti­ger, wie sie mit ge­bür­ti­gem Na­men heisst, in­ne. Die Burg­dor­fe­rin er­zählt von Kind­heits­er­in­ne­run­gen. Wie sie im Som­mer mit ih­ren drei Brü­dern Fris­bee spiel­te und im Win­ter die Hän­ge auf dem Schlit­ten run­ter­saus­te.

Fast je­des Wo­che­n­en­de sei­en sie die­sen Weg ge­gan­gen. «Wenn wir Gäs­te hat­ten, ka­men wir hier­hin.» Und Gäs­te hat­ten sie oft. Der Va­ter, Di­rek­tor der Cha­let Kä­se AG, hat­te vie­le in­ter­na­tio­na­le Kon­tak­te, brach­te ih­nen den Burg­dor­fer Schmelz­kä­se nä­her. Auch zu Hau­se war der Kä­se Dau­er­the­ma. «Wir ha­ben die ers­ten Fon­du­emi­schun­gen pro­biert, be­vor sie auf den Markt ka­men.»

Kei­ne Kon­zer­te

Die Burg­dor­fer Kä­se­fa­brik gibt es heu­te nicht mehr, ei­ne an­de­re Familientr­adition führt Nat­a­cha aber fort. Hat die 55-Jäh­ri­ge Mu­si­k­er­freun­de aus ver­schie­de­nen Län­dern zu Be­such, geht sie zum Lueg-denk­mal. «Hier hat man den schöns­ten Blick übers Val­ley», sagt sie. An­de­re Mu­si­ker, auch ih­re Band, sieht sie der­zeit aber kaum noch. Kei­ne Kon­zer­te, kei­ne Pro­ben in vol­ler Be­set­zung. Die Co­ro­na-kri­se trifft das Ge­schäft hart. Im März ist Nat­a­chas vier­zehn­tes Al­bum er­schie­nen. Pro­mo­ten konn­te sie es nicht wie ge­plant: Die Tour­nee hat sie auf den Früh­ling 2021 ver­scho­ben. Zwar wä­ren Kon­zer­te mit Auf­la­gen wie­der mög­lich ge­we­sen. «Ich woll­te das Ri­si­ko aber nicht ein­ge­hen.» Dass sich je­mand an ei­nem ih­rer Auf­trit­te hät­te an­ste­cken kön­nen, das konn­te sie nicht ver­ant­wor­ten.

Nat­a­cha und ih­re Band fan­den aber neue We­ge. So zeich­ne­ten sie ein Kon­zert in der Kul­tur­fa­brik Lyss auf. Nicht nur für die Fans, auch für ih­re Cr­ew ha­be sie das ge­macht. 25 Leu­te ge­hö­ren zum Team, vie­le da­von ar­bei­ten hin­ter der Büh­ne. «Die Ton­tech­ni­ker, die Büh­nen­bau­er, sie lei­den be­son­ders un­ter der Kri­se.» Sie selbst müs­se zum Glück kei­ne exis­ten­zi­el­len Ängs­te ha­ben. Die Tan­tie­men von Hits wie «Söl­li, söl­li nid» oder «Ban­de­ras» flies­sen nach wie vor. «Aber die Si­tua­ti­on ist auch für mich sehr be­ängs­ti­gend.»

Wäh­rend sich ei­ni­ge Künst­ler zu The­men rund um die Pan­de­mie ex­po­nie­ren, hält sich Nat­a­cha zu­rück. «Ich se­he mich nicht als Co­ro­na-pro­phe­tin.» Trotz­dem fin­de sie es falsch, wer­de et­wa Mar­co Ri­ma in ei­ne Ecke ge­drängt. «Als Ko­mi­ker hat er das Recht, sich kri­tisch zu äus­sern.»

Nä­hen war nicht ihr Ding

Zu­rück beim Land­gast­hof Lueg, schwelgt die Sän­ge­rin in Er­in­ne­run­gen. Hier wir­te­te einst ih­re Tan­te. Hier ging Nat­a­cha ein und aus, als sie le­dig­lich das Mäd­chen aus Burg­dorf war, das ger­ne Ge­dich­te schrieb. Dass sie der­einst als ers­te Frau in der Schweiz ein Mun­d­ar­talbum ver­öf­fent­li­chen und da­mit gleich auf Rang 1 der Schwei­zer Al­bum­charts lan­den wür­de, ahn­te nie­mand.

Zwar spiel­te sie schon als Kind Gi­tar­re und Kla­vier, zu­erst schlug sie be­ruf­lich aber ei­nen ganz an­de­ren Weg ein. «Ich woll­te Mo­de­zeich­ne­rin wer­den.» Sie mach­te die Auf­nah­me­prü­fung an der Frau­en­schu­le Bern. Doch ih­re Näh­küns­te reich­ten nicht aus. «Ich wur­de Rock­sän­ge­rin, weil ich die Kehr­naht nicht be­herrsch­te», sagt sie und lacht. Erst mach­te sie aber an der Kunst­ge­wer­be­schu­le ei­ne Aus­bil­dung zur Gra­fi­ke­rin.

Auf ei­nem Klas­sen­aus­flug nach Zü­rich dann ei­ne schick­sal­haf­te Be­geg­nung. Die da­mals 16-Jäh­ri­ge sah im Zug ei­ne Mu­si­ke­rin mit elek­tri­scher Gi­tar­re. «Ei­ne Frau mit die­sem In­stru­ment, das hat mich be­ein­druckt.» Sie ka­men ins Ge­spräch. Die Mu­si­ke­rin heu­er­te Nat­a­cha für ih­re Tanz­band an. Sie tra­ten an den Wo­che­n­en­den in Dan­cings in der gan­zen Schweiz auf. Nat­a­cha lern­te ei­ni­ges über die Mu­sik, wäh­rend der Va­ter mein­te, sie ler­ne mit ih­rer Freun­din Li­lo für die Schu­le. «Als es aus­kam, ha­be ich mei­nen ers­ten und ein­zi­gen Chlapf kas­siert.»

Von da an ging es schnell auf­wärts. Mit ih­rer ers­ten ei­ge­nen Band «Big Trou­ble with Nat­a­cha» wur­de sie An­fang der 90er­jah­re be­rühmt. Als ein­zi­ge Frau in der Sze­ne muss­te sie sich ne­ben Grös­sen wie Po­lo Ho­fer oder Ku­no Laue­ner be­haup­ten. Auch ge­gen­über den Pro­du­zen­ten brauch­te sie Biss. Dass sie ih­re Lie­der selbst schrieb, mach­te es nicht ein­fa­cher. «Je­der wuss­te es bes­ser und woll­te mir vor­schrei­ben, wie mei­ne Mu­sik klin­gen muss.» Mit je­dem neu­en Al­bum ha­be sie sich mehr durch­ge­setzt.

Für die Mu­sik kämpf­te sie of­fen, im Um­gang mit den Me­di­en mach­te sie hin­ge­gen dicht. Al­le hät­ten ge­sagt, sie ha­be ein her­zi­ges La­chen. «So woll­te ich nicht wir­ken, das war für mich nicht Rock ’n’ Roll.» Sie lach­te so we­nig wie mög­lich, gab kei­ne In­ter­views. «Klar war das rück­bli­ckend et­was doof.» Doch sei es da­mals viel schwie­ri­ger ge­we­sen. «Ich hat­te kei­ne weib­li­chen Vor­bil­der, kei­ne Pr-be­ra­ter.»

Die jun­ge Mut­ter

Erst als es in den Schlag­zei­len hiess, sie sei gar nicht die Mut­ter ih­rer Söh­ne, mach­te sie den Mund auf. «Das muss­te ich rich­tig­stel­len.» Auch spä­ter war ih­re Rol­le als jun­ge Mut­ter – mit 20 Jah­ren be­kam sie ih­ren ers­ten Sohn – The­ma. Im­mer wie­der kam die Fra­ge: «Wer passt denn auf die Kin­der auf?» Das ha­be sie un­glaub­lich ver­letzt. Es im­pli­zier­te, dass sie ei­ne schlech­te Mut­ter sei. Da­bei sei­en ih­re Kin­der an ers­ter Stel­le ge­stan­den.

Mitt­ler­wei­le sind ih­re Söh­ne er­wach­sen, ha­ben ei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie. «Bald wer­de ich zum drit­ten Mal Gross­mut­ter.» Dar­auf sei sie sehr stolz. Doch de­fi­nie­re sie sich nicht nur als Gross­mut­ter, son­dern nach wie vor auch als Mu­si­ke­rin. Nach mehr als 30 Jah­ren auf der Büh­ne hat Nat­a­cha noch nicht ge­nug. «Ich ha­be ganz vie­le Ide­en und Träu­me.» Ei­nen in­ter­na­tio­na­len Hit möch­te sie et­wa noch lan­den. Wie an­de­re zehn­mal ih­re letz­te Tour­nee an­kün­di­gen wer­de sie je­den­falls nicht. «Wenn Schluss ist, sa­ge ich das erst am letz­ten Kon­zert.»

Foto: Chris­ti­an Pfan­der

Zum Aus­sichts­punkt auf der Lueg zieht es Nat­a­cha im­mer wie­der.

Foto: PD

In den An­fän­gen: Die Mun­dart­sän­ge­rin mit ih­rer ers­ten Band «Big Trou­ble with Nat­a­cha».

Foto: PD

Statt vor Pu­bli­kum zu spie­len, zeich­ne­te Nat­a­cha ihr Kon­zert in der Ku­fa auf.

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