Berg­haus ist um­kämpft

Berner Zeitung (Stadt) - - Vorderseite -

Die Ge­mein­de hat den Kauf des Gur­n­igel-Berg­hau­ses für die Ge­mein­de­ver­samm­lung trak­tan­diert. Aber auch der Ber­ner SVP-Stadt­rat und Wirt Ro­land Iseli will die Lie­gen­schaft, wie er an ei­nem In­for­ma­ti­ons­abend in Riggisberg dar­leg­te. Er ruft die Rig­gis­ber­ger Stimm­be­rech­tig­ten da­zu auf, an der Ge­mein­de­ver­samm­lung vom Mon­tag ge­gen den Kauf der Lie­gen­schaft durch die Ge­mein­de zu stim­men. lfc

Ei­nen Hut und ei­ne Strick­na­del: Mehr braucht der pro­fes­sio­nel­le Ge­schich­ten­er­zäh­ler Martin Baud nicht, um sein Pu­bli­kum zu ver­zau­bern.

Ge­schich­ten­er­zäh­len kön­ne man nicht ler­nen, ist Martin Baud über­zeugt. «Man wächst viel­mehr hin­ein», sagt er und nimmt ei­nen tie­fen Zug aus sei­ner Zi­ga­ret­te. Die­se Wachs­tums­pha­se hat der 60-Jäh­ri­ge schon lan­ge hin­ter sich; Baud ver­dient mit dem Er­zäh­len von Ge­schich­ten sei­nen Le­bens­un­ter­halt: Er tritt an Fes­ti­vals auf, ver­an­stal­tet Stadt­füh­run­gen für Kin­der und ist aus­ser­dem Initi­ant des na­tio­na­len Mär­chen- und Ge­schich­ten­fes­ti­vals Klap­per­la­papp, das die­ses Wo­che­n­en­de in Bern statt­fin­det (sie­he Kas­ten).

Auch wenn Baud über ein The­ma spricht, schweift er im­mer wie­der ab und ver­liert sich in ei­ner An­ek­do­te. «Wir al­le sind Ge­schich­ten­er­zäh­ler – es ist das, was wir al­le den gan­zen Tag lang ma­chen», sagt das Ber­ner Ur­ge­stein und schrei­tet da­bei in Ge­dan­ken ver­sun­ken um­her. «Nur tun wir das heu­te lei­der nicht mehr nur mit dem Mund, son­dern oft ein­fach, in­dem wir Fo­tos auf dem Bild­schirm zei­gen.» Heut­zu­ta­ge sei man haupt­säch­lich Zu­schau­er, sin­niert Baud wei­ter, «das Zu­hö­ren ha­ben wir schon lan­ge ver­lernt».

«Nur we­gen der Ge­brü­der Grimm ha­ben die Leu­te das Ge­fühl, Mär­chen sei­en hei­lig.»

Martin Baud

Ver­fech­ter des frei­en Spiels

Mit der mo­der­nen Tech­nik hat Martin Baud so sei­ne Dif­fe­ren­zen, In­ter­net be­nutzt er kaum. In sei­ner Spie­le­werk­statt an der Wank­dorf­feld­stras­se do­mi­niert das Ma­te­ri­al Holz: An den Wän­den leh­nen selbst ge­zim­mer­te Spiel­ti­sche und Schil­der, die höl­zer­nen Re­ga­le sind ge­füllt mit Werk­zeu­gen und Farb­töp­fen.

Vor über dreis­sig Jah­ren hat Baud – der sich selbst als Au­to­di­dak­ten be­zeich­net – da­mit be­gon­nen, höl­zer­ne Spiel­ge­rä­te zu ent­wi­ckeln und zu ver­mie­ten. Ob an Ge­burts­tags­fes­ten, Fa­mi­li­en­fei­ern oder bei An­läs­sen: Auch heu­te fin­den Wa­ckel­la­by­rinth und Tisch­ke­gel­bahn im­mer noch Ver­wen­dung. Neue Spie­le­rei­en sind aber schon lan­ge kei­ne mehr ent­stan­den: «Die gan­zen Vor­schrif­ten, die man heu­te be­fol­gen soll­te, um die Sa­chen für Kin­der si­cher zu ma­chen, sind mir zu streng.»

Da­von, den Nach­wuchs über­mäs­sig zu be­hü­ten, hält Baud we- nig. «Kin­der dür­fen auch Feh­ler ma­chen und Ri­si­kos ein­ge­hen», meint der Ver­fech­ter des frei­en Spiels. Die­ses Mot­to ha­be er et­wa auch ver­folgt, als er mit der Stadt den Spiel­platz am Schüt­zen­weg ge­stal­tet ha­be. Oder als er half, das Sei­fen­kis­ten­ren­nen am Aar­gau­er­stal­den ins Le­ben zu ru­fen.

Das lei­di­ge Er­be der Grimms

Wenn ei­ne Grup­pe Kin­der vor ihm auf dem Bo­den sitzt, ge­spannt sei­ner Vor­stel­lung lauscht und im rich­ti­gen Mo­ment lacht oder er­staunt den Mund auf­reisst – das ge­fällt dem Mann mit den gros­sen Au­gen und dem weis­sen Bart.

Um sol­che Ef­fek­te bei Kin­dern und Er­wach­se­nen her­vor­zu­ru­fen, braucht Martin Baud nicht viel: ei­nen Zy­lin­der auf dem Kopf und ei­ne Strick­na­del in den Hän­den, das reicht. Die meis­te Ar­beit er­le­di­gen sei­ne Hän­de, die un­ent­wegt ges­ti­ku­lie­ren, so­wie na­tür­lich sei­ne Stim­me, die mal lei­se flüs­tert, mal laut schreit.

Ne­ben die­sen rhe­to­ri­schen Tricks sei für ei­nen ge­lun­ge­nen Auf­tritt auch die rich­ti­ge Er­zäh­lung ent­schei­dend. «Mein Re­per­toire ist nicht rie­sig», meint Baud, «aber ich ha­be für je­de Ge­le­gen­heit die rich­ti­ge Sto­ry pa­rat.» Und falls mal tat­säch­lich nichts Ein­stu­dier­tes pas­se, wer­de es halt pas­send ge­macht. Auch von stu­ren Er­zähl­mus­tern hält Baud we­nig: Ge­schich­ten soll­ten wan­del­bar sein, fin­det das Ber­ner Ur­ge­stein. So sei es schon frü­her ge­we­sen: «Nur we­gen der Ge­brü­der Grimm ha­ben die Leu­te das Ge­fühl, Mär­chen sei­en hei­lig.»

Auch ein mo­ra­li­scher oder päd­ago­gi­scher Wert müs­se nicht zwin­gend vor­han­den sein – ei­ne wei­te­re Auf­fas­sung, die auf dem Mist der deut­schen Brü­der ge­wach­sen sei. We­gen die­ser hät­ten al­le das Ge­fühl, Mär­chen sei­en nur et­was für Kin­der. «Da­bei sind Mär­chen ei­gent­lich sehr fri­vol», meint Baud, zieht ein wei­te­res Mal an sei­ner Zi­ga­ret­te und fängt an zu grin­sen. «Wis­sen Sie et­wa, was die Pro­sti­tu­ier­ten in der Stadt Bern frü­her als Er­ken­nungs­zei­chen tru­gen?» Und nach ei­ner kur­zen, rhe­to­risch wirk­sa­men Pau­se lie­fert er die Ant­wort: «Ein ro­tes Käpp­chen.»

Shei­la Mat­ti

Foto: Su­san­ne Kel­ler

Zau­ber- und Grimm­wald: Martin Baud in sei­ner Spie­le­werk­statt vor den Schil­dern des al­ler­ers­ten Klap­per­la­papps.

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