Wenn Freun­de zu Ri­va­len wer­den

Berner Zeitung (Stadt) - - Region -

Das heu­ti­ge Du­ell zwi­schen Por­tu­gal und Spa­ni­en wird für Fran­cis­co Ara­gão und An­to­nio Cal­vo zur Be­las­tungs­pro­be. Der Por­tu­gie­se und der Spa­nier aus Bern sind seit Jah­ren be­freun­det. Nun wer­den sie un­frei­wil­lig zu Ri­va­len.

Es ist mehr als ein Grup­pen­spiel, das heu­te Abend im rus­si­schen Sot­schi über die Büh­ne geht. Es ist ein Du­ell zwei­er Fuss­ball­gi­gan­ten, zwei­er Nach­barn, zwei­er Erz­ri­va­len. Und es ist be­reits am zwei­ten WM-Tag der ers­te gros­se Knül­ler: Por­tu­gal ge­gen Spa­ni­en. Hier der am­tie­ren­de Eu­ro­pa­meis­ter mit Su­per­star Cris­tia­no Ro­nal­do, da der Welt­meis­ter von 2010 mit sei­nem neu­en Mix aus Rou­ti­niers und jun­gen Ta­len­ten.

Das Spiel wird je­den Fuss­ball­fan in sei­nen Bann zie­hen. In Russ­land. In Por­tu­gal und Spa­ni­en so­wie­so. Und in Bern, wo vie­le por­tu­gie­si­sche und spa­ni­sche Ein­wan­de­rer le­ben. Zwei von ih­nen sind Fran­cis­co Ara­gão und An­to­nio Cal­vo. Der 55-jäh­ri­ge Por­tu­gie­se und der 42-jäh­ri­ge Spa­nier sind seit fast zwei Jahr­zehn­ten be­freun­det, tref­fen sich re­gel­mäs­sig zu ei­nem Glas Wein oder schau­en zu­sam­men Fussball. Wenn nicht ge­ra­de die Ber­ner Young Boys oder Ben­fi­ca Lis­s­a­bon spie­len, fie­bert der Por­tu­gie­se Ara­gão so­gar mit Cal­vos Her­zens­ver­ein Re­al Madrid mit.

Un­ge­lieb­tes Du­ell

Heu­te Abend wird das an­ders sein. Da un­ter­stüt­zen die bei­den in ers­ter Li­nie ih­re ei­ge­nen Far­ben. «Die Spa­nier moch­te ich so­wie­so nie – nur die Spa­nie­rin­nen», scherzt Ara­gão. Es sind sol­che Sprü­che, mit de­nen sich die Freun­de in den letz­ten Ta­gen oft ein­ge­deckt ha­ben. Sie ver­deut­li­chen die Ri­va­li­tät, die ei­gent­lich aber ei­ne un­frei­wil­li­ge ist. «Ganz ehr­lich», sagt Ara­gão, «als ich er­fuhr, dass wir Spa­ni­en in der Grup­pe ha­ben, hör­te ich das nicht gern.» Nicht weil das ei­nen har­ten Bro­cken be­deu­te. Son­dern weil der gros­se Ri­va­le eben auch wie ein gros­ser Bru­der sei. «Wir ha­ben es al­le gut mit­ein­an­der.»

Ähn­lich tönt das bei Cal­vo. Beim Spa­nier kommt ein wei­te­rer Clinch da­zu. «Mei­ne Frau ist Por­tu­gie­sin», sagt er. Er hof­fe des­halb bei al­ler Lie­be zur Fu­ria Ro­ja, wie die spa­ni­sche Aus­wahl ge­nannt wird, auch ein biss­chen auf ein Un­ent­schie­den.

Por­tu­gal-Wein in Spa­ni­en-Beiz

Wie auch im­mer das Auf­ein­an­der­tref­fen aus­geht: Das Spiel wer­den sich die Freun­de ge­mein­sam an­schau­en – bei spa­ni­schem Es­sen und por­tu­gie­si­schem Wein. Kein Wunder: Durch die Gas­tro­no­mie ha­ben sich die bei­den schliess­lich ken­nen ge­lernt. 1982 wan­der­te Fran­cis­co Ara­gão aus der süd­por­tu­gie­si­schen Re­gi­on Alen­te­jo nach Bern aus, heu­er­te beim da­ma­li­gen Re­stau­rant Schlüs­sel in Os­ter­mun­di­gen als Tel­ler­wä­scher an und krampf­te sich hoch. Seit bald 30 Jah­ren führt er nun den por­tu­gie­si­schen Wein- und Spe­zia­li­tä­ten­la­den Ca­sa Lu­si­ta­nia in der Lor­rai­ne mit elf An­ge­stell­ten.

An­to­nio Cal­vo sei­ner­seits kam vor 27 Jah­ren als da­mals 15-Jäh­ri­ger mit sei­ner Fa­mi­lie aus dem ga­li­zi­schen La Co­ruña in die Schweiz und ar­bei­tet heu­te in der Bau­bran­che. Da­ne­ben führt der Büm­pli­zer die Ca­sa de España in Frei­burg. Im spa­ni­schen Re­stau­rant und Ibe­rer-Treff­punkt tischt er Klas­si­ker wie Pa­el­la, Tor­til­la und Cho­ri­zo auf – und eben auch Ara­gãos por­tu­gie­si­sche Trop­fen. «Aus dem Ge­schäft­li­chen wur­de ir­gend­wann ei­ne Freund­schaft», so Cal­vo.

Ein «hue­re Thea­ter»

Die Ge­müts­la­ge vor dem gros­sen Spiel ist nicht bei bei­den gleich. «Ner­vös» sei er, sagt An­to­nio Cal­vo mit Ak­zent. Um­so mehr nach den Ge­scheh­nis­sen von vor­ges­tern. Da feu­er­te der spa­ni­sche Ver­band ei­nen Tag vor WM-Be­ginn den Trai­ner. Dies, nach­dem raus­ge­kom­men war, dass die­ser bei Re­al Madrid un­ter­schrie­ben hat. Ein «hue­re Thea­ter» fin­det Cal­vo das Gan­ze. Da ist es für ihn auch kein Trost, dass der hur­tig ein­be­ru­fe­ne In­te­rims­coach Fer­nan­do Hier­ro heisst und ei­ne Re­al-Le­gen­de ist. «Das führt nur noch zu mehr Dis­kus­sio­nen, weil die Leu­te jetzt den­ken, dass die Madrid-Spie­ler be­vor­zugt wer­den.» Ab­ge­se­hen da­von blei­be viel zu we­nig Zeit für den neu­en Trai­ner, sich se­ri­ös vor­zu­be­rei­ten. «Schlimm ist das.»

Und was sagt der Por­tu­gie­se da­zu? Hofft er nun ins­ge­heim, dass die Spa­nier ge­schwächt sind? «Nein», sagt Fran­cis­co Ara­gão. «Ich wün­sche mir ja schliess­lich, dass ne­ben Por­tu­gal auch Spa­ni­en wei­ter­kommt.»

Noch schei­nen die bei­den ih­re Freund­schaft nicht schon in der Vor­run­de aufs Spiel set­zen zu wol­len. Al­ler­dings: Bei die­ser WM könn­ten Por­tu­gal und Spa­ni­en un­ter Um­stän­den noch ein­mal auf­ein­an­der­tref­fen – im Fi­nal. Spä­tes­tens dann dürf­te aus dem Hand­shake ein Arm­drü­cken wer­den. Christoph Albrecht

«Als ich er­fuhr, dass wir Spa­ni­en in der Grup­pe ha­ben, hör­te ich das nicht gern.»

Fran­cis­co Ara­gão, Por­tu­gie­se «Ein biss­chen hof­fe ich auf ein Un­ent­schie­den.»

An­to­nio Cal­vo, Spa­nier

WM-Se­rie: 32 Na­tio­nen mes­sen sich der­zeit in Russ­land. Wir stel­len wäh­rend des Tur­niers re­gel­mäs­sig Fuss­ball­fans aus WM-Teil­neh­mer­län­dern vor, die in der Re­gi­on le­ben und mit ih­ren Far­ben mit­fie­bern.

Foto: Christian Pfan­der

Mehr Hand­shake als Arm­drü­cken: Fran­cis­co Ara­gão und An­to­nio Cal­vo wün­schen sich nichts Bö­ses.

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