Frau­en­quo­te soll kom­men

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Mit nur ei­ner Stim­me Un­ter­schied hat der Nationalrat ges­tern be­schlos­sen, dass gros­se bör­sen­ko­tier­te Fir­men in ih­ren Ver­wal­tungs­rä­ten min­des­tens 30 Pro­zent Frau­en stel­len sol­len. Für die Ge­schäfts­lei­tun­gen gilt ein Wert von 20 Pro­zent.

Es han­delt sich al­ler­dings nicht um ei­ne star­re Quo­te: Er­füllt ein Un­ter­neh­men die Vor- ga­be nicht, so muss es im Ver­gü­tungs­be­richt le­dig­lich er­klä­ren, war­um das der Fall ist; Sank­tio­nen sind kei­ne vor­ge­se­hen. Ent­schei­den­den An­teil am Re­sul­tat hat­te die CVP, die ges­tern fast ge­schlos­sen für ein Ja ein­trat.

Über­ra­schend hat der Rat auch ei­nen in­di­rek­ten Ge­gen­vor­schlag zur Kon­zern­in­itia­ti­ve ver­ab­schie­det. red

Denk­bar knapp heisst der Nationalrat Richt­wer­te für Ver­wal­tungs­rä­te und Ge­schäfts­lei­tun­gen von gros­sen Un­ter­neh­men gut. Ver­fehlt ei­ne Fir­ma das Ziel, hat das kei­ne Sank­tio­nen zur Fol­ge.

«Män­ner wer­den beim The­ma Frau­en­quo­te oft sehr emo­tio­nal.» Die­se Er­fah­rung hat CVP-Na­tio­nal­rä­tin Andrea Gmür ge­macht. Um die De­bat­te über Frau­en­quo­ten im Rah­men der Ak­ti­en­rechts­re­vi­si­on et­was auf­zu­lo­ckern, trug sie ihr Vo­tum im Nationalrat des­halb in Ge­dicht­form vor. Die ers­ten Zei­len lau­te­ten wie folgt: «Für ro­te Köp­fe und fast To­te / sorgt ein Wort: die Frau­en­quo­te. Oh­ne Pres­ti­ge, schlecht der Ruf / als Gott die Quo­ten­frau er­schuf. Nur weiss ich lei­der nicht war­um / die Quo­ten­frau, die ist nicht dumm.»

Eins er­reich­te Gmür mit ih­rem Ge­dicht tat­säch­lich: Statt kri­ti­scher Zwi­schen­fra­gen er­hielt die Lu­zer­ne­rin von ih­ren Rats­kol­le­gen La­cher und Ap­plaus. Na­tio­nal­rats­prä­si­dent Do­mi­ni­que de Bu­man (CVP) spann den Fa­den nach Gmürs Vo­tum so­gleich wei­ter: «Après les pro­pos de Ma­dame Gmür, on ver­ra si le fruit est mûr!»

Und sie­he da: Die Frucht war – aus Sicht der Be­für­wor­ter ei­ner Re­ge­lung – tat­säch­lich reif. So ent­schied der Nationalrat ges­tern, für bör­sen­ko­tier­te Un­ter­neh­men mit mehr als 250 Mit­ar­bei­tern für Ver­wal­tungs­rat und Ge­schäfts­lei­tun­gen so­ge­nann­te Ge­schlech­ter­richt­wer­te ein­zu­füh­ren. In den Ver­wal­tungs­rä­ten müs­sen Frau­en und Män­ner mit je min­des­tens 30 Pro­zent ver­tre­ten sein, in den Ge­schäfts­lei­tun­gen mit je 20 Pro­zent. Im Un­ter­schied zu ei­ner star­ren Quo­te ist der Richt­wert nicht ver­bind­lich: Er­rei­chen die Un­ter­neh­men das Ziel nicht, dro­hen kei­ne Sank­tio­nen. Sie müs­sen im jähr­li­chen Ver­gü­tungs­be­richt aber er­klä­ren, war­um das Ziel nicht er­reicht wur­de und wel­che Mass­nah­men sie er­grei­fen, um das zu än­dern.

Ab­weich­ler in der FDP

Der Ent­scheid fiel mit 95 zu 94 Stim­men al­ler­dings denk­bar knapp aus. Ent­schei­dend war die CVP, die sich gross­mehr­heit­lich für ei­ne Re­ge­lung ein­setz­te. Zu­dem gab es in der FDP ein­zel­ne Ab­weich­ler. In­ter­es­sant ist, dass sich die CVP wäh­rend der Ver­nehm­las­sung vor zwei Jah­ren noch ge­gen die Richt­wer­te aus­ge­spro­chen hat­te und der Bun­des­rat die Vor­la­ge in der Zwi­schen­zeit nur leicht an­ge­passt hat. So hat er den Richt­wert bei Ge­schäfts­lei­tun­gen von 30 auf 20 Pro­zent ge­senkt und die Über­gangs­fris­ten ver­län­gert.

CVP-Na­tio­nal­rä­tin Ka­thy Rik­lin er­klärt die Kehrt­wen­de da­mit, dass durch die öf­fent­li­che De­bat­te über Frau­en­the­men der Druck auf die Par­tei – auch durch die CVPFrau­en – zu­ge­nom­men ha­be: «Die Män­ner woll­ten nicht schlecht da­ste­hen», sagt sie. Zu­dem sei die Vor­la­ge durch die vor­be­ra­ten­de Kom­mis­si­on im Sin­ne der Bür­ger­li­chen an­ge­passt wor­den.

Vi­ze­frak­ti­ons­che­fin Vio­la Am­herd weist zu­dem auf den Auf­schrei hin, der auf den Ent­scheid des Stän­de­rats folg­te, die Vor­la­ge für Lohn­gleich­heit an die Kom­mis­si­on zu­rück­zu­schi­cken (in­zwi­schen hat der Rat das Ge­setz doch noch an­ge­nom­men). «Das hat ge­zeigt, dass man das The­ma nicht mehr ein­fach un­ter den Tisch wi­schen kann.» Ein Teil der Er­klä­rung lie­ge aber auch dar­in, dass im Par­tei­prä­si­di­um – das die Ver­nehm­las­sungs­ant­wor­ten schreibt – und im Par­la­ment nicht die­sel­ben Leu­te säs­sen, so Am­herd.

Für ein Ja ein­ge­setzt hat­te sich auch Bun­des­rä­tin Si­mo­net­ta Som­maru­ga (SP). Sie er­in­ner­te die Na­tio­nal­rä­te dar­an, dass «in den hun­dert gröss­ten Un­ter­neh­men in der Schweiz acht von zehn Ver­wal­tungs­rats­mit­glie­dern Män­ner sind». Bei den Ge­schäfts­lei­tun­gen sei­en neun von zehn Mit­glie­dern Män­ner. Da­zu kom­me, dass der Frau­en­an­teil in den Ge­schäfts­lei­tun­gen in den letz­ten bei­den Jah­ren nicht ge­stie­gen, son­dern ge­sun­ken sei: «Von Fort­schritt kei­ne Spur.» Des­halb sei jetzt Trans­pa­renz nö­tig. «Ich sa­ge Trans­pa­renz, nicht Quo­te», so Som­maru­ga. Denn kein Un­ter­neh­men wer­de

ge­zwun­gen, ei­ne Frau oder ei­nen Mann an­zu­stel­len.

Eher über­ra­schend ent­schied sich der Rat zu­dem ge­gen ei­ne Sun­set-Klau­sel. Die­se hät­te be­deu­tet, dass das Ge­setz zehn Jah­re nach In­kraft­tre­ten er­satz­los ge­stri­chen wird. Nun gilt die Re­ge­lung un­be­fris­tet, wo­bei den Un­ter­neh­men ei­ne Über­gangs­frist von fünf Jah­ren ge­währt wird.

Auf­klä­rung statt Quo­ten

Die Geg­ner der Vor­la­ge hat­ten ar­gu­men­tiert, Quo­ten sei­en kei­ne Lö­sung für das Pro­blem der Un­ter­ver­tre­tung der Frau­en in Spit­zen­po­si­tio­nen. Um dies zu be­he­ben, sei viel­mehr ei­ne Sen­si­bi­li­sie­rung der Ver­wal­tungs­rä­te und Ge­schäfts­lei­tun­gen nö­tig, so FDP-Nationalrat Phil­ip­pe Bau­er.

Nat­ha­lie Rick­li (SVP) ih­rer­seits mein­te, die Frau­en­quo­te sei ein Ein­griff in die Ei­gen­tü­mer­und Wirt­schafts­frei­heit. Zu­dem las­se sie aus­ser Acht, «dass vie­le Fir­men und Verbände heu­te schon viel un­ter­neh­men, um Frau­en zu för­dern». Wenn ei­ne Frau wol­le, kön­ne sie Kar­rie­re ma­chen, auch in den gros­sen Kon­zer­nen. «Aber vie­le Frau­en wol­len das nicht», so Rick­li. Zu­dem sei ei­ne Quo­te kon­tra­pro­duk­tiv, weil man in Zu­kunft ge­nau­er hin­schau­en wer­de, ob ei­ne Frau wirk­lich qua­li­fi­ziert sei.

Ca­mil­la Ala­bor

Der Ent­scheid fiel mit 95 zu 94 Stim­men denk­bar knapp aus.

Foto: Ant­ho­ny Anex (Keysto­ne)

Li­sa Maz­zo­ne (links) und Ade­le Tho­rens Go­u­maz von den Grü­nen wäh­rend der gest­ri­gen De­bat­te.

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