Der Zi­da­ne der Selección

Berner Zeitung (Stadt) - - Wm 2018 -

Spa­ni­ens Er­satz­coach für den ab­rupt ent­las­se­nen Lo­pe­te­gui ver­strömt die Au­ra ei­nes Kom­man­dan­ten. Schon heu­te muss er sich in Sot­schi ge­gen Por­tu­gal (20 Uhr) be­wäh­ren.

Fer­nan­do Hier­ro war auch schon mal ein Un­ver­stan­de­ner. Im Spät­herbst sei­ner Lauf­bahn, als beim eng­li­schen Pre­mierLe­ague-Club Bol­ton Wan­de­rers an­heu­er­te. Sam Al­lar­dy­ce war dort da­mals Trai­ner und hielt Hier­ro zu­rück, wenn die­ser das tun woll­te, was er bei Re­al Madrid am bes­ten ge­konnt hat­te: gleich ei­nem Feld­herrn mit im­pe­ria­lem Gang aus der Ab­wehr in Rich­tung Mit­tel­feld zu stol­zie­ren, um die bes­te Pass­op­ti­on zu er­kun­den. «Du sollst den Ball lang schla­gen!», rief Al­lar­dy­ce und liess Hier­ro rat­los zu­rück. Da­für hat­te er ihn nach Bol­ton ge­lockt? Um blind­lings den Ball nach vor­ne zu dre­schen?

Nun kam der 50-Jäh­ri­ge zu ei­nem Job, für den er auf ganz an­de­re Wei­se nicht ge­macht zu sein schien: In Spa­ni­ens Start­par­tie in Sot­schi ge­gen Por­tu­gal ist Hier­ro, der als Te­am­ma­na­ger zur WM reis­te, erst­mals Na­tio­nal­coach. Als Nach­fol­ger von Ju­len Lo­pe­te­gui, dem in Russ­land ge­kün­digt wur­de. Noch am Sonn­tag hat­te Hier­ro in ei­nem Ra­dio­in­ter­view gesagt, dass er es nicht an­stre­be, Na­tio­nal­coach zu wer­den. Lo­pe­te­gu­is Ver­trags­ver­län­ge­rung lag ja kei­ne drei Wo­chen zu­rück. Doch dann über­schlu­gen sich die Er­eig­nis­se. Re­al Madrid ver­han­del­te hin­ter dem Rü­cken al­ler mit Lo­pe­te­gui, die­ser wil­lig­te ein, Re­al Madrid kün­dig­te sei­ne Ver­pflich­tung pünkt­lich zur nächs­ten Sai­son an – al­so di­rekt nach der WM –, und der nichts ah­nen­de spa­ni­sche Ver­band war dü­piert. Lu­is Ru­bia­les, der neue Prä­si­dent, frist­los.

ent­liess Lo­pe­te­gui

Wie spie­len? «Gu­te Fra­ge»

An­statt die in ei­ner Auf­lö­sungs­klau­sel ver­trag­lich fest­ge­schrie­be­nen zwei Mil­lio­nen Eu­ro Ab­lö­se­sum­me ein­zu­strei­chen, wird der Ver­band den 2016 ver­pflich­te­ten und noch un­ge­schla­ge­nen Lo­pe­te­gui nun wohl aus­zah­len müs­sen. Am Don­ners­tag setz­te Re­al Madrid noch ei­nen drauf: Der Re­kord­meis­ter prä­sen­tier­te Lo­pe­te­gui in Madrid, na­he­zu par­al­lel zu Hier­ros WM-Pres­se­kon­fe­renz in Sot­schi. Da­bei kri­ti­sier­te Re­al-Prä­si­dent Flo­ren­ti­no Pe­rez die Ent­las­sung als «un­ge­recht» und «un­ver­hält­nis­mäs­sig».

All das dürf­te je­nes Ge­fühl in Spa­ni­en ver­stär­ken, das die Zei­tung «El País» so zu­sam­men­fass­te: Lo­pe­te­gui zu ent­las­sen «war nicht die schlech­tes­te und viel­leicht so­gar die bes­te Lö­sung.» Ei­ne, in die Hier­ro so­fort ein­stimm­te: «Ich hät­te mir nicht ver­zie­hen, in die­ser La­ge Nein zu sa­gen.» Über­setzt heisst Hier­ro: Ei­sen. Der Mann aus Ma­la­ga wirk­te bei sei­ner Prä­sen­ta­ti­on in neu­er Rol­le ge­las­sen, ob­wohl er als Trai­ner ein un­be­schrie­be­nes Blatt ist. Er war in der Sai­son 2014/15 As­sis­tent des Ita­lie­ners Car­lo An­ce­lot­ti bei Re­al Madrid, 2016 trai­nier­te er das zweit­klas­si­ge Re­al Ovie­do. «Wie mei­ne Mann­schaf­ten spie­len? Gu­te Fra­ge», sag­te er: «Ich wünsch­te, dass sie gut spie­len, dass sie wett­be­werbs­hart sind, den Ball an sich reis­sen, ih­re Qua­li­tät zei­gen.» Er tas­te­te nicht nach Wor­ten, son­dern sprach vol­ler Über­zeu­gung, denn: «Mit den Künst­lern, die mir zur Ver­fü­gung ste­hen, bin ich vom Le­ben be­geis­tert.» Viel än­dern kann er eh nicht mehr: «Wir kön­nen in zwei Ta­gen nicht um­wer­fen, was wir in zwei Jah­ren auf­ge­baut ha­ben.»

Mit Hier­ro kehrt ein Füh­rungs­stil zu­rück, der den Spa­ni­ern zu Er­fol­gen ver­hol­fen hat. Beim Na­tio­nal­team war er stets ein mo­de­rie­ren­der Ma­na­ger, der die Ru­he dar­aus schöpf­te, dass er schon al­les ge­se­hen hat, was der Fussball zu bie­ten hat­te. Er war 14 Sai­sons bei Re­al Madrid und wur­de – zu­sam­men mit dem da­ma­li­gen Trai­ner und spä­te­ren Welt­meis­ter­coach Vi­cen­te Del Bos­que – von Prä­si­dent Flo­ren­ti­no Pe­rez vom Hof ge­jagt. Er war bei vier Welt­meis­ter­schaf­ten als Spie­ler da­bei (1990/94/98/02) und schon von 2007 bis 2011 Sport­di­rek­tor des Ver­ban­des. Al­so zur Zeit, da Spa­ni­en sei­ne ers­ten EM- und WM-Ti­tel ge­wann.

Grä­ben in der Mann­schaft

Al­bert Ce­la­des, der U-21-Nach­wuchs­trai­ner, war eben­falls als Lo­pe­te­gui-Er­satz im Ge­spräch ge­we­sen. Doch jetzt, da sich die Na­tio­nal­mann­schaft in ei­nen reis­sen­den Strom ge­stürzt sieht, war für ein jun­gen­haf­tes Ge­sicht wie sei­nes nicht der rich­ti­ge Au­gen­blick. Die Si­tua­ti­on er­for­der­te, sich ei­nem Mann an­zu­ver­trau­en, der die Au­ra ei­nes Kom­man­dan­ten ver­strömt und zu dem Le­a­der wie Pi­que oder Ra­mos seit Kind­heits­ta­gen auf­schau­en. Jetzt geht es dar­um, ein er­schüt­ter­tes Team zu ei­nen.

Rund um die Ent­las­sung Lo­pe­te­gu­is hat­ten sich in der Mann­schaft Grä­ben auf­ge­tan. Die Nach­richt sei­nes be­vor­ste­hen­den Wech­sels war zu den sechs Na­tio­nal­spie­lern Re­als durch­ge­si­ckert; schnell ver­brei­te­te sie sich im WM-Quar­tier in Kras­no­dar. Sie rief ge­misch­te Re­ak­tio­nen her­vor, noch ehe Ru­bia­les sie er­fuhr. Der Ver­bands­chef weil­te in Mos­kau und wirk­te dort wie ein macht­lo­ser Exil­prä­si­dent. Als Lo­pe­te­gu­is ver­rück­ter Wech­sel auch dem Rest der Welt be­kannt wur­de und Hier­ro ein­ge­setzt war, be­stell­te er Julian Ca­le­ro als As­sis­ten­ten nach Russ­land und bat Car­los Mar­chena, Welt­meis­ter 2010, die Rol­le von Hier­ro als Mitt­ler zwi­schen Mann­schaft und Ver­band zu über­neh­men.

Zu ver­lie­ren hat er nichts

Vor al­lem aber rief Hier­ro die Mann­schaft zu­sam­men. «Ich kann al­ler Welt in die Au­gen schau­en. Ich ha­be ge­tan, was ich tun muss­te», sag­te er. Und ei­nen klei­nen Traum hat er auch: so er­folg­reich zu sein wie sein eins­ti­ger Vor­gän­ger als Trai­ne­ras­sis­tent bei Re­al Madrid, Zi­né­di­ne Zi­da­ne, der spä­ter Chef­coach wur­de. Der Fran­zo­se wur­de vor we­ni­gen Ta­gen mit Re­al zum drit­ten Mal Cham­pi­ons-Le­ague-Sie­ger, ehe er dort blitz­ar­tig den Di­enst quit­tier­te und die Tur­bu­len­zen erst aus­lös­te.

«Wenn mir je­mand sa­gen soll­te, dass ich der Zi­da­ne der Selección wer­de, wür­de ich so­fort un­ter­schrei­ben», sagt Hier­ro. Zu ver­lie­ren hat er nichts, ein Fehl­schlag wür­de dem Cha­os an­ge­las­tet, das Lo­pe­te­gui und Re­al aus­ge­löst ha­ben.

Ja­vier Cá­ce­res, Sot­schi

Fo­tos: Keysto­ne

Als Te­am­ma­na­ger an­ge­reist, in­zwi­schen zum Na­tio­nal­coach be­för­dert: Fer­nan­do Hier­ro bei ei­nem Trai­ning in Kras­no­dar.

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