Spä­tes Leuch­ten

Berner Zeitung (Stadt) - - Magazin - Stefanie Christ

Jahr­zehn­te­lang be­wun­der­te sie Klee, nun end­lich be­wun­dert die Kunst­welt sie: Etel Ad­nan. Das Zen­trum Paul Klee in Bern wid­met der li­ba­ne­si­schen Künst­le­rin, die erst spät den Durch­bruch er­leb­te, ei­ne über­fäl­li­ge Re­tro­spek­ti­ve.

Als An­fang Jahr in­ter­na­tio­na­le Kunst­me­di­en ih­re Bes­ten­lis­ten für 2018 pu­bli­zier­ten, ran­gier­te auch das Zen­trum Paul Klee in den vor­de­ren Rän­gen – nicht mit ei­ner Kand­ins­ky-, Marc- oder Klee-Re­tro­spek­ti­ve. Die Ausstellung zur Li­ba­ne­sin Etel Ad­nan wur­de heiss er­war­tet – je­ne 93jäh­ri­ge Ma­le­rin, Au­to­rin und Phi­lo­so­phin, die erst 2012 durch ih­re Prä­senz an der Welt­kunst­aus­stel­lung Do­cu­men­ta ei­nem brei­ten Pu­bli­kum be­kannt wur­de. Seit­her sind ih­re Wer­ke ge­fragt, Ad­nan er­freut sich me­dia­ler Prä­senz, vor al­lem im fran­ko­fo­nen und an­gel­säch­si­schen Raum, und sie wird an der bis Sonn­tag lau­fen­den Kunst­mes­se Art Ba­sel gleich von zwei Ga­le­ri­en ver­tre­ten. Nicht we­ni­ge Mes­se­gän­ger wer­den ei­nen Ab­ste­cher nach Bern ein­pla­nen, um je­ne Ausstellung zu be­su­chen, die Ad­nan ge­gen­über der «Art News­pa­per» selbst als «Hö­he­punkt ih­rer Kar­rie­re» be­zeich­net.

Ad­nans Lie­be für Klee

Doch es drängt sich die Fra­ge auf: Was ver­bin­det ei­ne wich­ti­ge Ver­tre­te­rin der ara­bi­schen Ge­gen­warts­kunst mit Klee? Der Schwei­zer Künst­ler war stets In­spi­ra­ti­ons­quel­le für Ad­nan, die erst mit 34 Jah­ren mit ih­rem künst­le­ri­schen OEu­vre be­gann. Zu­vor setz­te sie sich als Ge­lehr­te mit Bau­haus­künst­lern und Su­pre­ma­tis­ten wie eben Klee, Kand­ins­ky oder Ma­le­witsch aus­ein­an­der. Steht man vor Ad­nans Bil­dern – ex­pres­si­ve Farb­flä­chen­ma­le­rei­en – sind die Par­al­le­len zu Klee au­gen­fäl­lig, des­sen Wer­ke in der Ausstellung Ad­nans ge­gen­über­ge­stellt sind. Bei­den ist ein «nai­ver» Blick ei­gen, der die Bil­der in­tui­tiv und spon­tan er­schei­nen lässt, ob­wohl ih­nen ei­ne durch­dach­te Kom­po­si­ti­on zu­grun­de liegt. Die in­ten­si­ven

Far­ben, die Sand-, Hell­blau- und Ro­sa­tö­ne, er­in­nern an Klees Wer­ke, die auf sei­ner Tu­nis­rei­se ent­stan­den sind, und auch Ad­nan reis­te nach Nord­afri­ka, um sich auf den Spu­ren Klees vom gleis­sen­den Licht an­re­gen zu las­sen.

Wie Klee, der im Zwei­ten Welt­krieg aus Deutsch­land nach Bern flüch­te­te, fühlt sich Ad­nan als Exil­künst­le­rin: Das Kind ei­ner grie­chisch-or­tho­do­xen Mut­ter und ei­nes mus­li­mi­schen Va­ters wuchs in Bei­rut auf, nach­dem die El­tern aus Iz­mir ge­flo­hen wa­ren. Spä­ter stu­dier­te sie in Ka­li­for­ni­en und leb­te vie­le Jah­re in Sau­sa­li­to – über die Gol­den Ga­te Bridge ei­nen Kat­zen­sprung von San Fran­cis­co ent­fernt. Über dem Künst­ler­städt­chen, in dem sich bis heu­te Ate­lier an Ate­lier reiht, ragt der Mount Ta­mal­pais, den Ad­nan in un­zäh­li­gen Va­ria­tio­nen auf Pa­pier ge­bannt hat – mal in leuch­ten­den Far­ben, mal nur mit schwar­zen Um­ris­sen. Der glei­che Berg und doch im­mer ein an­de­rer.

Ei­ne wei­te­re Ver­bin­dung der bei­den Künst­ler ist das Kom­bi­nie­ren von Bild- und Tex­t­e­le­men­ten – wo­bei die bei­den Tei­le bei Ad­nan stets et­was iso­liert wir­ken. Die Dritt­tex­te, bei­spiels­wei­se ein Ge­dicht über die Er­mor­dung Ken­ne­dys, bil­den die nar­ra- ti­ve Ebe­ne von Ad­nans meist ti­tel­lo­sen Kom­po­si­tio­nen.

Ver­spiel­te Wand­tep­pi­che

Ad­nans ganz eigene Hand­schrift tra­gen die Le­po­rel­los, auf­falt­ba­re Bü­cher, die sie mit Bil­dern und Ge­dich­ten füllt. Oder in der sie den Takt ei­ner Stadt wie New York auf as­so­zia­ti­ven No­ten­li­ni­en vi­sua­li­siert. Zu ih­ren cha­rak­te­ris­tischs­ten Wer­ken ge­hö­ren auch Ta­pis­se­ri­en. Die wild ar­ran­gier­ten Farb­flä­chen se­hen aus wie mit dem Leucht­stift auf den Stoff über­tra­gen. Tat­säch­lich bil­den Filz­stift­zeich­nun­gen die Grund­la­ge der Wand­be­hän­ge. Es han­delt sich um ein Me­di­um, das ei­ne gros­se Tra­di­ti­on hat in der ara­bi­schen Kul­tur – und auch in Ad­nans Ge­schich­te: «Es gab in Bei­rut kein Kunst­mu­se­um, und bei uns zu Hau­se hin­gen kei­ne Bil­der. Wir hat­ten Tep­pi­che, und das äs­the­ti­sche Ver­gnü­gen ging von ih­nen aus», sagt sie.

Dar­über, wie ih­re mul­ti­kul­tu­rel­le Her­kunft die Kunst ge­prägt hat, spricht Ad­nan mit hei­se­rer und doch be­stimm­ter Stim­me in ei­nem Film. Die Ausstellung, die ihr so viel be­deu­tet, kann die Künst­le­rin, die seit lan­gem in Pa­ris lebt, aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den nicht per­sön­lich be­su­chen. Für die Ver­nis­sa­ge wur­de sie dar­um per Sky­pe zu­ge­schal­tet.

Spä­ter Ruhm

Die vom fran­zö­si­schen Ku­ra­tor Sé­bas­ti­en De­lot und von der ZPKCh­ef­ku­ra­to­rin Fa­bi­en­ne Eg­gel­hö­fer aus­ge­rich­te­te Ausstellung ist Teil ei­nes Mu­se­ums­pro­gramms, das die Hand­schrift der Di­rek­to­rin Ni­na Zim­mer trägt – und in dem weib­li­che Po­si­tio­nen mehr Be­ach­tung er­hal­ten. Für Etel Ad­nan kommt der Ruhm spät, doch wie sagt sie selbst? «Ich mag mein Al­ter nicht zum The­ma ma­chen. Vie­le Künst­le­rin­nen wur­den erst spät ent­deckt.»

Foto: Agop Kan­led­jian

Farb­feld­ma­le­rei in Öl in war­men Sand­far­ben aus dem Jahr 2010 (oh­ne Ti­tel).

Foto: Fa­b­ri­ce Gi­bert

Etel Ad­nan (93) in ih­rem Pa­ri­ser Zu­hau­se.

Foto: Vol­ker Ren­ner

«Wen­dell Ber­ry»: Ein frü­her Le­po­rel­lo Etel Ad­nans aus dem Jahr 1963.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.