Kunst­hal­le mit Mo­de-State­ment

Berner Zeitung (Stadt) - - Region -

Der aus­tra­li­sche Ku­ra­tor Mat­t­hew Lin­de prä­sen­tiert in der Kunst­hal­le mit «Pas­sa­ge­ways: On Fa­shion’s Run­way» ei­ne fan­tas­ti­sche Schau. An­hand von Vi­de­os und Mo­del­len wird der Lauf­steg als Sinn­bild und Ab­bild des Le­bens ge­fei­ert.

«Ama­zing», sagt Mat­t­hew Lin­de, als er den ver­sam­mel­ten Jour­na­lis­ten vor­ge­stellt wird. Der aus­tra­li­sche Ku­ra­tor, der aus New York an­ge­reist ist, hat letz­te Nacht kein Au­ge zu­ge­tan, wie er sagt. Doch da­von ist nichts zu spü­ren. Die­ser Mann brennt für Mo­de. Er ist in der Kunst­hal­le zu Gast, um sei­ne Schau «Pas­sa­ge­ways: On Fa­shion’s Run­way» ein­zu­rich­ten. Ein sich über­kreu­zen­der Lauf­steg steht im Raum. Es wird ge­häm­mert, und As­sis­ten­tin­nen han­tie­ren mit Bü­gelei­sen, um die Klei­der bis zur Ver­nis­sa­ge fal­ten­frei zu krie­gen.

Kunst­hal­le-Di­rek­to­rin Valé­rie Knoll hat Lin­de ein­ge­la­den, weil sie von sei­ner New Yor­ker Aus­stel­lung «The Over­wor­ked Bo­dy: An Antho­lo­gy of 2000s Dress» (2017) be­geis­tert war. Lin­de, der For­scher, Do­zent und Aus­stel­lungs­ma­cher ist, ins­ze­nier­te Tei­le aus Kol­lek­tio­nen von De­si­gnern, die sich an der Schnitt­stel­le zur Kunst be­we­gen. In Bern fin­det nun die Fort­set­zung statt, wo­bei die­ses Mal der Lauf­steg im Fo­kus steht. Lin­de trägt ei­nen bei­gen Over­all mit Fil­z­ap­pli­ka­tio­nen – ei­ne Hom­mage an Jo­seph Beuys? –, den er mit schwarz-gol­de­nen Turn­schu­hen kom­bi­niert. «Ich lau­fe schon die gan­ze Zeit so her­um und ha­be halt nichts an­de­res da­bei», sagt er ne­ckisch. Wie ein mo­di­scher Geck wirkt Lin­de tat­säch­lich nicht. Das ein­zig Prä­ten­tiö­se an ihm? Dass er sein jun­ges Al­ter nicht ver­ra­ten will.

Der Lauf­steg ist der Spie­gel un­se­res All­tags in in­ten­si­vier­ter Form.

Har­ter Schick

Dass Lin­de mäch­tig viel von Mo­de ver­steht, wird beim Pres­se­rund­gang deut­lich. Er kann aus dem Ste­g­reif von Schau­en er­zäh­len, die ihn ge­prägt ha­ben. Ins Schwär­men kommt er et­wa, wenn er vom La­bel Bless, das in Ber­lin und Pa­ris be­hei­ma­tet ist, spricht. Die De­si­gne­rin­nen De­si­ree Heiss und Ines Kaag film­ten 1991 schein­bar nor­ma­le Leu­te, die in Ber­lin bei der U-Bahn-Sta­ti­on Alex­an­der­platz vor­bei­eil­ten. Erst am En­de, als das La­bel ein­ge­blen­det wur­de, war er­sicht­lich, dass man so­eben ei­ner Mo­de­schau zu­ge­se­hen hat­te. In der Kunst­hal­le sind Ent­wür­fe von Bless zu se­hen. Die Schau­fens­ter- pup­pen sind auf den ers­ten Blick wie Ob­dach­lo­se ge­klei­det. Die­ser Ef­fekt wird da­durch ver­stärkt, dass die ei­ne Pup­pe di­ver­se Plas­tik­sä­cke mit sich schleppt. Doch an den Füs­sen ste­cken aus Wol­le an­ge­fer­tig­te «Schu­he», die man in ih­rer Schwe­re und Kom­ple­xi­tät ge­trost als Skulp­tu­ren be­zeich­nen kann. Bless steht für be­wuss­te Ir­ri­ta­tio­nen.

Sein In­ter­es­se am Lauf­steg sei ei­ner­seits for­ma­ler Art, an­der­seits ver­ste­he er die­ses «Thea­ter oh­ne Nar­ra­ti­on» auch als Me­ta­pher für den Lauf der Zeit, so Lin­de. «De­si­gner schau­en in die Zu­kunft, aber sie zi­tie­ren gleich­zei­tig die Ver­gan­gen­heit.» Ei­ner, der ver­such­te, die Zu­kunft vor­weg­zu­neh­men, war der Fran­zo­se An­dré Cour­rè­ges (1923–2016), der in den Sech­zi­ger­jah­ren in An­leh­nung an die Welt­raum­for- schung Mo­de für Mäd­chen auf dem Mond ent­warf. Die Schnit­te gin­gen als «Har­ter Schick» in die Mo­de­ge­schich­te ein. Mit Vor­lie­be prä­sen­tier­te Cour­rè­ges, des­sen Mo­de­schau in der Kunst­hal­le als Vi­deo über die Wand flim­mert, die Mo­de im Kunst­kon­text.

Trash trifft Gla­mour

Die Fra­ge, wann Mo­de zu Kunst wird, schwebt über der gan­zen Aus­stel­lung. Ei­ne ab­schlies­sen­de Ant­wort hat auch Ku­ra­tor Lin­de nicht. Es ist Knoll je­den­falls hoch an­zu­rech­nen, die­se Schau nach Bern ge­bracht zu ha­ben, denn sie leis­tet da­mit Pio­nier­ar­beit. Die Kunst­hal­le – die sich gern als Avant­gar­dis­tin fei­ert – ver­schlief den Hype der Neun­zi­ger­jah­re, als Kunst und Mo­de sich so stark an­nä­her­ten wie kaum zu­vor. In­tel­lek­tu­el­ler Dün­kel oder Ig­no- ranz? Ab­ge­se­hen von ei­ner Mo­de­schau in den Sech­zi­ger­jah­ren fand Klei­dung hier bis­her kei­nen Ein­gang. Nebst den tra­shi­gen Klei­dern von Bless gibt es auch his­to­ri­sche Gla­mourr­o­ben zu ent­de­cken. Zu den Prunk­stü­cken ge­hört das gol­de­ne Kleid des fran­zö­si­schen Mo­de­de­si­gners Paul Poiret (1879–1944). Er schnei­der­te es für sei­ne Frau, die sei­ne Mu­se war. Die Lie­be zu ori­en­ta­li­scher Exo­tik, die da­mals en vogue war, kommt auf dem Kleid, auf das Poiret Stern­zei­chen stick­te, zum Aus­druck. War­um uns Mo­de be­wegt? «Was auf den Lauf­ste­gen ge­schieht, ist ein Spie­gel, der un­se­ren All­tag in in­ten­si­vier­ter Form wie­der­gibt», so Mat­t­hew Lin­de. He­len Lag­ger

Fo­to: PD

Wenn Mo­de und Kunst ver­schmel­zen: Die Kunst­hal­le zeigt in ei­ner Aus­stel­lung von Mat­t­hew Lin­de Klei­dungs­stü­cke.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.