Der Plan von YB-Trai­ner Seo­a­ne

Vor dem Spiel bei Ser­vet­te spricht der YB-Trai­ner über Rück­schlä­ge und Sys­te­me, das Co­ro­na­vi­rus und sei­ne Zu­kunft.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Fa­bi­an Ruch

«Die Ein­stel­lung ist wich­ti­ger als die Auf­stel­lung», sagt Ger­ar­do Seo­a­ne. Der Trai­ner der Young Boys vor dem Spiel ge­gen Ser­vet­te im gros­sen In­ter­view.

Ei­ne Wo­che Geis­ter­spielFuss­ball: Wie lau­tet Ihr Fa­zit?

Das Ni­veau der Par­ti­en ist gut. Man sieht aber, dass al­les un­ge­wohnt ist, un­vor­her­seh­ba­rer auch. Der men­ta­le Aspekt ist noch wich­ti­ger ge­wor­den.

Hat Sie letz­te Wo­che der schwa­che Auf­tritt Ih­res Teams in Thun beim 0:1 mehr be­schäf­tigt als das 6:0 ge­gen Xa­max?

Man hat in die­sem stren­gen Pro­gramm gar nicht Zeit, sich all­zu lan­ge mit ei­ner Par­tie zu be­schäf­ti­gen. Wir ha­ben die Nie­der­la­ge in Thun auf­ge­ar­bei­tet, wo­bei mich nicht in ers­ter Li­nie das Re­sul­tat ent­täusch­te, son­dern un­se­re Leis­tung. Thun war zwei­kampf­stär­ker, wir ha­ben die Ba­sics ver­mis­sen las­sen.

Viel­leicht kam die­ser Rück­schlag als pas­sen­de Ohr­fei­ge, weil vie­le Be­ob­ach­ter das Ge­fühl ha­ben, YB wer­de dank des brei­ten Ka­ders re­la­tiv pro­blem­los Meis­ter.

So den­ken wir über­haupt nicht. Wir re­den bei YB im­mer von ei­nem Weg, den wir ge­hen wol­len. Rück­schlä­ge ge­hö­ren da­zu, man muss dar­an wach­sen.

Was sagt es über Ihr Team aus, hät­te es ge­gen ein al­ler­dings in­fe­rio­res, mü­des Xa­max lo­cker zehn To­re er­zie­len kön­nen?

Es wä­re mit an­de­rer per­so­nel­ler Be­set­zung so­wohl in Thun als auch ge­gen Xa­max wahr­schein­lich gleich ge­lau­fen. Die Mann­schaft hat die Lek­ti­on ver­stan­den. Es war viel­leicht letz­tes Jahr so, dass wir ei­nen Geg­ner vor al­lem mit spie­le­ri­schen Mit­teln do­mi­nie­ren konn­ten.

Al­so stimmt die Aus­sa­ge von Thuns Ba­sil Still­hart, YB sei nicht mehr die Über­macht der Li­ga.

Ich ha­be das ver­nom­men und den­ke mir mei­ne Sa­chen da­bei.

Las­sen Sie uns an Ih­ren Ge­dan­ken teil­ha­ben. Ha­ben die Geg­ner den Re­spekt vor den Young Boys ver­lo­ren?

Es bringt nichts, ei­ne Re­kord­sai­son zum Mass­stab zu neh­men. Wir hat­ten auch letz­te Sai­son oft star­ken Wi­der­stand und ge­wan­nen Spie­le erst in der Schluss­pha­se. Das war aber ein ge­wach­se­nes Team am En­de sei­ner Ent­wick­lung, vie­le star­ke Fuss­bal­ler sind nicht mehr da­bei. Nun sind wir we­ni­ger weit, das ist ja klar, weil die­se Mann­schaft am An­fang ih­rer Ent­wick­lung ist und durch Ver­let­zun­gen im­mer wie­der zu­rück­ge­wor­fen wur­de.

Sie än­der­ten nach der Nie­der­la­ge in Thun das Sys­tem: 4-3-3 statt 4-4-2, YB wirk­te kom­pak­ter, Re­gis­seur Gi­an­lu­ca Gau­di­no kam bes­tens zur Gel­tung.

Wir wol­len in je­der Be­zie­hung fle­xi­bel sein, ge­ra­de in die­sen Zei­ten. Na­tür­lich ist es für Gau­di­no ide­al, wenn er im Zen­trum zwei Spie­ler ne­ben oder hin­ter sich hat.

Ge­ra­de aus­wärts wä­re Ihr Team wohl sta­bi­ler mit drei Ak­teu­ren im zen­tra­len Mit­tel­feld.

Das ist nur ei­ne von vie­len Über­le­gun­gen. Noch ein­mal: Die Ein­stel­lung ist wich­ti­ger als die Auf­stel­lung. Tat­sa­che ist, dass wir sechs­mal in Se­rie aus­wärts nicht ge­won­nen ha­ben, das ist ei­ne sehr schlech­te Bi­lanz. Und in Genf ver­lo­ren wir im Herbst 0:3, es war ein kom­pli­zier­tes Spiel.

Kom­pli­ziert ist auch un­ser Le­ben we­gen des Co­ro­na­vi­rus. Wie prä­sent ist die­se The­ma­tik in der Mann­schaft?

Wir dür­fen nicht nach­läs­sig wer­den und müs­sen die Re­geln strikt be­fol­gen. Das sa­gen wir den Spie­lern stän­dig, sie müs­sen auch je­den Tag ei­nen Fra­ge­bo­gen aus­fül­len und Fie­ber mes­sen. Und na­tür­lich ha­ben wir vie­le Re­strik­tio­nen, so ist es bei­spiels­wei­se ver­bo­ten, den ÖV zu be­nut­zen. Wir dür­fen mal ei­nen Kaf­fee trin­ken ge­hen oder et­was es­sen im Re­stau­rant, aber ei­gent­lich ist das ei­ne Hoch­ri­si­ko-Pha­se für uns. Es darf nichts pas­sie­ren, sonst ha­ben wir ein Pro­blem.

Sind Sie auch ir­ri­tiert, wie vie­le Men­schen schon wie­der sorg­los un­ter­wegs sind?

Der Mensch ver­gisst schnell, was ein­mal war. Des­halb muss man die Sa­che im­mer wie­der an­spre­chen. Zu­letzt sind die Fall­zah­len wie­der ge­stie­gen, das ist be­un­ru­hi­gend und scha­de, weil wir in der Schweiz den Um­gang mit dem Vi­rus sehr gut lös­ten. Aber es herrscht halt ei­ne gros­se Un­si­cher­heit. Kommt bald ein Impf­stoff, gibt es ei­ne zwei­te Wel­le, gab es über­haupt schon ei­ne? Ich ha­be Ver­ständ­nis, dass es sehr vie­le un­ter­schied­li­che Mei­nun­gen gibt.

Und wie schrän­ken Sie sich sel­ber ak­tu­ell ein?

Ich ha­be den pri­va­ten Kreis nicht ge­öff­net nach dem En­de der Mass­nah­men. In die Ba­di zu ge­hen, das ist der­zeit für mich un­mög­lich, und ich weiss auch nicht, wann ich das letz­te Mal in ei­nem Re­stau­rant war, aus­ser bei uns im Sta­di­on. Das ist die Kehr­sei­te des Spit­zen­sports, wir kön­nen in die­sen Wo­chen nicht vom schö­nen Wetter pro­fi­tie­ren, doch das ist ver­kraft­bar. Ich schaue bloss, dass ich ge­nü­gend Ener­gie ha­be, trei­be Sport, ge­he spa­zie­ren oder mal mit dem Au­to Rich­tung Pi­la­tus, um die Na­tur zu ge­nies­sen. Aber in Lu­zern am wun­der­schö­nen Quai zu fla­nie­ren, das liegt nicht drin.

Was ver­mis­sen Sie am meis­ten?

Die Un­be­schwert­heit im Um­gang mit den Men­schen. Ich ha­be nun stär­ker te­le­fo­ni­schen Kon­takt mit mei­nen Freun­den, die El­tern kom­men lei­der auch nicht raus aus Spa­ni­en. Ich kon­zen­trie­re mich ganz auf den Fussball.

Das Meis­ter­ren­nen ist auch ein Du­ell zwi­schen St. Gal­lens Trai­ner Pe­ter Zeid­ler und Ih­nen.

Ba­sel ist auch in­vol­viert.

Ein­ver­stan­den. Den­noch: Der Ver­gleich zwi­schen Zeid­ler und Ih­nen ist span­nend …

… wes­halb?

Zeid­ler wird 58, turnt aber an der Li­nie oft rum, als sei er 41. Sie sind 41, erst seit 2018 als Trai­ner im Pro­fi­fuss­ball tä­tig und wir­ken meis­tens ab­ge­klärt wie ein 58-Jäh­ri­ger.

Das hat mit der Per­sön­lich­keit zu tun und mit den Über­zeu­gun­gen, die man ver­tritt. Man hat im­mer die Mög­lich­keit, sich zu ver­än­dern, und ich fin­de es toll, gibt es vie­le ver­schie­de­ne Cha­rak­te­re. Nicht nur un­ter den Trai­nern, son­dern auch bei Bun­des­rä­ten oder Wirt­schafts­chefs.

Wir ha­ben oft mit Ih­nen ge­spro­chen über Ih­re ru­hi­ge Art, Sie sind schwer zu kna­cken. Frü­her als Spie­ler wa­ren Sie ein Heiss­sporn. Wann ha­ben Sie ent­schie­den, kon­trol­lier­ter zu sein und in der Öf­fent­lich­keit auch mal ei­ne Mas­ke zu tra­gen?

(über­legt lan­ge) Das war ein Pro­zess. Ich wuss­te lan­ge nicht, ob ich ir­gend­wann im Pro­fi­be­reich ar­bei­ten möch­te. Ir­gend­et­was fehl­te mir, ich war nicht be­reit, zu­dem ge­fiel es mir sehr im Nach­wuchs. Ich sprach mit vie­len Leu­ten, ich hat­te auch ei­nen Coach, mit dem ich das oft dis­ku­tier­te. Ich merk­te, dass ich leis­tungs­fä­hi­ger bin und bes­se­re Ent­schei­dun­gen tref­fe, wenn ich kon­trol­liert bin und mich nicht von Emo­tio­nen lei­ten las­se.

Wie fan­den Sie das her­aus?

Weil ich mich bes­ser fühl­te so. Weil ich mich nicht ver­stel­len muss­te. Weil mei­ne Bot­schaf­ten von den Spie­lern bes­ser auf­ge­nom­men wur­den.

Was den­ken Sie, wenn Sie Trai­ner wie Die­go Si­meo­ne oder Jür­gen Klopp se­hen, die wie Wahn­sin­ni­ge an der Li­nie agie­ren?

Je­der Mensch ist an­ders. Wä­re Si­meo­ne ganz ru­hig, wür­de er nicht das aus­strah­len, was ihm wich­tig ist. Er be­ob­ach­te­te mal ein Trai­ning von Pep Guar­dio­la und sag­te ihm nach ei­ner hal­ben St­un­de, er könn­te nie­mals so ge­las­sen blei­ben. Er coa­che die glei­che Übung viel in­ten­si­ver, lau­ter, schnel­ler. Das fin­de ich fas­zi­nie­rend, weil sie bei­de mit ih­rer Art sehr er­folg­reich sind.

Wür­den Sie manch­mal nicht auch ger­ne Ih­rem Är­ger auf der Trai­ner­bank frei­en Lauf las­sen – und kön­nen nicht, weil Ka­me­ras auf Sie ge­rich­tet sind?

Ich agie­re be­wusst so, wie ich agie­re, aber ich bin kein Schau­spie­ler. Das wür­de man mer­ken. Ich will au­then­tisch sein und mich im­mer so ver­hal­ten, dass es für un­ser Team und mich hilf­reich ist. Da­zu ge­hört, ein­mal tief durch­zu­at­men, wenn es hei­kel ist. Es bringt nichts, ei­nen Schieds­rich­ter an­zu­schrei­en, wenn ich nicht zu­frie­den mit ihm bin. Oder ei­nen Spie­ler laut­stark vor al­len zu kri­ti­sie­ren, um ver­meint­lich Au­to­ri­tät aus­zu­strah­len.

Kann es sein, dass man Sie ein­mal rich­tig wü­tend sieht?

Klar, wenn ich über­zeugt bin, dass es rich­tig ist, wü­tend zu sein. (schmun­zelt) In der Pau­sen­an­spra­che zum Bei­spiel ist es für mich ent­schei­dend, dass ich auf dem Weg in die Ka­bi­ne ge­nau weiss, was ich an­spre­chen will. Und vor al­lem: wie ich es an­spre­che. Bin ich ru­hig, emo­tio­nal, hart, lo­bend, kri­ti­sie­rend? Und dann ge­he ich in den Lo­bMo­dus, wenn es an­ge­bracht ist. Ich über­le­ge mir das aber in al­ler Nüch­tern­heit, weil ich weiss, dass mir Emo­tio­nen scha­den.

Müs­sen Trai­ner in der Öf­fent­lich­keit nicht im­mer auch ein we­nig Schau­spie­ler sein?

Das ist ei­ne in­ter­es­san­te Fra­ge. Aber man fliegt doch auf, wenn man et­was tut, bei dem man sich nicht wohl fühlt. Es gibt ru­hi­ge Trai­ner wie Vi­cen­te del Bos­que und Zi­né­di­ne Zi­da­ne, die man fast nur in ei­ner Po­se kennt wäh­rend des Spiels. Und es gibt an­de­re wie Si­meo­ne, Klopp oder An­to­nio Con­te, die fast mit­spie­len an der Li­nie. Am En­de geht es dar­um, dass die Re­sul­ta­te stim­men. Und mir ist wich­tig, dass es ei­ne Ent­wick­lung beim Team und bei den ein­zel­nen Spie­lern gibt. Man darf da­bei nicht ver­ges­sen: Ent­schei­dend sind im­mer auch das Um­feld und die Um­stän­de.

Wie mei­nen Sie das?

Bei YB wol­len wir se­ri­ös ar­bei­ten, als Trai­ner bin ich im­mer

auch wie ei­ne Vi­si­ten­kar­te des Ver­eins. In Lu­zern coach­te ich teil­wei­se schon im­pul­si­ver und kom­men­tier­te stär­ker, weil die Mann­schaft tief im Ab­stiegs­kampf steck­te und ver­un­si­chert war. Ins­be­son­de­re die jun­gen Spie­ler be­nö­tig­ten mich und mei­ne An­spra­che. Glau­ben Sie aber ernst­haft, ein Fa­bi­an Lus­ten­ber­ger oder ein Guil­lau­me Ho­arau wür­den mich ernst neh­men, wenn ich sie wäh­rend ei­ner Par­tie wie ein Ham­pel­mann rum­kom­man­die­ren wür­de?

Ih­re Lauf­bahn ver­läuft sehr er­folg­reich, Ih­nen ste­hen auch we­gen Ih­rer Viel­spra­chig­keit vie­le Tü­ren of­fen. Was ist, wenn Sie das Dou­ble ho­len …

… jetzt kommt die Her­tha-Fra­ge.

Nein, aber Sie ha­ben be­stimmt ei­nen Kar­rie­re­plan, den Sie uns end­lich ver­ra­ten?

Ih­re Fra­ge ver­folgt ei­nen fal­schen An­satz. Ich kann zu­dem nicht in die Glas­ku­gel schau­en oder die Zu­kunft be­stim­men. Wenn ich das Ge­fühl ha­be, es sei Zeit für den nächs­ten Schritt, und es ein pas­sen­des Pro­jekt gibt, wer­den Sie es be­stimmt er­fah­ren. (schmun­zelt) Aber der­zeit ist ganz klar: Ich ge­hö­re zu YB und füh­le mich hier sehr wohl.

Aber Sie ha­ben doch auf je­den Fall Zie­le und Träu­me?

Je­der am­bi­tio­nier­te Trai­ner möch­te ein­mal in ei­ner Top­li­ga ar­bei­ten. Doch im Fussball kann man nicht weit pla­nen, ich bin mit vol­ler Kraft im Jetzt. Und ich ha­be ei­ne Vi­si­on. Und da geht es jetzt nicht dar­um, ein­mal Re­al Ma­drid oder so trai­nie­ren zu wol­len. Son­dern dar­um, Mann­schaft und Spie­ler wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Stel­len Sie sich ei­nen 16-Jäh­ri­gen vor, der je­den Tag sagt, er wol­le ein­mal bei Re­al Ma­drid spie­len. Das ist nicht ziel­füh­rend. Viel wich­ti­ger ist: War er ei­ne St­un­de vor dem Trai­ning in der Ka­bi­ne? Hat er sei­ne Schu­he da­nach gut ge­putzt? Hat er sei­ne Haus­auf­ga­ben ge­macht, ge­sund ge­ges­sen, ge­nug ge­schla­fen?

Glau­ben Sie, es wür­de Ih­nen in der Öf­fent­lich­keit scha­den, wenn Sie hier sa­gen wür­den, es sei ein Traum von Ih­nen, ein­mal Re­al Ma­drid zu trai­nie­ren?

Was hilft mir so ei­ne Aus­sa­ge? Ich ge­he den ers­ten Schritt vor dem drit­ten oder fünf­ten. Sie wissen ge­nau, was das be­deu­tet.

Ver­mut­lich geht es um das Spiel am Di­ens­tag in Genf.

Ex­akt. Es geht dar­um, je­den Tag den best­mög­li­chen Job zu ma­chen.

So könn­te YB spie­len: Von Ball­moos; Lo­tom­ba, Lus­ten­ber­ger, Le­fort (Ca­ma­ra), Gar­cia; Ae­bi­scher, Mar­tins; Fass­nacht, Sier­ro (Gau­di­no), Nga­mal­eu; Nsa­me. – Oh­ne Lau­per und Pé­ti­gnat. – Frag­lich: Ho­arau.

«Die Ein­stel­lung ist wich­ti­ger als die Auf­stel­lung. In Thun ha­ben wir die Ba­sics ver­mis­sen las­sen.»

«Ich merk­te, dass ich bes­se­re Ent­schei­dun­gen tref­fe, wenn ich kon­trol­liert bin und nicht emo­tio­nal.»

Fo­to: Urs Lindt (Freshfocus)

Fast im­mer ru­hig und kon­trol­liert: YB-Trai­ner Ger­ar­do Seo­a­ne.

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