Das gros­se Auf­tau­en in Si­bi­ri­en

Die Öl­ka­ta­stro­phe im rus­si­schen Norilsk hat mit schmel­zen­dem Per­ma­frost zu tun. Stras­sen, Brü­cken, Ge­lei­se: In­dus­tri­el­le In­fra­struk­tur im Wert von rund 80 Mil­li­ar­den Fran­ken ist ge­fähr­det.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Sil­ke Bi­gal­ke

In der Ark­tis stei­gen die Tem­pe­ra­tu­ren schnel­ler als sonst­wo. Im Nord­os­ten Russ­lands ge­rät vie­les ins Wan­ken, dar­un­ter Ei­sen­bahn­li­ni­en, Stras­sen, Pi­pe­lines.

Bis in den Welt­raum war die Ka­ta­stro­phe sicht­bar. Sa­tel­li­ten­bil­der der ESA zeig­ten den ark­ti­schen Fluss Am­bar­na­ja rost­rot ge­färbt. En­de Mai wa­ren 21’000 Ton­nen Die­sel aus ei­nem al­tern­den Tank aus­ge­lau­fen, der gröss­te Teil da­von in den Fluss. Ein­satz­kräf­te spann­ten Auf­fangsper­ren im Was­ser und schöpf­ten den gröss­ten Teil des Öls ab. Die Auf­räum­ar­bei­ten am Ufer und in den klei­ne­ren Se­en und Bä­chen der sump­fi­gen Tun­dra dau­ern bis heu­te an. Es sei das gröss­te Un­glück die­ser Art, das es in der rus­si­schen Ark­tis je ge­ge­ben ha­be, sagt Gre­en­peace.

Der ge­bors­te­ne Tank ge­hört zu ei­nem Kraft­werk na­he Norilsk. Das Kraft­werk ge­hört ei­ner Toch­ter­fir­ma des Kon­zerns Nor­ni­ckel, des gröss­ten Ar­beit­ge­bers in Norilsk. Zwangs­ar­bei­ter ha­ben die ers­ten Ge­bäu­de in der Sta­lin-Zeit auf Per­ma­frost ge­baut. Über­haupt gibt es nur in Russ­land Gross­städ­te wie die­se, er­rich­tet auf Dau­er­frost­bo­den. Die­ser über­deckt bei­na­he zwei Drit­tel des ge­sam­ten rus­si­schen Ter­ri­to­ri­ums.

Der Bo­den gab nach, der Tank sank ab

Für die Die­sel­ka­ta­stro­phe ist das re­le­vant, weil Nor­ni­ckel den tau­en­den Per­ma­frost und die «ab­nor­mal mil­den Tem­pe­ra­tu­ren» für das Un­glück ver­ant­wort­lich macht. Der Bo­den gab nach, der Tank sank ab, so lau­tet grob die vor­läu­fi­ge Er­klä­rung. Nach­läs­sig­keit ge­steht der Kon­zern nicht ein, die Kon­struk­ti­on ha­be «30 Jah­re lang oh­ne Pro­ble­me» ge­hal­ten. Ge­gen drei Mit­ar­bei­ter des Kraft­werks lau­fen nun aber Er­mitt­lun­gen, eben­so ge­gen den Bür­ger­meis­ter von Norilsk, der nicht an­ge­mes­sen auf die Ka­ta­stro­phe re­agiert ha­be.

Um­welt­schüt­zer se­hen vor al­lem Nor­ni­ckel in der Ver­ant­wor­tung. Der Tank stam­me aus So­wjet­zei­ten und sei schlecht ge­war­tet wor­den. Sei­nem Be­trei­ber fehl­te ein Not­fall­plan, aus­ser­dem ver­sag­te aus ir­gend­ei­nem Grund der Schutz­wall um den Öl­tank. Die Kli­ma-Aus­re­de will Ale­xei Kni­sch­ni­kow vom WWF da­her nicht gel­ten las­sen. Er hat die Auf­räum­ar­bei­ten mit ko­or­di­niert. «Je­de der­ar­ti­ge An­la­ge muss so ent­wor­fen sein, dass sie sta­bil auf Per­ma­frost steht», sagt er.

Schliess­lich ist tau­en­der Per­ma­frost als Pro­blem in Russ­land nicht neu, dort ste­hen gan­ze Städ­te auf ei­si­gen Bö­den, füh­ren Stras­sen, Ei­sen­bahn­li­ni­en und Erd­öl­pipe­lines über Per­ma­frost. In gros­sen Städ­ten wie Norilsk und Ja­kutsk ge­ra­ten Ge­bäu­de durch das wär­me­re Wetter ins Wan­ken, zei­gen Ris­se, dro­hen ein­zu­stür­zen. Auch das ein­zi­ge Atom­kraft­werk auf Per­ma­frost­bo­den steht in Russ­land – im Nord­os­ten Si­bi­ri­ens. Die Re­ak­to­ren bei Bi­li­bi­no sol­len En­de 2021 ab­ge­schal­tet wer­den, im­mer­hin. Die Die­sel­ka­ta­stro­phe na­he Norilsk führt vor Au­gen, wie gross die Ri­si­ken sind.

Die rus­si­sche Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft möch­te ei­ne «Wie­der­ho­lung ähn­li­cher Si­tua­tio­nen bei be­son­ders ge­fähr­li­chen Ob­jek­ten, die dem Auf­tau­en von

Per­ma­frost aus­ge­setzt sind», ver­hin­dern und hat Über­prü­fun­gen an­ge­ord­net. Ei­ne gu­te Idee, sagt Ale­xei Ko­ko­rin, Kli­ma­ex­per­te beim WWF: «Es ist drin­gend.» Zur Ur­sa­che der Die­sel­ka­ta­stro­phe möch­te er nichts sa­gen. Mit dem rus­si­schen Per­ma­frost aber kennt er sich aus und weiss: Die Bo­den­schicht, die wäh­rend der Som­mers taut, reicht im­mer tie­fer.

Neu­er Hit­ze­re­kord nörd­lich des Po­lar­krei­ses

In der Ark­tis stei­gen die Tem­pe­ra­tu­ren schnel­ler als im Rest der Welt, das gilt nicht nur in Russ­land. Im flä­chen­mäs­sig gröss­ten Land der Er­de ist die Luft­tem­pe­ra­tur seit 1976 um ein hal­bes Grad pro De­ka­de ge­stie­gen – dop­pelt so schnell wie der glo­ba­le Durch­schnitt, hat die Wet­ter­be­hör­de Ros­hy­dro­met ge­mes­sen. Am schnells­ten steigt sie in der Ark­tis. Si­bi­ri­en lei­det auch die­ses Jahr un­ter ei­ner Hit­ze­wel­le. Erst am Wo­che­n­en­de mel­de­te die ark­ti­sche Kle­in­stadt Wer­cho­jansk ei­nen neu­en Re­kord nörd­lich des Po­lar­krei­ses. Dort wur­den 38 Grad Cel­si­us ge­mes­sen.

Die Fol­gen sind kaum ab­seh­bar. Wenn Bo­den, der ei­gent­lich das gan­ze Jahr ge­fro­ren sein soll­te, plötz­lich taut, ver­for­men sich gan­ze Land­schaf­ten. Per­ma­frost sieht über­all an­ders aus, kann aus St­ein, Se­di­ment oder Er­de be­ste­hen. Erst das ge­fro­re­ne Was­ser im Bo­den bin­det das Ma­te­ri­al so fest zu­sam­men wie Be­ton. Be­son­ders ris­kant sind un­ter­ir­di­sche Eis­kam­mern. Er­reicht sie das Tau­wet­ter, sackt der Bo­den be­son­ders plötz­lich ab.

Im nord­si­bi­ri­schen Ja­ku­ti­en riss so ei­ne bei­na­he ei­nen Ki­lo­me­ter lan­ge Schlucht auf, der Ba­ta­gai­ka-Kra­ter. Auch auf der Ja­mal-Halb­in­sel wur­den meh­re­re mys­te­riö­se Kra­ter ent­deckt, fast wie von Me­teo­ri­ten­ein­schlä­gen. For­scher ver­mu­ten da­hin­ter et­was an­de­res: Das Eis im Dau­er­frost­bo­den kann gros­se Men­gen Methan ein­schlies­sen. Wenn es schmilzt und das Gas un­ter der Er­de frei­setzt, steigt der Druck und sprengt die Bo­den­de­cke wie ei­nen Cham­pa­gner­kor­ken.

Hin­zu kommt: Wenn tau­en­der Per­ma­frost Treib­haus­ga­se wie Methan und Koh­len­di­oxid frei­setzt, treibt das den Kli­ma­wan­del noch schnel­ler vor­an. In der Wis­sen­schaft heisst das Per­ma­frost-Rück­kop­pe­lungs­ef­fekt. Je wär­mer es wird in Si­bi­ri­en, des­to un­be­re­chen­ba­rer wird der Bo­den.

Das Zen­trum von Norilsk sei auf sta­bi­len Fel­sen ge­baut, sagt der Kli­ma­ex­per­te Ko­ko­rin. Doch schnell wuchs die Stadt auf ge­fro­re­nen Grund hin­aus. Bo­den al­so, des­sen obe­re Schicht auf­tau­en kann. Ge­bäu­de wur­den da­her auf Stel­zen ge­stellt, die in den Grund ra­gen, et­wa ein oder an­dert­halb Me­ter, je nach­dem. Für heu­ti­ge Be­din­gun­gen rei­chen sie oft nicht tief ge­nug, weil die auf­tau­en­de Schicht längst grös­ser ist, als die Bau­her­ren vor Jahr­zehn­ten kal­ku­liert ha­ben.

Lang­fris­tig muss vie­les neu ge­baut wer­den

«Nun be­steht das gros­se Ri­si­ko, dass die­se Ge­bäu­de und die In­fra­struk­tur kol­la­bie­ren», sagt Ko­ko­rin. Es gibt ein paar kurz­fris­ti­ge Hilfs­mit­tel. Wich­tig sei et­wa, den Schnee zu räu­men, denn Schnee iso­liert, der Bo­den ge­friert dar­un­ter we­ni­ger. Trotz­dem: Die Zer­stö­rung ha­be be­reits be­gon­nen, sagt der For­scher. Lang­fris­tig blei­be nur, in die­sen Ge­bie­ten al­les neu zu bau­en.

In Russ­land ge­be es mehr als hun­dert Jah­re Er­fah­rung mit dem Bau­en auf Per­ma­frost, sagt Dmi­tri St­re­lez­ki, Kli­ma­to­lo­ge und Do­zent an der Ge­or­ge Washington Uni­ver­si­ty in Washington, D.C. Doch vor hun­dert Jah­ren galt der Per­ma­frost noch als et­was «Ewi­ges». Dar­um heisst er ja auch so. Die Ar­chi­tek­ten wuss­ten zwar, dass Ge­bäu­de Wär­me aus­strah­len und dass man den Per­ma­frost da­vor schüt­zen muss. «Aber selbst wenn man al­les rich­tig ge­macht hät­te, hat man nicht be­rech­net, dass die Per­ma­frost-Tem­pe­ra­tur im­mer noch steigt.» Das ha­be sich erst kürz­lich ver­än­dert.

St­re­lez­ki er­forscht, wie stei­gen­de Tem­pe­ra­tu­ren die In­fra­struk­tur auf rus­si­schem Bo­den ge­fähr­den. Die La­ge in Norilsk, sagt er, verändere sich be­son­ders schnell. «Wir nen­nen das Hots­pot, ei­nen der Or­te, de­nen man so­for­ti­ge Auf­merk­sam­keit schen­ken soll­te.» Ins­ge­samt konn­ten er und sei­ne Kol­le­gen mit ih­rer Sta­bi­li­täts­stu­die 2015 nicht viel Auf­merk­sam­keit er­re­gen. Des­we­gen ha­ben sie nun al­les in Dol­lar um­ge­rech­net. Das Er­geb­nis: In­dus­tri­el­le In­fra­struk­tur im Wert von mehr als 84 Mil­li­ar­den US­Dol­lar wird in Russ­land durch tau­en­den Per­ma­frost ge­fähr­det. Wohn­häu­ser sind da noch gar nicht mit­ge­rech­net.

Die For­scher ha­ben Mes­sun­gen rus­si­scher Wet­ter­sta­tio­nen ge­nutzt, doch die reich­ten meist nur für die Tem­pe­ra­tur bis drei Me­ter un­ter der Er­de, sagt Dmi­tri St­re­lez­ki. Bes­ser wä­ren zehn Me­ter – im Schnitt. Für die Zu­kunft brau­che man ein bes­se­res Ver­ständ­nis der La­ge, da­mit künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen Ve­rän­de­run­gen bes­ser ein­kal­ku­lie­ren könn­ten. Den Ent­wick­lern von frü­her hat ge­nau das ge­fehlt, sie ha­ben sich nicht auf den Wan­del ein­ge­stellt.

Was bleibt, sind ab­seh­ba­re und un­ab­seh­ba­re Fol­gen, brö­ckeln­de Häu­ser, ver­bo­ge­ne Ei­sen­bahn­glei­se, ero­die­ren­de

Je wär­mer es wird, des­to un­be­re­chen­ba­rer wird der Bo­den in Si­bi­ri­en.

Küs­ten am ark­ti­schen Oze­an. 2018 warn­te das rus­si­sche Um­welt­mi­nis­te­ri­um so­gar da­vor, dass Ab­fäl­le, die im Per­ma­frost ein­ge­la­gert sei­en, Bo­den und Was­ser ver­gif­ten könn­ten, wenn es taut.

Klei­ne­re Or­te in Si­bi­ri­en lei­den dar­un­ter, dass das wär­me­re Wetter sie von der Aus­sen­welt ab­schnei­det. Wenn die sump­fi­ge Tun­dra ge­fro­ren ist, kön­nen Au­tos über die klei­nen Se­en und brü­cken­lo­sen Flüs­se fah­ren. Doch dün­nes Eis oder Eis-Was­ser-Ge­misch ma­chen den Trans­port un­mög­lich.

Prä­si­dent Pu­tin rief den Not­stand aus

Der Kli­ma­wan­del ist in Russ­land lan­ge igno­riert oder als un­ver­meid­bar hin­ge­nom­men wor­den. In­zwi­schen wer­den die Ri­si­ken auch für den Kreml deut­li­cher er­kenn­bar. Nach der Öl­ka­ta­stro­phe bei Norilsk rief Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin den Not­stand aus und be­frag­te öf­fent­lich­keits­wirk­sam den Chef von Nor­ni­ckel zu dem Un­glück. Wla­di­mir Po­ta­nin, der wohl reichs­te Mann Russ­lands, ver­sprach, die Auf­bau­ar­bei­ten zu be­zah­len, ge­schätz­te 10 Mil­li­ar­den Ru­bel – knapp 130 Mil­lio­nen Eu­ro.

Der­weil gab es am ver­gan­ge­nen Sonn­tag das nächs­te Die­sel­leck in der rus­si­schen Ark­tis: In ei­nem Dorf in Ja­ku­ti­en, 2500 Ki­lo­me­ter öst­lich von Norilsk, lie­fen fünf Ton­nen Öl aus dem Tank ei­nes Kraft­werks aus. Über die Ur­sa­chen ist bis­her nichts be­kannt.

Fo­to: Reu­ters

Das Sa­tel­li­ten­bild zeigt den si­bi­ri­schen Fluss Am­bar­na­ja bei Norilsk. Die rot ge­färb­ten Be­rei­che sind mit Die­sel ver­seucht.

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