Alain Ber­set spielt den Ball an die Kan­to­ne wei­ter

Ex­per­ten des Bun­des ma­chen für Lo­cke­run­gen in Dis­cos und Bars ei­ne un­güns­ti­ge Pro­gno­se. Falls sich die Schutz­kon­zep­te nicht durch­set­zen lies­sen, müss­ten die Kan­to­ne die Clubs wie­der schlies­sen, sagt nun Alain Ber­set.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - (red)

Co­ro­na Die Kan­to­ne wer­den in die­sen Ta­gen ver­schie­de­ne Ver­hal­tens­re­geln wie et­wa ei­ne Mas­ken­trag­pflicht im öf­fent­li­chen Ver­kehr dis­ku­tie­ren. Klar ist, dass mög­li­che Mass­nah­men ko­or­di­niert er­fol­gen sol­len. Dar­auf ha­ben sich Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alain Ber­set so­wie Ver­tre­ter der Kan­to­ne ges­tern Mon­tag ge­ei­nigt. Zur­zeit emp­fiehlt das Bun­des­amt für Ge­sund­heit drin­gend, im ÖV Mas­ken zu tra­gen, wenn der Ab­stand nicht ein­ge­hal­ten wer­den kann.

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Das An­ste­ckungs­ri­si­ko in Clubs sei «hoch». Die Ein­füh­rung von Schutz­mass­nah­men «schwie­rig». Und Dis­tanz­re­geln so­wie Schutz­aus­rüs­tung in Dis­ko­the­ken «nicht an­wend­bar». So steht es wört­lich in ei­ner Co­ro­na­Ri­si­ko­be­ur­tei­lung des Bun­des, die am Wo­che­n­en­de über den Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter an die Öf­fent­lich­keit ge­lang­te. Ex­per­ten des Bun­des­amts für Ge­sund­heit (BAG) ver­fass­ten die­ses Do­ku­ment – Wo­chen be­vor ein Su­per­spre­a­der im Zürcher Club Fla­min­go meh­re­re Men­schen an­steck­te und 300 Per­so­nen in die Qua­ran­tä­ne zwang.

Die BAG­Ri­si­ko­ana­ly­se, die der Netz­ak­ti­vist Hernâ­ni Mar­ques un­ter Be­ru­fung auf das Öf­fent­lich­keits­ge­setz her­aus­ver­lang­te und via Twit­ter pu­blik mach­te, wur­de be­reits im April ver­fasst. We­ni­ge Wo­chen spä­ter ver­kün­de­te der Bun­des­rat über­ra­schend, dass die Clubs ih­re To­re ab dem 6. Ju­ni wie­der öff­nen dürf­ten – un­ter Ein­hal­tung ei­nes Schutz­kon­zepts.

Mitt­ler­wei­le hat sich be­stä­tigt, dass die Ri­si­ko­ein­schät­zung der BAG­Ex­per­ten rich­tig war. Die An­ste­ckungs­ket­te im Zürcher Fla­min­go zieht sich of­fen­bar bis in den Aar­gau. In der Tes­la Bar in Sprei­ten­bach wur­den so­gar über 20 Per­so­nen mit dem Co­ro­na­vi­rus in­fi­ziert. Die An­ste­ckun­gen hän­gen laut den Be­hör­den mit «gros­ser Wahr­schein­lich­keit» mit dem Su­per­spre­a­derVor­fall in Zü­rich zu­sam­men. Im Kan­ton Grau­bün­den ist aus­ser­dem ein wei­te­rer Co­ro­na­Hots­pot ent­deckt wor­den, der auf ei­ne Grup­pe jun­ger Män­ner zu­rück­geht, die Par­ty in Ser­bi­ens Haupt­stadt Bel­grad mach­te und mit dem Vi­rus in die Schweiz zu­rück­kehr­te.

Ris­kant wie Bor­dell-Be­su­che

Mit Warn­far­ben – von Grün bis Rot – kenn­zeich­ne­ten die BAGEx­per­ten die Ge­fahr, die von Lo­cke­run­gen in ver­schie­de­nen Le­bens­be­rei­chen aus­geht. Zu­dem ver­sa­hen sie je­den Be­reich mit ei­nem Ri­si­ko­«Score». Nir­gends fiel die Pro­gno­se un­güns­ti­ger aus als im Fall von Dis­cos und Bars: Tief­rot leuch­tet die ent­spre­chen­de Zei­le im Be­richt. Nur das Sex­ge­wer­be er­zielt ei­nen ähn­lich ho­hen Ri­si­kowert. «Of­fen­sicht­lich hat der Bun­des­rat Su­per­spre­a­der­Events wie je­nen in Zü­rich be­wusst in Kauf ge­nom­men, um die Club­lob­by zu­frie­den­zu­stel­len», kommt Mar­ques zum Schluss.

Der Com­pu­ter­lin­gu­ist, der als Vor­stands­mit­glied beim Cha­os Com­pu­ter Club Schweiz am­tet, hat als Pri­vat­per­son Ein­sicht in das Do­ku­ment ver­langt. Auf die Idee kam er, als sich Bun­des­rats­spre­cher An­dré Si­mo­naz­zi an ei­ner Pres­se­kon­fe­renz zu den be­vor­ste­hen­den Lo­cke­rungs­etap­pen auf die Ri­si­ko­be­ur­tei­lun­gen des Bun­des be­rief. Mar­ques fin­det, in ei­ner De­mo­kra­tie sei es zen­tral, dass die Be­völ­ke­rung er­fah­re, auf wel­cher Ba­sis der Bun­des­rat sei­nen Lo­cke­rungs­ent­scheid ge­fällt ha­be.

Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alain Ber­set (SP) räum­te ges­tern nach ei­nem Tref­fen mit kan­to­na­len Ge­sund­heits­di­rek­to­ren in Bern ein, dass sich der Bun­des­rat ei­nes Ri­si­kos bei der Öff­nung der Clubs be­wusst ge­we­sen sei. Doch sei der Bun­des­rat der Mei­nung ge­we­sen, dass man die Öff­nung mit Schutz­kon­zep­ten ver­su­chen müs­se. Ob ei­ne sol­che funk­tio­nie­re, kön­ne man nur wissen, wenn man es tes­te. Er sei je­doch über­rascht, dass es so schnell zu An­ste­ckungs­fäl­len ge­kom­men sei, sag­te Ber­set.

Zu­dem sei der Bun­des­rat da­von aus­ge­gan­gen, dass die vor­ge­schrie­be­nen Kon­takt­lis­ten von den Club­be­su­chern wahr­heits­ge­mäss aus­ge­füllt wür­den. Nun sei es an den Kan­to­nen, das Schutz­kon­zept durch­zu­set­zen. Falls dies nicht ge­lin­ge, «müs­sen die Kan­to­ne die Clubs schlies­sen». Da­mit nimmt Ber­set be­wusst die Kan­to­ne in die Ver­ant­wor­tung. Die­se hät­ten die Kom­pe­tenz ein­zu­grei­fen, et­wa mit frü­he­ren Sperr­stun­den oder gar Schlies­sun­gen.

So­ci­al Dis­tan­cing un­mög­lich

War­ner vor der Wie­der­er­öff­nung der Clubs gab es ge­nug. Als äus­serst ris­kant stuf­te auch die wis­sen­schaft­li­che Co­ro­na­Task­force des Bun­des die Öff­nung der Clubs ein. Dies geht aus ei­nem wei­te­ren Pa­pier her­vor, das die For­scher eben­falls im April ver­fass­ten. Sie emp­fah­len dar­in ex­pli­zit, die Nacht­clubs bis auf wei­te­res nicht zu öff­nen, da das

So­ci­al Dis­tan­cing in die­sen Lo­ka­len schwie­rig bis un­mög­lich zu über­wa­chen sei.

Task­force­Lei­ter Mat­thi­as Eg­ger sagt zum ge­gen­tei­li­gen Ent­scheid des Bun­des­rats: «Es ist kein Ge­heim­nis, dass der Bun­des­rat beim letz­ten Öff­nungs­schritt teil­wei­se ei­ne an­de­re Stra­te­gie ver­folgt hat als von uns emp­foh­len» – dies tref­fe ins­be­son­de­re auf den Be­reich der Dis­ko­the­ken so­wie auf die Grenz­öff­nun­gen zu. «Am En­de ent­schei­det aber die Re­gie­rung – und dies tut sie nicht al­lein un­ter wis­sen­schaft­li­chen Ge­sichts­punk­ten.»

Beim BAG heisst es auf An­fra­ge, die Kri­te­ri­en der Ri­si­ko­be­ur­tei­lung stell­ten ei­ne epi­de­mio­lo­gi­sche Beur­tei­lung dar und be­rück­sich­tig­ten «Fak­to­ren wie ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz oder wirt­schaft­li­che Fol­gen» nicht.

Fo­to: Pe­ter Schnei­der (Keysto­ne)

Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alain Ber­set nimmt die Kan­to­ne in die Ver­ant­wor­tung.

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