Da­ten­ana­ly­se zeigt: Po­li­zis­ten wer­den kaum je ver­ur­teilt

Wer Be­am­te we­gen Ver­ge­hen im Amt an­zeigt, hat kaum Chan­cen: Nur je­der sieb­te Be­schul­dig­te wird ver­ur­teilt. Ganz an­ders sieht es aus, wenn es um Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den geht.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - (red)

Po­li­zei­ge­walt In der Schweiz müs­sen sich Po­li­zis­ten kaum fürch­ten, we­gen Amts­miss­brauchs ver­ur­teilt zu wer­den. Das zeigt ei­ne Da­ten­ana­ly­se ba­sie­rend auf na­tio­na­len Ur­teils­ und An­zei­gen­sta­tis­ti­ken. Von 2010 bis 2018 gab es 945 we­gen Amts­miss­brauchs be­schul­dig­te Per­so­nen. Die Be­schul­di­gun­gen führ­ten aber nur ge­ra­de zu 132 Ur­tei­len. Das er­gibt ei­ne Quo­te von 14 Pro­zent. Bei an­de­ren Straf­tat­be­stän­den ist die­se Quo­te teil­wei­se viel hö­her.

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Erst letz­te Wo­che hat ein Ge­richt in Zü­rich ei­nen Po­li­zis­ten frei­ge­spro­chen: Er war 2015 von ei­nem psy­chisch kran­ken Äthio­pi­er mit dem Mes­ser an­ge­grif­fen wor­den. Der Po­li­zist schoss wei­ter, selbst nach­dem sich der An­grei­fer be­reits ab­ge­wandt hat­te.

Der Fall ist in­so­fern ty­pisch, als Po­li­zis­ten kaum je für ih­re Hand­lun­gen ver­ur­teilt wer­den. Das zeigt sich am Bei­spiel des Amts­miss­brauchs – die­sem Vor­wurf se­hen sich Po­li­zis­ten oft aus­ge­setzt: Über die letz­ten zehn Jah­re hin­weg wur­den ins­ge­samt 945 Per­so­nen be­schul­digt, die­se Straf­tat be­gan­gen zu ha­ben. Es kam aber nur ge­ra­de zu 132 Ver­ur­tei­lun­gen. Das ent­spricht ei­ner Quo­te von 14 Pro­zent.

Das ist laut Straf­rechts­ex­per­ten sehr auf­fäl­lig. Denn im Schnitt gibt es bei knapp 50 Pro­zent al­ler An­zei­gen auch ein Ur­teil. Beim De­likt «Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den und Be­am­te», ei­ner Art Ge­gen­stück zum Amts­miss­brauch, be­trägt die­se Quo­te gar 88 Pro­zent.

Oft kei­ne ver­tief­te Ab­klä­rung

Für die Po­li­zei­ge­werk­schaft ist die tie­fe Quo­te ein Be­leg da­für, dass vor al­lem «nicht straf­ba­re Hand­lun­gen an­ge­zeigt wer­den». Das sagt Max Hof­mann, der Ge­ne­ral­se­kre­tär des Ver­bands Schwei­ze­ri­scher Po­li­zei-Be­am­ter. «Die­se An­zei­gen auf­grund von Amts­miss­brauch sind ein per­ver­ses Spiel ge­wor­den. Sie die­nen al­lein der Ver­zö­ge­rung der tag­täg­li­chen Ar­beit ei­nes Po­li­zis­ten.» Die Leu­te hät­ten ein fal­sches Bild von der Po­li­zei­ar­beit, sagt Hoff­mann wei­ter. Manch­mal ge­hö­re «phy­si­sche Kraft­an­wen­dung» eben da­zu, um den An­spruch des Staa­tes durch­zu­set­zen – «das ist aber noch lan­ge kein Amts­miss­brauch».

Tat­säch­lich ent­schei­det die Staats­an­walt­schaft bei An­zei­gen we­gen Amts­miss­brauchs oft, die Sa­che gar nicht erst ver­tieft ab­zu­klä­ren – weil an­geb­lich zu we­nig Fleisch am Kno­chen ist. Das wür­de die The­se mit den Ba­ga­tel­len stüt­zen.

Das sieht je­doch der Ber­ner Straf­rechts­pro­fes­sor Jo­nas We­ber an­ders. Er sagt: «Die tie­fe Zahl der An­zei­gen zeigt, wie gross die Hür­den für Pri­va­te sind, ei­ne sol­che An­zei­ge ein­zu­rei­chen.» Das Pro­blem sei, dass die Be­trof­fe­nen bei der­je­ni­gen In­stanz ei­ne Straf­an­zei­ge ein­rei­chen müss­ten, ge­gen die sich die An­zei­ge rich­te. We­ber for­dert des­halb: «Es soll­te un­ab­hän­gi­ge In­stan­zen ge­ben, die Amts­miss­brauchs­fäl­le un­ter­su­chen.»

Ho­hes Ge­wicht der Rap­por­te

Für We­ber ist die tie­fe «Ver­ur­tei­lungs­quo­te» beim Amts­miss­brauch viel­mehr «ein In­diz da­für, dass sich der Po­li­zei­ap­pa­rat sel­ber schützt». In ih­ren Aus­sa­gen woll­ten sich die Po­li­zis­ten in der Re­gel nicht ge­gen­sei­tig be­las­ten. Auch wer­de den Aus­sa­gen der Po­li­zis­ten de fac­to mehr

Glau­ben ge­schenkt als Pri­va­ten. Und wenn es dann zu ei­ner Un­ter­su­chung kom­me, hät­ten Po­li­zei­rap­por­te viel Ge­wicht: «Die­se Rap­por­te wer­den von den an ei­nem Vor­fall be­tei­lig­ten Po­li­zis­ten vor ei­ner Ein­ver­nah­me ge­le­sen und bil­den so et­was wie die of­fi­zi­el­le Ver­si­on der Ge­scheh­nis­se», sagt We­ber.

Wie schmal der Grat sein kann, zeigt der Fall ei­nes Fer­ra­ri-Fah­rers, der im April 2015 von zwei Po­li­zis­ten in Bülach ZH an­ge­hal­ten wur­de, nach­dem er un­ter an­de­rem in ei­nem Krei­sel den Blin­ker nicht ge­stellt hat­te. Die an­schlies­sen­de Kon­trol­le lief aus dem Ru­der. Ir­gend­wann zerr­ten die Po­li­zis­ten den Fah­rer aus sei­nem Fer­ra­ri, führ­ten ihn bäuch­lings zu Bo­den, blo­ckier­ten ihn mit ei­nem Knie auf dem Rü­cken und leg­ten ihm Hand­schel­len an.

Der Mann wur­de mehr­fach ver­letzt, ob­wohl er, wie er an­gab, die Po­li­zis­ten auf sei­ne nicht aus­ge­heil­te Hals­wir­bel­ver­let­zung auf­merk­sam ge­macht hat­te. Die Be­zirks­rich­te­rin kam zum Schluss, der Fer­ra­ri-Fah­rer sei «un­ver­mit­telt und oh­ne Not­wen­dig­keit» aus dem Au­to ge­zerrt

Ei­ner der Po­li­zis­ten drück­te den Kopf des Man­nes in den Urin und for­der­te ihn zum Auf­le­cken auf.

wor­den. Es hand­le sich um ei­nen Fall von Amts­miss­brauch.

Die Po­li­zis­ten je­doch ge­lang­ten ans Ober­ge­richt – und wur­den frei­ge­spro­chen. Im Ur­teil heisst es, der Fer­ra­ri-Fah­rer ha­be sich die Ver­let­zun­gen durch sein «re­ni­ten­tes Ver­hal­ten sel­ber zu­zu­schrei­ben». Wenn es bei ei­ner Ver­haf­tung Ge­gen­wehr ge­be, wür­den nun mal gros­se Kräf­te frei­ge­setzt. Die Ver­let­zun­gen sei­en «sehr be­dau­er­lich», aber ei­ne «mög­li­che Ne­ben­fol­ge».

Durch die Pfüt­ze ge­schleift

Wie krass die Ta­ten sein müs­sen, da­mit ein Ge­richt den Amts­miss­brauch als er­füllt be­trach­tet, zeigt ein wei­te­res Ur­teil: Ein po­li­zei­lich be­kann­ter Mann, der un­ter Dro­gen stand, uri­nier­te 2015 in der Stadt Bern auf ei­nem Po­li­zei­pos­ten in den War­te­raum, nach­dem er dort ein­ge­sperrt wor­den war.

Die Po­li­zis­ten ver­lang­ten von ihm, den Bo­den zu rei­ni­gen. Er wei­ger­te sich, und da drück­te ei­ner der Po­li­zis­ten den Kopf des Man­nes in den Urin und for­der­te ihn zum Auf­le­cken auf. Schliess­lich schleif­te ihn ein Po­li­zist auch noch an den Bei­nen durch die Urin-Pfüt­ze.

Auch in die­sem Fall ge­lang­ten die ver­ur­teil­ten Po­li­zis­ten ans Ober­ge­richt – der Schuld­spruch der ers­ten In­stanz wur­de aber im We­sent­li­chen be­stä­tigt.

Fo­to: Urs Jau­das

«Phy­si­sche Kraft­an­wen­dung» sei manch­mal nö­tig, sa­gen Po­li­zei­ge­werk­schaf­ter: Po­li­zis­ten drü­cken ei­nen Mann zu Bo­den.

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