Wo sind die Schog­gi­ta­ler?

Der Ver­kauf des süs­sen Ta­lers hat seit Jahr­zehn­ten Tra­di­ti­on. Doch je län­ger, je we­ni­ger Schü­ler ma­chen mit. Man­che El­tern hal­ten das Sam­meln of­fen­bar für Bet­teln.

BZ Langenthaler Tagblatt - - Vorderseite - Li­nus Schöp­fer

Ja, es gibt sie noch, die Schog­gi­ta­ler-Ver­kaufs­ak­ti­on. Doch sie bringt im­mer we­ni­ger Geld ein – weil im­mer we­ni­ger Kin­der sam­meln. Schuld an der Mi­se­re sind ge­straff­te Lehr­plä­ne und skep­ti­sche El­tern. Sie hal­ten das Sam­meln of­fen­bar für Bet­teln.

Das war ei­ne ge­nia­le Idee. Meh­re­re Ton­nen Scho­ko­la­de wur­den 1946 auf hie­si­gen Stras­sen ver­kauft, um im En­ga­din ei­nen See zu ret­ten. Die Süs­sig­keit war kost­bar, war wäh­rend des Kriegs ra­tio­niert wor­den – und wirk­te noch kost­ba­rer, weil sie in gol­dig glän­zen­des Alu­mi­ni­um ge­hüllt war. Und schon wa­ren die ers­ten Schog­gi­ta­ler un­ter die Schwei­zer ge­bracht.

Zu­erst gings um den Sils­er­see, dann all­jähr­lich um ein neu­es Pro­jekt von Pro Na­tu­ra oder des Hei­mat­schut­zes. Mal wur­de zu­guns­ten des Bi­bers ge­sam­melt, mal für Berg­bau­ern­hö­fe. Der Kauf ei­nes Ta­lers ge­hör­te bald zum bür­ger­li­chen Ha­bi­tus. Nicht zu­letzt, weil ihn Kin­der ver­kauf­ten, man frü­her als Kind sel­ber Ta­ler ver­kauft hat­te.

Äl­te­re Men­schen ru­fen an

Den Ta­ler gibts noch. Doch sei­ne klei­nen Ver­käu­fer ma­chen sich rar. Eve­li­ne En­ge­li, die den Ta­ler­ver­kauf or­ga­ni­siert, sagt: «Die Teil­nah­men sind seit über 20 Jah­ren rück­läu­fig.» Das wirkt sich auf den Um­satz aus, der zu fast 90 Pro­zent von Kin­dern er­wirt­schaf­tet wird. Oh­ne Kin­der stirbt der Ta­ler.

Die­sen Mo­nat ging der Ver­kauf 2018 zu En­de, Pro Na­tu­ra und der Hei­mat­schutz rech­nen mit dem schlech­tes­ten Ver­kauf der Ge­schich­te, ei­nem

Re­sul­tat knapp über der Gren­ze von 300 000 ver­kauf­ten

Ta­lern. Letz­tes Jahr wa­ren gut

345 000

Stück ver­kauft wor­den, das bis­her schlech­tes­te Er­geb­nis. Im Re­kord­jahr 1969 wa­ren es noch ei­ne knap­pe Mil­li­on ge­we­sen, im Jahr 2006 im­mer­hin noch über 600 000.

«Manch­mal ru­fen uns äl­te­re Men­schen an und fra­gen, wo die Kin­der mit den Ta­lern ge­blie­ben sei­en», sagt En­ge­li. «An Or­ten, an de­nen frü­her Ta­ler ver­kauft wor­den sind und wo sich heu­te kei­ne Schul­klas­sen mehr da­für fin­den.»

Pro Pa­tria hat das­sel­be Pro­blem. Auch bei die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on mach­ten ins­ge­samt we­ni­ger Frei­wil­li­ge mit als frü­her, dar­un­ter auch we­ni­ger Kin­der, sagt Mat­thi­as Ver­ge­at. Er ist Ge­schäfts­füh­rer der Stif­tung, die 1909 ge­grün­det wor­den ist und seit 1923 das 1.-Au­gust-Ab­zei­chen ver­kauft.

Doch war­um blei­ben die Kin­der den Sam­mel­ak­tio­nen fern? Ein Pro­blem sind die Schu­len. Je­de drit­te Schu­le, die Pro Na­tu­ra an­fragt, macht über­haupt nicht mehr mit. En­ge­li sagt, es sei­en meist die Schul­lei­tun­gen, die block­ten. War frü­her der Schog­gi­ta­ler die ein­zi­ge Sam­mel­ak­ti­on, gin­gen heu­te vie­le ähn­li­che An­fra­gen ein – wor­auf die Rek­to­ren mit ei­nem pau­scha­len Ver­bot re­agier­ten.

An­der­seits wech­seln die Leh­rer heu­te ih­re Stel­len häu­fi­ger als frü­her, als Pro Na­tu­ra noch zu ein­zel­nen Leh­rern ei­ne Be­zie­hung auf­bau­en konn­te. Und ge­ra­de jun­ge Leh­rer stün­den oft un­ter Druck und fän­den nicht die nö­ti­ge Zeit für die Zu­sam­men­ar­beit. Pro-Pa­tria-Chef Ver­ge­at pflich­tet bei: Die Lehr­plä­ne sei­en straff ge­wor­den und lies­sen wohl auch we­ni­ger Raum für Sam­mel­ak­tio­nen. Knapp ist auch die Frei­zeit der Kin­der. «Das gröss­te Pro­blem stellt sich bei den Klas­sen, die zwar mit­ma­chen möch­ten, je­doch kein ge­mein­sa­mes Zeit­fens­ter für den Ver­kauf fin­den. Zu vie­le Hob­bys, Nach­hil­fe et ce­te­ra», sagt Eve­li­ne En­ge­li.

Und da sind noch die El­tern. Sie sind skep­ti­scher ge­wor­den. Die Or­ga­ni­sa­to­ren stel­len fest, dass man­che El­tern ih­re Kin­der nicht ei­nem be­stimm­ten Ver­dacht aus­set­zen wol­len. An der Zürcher «Gold­küs­te» zum Bei- spiel mach­ten viel we­ni­ger Schul­klas­sen mit, stellt En­ge­li fest. «Die El­tern dort ver­bin­den das Sam­meln of­fen­bar mit Bet­teln.»

Geht es um die Fra­ge, wie die Kin­der wie­der fürs sinn­vol­le Sam­meln mo­ti­viert wer­den könn­ten, wir­ken die Or­ga­ni­sa­to­ren rat­los, ja ver­zwei­felt. Dass die Kin­der ei­nen klei­nen Teil in die Klas­sen­kas­sen ab­zwei­gen dür­fen, ist of­fen­sicht­lich nicht mehr An­reiz ge­nug. Pro Na­tu­ra ver­such­te es mit zu­sätz­li­chen Prei­sen und In­se­ra­ten, ver­ein­fach­te das An­mel­de­pro­ze­de­re. «Viel mehr kön­nen wir nicht tun», sagt En­ge­li. Auch Pro-Pa­tria-Chef Mat­thi­as Ver­ge­at be­tont, die Samm­lun­gen auf der Stras­se sei­en für sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on «sehr wich­tig». Der­zeit über­legt sich die Stif­tung, mit wel­chen Mass­nah­men sie die Schu­len – und da­mit die Kin­der – zu­rück­ho­len will.

2 Schü­ler, 770 Ta­ler

Et­was bes­ser steht es bei Pro Ju­ven­tu­te, die 1912 ge­grün­de­te Ju­gend­stif­tung. Für sie sam­mel­ten in den letz­ten fünf Jah­ren kon­stant rund 30 000 Kin­der. Pro Ju­ven­tu­te hat we­sens­ge­mäss ei­nen leich­te­ren Zu­gang zu den Jun­gen. Es sei si­cher kein Nach­teil, dass die Kin­der sich di­rekt für an­de­re Kin­der in der Schweiz en­ga­gie­ren könn­ten, sagt ein Spre­cher.

Auch scheint es der Mar­ke­ting­ab­tei­lung zu ge­lin­gen, Leh­rer di­rekt an­zu­spre­chen. Kin­der eig­ne­ten sich beim Sam­meln «Fi­nanz­kom­pe­tenz» an, so die Werbung. Al­ler­dings stellt auch der Pro-Ju­ven­tu­te-Spre­cher fest, der Auf­wand, Schu­len zum Mit­ma­chen zu be­we­gen, sei «grös­ser als frü­her».

Stirbt er nun al­so aus, der Schog­gi­ta­ler, die­ses ge­fähr­de­te Schwei­zer Kul­tur­gut? Sei­ne Ver­käu­fer wer­den zwar we­ni­ger. Doch am Sam­me­lei­fer der Kin­der liegts nicht. «Wenn sie Ta­ler ver­kau­fen, sind die Kin­der nicht we­ni­ger en­ga­giert als frü­her», sagt En­ge­li.

Die bes­te Ein­zel­samm­lung über­haupt ist erst drei Jah­re alt. Die zwei Pri­mar­schü­ler Ayo und Ar­dan pos­tier­ten sich vor dem Zürcher Pri­me To­wer – und ver­kauf­ten 770 Ta­ler.

Fo­to: Wal­ter Stu­der (Pho­to­press)

Hen­ri Gui­san kauft im Fe­bru­ar 1946 im Bun­des­haus ei­nen Schog­gi­ta­ler.

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