Wird die Zwei­staa­ten­lö­sung zu Gr­a­be ge­tra­gen?

Sein Le­ben lang hat sich der Schrift­stel­ler Abra­ham B. Je­ho­schua für die Zwei­staa­ten­lö­sung ein­ge­setzt. Jetzt be­zwei­felt er die Mög­lich­keit, sie je zu ver­wirk­li­chen. Er sieht je­doch ei­ne Lö­sung, für Pa­läs­ti­nen­ser und Is­rae­lis.

Das Magazin - - Ein Vorschlag - Text Abra­ham b. Je­ho­schua

ich er­in­ne­re mich, am drit­ten tag des sechs­ta­ge­kriegs, nach­dem is­rae­li­sche trup­pen ost­je­ru­sa­lem, das West­jor­dan­land und den ga­za­strei­fen er­obert hat­ten, im­mer wie­der ver­kün­det zu ha­ben: «jetzt muss ein staat für die Be­woh­ner die­ser ge­bie­te ge­grün­det wer­den.»

Zu­erst hiess es noch «die Be­woh­ner der ge­bie­te», nicht «die pa­läs­ti­nen­ser», und das West­jor­dan­land und der ga­za­strei­fen wur­den «die ge­bie­te» ge­nannt. All­mäh­lich sprach man dann von den «ver­wal­te­ten ge­bie­ten», und seit et­wa zwan­zig jah­ren heis­sen sie «er­ober­te ge­bie­te». es war das frie­dens­la­ger, das für die «er­e­zis­rae­li­schen Ara­ber» nach und nach die Be­zeich­nung «pa­läs­ti­nen­ser» in den öf­fent­li­chen Dis­kurs ein­führ­te, wäh­rend die is­rae­li­schen na­tio­na­lis­ten von den «be­frei­ten ge­bie­ten» und «ju­däa und sa­ma­ria» zu re­den be­gan­nen, als han­del­te es sich um na­tür­li­che und le­gi­ti­me tei­le des staa­tes is­ra­el.

Die sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung um ei­ne mög­li­che Zwei­staa­ten­lö­sung fin­det kaum mehr statt. Das ist ei­ne fol­ge der chao­ti­schen la­ge im na­hen os­ten, aber auch auf die leh­ren zu­rück­zu­füh­ren, die wir is­rae­lis nach dem ein­sei­ti­gen is­rae­li­schen rück­zug aus dem ga­za­strei­fen ge­zo­gen ha­ben.

in ers­ter li­nie je­doch er­lahm­ten die Be­mü­hun­gen um ei­ne Zwei­staa­ten­lö­sung we­gen der wach­sen­den sied­lungs­tä­tig­keit im West­jor­dan­land. in­zwi­schen lässt sich das ge­biet un­mög­lich in zwei selbst­stän­di­ge staa­ten auf­tei­len, es ist viel zu zer­stü­ckelt. Des­glei­chen er­scheint ei­ne Auf­tei­lung je­ru­sa­lems in zwei durch ei­ne in­ter­na­tio­na­le gren­ze ge­trenn­te haupt­städ­te von tag zu tag rea­li­täts­fer­ner.

fünf­zig jah­re lang, al­so wäh­rend mei­nes ge­sam­ten er­wach­se­nen­le­bens, ha­be ich mich uner­müd­lich für die Zwei­staa­ten­lö­sung ein­ge­setzt. in den 1970ern zähl­te ich zu de­nen, die ei­ne An­er­ken­nung der pa­läs­ti­nen­si­schen Be­frei­ungs­or­ga­ni­sa­ti­on (plo) als Ver­tre­ter des pa­läs­ti­nen­si­schen Vol­kes in frie­dens­ver­hand­lun­gen be­für­wor­te­ten.

ich ha­be das gen­fer Ab­kom­men zu Be­ginn des mill­en­ni­ums mit un­ter­zeich­net. Wie die mehr­heit der is­rae­lis be­grüss­te auch ich den uni­la­te­ra­len Ab­zug aus dem ga­za­strei­fen.

An­ge­sichts der un­zäh­li­gen ent­täu­schun­gen so­wohl durch die je­wei­li­ge is­rae­li­sche re­gie­rung als auch durch die pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie­be­hör­de (pa) hoff­te ich mit al­len Ver­tre­tern des frie­dens­la­gers, dass die staa­ten der frei­en Welt, ins­be­son­de­re die USA und eu­ro­pa, wirt­schaft­li­chen und di­plo­ma­ti­schen Druck auf bei­de sei­ten aus­üben und sie auf die­se Wei­se zwin­gen wür­den, in ei­nem der längs­ten und kom­ple­xes­ten kon­flik­te seit Be­ginn des 20. jahr­hun­derts ei­nen kom­pro­miss aus­zu­han­deln.

Und in der tat schien der er­sehn­te Au­gen­blick ge­kom­men, als die of­fi­zi­el­le füh­rung der pa­läs­ti­nen­ser und zwei is­rae­li­sche mi­nis­ter­prä­si­den­ten des rech­ten flü­gels, ehud ol­mert und Ben­ja­min ne­tan­ja­hu, öf­fent­lich ver­kün­de­ten, sie sei­en be­reit, auf die Zwei­staa­ten­lö­sung hin­zu­ar­bei­ten. ol­mert hat­te vor sei­nem rück­tritt ei­nen gross­zü­gi­gen tei­lungs­plan bis ins De­tail aus­ge­klü­gelt, doch der pa­läs­ti­nen­si­sche re­gie­rungs­chef mahmud Ab­bas blieb ol­mert zu­fol­ge den meis­ten dies­be­züg­lich an­be­raum­ten tref­fen fern. Was ne­tan­ja­hu be­trifft, so kann nie­mand wis­sen, was in sei­nem kopf vor­geht, wenn er ge­le­gent­lich den Be­griff «Zwei­staa­ten­lö­sung» fal­len lässt. oft meint er da­mit le­dig­lich ei­ne pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie und kei­nen un­ab­hän­gi­gen staat.

Auch die pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie­be­hör­de und die meis­ten der mo­de­ra­ten ara­bi­schen staa­ten un­ter­stüt­zen ei­ne Zwei­staa­ten­lö­sung, und so wird die­se denn auch in der in­ter­na­tio­na­len staa­ten­ge­mein­schaft mehr­heit­lich als of­fi­zi­el­le kom­pro­miss­for­mel ge­han­delt. gleich­zei­tig müs­sen

mei­ne Weg­ge­fähr­ten und ich, die wir seit fünf­zig Jah­ren die Ver­wirk­li­chung die­ser Vi­si­on an­streb­ten, zur Kennt­nis neh­men, dass sie kei­ne Chan­ce mehr hat, je­mals ver­wirk­licht zu wer­den. Die Zwei­staa­ten­lö­sung wird viel­mehr als Fas­sa­de miss­braucht, um das all­mäh­li­che Ab­rut­schen in die Ok­ku­pa­ti­on, in ei­ne ge­sell­schaft­li­che und ju­ris­ti­sche Apart­heid zu tar­nen.

Und wir im is­rae­li­schen und pa­läs­ti­nen­si­schen Frie­dens­la­ger schei­nen uns er­schöpft und fa­ta­lis­tisch da­mit ab­zu­fin­den. Nicht die jü­di­sche und zio­nis­ti­sche Iden­ti­tät des is­rae­li­schen Staa­tes ist da­mit be­droht – nein, wir Is­rae­lis ris­kie­ren un­se­re Hu­ma­ni­tät und die der von uns be­herrsch­ten Pa­läs­ti­nen­ser.

Lang­fris­tig fest­ge­fah­ren

Geht man da­von aus, dass der Zio­nis­mus sich En­de des 19. Jahr­hun­derts als po­li­ti­sche Ideo­lo­gie fes­tig­te, die ers­ten jü­di­schen Sied­lun­gen in Erez Is­ra­el be­reits in den 1870ern und 1880ern er­rich­tet wur­den, dann ist die­ser Kon­flikt rund hun­dert­fünf­zig Jah­re alt. Sei­ne Dau­er ist er­staun­lich, wenn man be­denkt, dass kaum ein Kon­flikt so viel dis­ku­tiert wur­de wie die­ser. Hoch­ran­gi­ge Ab­ge­sand­te rei­sen an und ab, ge­gen­wär­ti­ge und ehe­ma­li­ge Prä­si­den­ten, Aus­sen­mi­nis­ter und Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ha­ben sich an sei­ner Lö­sung ver­sucht. Us-prä­si­dent Bill Cl­in­ton schob im Jahr 2000 al­le an­de­ren Ver­pflich­tun­gen bei­sei­te und wid­me­te sich in Camp Da­vid ei­ne gan­ze Wo­che lang den Fein­hei­ten des mög­li­chen Grenz­ver­laufs zwi­schen dem zu­künf­ti­gen Pa­läs­ti­na und dem is­rae­li­schen Staat. Der Us-aus­sen­mi­nis­ter John Ker­ry liess ver­lau­ten, er ha­be wäh­rend sei­ner Amts­zeit un­ter Ba­rack Oba­ma mehr als sech­zig Pro­zent sei­ner Aus­lands­rei­sen zwecks Lö­sung des is­rae­lisch-pa­läs­ti­nen­si­schen Kon­flikts an­ge­tre­ten. In den Ver­ein­ten Na­tio­nen und vie­len an­de­ren in­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen steht der re­gio­na­le Streit im Na­hen Os­ten re­gel­mäs­sig auf der Ta­ges­ord­nung. Spe­zi­el­le In­sti­tu­te sind sei­net­we­gen ein­ge­rich­tet wor­den. Und schon seit Jah­ren wer­den Kon­fe­ren­zen ver­an­stal­tet, da­mit man ihn bes­ser ver­ste­hen und be­rei­ni­gen kann. Schrift­stel­ler, In­tel­lek­tu­el­le, Ju­gend­li­che, Frau­en­or­ga­ni­sa­tio­nen und leid­tra­gen­de Fa­mi­li­en be­schäf­ti­gen sich un­un­ter­bro­chen mit ihm. Do­nald Trump be­zeich­net den Frie­den zwi­schen Is­ra­el und den Pa­läs­ti­nen­sern als «De­al». Bis aber so ein De­al aus­ge­han­delt ist, wer­den noch Jah­re ver­ge­hen, und un­ter­des­sen pro­fi­tie­ren nicht we­ni­ge Leu­te von der miss­li­chen La­ge.

Der tie­fe­re Grund da­für liegt in der Be­son­der­heit des Kon­flikts. Mei­nes Wis­sens hat es in der Ge­schich­te kein an­de­res Volk ge­ge­ben, das sich nach zwei­tau­send Jah­ren welt­wei­ter Wan­der­schaft we­gen ihm ent­ge­gen­ge­brach­ter Feind­se­lig­kei­ten an­schick­te, in sei­ne his­to­ri­sche Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren, zu der es über die Jahr­hun­der­te zwar in­ten­si­ve re­li­giö­se und spi­ri­tu­el­le Bin­dun­gen be­wahrt hat­te, in die zu­rück­zu­keh­ren es aber eben­so lan­ge hart­nä­ckig ver­mied.

Im 19. Jahr­hun­dert exis­tier­ten welt­weit zwei­ein­halb Mil­lio­nen Ju­den, in Pa­läs­ti­na/erez Is­ra­el aber leb­ten nur zehn­tau­send. (Af­gha­nis­tan be­her­berg­te da­mals vier­zig­tau­send Ju­den, der Jemen acht­zig­tau­send, Po­len be­reits ei­ne Mil­li­on.) Hun­dert Jah­re spä­ter, zur Zeit des auf­kom­men­den Zio­nis­mus und der Bal­four-er­klä­rung (1917), leb­ten im frag­li­chen Ge­biet fünf­hun­dert­fünf­zig­tau­send Pa­läs­ti­nen­ser, aber le­dig­lich fünf­zig­tau­send Ju­den, wäh­rend das ge­sam­te jü­di­sche Volk welt­weit auf vier­zehn Mil­lio­nen an­ge­wach­sen war. (Die Da­ten ent­stam­men der «En­cy­clo­pa­edia He­brai­ca».)

Aber die Be­son­der­heit liegt nicht nur in der spä­ten und er­staun­li­chen Rück­kehr nach Zi­on, auf die wir Ju­den stolz sind und der die Ara­ber und Pa­läs­ti­nen­ser sich hef­tig wi­der­set­zen, son­dern auch in der Tat­sa­che, dass bei­de Völ­ker die Herr­schaft über je­den Qua­drat­zen­ti­me­ter ein und des­sel­ben Bo­dens be­an­spru­chen. Man strei­tet hier nicht um ei­nen be­stimm­ten Land­strich wie in den meis­ten Re­gio­nal­kon­flik­ten welt­weit, viel­mehr geht es je­der Sei­te um das gan­ze Ter­ri­to­ri­um.

Dass die Pa­läs­ti­nen­ser die Bal­four-er­klä­rung ab­ge­lehnt ha­ben, fin­de ich völ­lig ver­ständ­lich – nicht nur, weil die Bri­ten kein mo­ra­li­sches Recht hat­ten, Pa­läs­ti­na den Ju­den zu­zu­spre­chen. (Eben­so wie auch die Ver­ein­ten Na­tio­nen nie­mals über das mo­ra­li­sche oder ju­ris­ti­sche Recht ver­füg­ten, ein Land zwi­schen sei­nen Ein­woh­nern und ei­nem von aus­sen kom­men­den Volk auf­zu­tei­len.)

So­wohl die Ju­den als auch die Pa­läs­ti­nen­ser ha­ben sich in den 1930ern und 1940ern ge­gen die bri­ti­sche An­we­sen­heit in Pa­läs­ti­na auf­ge­lehnt. Das Land ge­hör­te sei­nen Ein­woh­nern und nicht der bri­ti­schen Kro­ne, dar­in wa­ren sich Ju­den und Ara­ber ei­nig, in Über­ein­stim­mung mit dem uni­ver­sell gül­ti­gen Ge­bot, dem­zu­fol­ge ein Land sei­nen Ein­woh­nern ge­hört und nicht der frem­den Ar­mee, die es er­obert hat.

Der Kon­flikt ver­kom­pli­zier­te und ver­schärf­te sich wei­ter auf­grund der de­mo­gra­fi­schen Be­zie­hun­gen zwi­schen den bei­den Völ­kern, und die­se Ent­wick­lung hat Auf­tei­lung und Kom­pro­miss bis heu­te ver­hin­dert. Zu Recht ha­ben die Pa­läs­ti­nen­ser ent­spre­chen­de Plä­ne 1917 und 1947 ab­ge­lehnt. Wenn auch nur ein Vier­tel der Ju­den, al­so et­wa 3.5 Mil­lio­nen, nach Erez Is­ra­el ge­langt wä­re, wä­re den Pa­läs­ti­nen­sern kein Qua­drat­zen­ti­me­ter ge­blie­ben, auf dem sie ih­re Fah­ne hät­ten his­sen kön­nen.

1947 leb­ten be­reits 1.3 Mil­lio­nen Pa­läs­ti­nen­ser im Land, ver­gli­chen mit sechs­hun­dert­tau­send Ju­den. Doch aus­ser­halb der Gren­zen gab es et­wa zwölf Mil­lio­nen Ju­den, teils hei­mat­los ge­wor­de­ne Schoa-über­le­ben­de oder sonst durch den Krieg tief ver­stör­te Men­schen. Des­we­gen war der Wi­der­stand der Pa­läs­ti­nen­ser ge­gen die Uno­re­so­lu­ti­on von 1947 nur zu ver­ständ­lich, ver­lang­te die­se doch von ih­nen, ih­re Hei­mat mit ei­nem Volk zu tei­len, das wohl vor zwei­tau­send Jah­ren hier ge­lebt, sich seit­dem je­doch über den gan­zen Glo­bus ver­streut hat­te.

1948 hat­ten die Pa­läs­ti­nen­ser gu­te Aus­sich­ten, die ob­jek­tiv schwa­che, noch in den Kin­der­schu­hen ste­cken­de jü­di­sche An­sied­lung mit der mi­li­tä­ri­schen Un­ter­stüt­zung sie­ben ara­bi­scher Staa­ten zu zer­mal­men. Yi­ga­el Ya­din, da­mals stell­ver­tre­ten­der Ober­be­fehls­ha­ber der Is­rae­li­schen Ver­tei­di­gungs­streit­kräf­te (IDF), schätz­te Is­ra­els Über­le­bens­chan­cen im dro­hen­den Krieg auf kaum fünf­zig Pro­zent.

Die Wur­zeln des Kon­flikts lie­gen al­so klar zu­ta­ge. Trotz­dem müs­sen wir uns fra­gen, war­um es nach sieb­zig Jah­ren is­rae­li­scher Un­ab­hän­gig­keit und nach den Nie­der­la­gen der Pa­läs­ti­nen­ser und Ara­ber in den Krie­gen von 1948, 1967, 1973 so­wie in der Zwei­ten

In­ti­fa­da im­mer noch un­mög­lich er­scheint, den Kon­flikt, wie von al­ler Welt vor­ge­schla­gen, per Tei­lung und Kom­pro­miss zu be­en­den.

Man­gel­haf­te Hei­mat­lie­be

Nor­ma­ler­wei­se ist das Hei­mat­land das Fun­da­ment der na­tio­na­len Iden­ti­tät, auf ihr bau­en sich al­le an­de­ren Fak­to­ren auf: Spra­che, Re­li­gi­on, Ge­schich­te, Kul­tur, ge­ge­be­nen­falls auch die ge­mein­sa­me Her­kunft. Spra­che und Re­li­gi­on kann man mit an­de­ren Völ­kern tei­len, das Ter­ri­to­ri­um hin­ge­gen ist un­ver­zicht­bar.

Wenn wir nun die Tie­fe und Hart­nä­ckig­keit des is­rae­lisch-pa­läs­ti­nen­si­schen Kon­flikts ver­ste­hen wol­len, so ent­de­cken wir, dass die na­tio­na­le Iden­ti­tät bei­der Völ­ker in Be­zug auf das Hei­mat­land ei­nen Man­gel auf­weist, der den Kon­flikt ver­schärft und ihn in die Län­ge zieht. Der Fair­ness hal­ber möch­te ich fest­stel­len, dass das De­fi­zit des jü­di­schen Vol­kes in Be­zug auf die Hei­mat als iden­ti­täts­stif­ten­den Fak­tor tie­fer greift als je­nes des pa­läs­ti­nen­si­schen Vol­kes. Denn seit Ent­ste­hen des jü­di­schen Vol­kes – und es ist un­wich­tig, ob man das als his­to­ri­schen Vor­gang be­greift oder als my­tho­lo­gi­sch­re­li­giö­ses, im jü­di­schen Be­wusst­sein seit Ur­zei­ten ver­an­ker­tes Ge­sche­hen – hat der Be­zug zur Hei­mat in der na­tio­na­len jü­disch-is­rae­li­schen Iden­ti­tät den ers­ten Rang an die re­li­gi­ös-gött­li­che Kom­po­nen­te ab­ge­tre­ten.

Die be­wuss­te Ab­schwä­chung des Hei­mat­zu­sam­men­hangs im jü­di­schis­rae­li­schen Be­wusst­sein lässt sich in den Hei­li­gen Schrif­ten nach­ver­fol­gen: Abra­ham, der ers­te He­brä­er, er­hielt den Auf­trag, das Haus sei­nes Va­ters und sei­ne Hei­mat zu ver­las­sen und sich in ein neu­es Ge­biet zu be­ge­ben, das als hei­li­ges, ihm durch den Bund mit Gott zu­ge­teil­tes Land be­zeich­net wur­de. In­so­fern ist die­ses Land kei­ne durch Ge­burt er­wor­be­ne Hei­mat, wie je­des an­de­re Volk sie be­sitzt. Dem bi­bli­schen My­thos zu­fol­ge, der das Na­tio­nal­be­wusst­sein so­wohl der sä­ku­la­ren als auch der gläu­bi­gen Ju­den ent­schei­dend ge­formt hat, ent­stand die jü­disch-is­rae­li­sche na­tio­na­le Iden­ti­tät nicht auf hei­mat­li­chem Bo­den, son­dern im ägyp­ti­schen Exil.

So er­hiel­ten wir selbst die Tho­ra, das iden­ti­täts­bil­den­de Ele­ment schlecht­hin, nicht auf erez-is­rae­li­schem Bo­den, son­dern in der Si­nai­wüs­te, die nie­mand Hei­mat nennt. Und auch das Ge­lob­te Land, das den na­tür­li­chen Bo­den für das wach­sen­de Na­tio­nal­ge­fühl des aus Ägyp­ten aus­ge­zo­ge­nen Vol­kes hät­te bil­den sol­len, wird ihm nicht auf­grund von Ero­be­run­gen zu­teil, son­dern nur, weil und wenn es sich an die Ge­bo­te des Herrn hält. Das Ab­las­sen von die­sen Ge­bo­ten oder ihr Über­tre­ten bringt Un­heil, im schlimms­ten Fal­le Ver­trei­bung und Zer­streu­ung un­ter an­de­re Völ­ker.

Da die Hei­mat, wie ge­zeigt, nur ei­ne zweit­ran­gi­ge Kom­po­nen­te der jü­di­schen Iden­ti­tät ist, folgt ih­rem Ver­lust auch nicht un­be­dingt der Ver­lust der na­tio­na­len Iden­ti­tät. Das im Exil ge­bo­re­ne Volk geht wie­der ins Exil und wird in der Dia­spo­ra wei­ter­be­ste­hen. Das Ge­lob­te Land ist nur un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen ge­ge­ben, Gott al­lein ist das Ab­so­lu­te. Es gibt wohl kein an­de­res Volk, dem es nach dem Ver­lust oder bes­ser: nach dem Ver­las­sen sei­nes Ter­ri­to­ri­ums und der Hun­der­te von Jah­ren an­dau­ern­den Zer­streu­ung in al­le Welt den­noch weit­ge­hend ge­lun­gen ist, sei­ne na­tio­na­le Iden­ti­tät zu be­wah­ren.

Das Exil ist ein im­ma­nen­tes, le­gi­ti­mes Ele­ment der jü­di­schen Iden­ti­tät. Die Ma­jo­ri­tät un­se­res Vol­kes hat fast zwei­tau­send Jah­re lang nicht in dem von Gott ge­ge­be­nen «Hei­mat­land» ge­lebt, son­dern in den Hei­mat­län­dern an­de­rer Völ­ker. Die An­zahl der Ju­den, die es vor­zo­gen, nicht in Erez Is­ra­el zu le­ben, ist er­schüt­ternd hoch im Ver­gleich zur An­zahl der Ju­den, die in der Re­gi­on aus­harr­ten. So oft auch in der Dia­spo­ra die Er­lö­sung und Heim­kehr ins Land her­auf­be­schwo­ren wur­den, so­oft man auch den Vers «Wenn ich dich ver­ges­se, oh Je­ru­sa­lem» zi­tier­te, so blieb doch die jü­di­sche Prä­senz im Hei­li­gen Land mi­ni­mal, ja, un­be­deu­tend. Die Exi­lier­ten wei­ger­ten sich be­harr­lich, ins Ge­lob­te Land zu­rück­zu­keh­ren, was be­son­ders bei den ori­en­ta­li­schen Ju­den er­staunt, denn im­mer­hin ge­hör­te Erez Is­ra­el fünf­hun­dert Jah­re lang zum Os­ma­ni­schen Reich.

Die dem his­to­ri­schen und re­li­giö­sen Hei­mat­land ent­ge­gen­ge­brach­te Ab­nei­gung hat zu ei­nem un­heil­schwan­ge­ren Man­gel in der na­tio­na­len jü­di­schen Iden­ti­tät ge­führt. Da der Hei­mat­fak­tor für sie nur an zwei­ter Stel­le stand, pro­jek­tier­ten die Ju­den die­se Be­find­lich­keit auf ih­re Um­ge­bung und un­ter­schätz­ten des­we­gen den Wert, den die Hei­mat für an­de­re Völ­ker hat. Sie ver­stan­den nicht, dass ih­re Exis­tenz un­ter Frem­den ein ge­fähr­lich tie­fes Ein­drin­gen in ei­ne Iden­ti­tät be­deu­te­te, die nicht die ih­re war. Bild­lich ge­spro­chen be­trach­te­ten die Ju­den die Hei­mat­län­der an­de­rer Völ­ker als Ho­tel­ket­te und tun dies auch heu­te noch. Wenn sich die Be­wir­tungs­be­din­gun­gen än­dern, dann pa­cken sie ih­re Hei­li­gen Schrif­ten ein und zie­hen von ei­nem Ho­tel ins nächs­te.

«Der Ju­de ist über­all und nir­gends», de­fi­nier­te Han­nah Arendt die jü­di­sche Exis­tenz – und be­wies in ih­rem ei­ge­nen Le­ben die Rich­tig­keit die­ser Er­kennt­nis.

Ob­wohl sich die Ju­den im Ver­lauf ih­rer gan­zen Ge­schich­te be­müh­ten, sich in die­sen Ho­tels wie gut ge­sit­te­te Gäs­te zu be­neh­men, rief al­lein ih­re An­we­sen­heit schar­fe Re­ak­tio­nen in Form von Ver­trei­bun­gen und Ein­rei­se­ver­bo­ten her­vor. Oder man ver­such­te, ih­re Iden­ti­tät durch den zwangs­wei­sen Über­tritt zum Chris­ten­tum zu ver­än­dern. Manch­mal auch wur­den sie ein­ge­sperrt, das heisst am Ver­las­sen des Ho­tels ge­hin­dert, wenn der Zeit­geist sich ge­än­dert hat­te, wie es in der So­wjet­uni­on und in Sy­ri­en ge­schah. Des­we­gen ging das Wan­dern im Exil mit ei­ner dras­ti­schen De­zi­mie­rung der jü­di­schen Be­völ­ke­rung ein­her. Zähl­te sie nach der Zer­stö­rung des Zwei­ten Tem­pels noch et­wa vier Mil­lio­nen, so hat­te sie sich zu Be­ginn des 18. Jahr­hun­derts auf ei­ne Mil­li­on ver­rin­gert.

Die ab­scheu­lichs­te al­ler Re­ak­tio­nen war al­ler­dings die Aus­rot­tung, und sie fand aus­ge­rech­net dort statt, wo die Ju­den sich der re­gio­na­len Iden­ti­tät wei­test­ge­hend an­ge­passt hat­ten. Un­ter die­sem Aspekt war die Schoa die grau­sams­te Heim­su­chung, die ein Volk im Ver­lauf der Mensch­heits­ge­schich­te je zu er­dul­den hat­te. In­ner­halb von fünf Jah­ren wur­de ein Drit­tel des jü­di­schen Vol­kes um­ge­bracht. Nicht we­gen ei­nes Ter­ri­to­ri­al­streits, nicht we­gen der Re­li­gi­on, nicht we­gen ei­ner spe­zi­el­len Ideo­lo­gie und auch nicht we­gen ma­te­ri­el­ler Be­sitz­tü­mer. Nein, das Un­heil, das ei­ni­ge Vä­ter des Zio­nis­mus vor­aus­ge­se­hen hat­ten, hol-

te die Ju­den ein, weil das Ter­ri­to­ri­um als iden­ti­täts­stif­ten­der Fak­tor ih­nen nicht wich­tig ge­nug war und sie in­fol­ge­des­sen auch die Be­deut­sam­keit das Hei­mat­lan­des in der Iden­ti­tät an­de­rer Völ­ker nicht ernst ge­nug nah­men.

Haus und Hof als Hei­mat

Der his­to­risch ge­wach­se­nen Ge­ring­schät­zung des Ter­ri­to­ri­ums als Fun­da­ment der na­tio­na­len Iden­ti­tät des ei­ge­nen – und da­mit auch je­des an­de­ren – Vol­kes steht ein ganz an­ders ge­ar­te­ter Man­gel auf pa­läs­ti­nen­si­scher Sei­te ge­gen­über. Ein Pa­läs­ti­nen­ser be­trach­tet näm­lich sein Haus und sein Dorf – und nicht das ge­sam­te pa­läs­ti­nen­si­sche Ge­biet – als pri­mä­res Fun­da­ment sei­ner na­tio­na­len Iden­ti­tät. Im Auf­ein­an­der­tref­fen die­ser bei­den De­fi­zi­te liegt der Grund für die In­ten­si­tät und Zä­hig­keit die­ses Kon­flikts.

Ich be­haup­te nicht, mich in den Fein­hei­ten des pa­läs­ti­nen­si­schen Na­tio­na­lis­mus aus­zu­ken­nen, doch sieht man sich des­sen Ent­ste­hungs­ge­schich­te an, so ist ein Pro­zess zu ver­fol­gen, der wäh­rend der lan­gen Herr­schaft des Os­ma­ni­schen Reichs ein­setz­te. Die­ses herrsch­te im Na­hen Os­ten für mehr als vier­hun­dert Jah­re und war im We­sent­li­chen mus­li­misch, so­dass die ara­bi­sche Be­völ­ke­rung sich als ein gros­ses Volk wahr­nahm, das sich ein und der­sel­ben Spra­che be­dien­te. Dem­ent­spre­chend ent­wi­ckel­te es kei­ne be­stimm­te na­tio­na­le Iden­ti­tät in­ner­halb fest um­ris­se­ner Gren­zen.

Nach­dem das Os­ma­ni­sche Im­pe­ri­um in­fol­ge sei­ner Nie­der­la­ge im Ers­ten Welt­krieg zer­fal­len war, bil­de­ten sich kla­rer de­fi­nier­te eth­ni­sche Gren­zen her­aus. Von den Ko­lo­ni­al­mäch­ten Bri­tan­ni­en und Frank­reich be­auf­sich­tigt und er­mu­tigt, prob­ten die ara­bi­schen Staa­ten das Zu­sam­men­le­ben. Die na­tio­na­len Iden­ti­tä­ten des Irak, Sy­ri­ens, des ha­sche­mi­ti­schen Kö­nig­reichs Jor­da­ni­en, Sau­dia­ra­bi­ens und des Jemen be­gan­nen sich zu for­men. Die Ent­wick­lung des pa­läs­ti­nen­si­schen Na­tio­nal­be­wusst­seins in Pa­läs­ti­na/erez Is­ra­el schei­ter­te al­ler­dings an ei­ner dop­pel­ten Bar­rie­re: ers­tens an der mi­li­tä­ri­schen und ad­mi­nis­tra­ti­ven bri­ti­schen Herr­schaft, die das Man­dat im Sin­ne der Bal­four-er­klä­rung ab­si­chern soll­te, und zwei­tens an der wach­sen­den Zahl der ins Man­dats­ge­biet strö­men­den jü­di­schen Pio­nie­re.

Statt wie die Ira­ker, die Sy­rer oder die Be­woh­ner des Li­ba­non ei­ne un­ab­hän­gi­ge Re­gie­rungs­form zu ent­wi­ckeln, muss­ten sich die Pa­läs­ti­nen­ser mit ei­ner sehr be­grenz­ten Au­to­no­mie oh­ne exe­ku­ti­ve Be­fug­nis im Ge­fü­ge der Clans und Dor­fo­ber­häup­ter be­gnü­gen. Ih­rer da­ma­li­gen po­li­ti­schen Füh­rung, dem Ara­bi­schen Ho­hen Ko­mi­tee mit dem Muf­ti an der Spit­ze, brach­te die pa­läs­ti­nen­si­sche Be­völ­ke­rung, zu der auch christ­li­che und dru­si­sche Min­der­hei­ten ge­hör­ten, we­nig Ver­trau­en ent­ge­gen.

Wenn aber die zen­tra­le na­tio­na­le Re­gie­rung schwach und be­schränkt ist und sich zu­dem nicht auf ei­ne Tra­di­ti­on ech­ter na­tio­na­ler Au­to­ri­tät stüt­zen kann, dann wer­den en­ge­re Ge­mein­schaf­ten wie Dorf oder Fa­mi­lie zum Grund­pfei­ler der na­tio­na­len Iden­ti­tät, und die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem gan­zen Hei­mat­land nimmt Scha­den. Oben­drein war das pa­läs­ti­nen­si­sche Volk auf min­des­tens fünf Län­der ver­teilt wor­den: Is­ra­el, Jor­da­ni­en, Ägyp­ten, den Li­ba­non und Sy­ri­en.

Nach dem Ab­zug der En­g­län­der war es un­ter an­de­rem auch die An­häng­lich­keit an Clan und Dorf, die zur Nie­der­la­ge der Pa­läs­ti­nen­ser im is­rae­li­schen Un­ab­hän­gig­keits­krieg von 1948 bei­trug. Die jü­di­sche Be­völ­ke­rung kämpf­te da­mals mit dem Rü­cken zum Meer um ihr Über­le­ben. Die Pa­läs­ti­nen­ser, von sie­ben ara­bi­schen Staa­ten mi­li­tä­risch un­ter­stützt, er­wie­sen sich nicht nur als un­fä­hig, den Ju­den­staat noch in sei­ner Ge­burts­pha­se aus­zu­lö­schen, sie ver­lo­ren auch ei­nen Teil des Ter­ri­to­ri­ums, das der Uno-tei­lungs­plan ih­nen zu­ge­stan­den hat­te.

In sei­nem aus­ge­zeich­ne­ten neus­ten Buch «Ze hem o ana­ch­nu» (Ent­we­der sie oder wir) be­schreibt der re­nom­mier­te is­rae­li­sche Jour­na­list Dan­ny Ru­bin­stein den Kampf um das Ka­s­tell auf ei­ner An­hö­he über der Stras­se nach Je­ru­sa­lem. Ei­ne span­nen­de Epi­so­de il­lus­triert, in wel­chem Mas­se die Pa­läs­ti­nen­ser an ih­rem Dorf hin­gen und das na­tio­na­le Gan­ze ver­nach­läs­sig­ten. Wäh­rend ei­nes teil­wei­se fehl­ge­schla­ge­nen Pal­mach-an­griffs auf das Ka­s­tell ver­irr­te sich Abd al-qa­dir al-hus­s­ei­ni, ein von den Pa­läs­ti­nen­sern hoch­ver­ehr­ter Kom­man­dant, zwi­schen den Li­ni­en und wur­de von is­rae­li­schen Schüt­zen ge­tö­tet. Da sie nicht gleich er­kann­ten, wen sie li­qui­diert hat­ten, blieb der To­te ein­fach lie­gen. Die Pa­läs­ti­nen­ser glaub­ten zu­nächst, ihr Kom­man­dant sei nur ver­wun­det wor­den und in Ge­fan­gen­schaft ge­ra­ten. Sie rie­fen Män­ner aus den um­lie­gen­den Dör­fern zu Hil­fe, um ihn zu be­frei­en. Rasch ver­sam­mel­ten sich an die tau­send frei­wil­li­ge Kämp­fer, die die Fe­s­tung samt dem um­lie­gen­den Dorf zu­rück­er­ober­ten und den Is­rae­lis schmerz­haf­te Ver­lus­te zu­füg­ten. Hus­s­ei­nis Lei­che wur­de ge­fun­den, nach Je­ru­sa­lem über­führt und dort pom­pös be­gra­ben. Die dörf­li­chen Kämp­fer be­ka­men den Auf­trag, die stra­te­gisch wich­ti­ge Hö­he zu hal­ten, bis sie von neu­en Trup­pen ab­ge­löst wür­den, doch sie igno­rier­ten den Be­fehl und kehr­ten in­ner­halb we­ni­ger St­un­den in ih­re nur ei­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Dör­fer zu­rück, räum­ten al­so dem Geg­ner kampf­los das Feld. Sie fühl­ten sich in ers­ter Li­nie ih­ren Dör­fern und Fa­mi­li­en ver­pflich­tet – und nicht dem grös­se­ren na­tio­na­len An­lie­gen.

Noch heu­te, so Ru­bin­stein, sieb­zig Jah­re nach dem Krieg von 1948, be­nen­nen die Pa­läs­ti­nen­ser die Gas­sen in den Flücht­lings­la­gern nach den Dör­fern ih­rer Her­kunft, da die­se den ei­gent­li­chen Kern ih­rer Iden­ti­tät bil­den. Al­ler­dings sind die in Flücht­lings­camps im Ga­za­strei­fen und im West­jor­dan­land le­ben­den Pa­läs­ti­nen­ser nicht wirk­lich Flücht­lin­ge, son­dern eher Ver­trie­be­ne, denn sie le­ben ja noch auf hei­mat­li­chem Ter­ri­to­ri­um. Die we­ni­gen Is­rae­lis hin­ge­gen, die im 1948er-krieg von den Pa­läs­ti­nen­sern aus ih­ren Sied­lun­gen ver­trie­ben wur­den, be­trach­te­ten sich nie­mals als Flücht­lin­ge und glie­der­ten sich un­ver­züg­lich in an­de­re Ge­mein­den des Hei­mat­lan­des ein. Auch die Pa­läs­ti­nen­ser, die in den Li­ba­non, nach Jor­da­ni­en, Sy­ri­en oder Ägyp­ten flüch­te­ten, hät­ten theo­re­tisch in ihr Hei­mat­land zu­rück­keh­ren kön­nen, denn es wur­de ja für die nächs­ten neun­zehn Jah­re von Jor­da­ni­en und Ägyp­ten re­giert. Zu ech­ten Flücht­lin­gen wur­den sie ei­gent­lich erst nach dem Sechs­ta­ge­krieg von 1967, als Is­ra­el die Gren­zen end­gül­tig vor ih­nen ver­schloss. Dass sie im­mer noch dar­auf be­har­ren, ihr Haus oder ihr Dorf als pri­mä­ren und fast ex­klu­si­ven Fak­tor ih­rer na­tio­na­len Iden­ti­tät zu be­trach­ten, und auf dem «per­sön­li­chen

Rück­kehr­recht» in ih­re ur­sprüng­li­chen Häu­ser be­ste­hen, ver­län­gert und ver­schärft den Kon­flikt. Hin­zu kommt, dass die Ver­ein­ten Na­tio­nen ih­nen und ih­ren Nach­kom­men bis in die fünf­te Ge­ne­ra­ti­on Flücht­lings­sta­tus ga­ran­tie­ren. Nun dür­fen die Pa­läs­ti­nen­ser al­so wei­ter von der Zer­stö­rung Is­ra­els träu­men, da­mit sie in die Häu­ser oder Dör­fer der Vor­vä­ter zu­rück­zie­hen kön­nen, so wie die aus Gush Ka­tif im Ga­za­strei­fen ver­trie­be­nen (nicht ge­flüch­te­ten) Is­rae­lis sich nach dem Au­gen­blick seh­nen dür­fen, in dem sie ih­re von der is­rae­li­schen Ar­mee zer­stör­ten Häu­ser wie­der auf­bau­en kön­nen.

Wir an­de­ren aber ste­hen vor der Fra­ge, was in der Zwi­schen­zeit ge­sche­hen soll.

Die Pa­läs­ti­nen­ser le­ben seit sieb­zig Jah­ren in elen­den Camps im Ga­za­strei­fen, der im­mer­hin Teil des pa­läs­ti­nen­si­schen Hei­mat­lan­des ist, und ha­ben da­mit sich selbst, nur zehn oder zwan­zig Ki­lo­me­ter von ih­ren ehe­ma­li­gen Dör­fern ent­fernt, zu ei­nem be­schä­men­den Flücht­lings­da­sein ver­ur­teilt. Die ver­ros­te­ten Schlüs­sel ih­rer ver­las­se­nen Häu­ser bil­den das Fun­da­ment ih­rer Na­tio­na­li­tät, und die­se trifft auf die Na­tio­na­li­tät des jü­di­schen Vol­kes, das nach zwei­tau­send Jah­ren des Her­um­wan­derns in al­ler Herrn Län­der von bi­bli­scher Sehn­sucht er­grif­fen wur­de und sich nicht mit den 78 Pro­zent des pa­läs­ti­nen­si­schen Ter­ri­to­ri­ums, das dem is­rae­li­schen Staat nach dem Krieg von 1948 zu­ge­spro­chen wur­de, be­gnü­gen mag, son­dern auch noch an den rest­li­chen 22 Pro­zent des in pa­läs­ti­nen­si­schen Hän­den ver­blie­be­nen Lan­des nagt, dar­un­ter fal­len die West­bank und der Ga­za­strei­fen.

Die Ver­knüp­fung die­ser beid­sei­ti­gen sub­stan­zi­el­len Män­gel zeigt sich zum ei­nen im is­rae­li­schen Sied­lungs­bau in den be­setz­ten Ge­bie­ten, der das pa­läs­ti­nen­si­sche Iden­ti­täts­ge­fühl zu­tiefst ver­letzt, und zum an­de­ren im hei­lig­ge­hal­te­nen pa­läs­ti­nen­si­schen Prin­zip der Rück­kehr der Flücht­lin­ge in ih­re ehe­ma­li­gen, jetzt im is­rae­li­schen Staats­ge­biet lie­gen­den Häu­ser und Hö­fe. Die­se La­ge er­schwert und ver­zö­gert Kom­pro­miss und Ver­söh­nung seit Jahr­zehn­ten. Das trau­ri­ge En­de des – nicht oh­ne Grund – ge­schei­ter­ten is­rae­li­schen Sied­lungs­pro­jek­tes im Ga­za­strei­fen il­lus­triert die Grau­sam­keit und die De­struk­ti­vi­tät bei­der Sei­ten. Die Pa­läs­ti­nen­ser re­agier­ten auf den Ab­zug der ver­hass­ten Be­sat­zer nicht et­wa mit dem wirt­schaft­li­chen Auf­bau der zu­rück­er­hal­te­nen Ge­bie­te, sie mach­ten sich viel­mehr ab­sur­der­wei­se dar­an, An­griffs­tun­nel zu gra­ben und Ra­ke­ten über die Gren­ze zu schies­sen.

De­mo­gra­fi­sches Pen­del

Wie der ehe­ma­li­ge ägyp­ti­sche Prä­si­dent An­war Sa­dat in sei­nen Me­moi­ren be­rich­tet, ent­schloss er sich 1973 zum An­griffs­krieg, nach­dem Is­ra­el be­gon­nen hat­te, in der Ra­fah­ebe­ne im Nor­den der Si­nai­halb­in­sel Zi­vi­lis­ten an­zu­sie­deln.

Die Ar­beits­par­tei hat­te dem Be­ginn der Sied­lungs­ak­ti­vi­tät mo­ra­li­sche und po­li­ti­sche Le­gi­ti­mi­tät ver­lie­hen, und sie folg­te da­bei dem trü­ge­ri­schen Grund­satz: «… in von der ara­bi­schen Be­völ­ke­rung nur schwach be­sie­del­ten Ge­bie­ten.» Die­ses Prin­zip im Ra­fahStrei­fen an­zu­wen­den, fiel nicht schwer: Er war tat­säch­lich «von der ara­bi­schen Be­völ­ke­rung nur schwach be­sie­delt», nach­dem man die dort le­ben­den et­wa zehn­tau­send Be­dui­nen ver­trie­ben, ih­re Ern­te zer­stört und ih­re Fel­der in Bau­land für die neue is­rae­li­sche Sied­lung ver­wan­delt hat­te.

Im Ga­za­strei­fen selbst, wo sich, eben­falls auf Be­schluss der Ar­beits­par­tei, die re­li­giö­se Gush­ka­tif­be­we­gung an­sie­del­te, war es je­doch schwie­ri­ger, sich nach dem schein­hei­li­gen Prin­zip zu rich­ten, wes­we­gen der Li­kud­block, es ein­fach auf­gab, als er 1977 die Re­gie­rung über­nahm. Im­mer­hin, so recht­fer­tig­te sich die Gus­hKa­tif­be­we­gung, hät­ten die Ju­den an vie­len dicht be­sie­del­ten Or­ten un­ter Frem­den ge­lebt, oh­ne ihr Ju­den­tum zu ge­fähr­den. War­um soll­ten sie dann aus­ge­rech­net im Land Is­ra­el, wo die is­ rae­li­sche Ver­tei­di­gungs­ar­mee sie be­schüt­zen konn­te, sol­che Or­te mei­den?

Der Wahr­heit zu­lie­be muss ge­sagt wer­den, dass im Jah­re 1977, als die Ar­beits­par­tei die Re­gie­rung an den Li­kud­block über­gab, nur drei­tau­send is­rae­li­sche Siedler in den 1967 er­ober­ten Pa­läs­ti­nen­ser­ge­bie­ten leb­ten, in­zwi­schen aber ha­ben sich mehr als ei­ne hal­be Mil­li­on Is­rae­lis in Ost­je­ru­sa­lem und dem West­jor­dan­land nie­der­ge­las­sen.

1917, zur Zeit der Bal­four­er­klä­rung, leb­ten in Pa­läs­ti­na ei­ne hal­be Mil­li­on Pa­läs­ti­nen­ser, und es gab welt­weit fast fünf­zehn Mil­lio­nen Ju­den. Die­ses Ver­hält­nis be­gann sich im Ver­lauf der Jah­re all­mäh­lich um­zu­keh­ren. Nicht nur weil in der Schoa ein Drit­tel der Ju­den er­mor­det wur­de, son­dern durch na­tür­li­ches Wachs­tum auf­sei­ten der Pa­läs­ti­nen­ser, de­ren Le­bens­er­war­tung sich durch die Ko­exis­tenz mit den Ju­den ver­bes­ser­te. Er­schien das Kon­zept von «Gross­is­ra­el» 1967 noch mög­lich und na­tür­lich (wenn auch nicht mo­ra­lisch), so ist es hun­dert Jah­re nach der Bal­four­er­klä­rung und sieb­zig Jah­re nach dem UNO-TEI­lungs­plan zu­neh­mend pro­ble­ma­ti­scher ge­wor­den.

Die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung kehr­te sich um oder bes­ser: Sie schwang hin und her wie ein Pen­del. Yas­sir Ara­fat, der Pa­läs­ti­nen­ser­füh­rer, der selbst­herr­lich und ir­re­füh­rend gern von Pa­läs­ti­na als ei­nem «sä­ku­la­ren, de­mo­kra­ti­schen und plu­ra­lis­ti­schen Staat» sprach, nach­dem die Flücht­lin­ge erst ein­mal an ih­re in Is­ra­el lie­gen­den Heim­stät­ten zu­rück­ge­kehrt sei­en, wur­de an­ge­sichts der jü­di­schen Ein­wan­de­rungs­wel­len aus der So­wjet­uni­on in den spä­ten 1980ern und der Ver­dop­pe­lung der Sied­lun­gen in den be­setz­ten Ge­bie­ten von Pa­nik er­grif­fen und er­klär­te sich des­we­gen 1994 be­reit, die Os­lo­ver­trä­ge zu un­ter­zeich­nen, die Is­ra­el als selbst­stän­di­gen Staat an­er­kann­ten. Doch dann tor­pe­dier­te er das Ab­kom­men mit Ter­ror­an­schlä­gen, die in der Zwei­ten In­ti­fa­da kul­mi­nier­ten, wäh­rend der Staat Is­ra­el sei­ner­seits zö­ger­te, sich aus den um­strit­te­nen Ge­bie­ten zu­rück­zu­zie­hen. Ausser­dem wur­de der Sied­lungs­bau kei­nes­wegs ein­ge­stellt, er schlug viel­mehr im­mer tie­fe­re Wur­zeln.

Die ver­ros­te­ten Schlüs­sel ih­rer ver­las­se­nen Häu­ser bil­den das Fun­da­ment der pa­läs­ti­nen­si­schen Iden­ti­tät.

Die Gush-ka­tif-siedler war­te­ten 2005 auf die Sol­da­ten, die sie aus dem Ga­za­strei­fen eva­ku­ie­ren soll­ten, wäh­rend im Back­ofen Hähn­chen brut­zel­ten. Die Eva­ku­ie­rung der acht­tau­send Siedler aus dem Ga­za­strei­fen kos­te­te den is­rae­li­schen Staat et­wa 2,85 Mil­li­ar­den Dol­lar. Un­mit­tel­bar dar­auf de­mons­trier­ten die Pa­läs­ti­nen­ser der Welt ver­mit­tels Ra­ke­ten und dem Bau von Tun­neln, dass die Räu­mung für sie kei­nes­wegs das En­de der Ok­ku­pa­ti­on be­deu­te­te und nicht ein­mal den An­satz ei­nes ver­söhn­li­chen Aus­ein­an­der­di­vi­die­rens mit sich brach­te.

In den letz­ten sieb­zig Jah­ren hat sich aber – trotz schwe­rer Zu­sam­men­stös­se, trotz des Sechs­ta­ge­kriegs und der dar­auf fol­gen­den Be­set­zung der er­ober­ten Ge­bie­te, trotz der Mi­li­tär­re­gie­rung, der bei­den In­ti­fa­das und der Be­schlag­nah­me pa­läs­ti­nen­si­schen Bo­dens – ei­ne für die Zu­kunft be­deut­sa­me Ent­wick­lung zu­ge­tra­gen:

Die in­ner­halb des is­rae­li­schen Staats­ge­bie­tes zu­sam­men­le­ben­den Ju­den und Ara­ber ha­ben ei­ne re­la­tiv er­folg­rei­che Ko­exis­tenz auf die Bei­ne ge­stellt. Die Staats­bür­ger­schaft, die den in Is­ra­el ver­blie­be­nen Pa­läs­ti­nen­sern 1949 gleich nach dem En­de des Un­ab­hän­gig­keits­krie­ges auf­ge­zwun­gen bzw. ga­ran­tiert wur­de, bil­det ein sta­bi­les Fun­da­ment für die Be­zie­hun­gen zwi­schen der jü­di­schen Mehr­heit und der gros­sen na­tio­na­len, nicht ter­ri­to­ria­len, ara­bi­schen Min­der­heit von zwan­zig Pro­zent.

Selbst ein aus­län­di­scher Be­ob­ach­ter mit ho­hen mo­ra­li­schen Mass­stä­ben wür­de bei­den Sei­ten, den jü­di­schen wie den pa­läs­ti­nen­si­schen Is­rae­lis, für die Ko­exis­tenz, die sich seit sieb­zig Jah­ren in un­se­rem Staat her­aus­ge­bil­det hat, gu­te No­ten er­tei­len. So hat bei­spiels­wei­se ein is­rae­lisch-pa­läs­ti­nen­si­scher Rich­ter ei­nen ehe­ma­li­gen is­rae­li­schen Prä­si­den­ten zu ei­ner Ge­fäng­nis­stra­fe ver­ur­teilt und da­mit ei­nen Bei­trag zur Ein­hal­tung der ho­hen Nor­men is­rae­li­scher Ge­richts­bar­keit ge­leis­tet. Der pa­läs­ti­nen­si­sche Di­rek­tor des Kran­ken­hau­ses von Na­ha­riya setzt me­di­zi­ni­sche Stan­dards; ein dru­si­scher Kom­man­dant be­feh­lig­te im Gaz­akrieg von 2014 ei­ne is­rae­li­sche Kampf­trup­pe; pa­läs­ti­nen­si­sche Bot­schaf­ter und Kon­suln ver­tre­ten den Staat Is­ra­el in al­ler Welt; pa­läs­ti­nen­si­sche In­tel­lek­tu­el­le, Wis­sen­schaft­ler, High­techin­ge­nieu­re und ta­len­tier­te Künst­ler – Schau­spie­ler, Re­gis­seu­re, Ma­ler und Schrift­stel­ler – steu­ern ei­nen be­wun­derns­wer­ten krea­ti­ven Kurs zwi­schen den Tra­di­tio­nen der bei­den Völ­ker.

Zwar fin­det be­son­ders die pa­läs­ti­nen­si­sche Min­der­heit im­mer wie­der An­lass zu Be­schwer­den und Kla­gen, doch bei­de Sei­ten ha­ben ein trag­ba­res Fun­da­ment für ei­ne ge­mein­sa­me Zu­kunft ge­legt – und die­se ge­mein­sa­me Zu­kunft ist das Schick­sal, das die Ju­den mit der spä­ten und par­ti­el­len Rück­kehr in ihr his­to­ri­sches Hei­mat­land auf sich ge­la­den ha­ben.

Part­ner­schaft statt Frie­den

Am ers­ten To­des­jah­res­tag des ehe­ma­li­gen Mi­nis­ters und Knes­se­t­abge­ord­ne­ten Jos­si Sa­rid lud mich sei­ne Wit­we Do­rit ein, an der Ge­denk­fei­er im Tel Avi­ver Kunst­mu­se­um ein paar Wor­te zu sa­gen. Ei­ni­ge Wo­chen zu­vor hat­te ich den Vor­schlag ver­öf­fent­licht, den hun­dert­tau­send Pa­läs­ti­nen­sern im Be­zirk C des West­jor­dan­lan­des, in dem al­le jü­di­schen Sied­lun­gen lie­gen, die is­rae­li­sche Staats­bür­ger­schaft zu ver­lei­hen, um die Bös­ar­tig­keit der Be­sat­zung zu­min­dest in sech­zig Pro­zent des West­jor­dan­lan­des zu mil­dern.

Ei­ni­ge Mit­strei­ter aus dem Frie­dens­la­ger zeig­ten sich scho­ckiert: Wie­so wag­te ein Ve­te­ran aus ih­ren Rei­hen, ei­nen Vor­schlag zu ma­chen, des­sen ver­bor­ge­ne Im­pli­ka­tio­nen als Vor­be­rei­tung zur An­nek­tie­rung des frag­li­chen Ge­bie­tes in­ter­pre­tiert wer­den konn­ten? Das Zwei­staa­ten­prin­zip ist dem Frie­dens­la­ger hei­lig, und wer ei­ne ket­ze­ri­sche Über­le­gung äus­sert, ris­kiert viel.

Man­che der klügs­ten is­rae­li­schen Köp­fe be­nut­zen die gän­gi­ge For­mel von der Zwei­staa­ten­lö­sung nur noch zur Be­ru­hi­gung des Ge­wis­sens und ge­ben sich un­ter­des­sen mit dem Ver­fas­sen von Dra­men, Ro­ma­nen und Dreh­bü­chern über den is­rae­lisch-pa­läs­ti­nen­si­schen Kon­flikt zu­frie­den.

Tat­säch­lich wer­den in letz­ter Zeit so­wohl in der Frie­dens­be­we­gung als auch im na­tio­na­len La­ger Ide­en ge­äus­sert, die auf Spiel­ar­ten ei­ner Kon­fö­de­ra­ti­on hin­aus­lau­fen, so­gar Vor­stel­lun­gen wie «zwei Staa­ten in ei­nem Hei­mat­land» sind im Um­lauf. An­ge­sichts der ge­dank­li­chen Sta­gna­ti­on, die in gros­sen Tei­len der is­rae­li­schen Öf­fent­lich­keit und in vie­len po­li­ti­schen Krei­sen um sich greift, hal­te ich sol­che Vor­stös­se für aus­ser­or­dent­lich be­grüs­sens­wert.

Denn weit­aus ge­fähr­li­cher ist das Ab­drif­ten in die Apart­heid. Sie hat in un­se­rem Le­ben be­reits tie­fe Wur­zeln ge­schla­gen, die bald nicht mehr aus­zu­gra­ben sein wer­den.

Ich sor­ge mich nicht um den Zio­nis­mus oder die jü­di­sche Iden­ti­tät, son­dern um et­was viel Wich­ti­ge­res: um un­se­re Men­sch­lich­keit und die der un­ter uns le­ben­den Pa­läs­ti­nen­ser. Wir kön­nen nicht wie die Ame­ri­ka­ner in Viet­nam, die Fran­zo­sen in Al­ge­ri­en oder die Rus­sen in Af­gha­nis­tan ei­nes Ta­ges auf­bre­chen und ab­zie­hen. Wir wer­den auf al­le Ewig­keit mit den Pa­läs­ti­nen­sern zu­sam­men­le­ben müs­sen, und je­de Be­schä­di­gung der ge­gen­sei­ti­gen Be­zie­hun­gen wird sich ins kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis auch der kom­men­den Ge­ne­ra­tio­nen schmerz­haft ein­gra­ben.

Ich skiz­zie­re hier­mit den Ent­wurf für ein Pro­gramm vor, das nicht ein­fach zu ver­wirk­li­chen, aber durch­aus rea­lis­tisch ist. Das ist hier kein um­fas­sen­der Frie­dens­plan mit den Pa­läs­ti­nen­sern und erst recht nicht die Ver­kün­dung ei­ner his­to­ri­schen Ver­söh­nung. Auch möch­te ich kei­nes­falls ei­nen Vor­schlag un­ter­brei­ten, der sich nicht rea­li­sie­ren lässt und bei­den Sei­ten als Vor­wand dient, je­de Hoff­nung auf ein Ab­kom­men zu tor­pe­die­ren. Ich ste­cke le­dig­lich ge­dank­li­che Li­ni­en ab, um der Apart­heid prin­zi­pi­ell ei­nen Rie­gel vor­zu­schie­ben und sie dann in ei­ner be­stimm­ten Pha­se wie­der zu­rück­zu­drän­gen. Es ist ein uni­la­te­ral auf Is­ra­el zu­ge­schnit­te­ner Plan, der viel­leicht auf die Mög­lich­keit ei­ner ge­wis­sen Zu­sam­men­ar­beit mit je­nen Pa­läs­ti­nen­sern setzt, die in Be­zug auf die Zwei­staa­ten­lö­sung eben­falls re­si­gniert ha­ben.

Statt von Frie­den, von ei­nem Ab­kom­men oder von Ver­söh­nung zu spre­chen, möch­te ich den Be­griff «fak­ti­sche Part­ner­schaft» ein­füh­ren. Das klingt we­ni­ger er­he­bend, ist aber leich­ter zu rea­li­sie­ren. Ausser­dem be­steht ei­ne sol­che fak­ti­sche Part­ner­schaft be­reits an­satz­wei­se: Im West­jor­dan­land ar­bei­ten pa­läs­ti­nen­si­sche und is­rae­li­sche Si­cher­heits­kräf­te er­staun­li­cher­wei­se seit Lan­gem zu­sam­men.

Der Plan be­zieht sich nur auf das West­jor­dan­land. Er ist nicht für den Ga­za­strei­fen ge­dacht, der ja in­zwi­schen ei­ne hoch be­waff­ne­te pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie mit ei­ner un­ab­hän­gi­gen Re­gie­rung ist und über ei­nen of­fe­nen Über­gang nach Ägyp­ten und von dort aus in al­le Welt ver­fügt.

Der Plan

Der Plan ver­langt nach ei­nem ab­so­lu­ten Baustopp. We­der dür­fen neue Sied­lun­gen er­rich­tet noch be­ste­hen­de er­wei­tert wer­den, es müs­sen al­ler­dings auch kei­ne Häu­ser eva­ku­iert wer­den, ab­ge­se­hen von der Räu­mung ei­ni­ger nicht au­to­ri­sier­ter Vor­pos­ten, die selbst dem is­rae­li­schen Ge­setz zu­fol­ge il­le­gal sind.

Die Ost­gren­ze von Is­ra­el/pa­läs­ti­na bleibt un­ter vol­ler is­rae­li­scher Kon­trol­le. Die Grenz­über­gän­ge nach Jor­da­ni­en ar­bei­ten si­cher­heits­mäs­sig wei­ter wie bis­her.

Al­len Be­woh­nern des West­jor­dan­lan­des wird das Auf­ent­halts­recht an­ge­bo­ten und im Ver­lauf wei­te­rer fünf Jah­re auch die is­rae­li­sche Staats­bür­ger­schaft mit al­len Rech­ten und Pflich­ten.

Von Is­ra­el seit 1967 be­schlag­nahm­ter pa­läs­ti­nen­si­scher Pri­vat­bo­den wird mit Land oder Geld an­ge­mes­sen ver­gü­tet.

Si­cher­heits­mass­nah­men und Stras­sen­sper­ren blei­ben in Be­trieb, so­weit sie noch be­nö­tigt wer­den. Prin­zi­pi­ell aber soll­ten sich die Pa­läs­ti­nen­ser in Is­ra­el frei be­we­gen dür­fen, so wie es heu­te be­reits den pa­läs­ti­nen­si­schen Be­woh­nern von Ost­je­ru­sa­lem und ei­nem nicht ge­rin­gen An­teil der pa­läs­ti­nen­si­schen Be­woh­ner des West­jor­dan­lan­des mög­lich ist.

Den Ver­trie­be­nen soll ein fai­res rea­li­sier­ba­res An­ge­bot zur Re­sti­tu­ti­on un­ter­brei­tet wer­den, sei es die Er­rich­tung neu­er Ge­mein­den oder die Er­wei­te­rung be­ste­hen­der pa­läs­ti­nen­si­scher Ort­schaf­ten.

Die hei­li­gen Stät­ten in der Je­ru­sa­le­mer Alt­stadt wer­den von den drei gros­sen Re­li­gio­nen ver­wal­tet.

Um­wand­lung der is­rae­li­schen Re­gie­rungs­form von ei­ner par­la­men­ta­ri­schen in ei­ne prä­si­dia­le De­mo­kra­tie. Der Prä­si­dent wür­de in all­ge­mei­nen Wah­len ge­wählt, ähn­lich wie heu­te in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und in an­de­ren Län­dern. Da­mit soll die trü­ge­ri­sche und ma­ni­pu­la­ti­ve Ab­hän­gig­keit der Exe­ku­ti­ve von der Le­gis­la­ti­ve ein­ge­schränkt wer­den.

Das Land wür­de in Be­zir­ke auf­ge­teilt wer­den, von de­nen je­der, un­ge­ach­tet der Ein­woh­ner­zahl, zwei Ab­ge­ord­ne­te in ei­ne hö­he­re ge­setz­ge­ben­de Kam­mer (ähn­lich dem Se­nat in den USA) ent­sen­det.

Die Be­zir­ke er­hal­ten grös­se­re Be­fug­nis in Be­zug auf die in­ne­re Ad­mi­nis­tra­ti­on und al­les, was die kom­mu­na­len Ge­set­ze und na­tür­lich das Er­zie­hungs­we­sen, Kul­tur und ins­be­son­de­re die Re­li­gi­on be­trifft.

Für die un­te­re Kam­mer wür­den re­gio­na­le (und nicht mehr pro­por­tio­na­le) Wah­len ab­ge­hal­ten, um die Ef­fek­ti­vi­tät zu stei­gern.

Die is­rae­li­schen und pa­läs­ti­nen­si­schen Si­cher­heits­kräf­te, zwi­schen de­nen die Zu­sam­men­ar­beit schon re­la­tiv zu­frie­den­stel­lend funk­tio­niert, wer­den zu ei­ner ge­mein­sa­men Po­li­zei­trup­pe zu­sam­men­ge­legt.

In den Per­so­nal­aus­wei­sen der neu­en pa­läs­ti­nen­si­schen Bür­ger stün­de «Is­rae­lisch-pa­läs­ti­nen­si­sche Fö­de­ra­ti­on», sie ver­lie­hen aber die glei­chen Rech­te und Pflich­ten wie die is­rae­li­schen Per­so­nal­aus­wei­se.

Das jü­di­sche «Recht auf Rück­kehr» blie­be be­ste­hen, die Rück­keh­rer wür­den aber ei­ner schär­fe­ren Prü­fung un­ter­zo­gen.

Die Rück­kehr pa­läs­ti­nen­si­scher Flücht­lin­ge aus dem Aus­land wür­de le­dig­lich im en­gen Rah­men von Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­run­gen ge­stat­tet.

Die Mit­glie­der der EU und an­de­re Staa­ten welt­weit wür­den er­sucht, für den be­grüs­sens­wer­ten Ab­bau der Apart­heid und die Um­sied­lung der Men­schen aus den Flücht­lings­la­gern in neu zu er­bau­en­de Or­te ei­ne gross­zü­gi­ge Fi­nan­zie­rung be­reit­zu­stel­len.

Die Is­rae­lisch-pa­läs­ti­nen­si­sche Fö­de­ra­ti­on wür­de sich um die Auf­nah­me als as­so­zi­ier­tes Mit­glied der EU mit Son­der­sta­tus be­wer­ben.

Ge­walt­freie Part­ner­schaft

Ich ha­be hier vor­läu­fi­ge ers­te Über­le­gun­gen skiz­ziert. Ent­spre­chend wird mein Vor­schlag auf bei­den Sei­ten hef­ti­gen Wi­der­stand aus­lö­sen. Aber im Kern ringt er um ei­nen Aus­weg aus dem Ab­rut­schen in die Apart­heid im West­jor­dan­land und tas­tet sich an die Mög­lich­keit ei­ner ge­walt­frei­en is­rae­lisch­pa­läs­ti­nen­si­schen Part­ner­schaft her­an. Die Ju­den ha­ben sich ih­re Iden­ti­tät als Mi­no­ri­tät in­ner­halb mäch­ti­ger Na­tio­nen über Jahr­tau­sen­de be­wahrt. War­um soll­te ih­nen das in ei­nem is­rae­li­schen Staat nicht eben­falls ge­lin­gen, selbst wenn ei­ne grosse pa­läs­ti­nen­si­sche Min­der­heit die­sen Staat zu ei­nem bi­na­tio­na­len macht?

Im­mer­hin leb­te 1967 in Je­ru­sa­lem kein ein­zi­ger Pa­läs­ti­nen­ser, wäh­rend die Stadt heu­te, fünf­zig Jah­re spä­ter, et­wa drei­hun­dert­tau­send Pa­läs­ti­nen­ser be­her­bergt. Hat die jü­di­sche Iden­ti­tät Je­ru­sa­lems et­wa dar­un­ter ge­lit­ten? Die meis­ten Leu­te wür­den sa­gen: Kei­nes­wegs, sie hat sich eher ver­stärkt.

Ganz ähn­lich ist Is­ra­el in den Gren­zen von 1967 ein Land mit ei­ner be­acht­li­chen pa­läs­ti­nen­si­schen Min­der­heit. Die Pa­läs­ti­nen­ser sind we­der ar­beit­su­chen­de Mi­gran­ten aus Afri­ka noch sy­ri­sche Flücht­lin­ge. Sie sind seit Ge­ne­ra­tio­nen in die­sem Land an­säs­sig, die meis­ten von ih­nen spre­chen He­brä­isch und sind mit is­rae­li­schen Ver­hal­tens­nor­men ver­traut. Mit ih­nen lässt sich ei­ne ver­nünf­ti­ge Part­ner­schaft auf­bau­en, von der bei­de Sei­ten pro­fi­tie­ren wür­den. Es geht, wie ge­sagt, nicht um ei­ne nai­ve Frie­dens­vi­si­on, son­dern um ei­nen hu­ma­nen Sta­tus quo, der je­dem Be­woh­ner des Lan­des die Bür­ger­rech­te zu­ge­steht.

Der hier ge­mach­te Vor­schlag lässt et­li­che Pro­ble­me of­fen, aber es be­steht die Aus­sicht, dass sich in­ner­halb ei­ner be­gin­nen­den Part­ner­schaft die Schwie­rig­kei­ten ab­schlei­fen, wäh­rend man sich mit ih­nen aus­ein­an­der­setzt.

Soll­te mir aber, nach­dem all dies ge­sagt ist, ei­ne po­li­ti­sche Kraft mit Wor­ten oder Ta­ten be­wei­sen, dass ei­ne von bei­den Sei­ten of­fi­zi­ell ak­zep­tier­te Auf­tei­lung in zwei Staa­ten doch noch mög­lich ist, dann wer­de ich ihr fol­gen. Kom­me, was da wol­le. Aus dem He­bräi­schen von HE­LE­NE SEID­LER.

Die is­rae­li­sche Sied­lung Ma’a le Adu­min im West­jor­dan­land bei Ein­bruch der Nacht.

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