EIN TAG Im le­ben ei­nes Mee­res­be­woh­ners

Das Magazin - - Ein Vorschlag - Pro­to­koll BAR­BA­RA SPYCHER Bild PRI­VAT

Als ich acht Jah­re alt war, kauf­ten mei­ne El­tern ein Boot und se­gel­ten mit mir, mei­nem Bru­der und mei­ner Schwes­ter in die Welt hin­aus. Für wie lan­ge, wuss­ten wir da­mals nicht, am En­de wur­den es elf Jah­re. Ich bin auf dem Meer auf­ge­wach­sen, un­ser Zu­hau­se war ein drei­zehn Me­ter lan­ges Se­gel­boot mit zwei Ka­jü­ten und mit Stock­bet­ten. Mor­gens un­ter­rich­te­te uns un­se­re Mut­ter, nach­mit­tags hat­ten wir frei. Ich be­vor­zug­te na­tür­lich die Nach­mit­ta­ge: fi­schen, sur­fen, tau­chen, das Boot re­pa­rie­ren. In all den Jah­ren ha­ben wir vie­le Fle­cken zwi­schen At­lan­tik und Pa­zi­fik ken­nen ge­lernt, von Mar­ti­ni­que über die Ton­gain­seln bis nach Neu­see­land, wo wir je­weils ei­ni­ge Ta­ge, Wo­chen oder Mo­na­te blie­ben. Ich fühl­te mich frei und war glück­lich.

Mit drei­zehn ha­be ich den El­tern ge­sagt, dass ich mit der Schu­le auf­hö­ren möch­te. Ich woll­te Geld ver­die­nen und mir ein ei­ge­nes Boot kau­fen. Mein Va­ter, ein ge­lern­ter Speng­ler, bau­te da­mals ei­ne Werft in Ve­ne­zue­la, und ich be­gann, mit ihm zu ar­bei­ten. Als ich das Geld für ein Boot ge­spart hat­te, konn­te ich in­ten­si­ver se­geln. Das meis­te brach­te ich mir sel­ber bei. Mit neun­zehn Jah­ren kehr­te ich nach Eu­ro­pa zu­rück, um mich auf mein ers­tes Off­s­hore-ren­nen vor­zu­be­rei­ten.

Seit ich acht Jah­re alt war, hat­te ich den Traum, ei­nes Ta­ges an der Ven­dée Glo­be teil­zu­neh­men, der här­tes­ten Ein­hand­re­gat­ta der Welt, bei der man al­lein und oh­ne Zwi­schen- stopp ein­mal um die Welt se­gelt. Ich liess mich in der Bre­ta­gne nie­der, ei­nem Se­gel­mek­ka. Mit zwan­zig star­te­te ich zu mei­ner ers­ten Re­gat­ta über den At­lan­tik, der Mi­ni-tran­sat: fünf­und­zwan­zig Ta­ge al­lein auf ei­nem klei­nen, 6,5 Me­ter lan­gen Boot. Ich war un­glaub­lich stolz, dass ich es ins Ziel schaff­te, vie­le Kon­kur­ren­ten muss­ten auf­ge­ben. Ich be­stritt zwei wei­te­re trans­at­lan­ti­sche Se­gel­ren­nen. Dann be­kam ich ein al­tes Boot ge­schenkt, das sich für die Ven­dée Glo­be eig­ne­te. Geld hat­te ich fast kei­nes, aber mit ei­nem Team aus Frei­wil­li­gen brach­ten wir es auf Vor­der­mann. Am 6. No­vem­ber 2016 ver­ab­schie­de­te ich mich im fran­zö­si­schen Les Sa­bles-d’olon­ne von mei­ner Fa­mi­lie, mei­ner Freun­din und den Freun­den und star­te­te als bis­her jüngs­ter Teil­neh­mer die Ven­dée Glo­be. Ich spür­te Ab­schieds­trau­er, Vor­freu­de, Angst. Die­se in­ten­si­ven Ge­füh­le hiel­ten die gan­zen hun­dert­fünf Ta­ge und zwan­zig St­un­den an, die ich auf See war. Bei die­sem Ren­nen geht es um Le­ben und Tod. Am deut­lichs­ten wur­de das, als ich im Pa­zi­fik mit ei­nem Trei­bob­jekt kol­li­dier­te und Was­ser ins Boot lief. Die Wel­len wa­ren acht Me­ter hoch, der Wind blies mit acht­zig St­un­den­ki­lo­me­tern, und die Ret­tungs­kräf­te hät­ten ei­ne Wo­che ge­braucht, um zu mir zu ge­lan­gen. Ich hat­te ei­ne Hei­den­angst, aber dann ha­be ich mich dar­auf kon­zen­triert, das Leck zu fli­cken. Es ge­lang mir. In die­sem Mo­ment kam mir zu­gu­te, dass ich von klein auf viel Zeit auf dem Meer ver­bracht ha­be.

Ich ha­be mich oft ge­fragt, war­um ich mir das an­tue: das Ri­si­ko, das ein­tö­ni­ge Tro­cken­food, das ich mir mit Scho­ko­la­de, Grey­er­zer und Tro­cken­fleisch «ver­süs­se», der oh­ren­be­täu­ben­de Lärm, wenn die Wel­len ans Boot schla­gen, die un­mensch­li­che Hit­ze am Äqua­tor, die Ein­sam­keit, nur vier St­un­den Schlaf. Es ist schwie­rig zu ver­mit­teln, aber ich ken­ne nichts, das ähn­lich in­ten­si­ve Ge­füh­le aus­löst.

Mein nächs­tes Ziel ist die Ven­dée Glo­be in zwei Jah­ren. Dank mei­nes zwölf­ten Plat­zes beim letz­ten Ren­nen – acht­zehn ka­men ins Ziel, elf muss­ten auf­ge­ben – hat mein Haupt­spon­sor sei­ne Un­ter­stüt­zung ver­zehn­facht. Ich konn­te mei­ne ehe­ma­li­gen frei­wil­li­gen Hel­fer an­stel­len und ein bes­se­res Boot kau­fen. Ich möch­te es dies­mal in we­ni­ger als acht­zig Ta­gen schaf­fen. Aber es ist schon ein Er­folg, über­haupt ins Ziel zu kom­men.

Als ich ein Kind war, wur­den mei­ne El­tern da­für kri­ti­siert, wie sie mich auf­wach­sen lies­sen. Heu­te bin ich ein Bei­spiel da­für, dass man sei­nen Weg auch fin­den kann, wenn man nicht den her­kömm­li­chen Pfad wählt.

ALAN ROURA (25) stammt aus Genf, ist aber ei­gent­lich auf See auf­ge­wach­sen. Er ist ei­ner der we­ni­gen, die das här­tes­te Se­gel­ren­nen der Welt ge­meis­tert ha­ben.

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