Siey­ès: Pries­ter der Ge­kränk­ten.

Das Magazin - - News - Von oli­ver ZIM­MER

Dass auch der Sohn ei­nes Post­meis­ters in die Welt­ge­schich­te ein­ge­hen kann, be­weist das Le­ben von Em­ma­nu­el Jo­seph Siey­ès (1748–1836). Vor der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on war Siey­ès ein un­be­deu­ten­der Kle­ri­ker. Sei­ne Aus­bil­dung zum Pries­ter nutz­te er vor al­lem da­zu, sich durch die Schrif­ten von John Lo­cke und an­de­ren Geis­tes­grös­sen der Auf­klä­rung zu le­sen. Ein ho­hes kirch­li­ches Ver­wal­tungs­amt hät­te ihn den­noch ge­reizt, denn für Macht in­ter­es­sier­te er sich zeit sei­nes lan­gen Le­bens. Die­ser Kar­rie­re­pfad blieb ihm je­doch auf­grund sei­ner Her­kunft ver­sagt, was ihn nach­hal­tig kränk­te.

Der Ton der Ge­kränkt­heit durch­zieht denn auch wie ein ro­ter Fa­den Siey­ès’ be­rühm­tes Pam­phlet «Was ist der Drit­te Stand?». Der Text be­ginnt mit ei­nem rhe­to­ri­schen Pau­ken­schlag:

«Wir ha­ben uns fol­gen­de Fra­gen zu stel­len. 1) Was ist der Drit­te Stand? – Al­les. 2) Was war er bis jetzt in­ner­halb der gel­ten­den po­li­ti­schen Ord­nung? – Nichts. 3) Was will er sein? – Et­was.»

Von den Tau­sen­den von Schrif­ten, die vor dem Aus­bruch der Re­vo­lu­ti­on er­schie­nen, wa­ren Siey­ès’ An­wei­sun­ gen zum Um­bau Frank­reichs die ein­fluss­reichs­ten. Und mit 127 Sei­ten ge­hör­ten sie auch zu den längs­ten.

Siey­ès for­der­te die Kon­sti­tu­ie­rung des Drit­ten Stands zur Na­ti­on der recht­lich gleich­ge­stell­ten Bür­ger. Stän­de­pri­vi­le­gi­en sei­en zu be­sei­ti­gen. Siey­ès be­trach­te­te die Na­ti­on als die ein­zig le­gi­ti­me ge­setz­ge­ben­de Kraft. Ihr al­lein ob­lag es, die Ver­fas­sung durch das Mit­tel ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie zu be­stim­men und bei Be­darf zu re­vi­die­ren.

Vor Bio­lo­gis­men schreck­te Siey­ès nicht zu­rück. Den Adel be­zeich­ne­te er als «bös­ar­ti­gen Tu­mor», der das ge­sun­de Ge­we­be der Na­ti­on zu schwä­chen droh­te. Falls er nicht frei­wil­lig auf sei­ne Pri­vi­le­gi­en ver­zich­te, müs­se man ihn «neu­tra­li­sie­ren», denn nur so las­se sich «die Ge­sund­heit und die Ord­nung der be­ste­hen­den Or­ga­ne» ga­ran­tie­ren. Frü­her, so mein­te der fran­zö­si­sche Auf­klä­rer an an­de­rer Stel­le, sei der Drit­te Stand der Ge­fan­ge­ne ge­we­sen und der Adel al­les. Heu­te aber sei der Drit­te Stand al­les und der Adel nur noch ein Wort. Zu den Mo­ti­ven, die ihn zum Schrei­ben sei­nes Pam­phlets ver­an­lasst hat­ten, be­merk­te Siey­ès in der drit­ten Per­son: «Der Haupt­cha­rak­ter­zug sei­nes Geis­tes ist die Lei­den­schaft für die Wahr­heit. Die Su­che nach der Wahr­heit ab­sor­biert ihn voll­kom­men.»

Mit der Wahr­heit ist es be­kannt­lich so ei­ne Sa­che. Für die Sor­gen und Nö­te von Bau­ern oder Hand­wer­kern in­ter­es­sier­te sich Siey­ès je­den­falls kaum. Sein Text ist letzt­lich ein Dia­log mit den wohl­ha­ben­den Tei­len des Bür­ger­tums. Sie for­der­te er un­ab­läs­sig da­zu auf, es ihm gleich­zu­tun und sich ge­kränkt zu füh­len. Er selbst er­wies sich als po­li­ti­scher Über­le­bens­künst­ler. 1792 stimm­te er für die Hin­rich­tung des Kö­nigs. Den ja­ko­bi­ni­schen Ter­ror über­leb­te er, be­vor er sich 1799 an je­nem Staats­streich be­tei­lig­te, der Na­po­le­on an die Macht brach­te. Nach der Rück­kehr aus dem bel­gi­schen Exil starb er 1836, 88­jäh­rig, in Paris. Zeit­ge­nos­sen be­schrie­ben Siey­ès als eben­so bril­lan­ten wie eit­len Mi­s­an­thro­pen. Die Schrift­stel­le­rin Ger­mai­ne de Staël mein­te ein­mal, Siey­ès hät­te sich wohl ge­wünscht, auf Er­den et­was an­de­res an­zu­tref­fen als nur Men­schen.

Ein Mi­s­an­throp, der sich ge­wünscht hät­te, auf der Er­de nicht nur Men­schen an­zu­tref­fen?

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