hans ul­rich obrist

Das Magazin - - News - HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in London.

Sa­lo­me von Richard Strauss

Seit ei­ni­gen Jah­ren be­su­che ich re­gel­mäs­sig die Salz­bur­ger Fest­spie­le. Nicht nur, weil es auf der Welt kein zwei­tes der­art her­vor­ra­gen­des Mu­sik- und Büh­nen­fes­ti­val gibt, son­dern auch, weil die Stadt ei­ne Hoch­burg der Kunst ist. Da ist das Mu­se­um der Mo­der­ne mit dem Stamm­haus in der Alt­stadt und dem Neu­bau auf dem Mönchs­berg, üb­ri­gens das ein­zi­ge Mu­se­um, das ich ken­ne, in das man mit ei­nem Fahr­stuhl ge­langt, der ei­ne Fels­wand hin­auf­fährt. Und auch die Ga­le­rie Th­ad­da­eus Ro­pac ge­hört da­zu, die die­ser Ta­ge ei­ne Aus­stel­lung mit Wer­ken von Eliz­a­beth Pey­ton zeigt. Pey­ton wur­de be­kannt mit Por­träts be­rühm­ter Per­sön­lich­kei­ten, doch ihr Re­per­toire ist viel um­fang­rei­cher. Vor ei­ni­gen Jah­ren hat sie für die New Yor­ker Me­tro­po­li­tan Ope­ra ei­ne Se­rie mit Fi­gu­ren aus Richard Wa­g­ners «Ring» ge­zeich­net – aber nicht als die mas­ken­haf­ten We­sen, wie man sie in so vie­len Ins­ze­nie­run­gen sieht, son­dern als le­ben­di­ge Per­so­nen. Aus den Feh­den der nor­di­schen Ur­zeit de­stil­lier­te sie die Kon­flik­te der Ge­gen­wart.

An die­se Zeich­nun­gen muss­te ich den­ken, als ich in der Fel­sen­reit­schu­le, der ei­gen­wil­ligs­ten Spiel­stät­te der Salz­bur­ger Fest­spie­le, die «Sa­lo­me» sah. Richard Strauss hat die Oper zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts ge­schrie­ben, als Li­bret­to dien­te ihm ein Text von Os­car Wil­de. Die Ge­schich­te geht so: Die schö­ne Sa­lo­me ver­fällt dem Cha­ris­ma Jo­han­nes des Täu­fers, den ihr On­kel He­ro­des, Roms Statt­hal­ter in Je­ru­sa­lem, bei sich ge­fan­gen hält. Doch Jo­han­nes ver­flucht Sa­lo­me. Als der lüs­ter­ne He­ro­des der Sa­lo­me ver­spricht, ihr je­den Wunsch zu er­fül­len, wenn sie nur für ihn tan­ze, wil­ligt sie ein und for­dert den Kopf des Jo­han­nes.

Das kann man er­zäh­len als ei­ne bi­bli­sche Ge­schich­te, in der es um Hei­lig­keit und Sün­de, Gott und Teu­fel geht. Oder so wie der Re­gis­seur Ro­meo Ca­s­tel­luc­ci: als ei­ne uni­ver­sel­le Er­zäh­lung von At­trak­ti­on und Ab­leh­nung, als Pa­ra­bel von ge­täusch­ter Lie­be, die ganz bild­lich um ein Loch kreist, näm­lich den Stumpf des ab­ge­schla­ge­nen Kop­fes von Jo­han­nes. Doch die Ins­ze­nie­rung wä­re nicht so gran­di­os und er­schüt­ternd ak­tu­ell, wür­de nicht die li­taui­sche Sän­ge­rin As­mik Gri­go­ri­an zur Sa­lo­me wer­den. In ein schlich­tes weis­ses Hemd ge­klei­det, singt und spielt sie das Le­ben ei­ner jun­gen Frau und wie Män­ner ver­su­chen, sie zu do­mi­nie­ren, und wie sie dar­an schei­tern. Nie­mals wer­de ich die­se «Sa­lo­me» ver­ges­sen, und nie wer­de ich ei­ne Ins­ze­nie­rung ver­pas­sen, in der die un­glaub­li­che Gri­go­ri­an zu se­hen ist.

Die So­pra­nis­tin As­mik Gri­go­ri­an bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len in der Rol­le ih­res Le­bens.

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