Ein Ho­tel in Hong­kong

Das Magazin - - News - CHRIS­TI­AN sei­ler

Ein Ho­tel ist Hei­mat auf Zeit, und ich mei­ne, dass das Grund ge­nug ist, um bei der Wahl sei­ner Un­ter­brin­gung sehr sorg­fäl­tig zu sein. Ein Ho­tel hat die Funk­ti­on ei­ner Schleu­se zwi­schen der In­nen­welt des Rei­sen­den und der Aus­sen­welt, die ihn ein­hüllt, ei­ne Aus­sen­welt, die oft ge­nug ir­ri­tie­ren­de Ge­rü­che ver­strömt und be­ängs­ti­gen­de Lau­te von sich gibt.

Wenn man ge­nug Geld hat, kann man es sich leicht ma­chen und ein Zim­mer bei ei­ner der welt­um­span­nen­den Lu­xus­ho­tel­grup­pen re­ser­vie­ren, egal ob sie jetzt Park Hyatt oder Man­da­rin Ori­en­tal, Shan­gri-la oder In­ter­con­ti­nen­tal heis­sen. Die­se Häu­ser, da kann man si­cher sein, wer­den den Kul­tur­schock des Rei­sens mit Be­quem­lich­keit und tröst­li­chem Ser­vice ab­mil­dern, wenn sie ihn nicht über­haupt aus­ra­die­ren und zum Ver­schwin­den brin­gen.

Ich den­ke dar­an, wie gross­ar­tig zum Bei­spiel To­kio aus dem 43. Stock des Park Hyatt aus­sieht. Die «Lost in Trans­la­ti­on»-ku­lis­se brei­tet sich tief un­ter dem ei­ge­nen Zim­mer aus, wo ein auf­merk­sa­mer Ste­ward ge­ra­de et­was zum Na­schen hin­ter­las­sen hat. Wäh­rend die Mu­sik­an­la­ge, an die man mit ei­nem klei­nen Hand­griff das ei­ge­ne Te­le­fon an­schlies­sen kann, das ver­trau­te Kla­vier­ge­klim­per von Chil­ly Gon­za­les zum Sound­track für den Blick über To­kios Wes­ten er­klärt, nis­tet sich das Ich des Rei­sen­den im Nie­mands­land der Emp­fin­dun­gen ein: Wer­den jetzt die ei­ge­nen Er­in­ne­run­gen zur Fo­lie des­sen, was uns packt, oder sind sie nur der Fil­ter, durch den wir die neue Rea­li­tät wahr­neh­men?

Si­cher hin­ge­gen ist, dass der Ko­kon des Ho­tels, wo wir auch am En­de der Welt ein Club­sand­wich be­kom­men und mit der Con­cier­ge in ei­ner Spra­che spre­chen, die wir bei­de be­herr­schen, die Un­mit­tel­bar­keit des Er­le­bens be­quem hin­un­ter­dimmt.

Des­halb pfei­fen man­che Men­schen auch ganz of­fen­siv auf die Be­quem­lich­keit ein­ge­führ­ter Or­te. Sie woh­nen, wenn sie rei­sen, in den klei­nen Ab­stei­gen der Bahn­hofs­ge­gend und bil­den sich ein, dass der man­geln­de Kom­fort so et­was wie Au­then­ti­zi­tät be­deu­tet. Auch die Ge­ne­ra­ti­on, die ih­re ers­ten Rei­se­er­fah­run­gen als Couchsur­fer hin­ter sich ge­bracht und da­bei mehr­heit­lich gu­te, zu­wei­len aber auch ziem­lich ab­tör­nen­de Er­leb­nis­se ge­sam­melt hat, fin­det bei Airb­nb ein wei­tes Feld an ent­spre­chen­den Er­fah­rungs­mög­lich­kei­ten.

Ich kann so­wohl den Grand­ho­tels als auch dem Couchsur­fen et­was ab­ge­win­nen. Am liebs­ten aber ha­be ich Ho­tels, von de­nen es lei­der viel zu we­ni­ge gibt: Häu­ser von über­schau­ba­rer Grös­se, die nicht un­be­dingt dort lie­gen, wo Guc­ci­pra­daher­mès zu Hau­se sind, son­dern viel­leicht Fast-food­lo­ka­le oder Ge­schäf­te, bei de­nen man selbst beim bes­ten Wil­len nie et­was kau­fen wür­de (weil man auf Rei­sen zum Bei­spiel kei­ne Bü­ro­grün­pflan­zen oder Ba­de­zim­mer­flie­sen braucht).

Es sind Ho­tels, die viel­leicht nicht al­len An­for­de­run­gen ge­nü­gen, an de­nen sich Ho­tel­tes­ter ab­ar­bei­ten müs­sen, viel­leicht sind ih­re Foy­ers klein und ih­re Lob­bys über­schau­bar. Aber da­für stel­len sie un­ter Wah­rung des nö­ti­gen Kom­forts Kon­takt zwi­schen dem Draus­sen und dem Drin­nen her, dem Neu­en und dem Rück­zugs­ort, und sie be­wei­sen da­bei vor al­lem ei­nes: Cha­rak­ter. Ge­ra­de ha­be ich in Hong­kong ei­nen die­ser ra­ren Or­te ken­nen ge­lernt, in Wan­chai, al­so ein biss­chen ab­seits des al­ler­gröss­ten Tru­bels, wo­bei der Tru­bel in Hong­kong ja so­zu­sa­gen Ar­chi­tek­tur ge­wor­de­ner Nor­mal­zu­stand ist (mehr zu den ku­li­na­ri­schen Au­s­prä­gun­gen die­ses Tru­bels dem­nächst).

Das Ho­tel heisst «The Fle­ming», es hat 66 fein ge­schnit­te­ne Zim­mer, ei­ne win­zi­ge Lob­by und ein ita­lie­ni­sches Re­stau­rant im Erd­ge­schoss, das abends bei Be­darf zu ei­ner Bar um­funk­tio­niert wird. Draus­sen Ver­kehr, Ka­rao­ke­re­stau­rants, zwie­lich­ti­ge Shows, zwei Häu­ser­blö­cke wei­ter fährt die dop­pel­stö­cki­ge Stras­sen­bahn nach Cen­tral, und ob­wohl der Ein­gang ins Haus nur ein schwar­zer Kor­ri­dor ist, hebt er die Lau­ne und si­gna­li­siert: Hey, gu­te Adres­se.

«The Fle­ming» ist das ers­te Ho­tel, das die Re­stau­rant­de­si­gner «A Work of Sub­stan­ce» ein­ge­rich­tet ha­ben. Ich ha­be sel­ten ein Haus ge­se­hen, das so hoch­wer­tig ge­stal­tet wur­de, je­der Hand­griff pu­re Selbst­ver­ständ­lich­keit, der Stil ein biss­chen ma­ri­tim, die Dis­tanz zur Um­ge­bung: je­der­zeit zu über­win­den. Die Schwel­le liegt nicht hoch, der Cha­rak­ter ist sicht­bar, und das tem­po­rä­re Hei­mat­ge­fühl stellt sich au­gen­blick­lich ein. Das Ho­tel ist ein Ein­zel­stück, so wie je­de Rei­se ein Ein­zel­stück ist, ein ra­rer Ort, von dem ich mir an je­der Ecke der Welt ei­nen weit­schich­ti­gen Ver­wand­ten wün­schen wür­de.

C H R I S T I A N S E I L E R ist Re­por­ter bei «Das Ma­ga­zin».

Un­ser Au­tor weilt in Hong­kong und hat dort ein Ho­tel ge­fun­den, das so schön ist, dass er viel­leicht nie mehr zu­rück­kom­men wird.

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