«BILDHÜBSCHES MÄD­CHEN AUS GU­TEM HAUS GE­SUCHT»

Das Magazin - - Vorderseite - JU­LI ZEH AUS GU­TEM HAUSE

Der jun­ge Mann hat, wie Fon­ta­nes sanf­te Ef­fi Briest, gar kei­ne Chan­ce zu wäh­len. Mut­ter und Va­ter su­chen die Rich­ti­ge für ihn, ganz alt­mo­disch, mit ei­ner Kon­takt­an­zei­ge. Das ist die Aus­gangs­la­ge der Kurz­ge­schich­ten von Ju­li Zeh, Ay­e­let Gun­dar-goshen und Til­man Rammstedt. War­um liest man ger­ne von der Lie­be, von all dem Glück, dem Schmerz und dem Thea­ter, das sie nor­ma­ler­wei­se nach sich zieht (sie­he auch Seite 22)? Viel­leicht weil man hofft, al­les Un­ge­leb­te, al­les, was man nie ge­wagt hat oder was ei­nem nicht wi­der­fah­ren ist, le­send doch noch zu er­le­ben?

Sie sind al­so Bet­ty. ich darf doch Bet­ty zu ih­nen sa­gen?»

Das gan­ze war ei­ne Scheis­s­idee. Car­men hat­te die An­zei­ge in der Ta­ges­zei­tung ge­fun­den, sie fand das su­per­lus­tig und mein­te, ich wä­re ge­nau das, was die­se Leu­te such­ten. «Dann hast du we­nigs­tens mal et­was zu er­zäh­len», sag­te sie. Car­men ver­trat die Auf­fas­sung, dass mein Le­ben ster­bens­lang­wei­lig sei. Weil ich mein Stu­di­um ernst nahm, we­nig aus­ging und seit län­ge­rer Zeit kei­nen freund hat­te. ei­gent­lich moch­te ich mein Le­ben. Aber wenn Car­men da­von sprach, be­kam ich es manch­mal mit der Angst. Aus ih­rem Mund klang es, als wä­re ich mit zwan­zig auf dem bes­ten Weg, ei­ne Voll­spies­se­rin zu wer­den.

«Zi­ga­ret­te? Co­gnac?»

Herr von Fel­bert, ein ele­gan­ter Herr im An­zug mit leicht er­grau­ten, zu­rück­ge­kämm­ten Haa­ren, schob mir ei­nen Aschen­be­cher hin. Frau von Fel­bert, die ihr röt­li­ches Haar kurz ge­schnit­ten trug und im flie­der­far­be­nen Sei­den­kleid ne­ben der An­rich­te stand, hielt ei­ne Fla­sche hoch, die ver­mut­lich so viel wert war wie ein hal­ber Mo­nat mei­ner Stu­den­ten­be­zü­ge. Es war kurz nach drei, ein schö­ner Som­mer­tag, nicht zu kalt und nicht zu warm. Ich schwitz­te trotz­dem in mei­nem Za­ra­ho­sen­an­zug, der in die­ser Um­ge­bung lä­cher­lich bil­lig wirk­te. Co­gnac und Zi­ga­ret­te muss­te ich na­tür­lich ab­leh­nen, al­so schüt­tel­te ich dan­kend den Kopf. Frau von Fel­bert nick­te zu­frie­den und räum­te Fla­sche und Aschen­be­cher weg, Re­qui­si­ten ei­ner Fang­fra­ge.

«Sie stu­die­ren Ju­ra im …», Herr von Fel­bert, der mir ge­gen­über am Couch­tisch sass, blät­ter­te in ei­nem Sta­pel Un­ter­la­gen. «… fünf­ten Se­mes­ter?»

«Mö­gen Sie Ihr Stu­di­um?» Frau von Fel­bert setz­te sich zu uns. «Be­ab­sich­ti­gen Sie, in der Re­gel­stu­di­en­zeit ab­zu­schlies­sen?»

Ich be­gann mich zu fra­gen, ob bei der Zei­tung ein Irr­tum pas­siert und ich in ein Be­wer­bungs­ge­spräch für ei­nen Stu­den­ten­job hin­ein­ge­ra­ten war. Höf­lich be­ant­wor­te­te ich die Fra­gen und sah mich wäh­rend­des­sen ein we­nig um. Die Vil­la, in der ich mich be­fand, war ein zwei­stö­cki­ges Ge­bäu­de auf qua­dra­ti­schem Grund, um­ge­ben von ei­nem üp­pi­gen Gar­ten, mit­ten im bes­ten Vier­tel Mün­chens. Durch ei­nen ver­glas­ten Er­ker fiel Son­nen­licht in den Raum. Ich hör­te die Vö­gel sin­gen. Die Couch, auf der ich sass, hat­te ver­mut­lich Kö­nig Lud­wig ge­hört. Der weit­läu­fi­ge Raum war mit herr­li­chen An­ti­qui­tä­ten und ei­ni­gen mo­der­nen Stü­cken ein­ge­rich­tet, die sich zu ei­ner har­mo­ni­schen At­mo­sphä­re ver­ban­den. Trotz des of­fen­sicht­li­chen Reich­tums fühl­te man sich gleich wie zu Hause. Auch die Fel­berts pass­ten in das Zim­mer. Sie wa­ren dis­tin­gu­iert, aber freund­lich; teu­er ge­klei­det, aber oh­ne über­trie­be­nen Schick. Zwei net­te Herr­schaf­ten in den zweit­bes­ten Jah­ren, sie Mit­te fünf­zig, er viel­leicht sech­zig, Tee aus Meis­se­ner Por­zel­lan trin­kend und trotz­dem ei­ni­ger­mas­sen down to earth.

«Be­stimmt wun­dern Sie sich, dass wir Sie mit so vie­len Fra­gen zu Ih­rem Stu­di­um be­hel­li­gen.» Herr von Fel­bert lä­chel­te mich an und schenk­te Tee nach.

«Tat­säch­lich ha­ben wir Sie we­gen Ih­rer Aus­bil­dung auf höchs­te Prio­ri­tät ge­setzt.» Frau von Fel­bert deu­te­te auf die an­de­ren Zu­schrif­ten, lau­ter aus­ge­druck­te E-mails, die meis­ten mit ei­nem Foto ver­se­hen. «An­ton stu­diert auch Ju­ra, müs­sen Sie wis­sen. In Har­vard. Wes­halb er heu­te nicht hier sein kann.»

Ich nick­te be­wun­dernd, wie es von mir er­war­tet wur­de.

«Wir glau­ben, dass sich Ju­ris­ten un­ter­ein­an­der be­son­ders gut ver­ste­hen», sag­te Herr von Fel­bert. «Ab­ge­se­hen da­von bringt man ih­nen bei, ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.»

«Für An­ton steht fest, dass er ein­mal das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men über­neh­men wird.» End­lich trank Frau von Fel­bert ei­nen Schluck aus ih­rer Tas­se, in der sie bis­lang vor al­lem ge­rührt hat­te. «Er braucht ei­ne Part­ne­rin auf Au­gen­hö­he. Ei­ne, die in der La­ge ist, in den Di­men­sio­nen ei­ner gros­sen Fir­ma zu den­ken.»

«Wir ha­ben Fran­chise­part­ner in dreis­sig Län­dern. Auf vier Kon­ti­nen­ten», sag­te Herr von Fel­bert lä­chelnd.

End­lich fiel bei mir der Gro­schen. Fel­bert­immobilien, na­tür­lich! Je­der kann­te die Op­tik der Bü­ros, his­to­ri­sie­ren­de weis­se Fas­sa­de mit klas­si­schem Schrift­zug; die Nie­der­las­sun­gen fan­den sich in al­len gros­sen Städ­ten. Auch an Gross­bau­stel­len ent­deck­te man das Fel­bert­lo­go auf wand­ho­hen Pla­ka­ten. Of­fen­sicht­lich war An­ton, um den es hier ging, Er­be ei­nes mil­lio­nen­schwe­ren Kon­zerns.

Das hat­te nicht in der An­zei­ge ge­stan­den. Aber der Text war auch so schon merk­wür­dig ge­nug ge­we­sen. Vor La­chen hat­te Car­men das Vor­le­sen im­mer wie­der un­ter­bre­chen müs­sen.

«Bildhübsches Mäd­chen aus gu­tem Haus ge­sucht, die herz­lich, ehr­lich und hu­mor­voll ist und mehr im Hirn hat als nur Par­tys und Shop­pen. Sie soll­te un­se­rem Sohn, ei­nem fei­nen, rei­fen, wohl­ha­ben­den jun­gen Mann, 20 J., sehr attr., hu­mor­voll, selbst­si­cher, Top­ath­let, NR u. NT, cle­ver, ei­ne lie­be Part­ne­rin sein. Zu­schrif­ten un­ter xyz.»

«Jetzt aber ge­nug von Jobs und Stu­di­en­gän­gen.» Frau von Fel­bert schenk­te mir ein be­zau­bern­des La­chen. «Sie wol­len An­ton schliess­lich auch ken­nen ler­nen.»

Über­rascht hob ich den Kopf, als müss­te der fei­ne, rei­fe, wohl­ha­ben­de jun­ge Mann nun mit gros­ser Ges­te die Büh­ne be­tre­ten. Statt­des­sen hol­te Frau von Fel­bert ein Fo­to­al­bum von der An­rich­te und trug es mit bei­den Hän­den wie ei­nen kost­ba­ren Schatz zur Couch.

An­ton im An­zug. An­ton auf dem Renn­rad. An­ton auf dem Har­vard­cam­pus, An­ton mit Freun­den. Im­mer neue Bil­der zo­gen an mir vor­bei. Ich konn­te den Blick nicht von ihm ab­wen­den. An­ton war nicht nur «sehr attr.», er sah ein­fach um­wer­fend aus. Er lä­chel­te so of­fen in die Ka­me­ra, dass man so­fort Lust be­kam, mit ihm zu plau­dern. Es muss­te Spass ma­chen, et­was mit ihm zu un­ter­neh­men. Wan­dern, Fall­schirm­sprin­gen oder ein Kon­zert. An­ton sah aus wie ei­ner, der für je­de Idee zu ha­ben ist. Ich konn­te mir vor­stel­len, wie sein La­chen klang. Ich be­kam Lust, ihm die Haar­sträh­ne aus der Stirn zu strei­chen, die ihm stän­dig ins Ge­sicht fiel.

«Wie ge­fällt er Ih­nen, Bet­ty?»

Ich gab zu, dass ich ihn sehr sym­pa­thisch fand. Frau von Fel­bert strahl­te vor Stolz.

«Nicht wahr? Man muss ihn ein­fach mö­gen.» Ihr Lä­cheln ver­tief­te sich, die Au­gen wur­den feucht. «Schon im­mer wa­ren die Mäd­chen scha­ren­wei­se hin­ter ihm her.»

«An­ton ist das, was man ei­ne gu­te Par­tie nennt», misch­te Herr von Fel­bert sich ein. «Viel­leicht ver­ste­hen Sie jetzt, Bet­ty, dass wir et­was ganz Be­son­de­res für ihn su­chen.»

«Es lau­fen so furcht­ba­re Frau­en her­um», klag­te Frau von Fel­bert. «Hübsch an­zu­se­hen, aber hohl wie Ten­nis­bäl­le.»

«Oh­ne Emp­fin­den für Part­ner­schaft und Loya­li­tät.»

Die Fel­berts spra­chen im Wech­sel, fast wie Sän­ger im Du­ett. Ent­we­der hat­ten sie den Text ein­stu­diert, oder es han­del­te sich um die Spät­fol­ge ei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe.

Frau von Fel­bert: «Über­haupt sind die meis­ten Men­schen heut­zu­ta­ge nur noch Kon­su­men­ten.»

Herr von Fel­bert: «Kon­su­miert wer­den nicht nur Pro­duk­te, son­dern auch Ge­füh­le. Lie­be, Freund­schaft, Sex.»

Frau von Fel­bert: «Die Leu­te ha­ben kei­ne Prin­zi­pi­en, des­halb ja­gen sie Traum­bil­dern hin­ter­her. Die per­fek­te Be­zie­hung, das per­fek­te Glück.»

Herr von Fel­bert: «Und wenn et­was nicht funk­tio­niert, wei­nen sie wie klei­ne Kin­der und wol­len es um­tau­schen.»

Frau von Fel­bert: «Für die meis­ten Frau­en dient ein Mann wie An­ton vor al­lem zur Kom­plet­tie­rung ih­res Selbst­bilds.»

Die Fel­berts war­fen mir prü­fen­de Bli­cke zu, die mich ein we­nig er­rö­ten lies­sen.

Herr von Fel­bert: «In un­se­rer Welt kann man viel­leicht ei­ne Wei­le Sing­le sein, aber ir­gend­wann gilt man als Ver­sa­ger. Singles sind die, die kei­ner woll­te. Ein tol­ler Mann hin­ge­gen stei­gert den ei­ge­nen Wert.»

Frau von Fel­bert: «So et­was wol­len wir nicht für An­ton.»

Ich ver­steck­te mein Ge­sicht hin­ter der Tee­tas­se, wäh­rend ich an die Ge­sprä­che dach­te, die ich ge­le­gent­lich mit Car­men führ­te. Seit dem Schei­tern mei­ner letz­ten Be­zie­hung lag sie mir in den Oh­ren, dass ich mir ei­nen neu­en Freund su­chen soll­te. Du musst zu­rück auf den Markt. Stef­fen war es ein­fach nicht wert. Bei dei­nem Markt­wert fin­dest du so­fort ei­nen Neu­en. Du soll­test dich nicht un­ter Wert ver­kau­fen. Ein Sing­le­da­sein hat doch auf Dau­er kei­nen Wert. Wenn Car­men sprach, klang es, als sei ich ein Ak­ti­en­de­pot, das ei­ne Ge­ne­ral­über­ho­lung be­nö­tig­te. Sie war die Stim­me des Zeit­geists. Hohl wie ein Ten­nis­ball. Und ich hör­te ihr zu. Da­bei hat­te ich ei­gent­lich gar kein Pro­blem da­mit, al­lein zu sein. Das Ju­ra­stu­di­um nahm ei­nen Gross­teil mei­ner Zeit in An­spruch, dar­über hin­aus mach­te ich Yo­ga und freu­te mich, wenn ich es mal schaff­te, ei­nen Ro­man zu le­sen. Am Wo­che­n­en­de ging ich mit Car­men tan­zen und ge­noss die Auf­merk­sam­keit der Män­ner eben­so wie die Tat­sa­che, dass ich spä­ter al­lein in mei­nem Bett schla­fen konn­te. Mein Le­ben war nicht nur in Ord­nung, im Grun­de war es per­fekt.

«Viel­leicht wun­dern Sie sich, dass wir die Part­ner­su­che für un­se­ren Sohn über­neh­men.»

In der Tat, des­halb war ich hier! Weil Car­men und ich hat­ten wis­sen wol­len, was für Men­schen hin­ter der skur­ri­len An­zei­ge steck­ten. Jetzt wuss­te ich es: ein biss­chen ver­schro­ben, aber sehr nett. Auf je­den Fall lieb­ten sie ih­ren Sohn. Mög­li­cher­wei­se wuss­te An­ton gar nicht, was hier vor sich ging. Viel­leicht wür­de es ihm un­end­lich pein­lich sein, wenn er da­von er­fuhr. Ich be­gann mich zu schä­men. Es war Zeit, auf­zu­ste­hen und zu sa­gen: Wis­sen Sie was, ich bin kein Ten­nis­ball. Dan­ke, dass Sie mir das noch ein­mal klar­ge­macht ha­ben. Ich brau­che über­haupt kei­nen Mann.

«Wie Sie schon wis­sen, stu­diert An­ton in Har­vard», sag­te Herr von Fel­bert. «Trotz­dem wünscht er sich ei­ne deut­sche Part­ne­rin. Nicht dass sie das falsch ver­ste­hen. Es geht um den ge­mein­sa­men kul­tu­rel­len Hin­ter­grund.»

«Er spielt in meh­re­ren Sport­teams, liest viel und in­ter­es­siert sich für Kunst», er­gänz­te Frau von Fel­bert. «Er hat furcht­bar we­nig Zeit.»

«Was wir tun, mag heut­zu­ta­ge ein we­nig un­ge­wöhn­lich schei­nen.» Herr von Fel­bert trank ei­nen Schluck Tee und lä­chel­te über den Rand der Tas­se hin­weg. «Frü­her war es ganz nor­mal, dass sich die El­tern um die Ver­part­ne­rung ih­rer Kin­der küm­mer­ten.»

«Das In­ter­es­san­te ist», Frau von Fel­bert rich­te­te sich auf, «dass die Ehen da­mals kei­nes­wegs un­glück­li­cher wa­ren.»

«Im Ge­gen­teil», füg­te Herr von Fel­bert hin­zu. «Un­ter­su­chun­gen be­le­gen so­gar, dass Ver­nunft­ehen bes­ser hal­ten als Lie­bes­hei­ra­ten.»

«Bei ei­ner ver­mit­tel­ten Hei­rat he­gen die Part­ner kei­ne fal­schen Er­war­tun­gen. Sie ste­hen nicht un­ter dem un­er­träg­li­chen Zwang, ein­an­der glück­lich zu ma­chen. Statt­des­sen geht es um Loya­li­tät, Re­spekt und ge­gen­sei­ti­ges Ver­trau­en.»

«Auf ei­nem sol­chen Fun­da­ment kön­nen wun­der­schö­ne Be­zie­hun­gen ent­ste­hen.» Die Fel­berts schenk­ten ein­an­der ein in­ni­ges Lä­cheln. «Wenn man zu­ein­an­der passt.»

Er­staunt dach­te ich, dass die­se bei­den förm­li­chen, ein we­nig stei­fen äl­te­ren Herr­schaf­ten wo­mög­lich glück­lich mit­ein­an­der wa­ren. Weil sie sich re­spek­tier­ten. Weil sie ih­re Rol­len kann­ten und die­se Rol­len ih­nen Frei­heit ga­ben. Ich spür­te ei­nen klei­nen Stich. So gut ich heu­te al­lein sein konn­te – in vier­zig Jah­ren wür­de ich viel­leicht auch gern ne­ben ei­nem freund­li­chen Men­schen sit­zen und ein in­ni­ges Lä­cheln tei­len.

«An­ton ist da ganz un­se­rer Mei­nung», fuhr Frau von Fel­bert fort. «Er glaubt nicht an die gros­se Lie­be auf Knopf­druck. Ein kom­pli­zier­tes Ge­fühl wie Lie­be muss sich ent­wi­ckeln. Über vie­le Jah­re. Es ist et­was Le­ben­di­ges, das wächst, wenn man es pflegt.»

«Freund­schaft ist da­für der bes­te Nähr­bo­den», füg­te Herr von Fel­bert hin­zu.

«Ge­teil­te In­ter­es­sen sind der Dün­ger.» «Freund­lich­keit und Re­spekt das Was­ser, mit dem man das Pf­länz­chen täg­lich giesst.»

Vor mei­nem geis­ti­gen Au­ge sah ich die Fel­berts mit Gar­ten­hü­ten und Gum­mi­stie­feln, wie sie ge­mein­sam den Griff ei­ner Giess­kan­ne um­fass­ten und ei­ne klei­ne Ro­se gos­sen, die zu ih­ren Füs­sen wuchs. Zu mei­nen ei­ge­nen Er­stau­nen ge­fiel mir das Bild, so wie al­les, was die Fel­berts sag­ten. Mir kam ein Satz in den Sinn, den Do­nald Dra­per in der Fern­seh­se­rie «Mad Men» zu sei­ner Freun­din Ra­chel sagt: «What you call lo­ve was in­ven­ted by guys li­ke me, to sell ny­lons.»

Als ich das da­mals hör­te, traf mich die Er­kennt­nis wie ein Schock. Do­nald Dra­pers Wor­te er­klär­ten, war­um wir so frus­triert, ge­stresst und von Burn-out be­droht ins 21. Jahr­hun­dert hin­ein­ge­rauscht wa­ren. Weil wir seit Jahr­zehn­ten bis zur Er­schöp­fung et­was hin­ter­her­jag­ten, das gar nicht exis­tier­te, aber übe­r­all zu exis­tie­ren schien, in Fil­men, in Bü­chern, in der Wer­bung, bei den glück­li­chen Paa­ren auf der Stras­se und in un­se­rem Freun­des­kreis. Nur bei uns selbst funk­tio­nier­te es nicht, was uns zu To­tal­ver­sa­gern mach­te, je­den Ein­zel­nen von uns. Al­le nah­men teil an der gross an­ge­leg­ten Heu­che­lei, nie­mand rief: Der Kai­ser ist nackt!

Bis auf Do­nald Dra­per und die Fel­berts. Ich ver­spür­te Lust, in die­sen klei­nen, ex­klu­si­ven Klub auf­ge­nom­men zu wer­den. Ich stell­te mir vor, wie ich es zu Car­men sa­gen wür­de, wenn sie das nächs­te Mal über ei­ne ih­rer ge­schei­ter­ten Kurz­be­zie­hun­gen heul­te: Das, was du Lie­be nennst, wur­de von Män­nern er­fun­den, um Ny­lon­strümp­fe zu ver­kau­fen.

Die Fel­berts hat­ten mein Mie­nen­spiel be­ob­ach­tet, sie schie­nen mei­ne Ge­dan­ken zu le­sen.

«Es freut mich, dass wir so voll­stän­dig ei­ner Mei­nung sind», sag­te Herr von Fel­bert mit ei­nem war­men Lä­cheln. Was für ei­nen Schwie­ger­va­ter er ab­ge­ben wür­de! Jetzt schob er ei­nen zwei­mal ge­fal­te­ten Zet­tel über den Tisch. «Das ist die Sum­me, mit der wir Ih­re Ver­bin­dung jähr­lich un­ter­stüt­zen könn­ten. Na­tür­lich ist das nur ein Grund­stock. Soll­te es zu ei­ner Ehe­schlies­sung kom­men, wer­den an­de­re Ver­trä­ge ge­macht.»

Ich zö­ger­te, fühl­te mich aus­ser­stan­de, das Pa­pier zu be­rüh­ren, und tat es dann doch. Ich fal­te­te es aus­ein­an­der und las die Sum­me. Hun­dert­fünf­zig­tau­send Eu­ro. Mei­ne Wan­gen wur­den kalt. Konn­te das wirk­lich sein? Sie woll­ten mich da­für be­zah­len, dass ich ei­ne Be­zie­hung mit An­ton ein­ging? Jetzt wur­de die An­ge­le­gen­heit rich­tig ab­surd.

Die Fel­berts be­ob­ach­te­ten mich lä­chelnd. «Hal­ten Sie uns für alt­mo­disch, aber bit­te nicht für wun­der­lich.» Frau von Fel­bert stand auf, um an­zu­zei­gen, dass das Ge­spräch dem En­de zu­ging. «Nicht wir sind ver­rückt, son­dern die Zei­ten, in de­nen wir le­ben.»

«Na­tür­lich müs­sen Sie sich nicht so­fort ent­schei­den, Bet­ty.» Auch Herr von Fel­bert hat­te sich er­ho­ben und reich­te mir die Hand. «Sie ha­ben al­le Zeit der Welt.»

Ich weiss nicht, wel­cher Teu­fel mich ritt, als ich frag­te, wie ich An­ton denn ge­ge­be­nen­falls er­rei­chen soll­te. Frau von Fel­bert ant­wor­te­te et­was Selt­sa­mes, das sich wie mit Wi­der­ha­ken in mein Ge­dächt­nis grub:

«Sie wer­den ihn fin­den.»

Als sie mich hin­aus­brach­te, drück­te sie mir noch et­was in die Hand. Es war ei­nes der Fo­tos. An­ton in ei­nem Nor­we­ger­pul­li und mit um­wer­fen­dem Lä­cheln. Bei­des stand ihm her­vor­ra­gend. Zum Ab­schied strei­chel­te mir Frau von Fel­bert kurz über den Arm, mit ei­nem Blick, so lie­be­voll und vol­ler Hoffnung, dass sich mein Herz zu­sam­men­zog.

Ich stand auf der Stras­se und warf noch ei­nen Blick auf die schö­ne Vil­la, im teu­ers­ten Vier­tel ei­ner der teu­ers­ten Städ­te Eu­ro­pas. Ich wür­de Car­men die Ge­schich­te er­zäh­len, wir wür­den ge­mein­sam die Au­gen rol­len. Dann wür­den wir die Sa­che ver­ges­sen. Wäh­rend ich zur U-bahn ging, knis­ter­te der Zet­tel in mei­ner Ta­sche.

Zu Hause mach­te ich mir ei­ne Tas­se Tee, ob­wohl ich ei­gent­lich ge­nug Tee ge­trun­ken hat­te, und setz­te mich an den Schreib­tisch. Ich muss­te drin­gend für die an­ste­hen­de Klau­sur im Öf­fent­li­chen Recht ler­nen. Aber ich konn­te mich nicht kon­zen­trie­ren. Im­mer wie­der kehr­ten mei­ne Ge­dan­ken zu den Fel­berts zu­rück. Bis ich schliess­lich den Na­men ih­res Soh­nes bei Goog­le ein­gab. An­ton von Fel­bert.

Da war er. Xing, Ins­ta­gram, Face­book. Der letz­te Ein­trag von heu­te Mor­gen. An­ton mit Freun­den, wahr­schein­lich in ei­ner Kn­ei­pe, die Bier­glä­ser la­chend in die Ka­me­ra hal­tend. Ich kann­te das Bild be­reits. Es hat­te sich im Al­bum der Fel­berts be­fun­den.

Wie ma­gisch an­ge­zo­gen von An­tons Lä­cheln goo­gel­te ich wei­ter. Sie wer­den ihn fin­den, hat­te sei­ne Mut­ter ge­sagt. Es dau­er­te ei­ne Wei­le, bis ich die No­tiz schliess­lich im Zei­tungs­ar­chiv ent­deck­te. Sie stamm­te von An­fang Ja­nu­ar, war al­so un­ge­fähr vier Mo­na­te alt.

«Töd­li­cher Ski­un­fall in Vor­arl­berg. Am Sams­tag­mit­tag kam ein Ski­fah­rer im Mon­ta­fon von der Pis­te ab, rutsch­te un­ter ei­nem Fang­zaun hin­durch und prall­te ge­gen ei­nen Baum. Er starb noch an der Un­fall­stel­le. Die Kri­po Kemp­ten schliesst Fremd­ver-

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