CHRIS­TI­AN SEI­LER

Das Magazin - - N° 34 — 25. August 2018 - Pro­to­koll FA­TI­MA VIDAL Bild HEINZ TROLL

rät: nie­mals Trink­geld ge­ben

Ich bin nicht klein­lich, wenn es dar­um geht, Trink­geld zu ge­ben, aber ei­ne Rei­se durch Ja­pan hat mich et­was In­ter­es­san­tes ge­lehrt. In Ja­pan ist es un­üb­lich, so­gar ver­pönt, Trink­gel­der zu ge­ben. Je­der Kell­ner, der die Rech­nung bringt, wür­de nicht ver­ste­hen, war­um sein Kun­de ein paar Mün­zen oder gar ei­nen Schein lie­gen lässt, und ihm bis auf die Stras­se nach­lau­fen, um das Geld, das der Kun­de ver­ges­sen ha­ben muss, wie­der zu­rück­zu­ge­ben.

Ich muss­te mich erst dar­an ge­wöh­nen, mir selbst ein paar neb­bi­che Yen-mün­zen her­aus­ge­ben zu las­sen, aber so­bald ich mit die­ser kul­tu­rel­len Ei­gen­art ver­traut war, be­gann sie mich po­si­tiv zu be­rüh­ren und schliess­lich auf ganz na­tür­li­che Wei­se zu ent­span­nen. Je­de Di­enst­leis­tung – ob es jetzt ei­ne Ta­xi­fahrt oder das Be­stel­len ei­ner Mahl­zeit ist – hat ih­ren Preis, und die­ser Preis ist we­der ver­han­del­bar noch ei­ne Auf­for­de­rung, ihn zu in­ter­pre­tie­ren und um ei­nen ge­wis­sen Pro­zent­satz frei­wil­lig zu über­tref­fen. Das Mo­tiv der Frei­wil­lig­keit ist da­bei so­wie­so dop­pel­bö­dig, wor­über die Mie­ne je­des Ta­xi­fah­rers be­redt Aus­kunft gibt, wenn dein frei­wil­li­ger Auf­schlag nicht mit sei­ner Vor­stel­lung von An­ge­mes­sen­heit über­ein­stimmt.

Hin­ter der ja­pa­ni­schen Me­tho­de steckt vor al­lem ei­nes: Di­enst­leis­ter und Gas­tro­no­men set­zen ih­re Prei­se so fest, dass sie ih­re An­ge­stell­ten vom er­ziel­ten Um­satz fair be­zah­len kön­nen. Da­bei hilft ih­nen, dass der Ka­ta­log der Lohn­ne­ben­kos­ten und Ab­ga­ben nicht an­nä­hernd so lang ist wie in Eu­ro­pa oder Ame­ri­ka, wo das Prin­zip, ei­nen klei­nen Ba­sis­lohn um den Fak­tor Trink­geld auf­zu­bes­sern, für die An­ge­stell­ten von buch­stäb­lich exis­ten­zi­el­ler Be­deu­tung ist. Des­halb kommt es zum Bei­spiel in den USA re­gel­mäs­sig zur pa­ra­do­xen Si­tua­ti­on, dass zu den Prei­sen, die auf der Spei­se­kar­te ste­hen, noch Steu­ern und ob­li­ga­to­ri­sches Trink­geld, ein Tip von 15 bis 20 Pro­zent, da­zu­ge­schla­gen wer­den, was die eh schon teu­re Mahl­zeit noch ein­mal um ein Drit­tel teu­rer macht.

So­bald mir je­mand die Hin­ter­grün­de er­klärt, brin­ge ich ja für das Phä­no­men selbst ein ge­wis­ses Ver­ständ­nis auf. Aber wenn mich je­mand fragt, ob es mir sym­pa­thisch ist, dass ich die Prei­se, die ich auf der Spei­se­kar­te le­se, selbst­stän­dig um den Fak­tor x auf den End­preis hoch­rech­nen muss – nicht un­be­dingt.

Das Pro­blem da­bei ist für mich vor al­lem die nur schein­ba­re Frei­wil­lig­keit mei­ner Ent­schei­dung, Trink­geld zu ge­ben. Sie hat ur­sprüng­lich den Cha­rak­ter ei­ner Gra­ti­fi­ka­ti­on, ei­ner Ab­gel­tung von Leis­tun­gen, die über das nor­ma­le Mass hin­aus­ge­hen. Das um­fasst na­tür­lich auch die Mög­lich­keit, ei­ne nicht so über­zeu­gen­de Di­enst­leis­tung nur zu be­zah­len und die Gra­ti­fi­ka­ti­on ste­cken zu las­sen, was aber zum mo­ra­li­schen Di­lem­ma wird, so­bald man weiss, dass die Men­schen, die dich be­die­nen, nur mit dei­ner Gra­ti­fi­ka­ti­on die Mie­te be­zah­len kön­nen.

Ich bin un­zäh­li­ge Ma­le in die Fall­gru­ben ge­stürzt, die die­ses kom­pli­zier­te Sys­tem zwangs­läu­fig her­vor­bringt. Ich ha­be viel zu viel Trink­geld ge­ge­ben, wo ei­gent­lich kei­nes er­war­tet wur­de, und starr­te in die weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen von Men­schen, die das Ge­fühl hat­ten, ich wür­de ih­nen mit mei­nem un­ver­hält­nis­mäs­si­gen Tip ein un­mo­ra­li­sches An­ge­bot ma­chen. Noch viel öf­ter schei­ter­te ich na­tür­lich, wenn das, was ich für an­ge­mes­sen hielt, als Zu­mu­tung emp­fun­den wur­de – da gibt es durch­aus Men­schen, die aus ih­rem Her­zen kei­ne Mör­der­gru­be ma­chen.

Ich ha­be ge­ne­rell den Richt­wert von zehn Pro­zent im Kopf, aber gilt der auch in ei­nem bes­se­ren Lo­kal, wenn ei­ne Rech­nung eh schon drei- oder vier­hun­dert Fran­ken aus­macht (oder aber ge­ra­de dort?). Und was ma­che ich bei klei­nen Sum­men, wenn ich zum Bei­spiel 3,80 auf­run­den will? 4,00 sind ir­gend­wie schä­big. 5,00 ei­gent­lich zu viel. Auf 4,50 auf­zu­run­den ist wie­der­um pein­lich. Al­so was ist nun die rich­ti­ge Lö­sung?

In Ja­pan ist die rich­ti­ge Lö­sung, den Preis zu be­zah­len, den die Rech­nung zeigt, und ich wür­de mir wün­schen, dass die­se Me­tho­de auch in Eu­ro­pa Schu­le macht. Sie ent­waff­net die Prot­zer, be­gna­digt die Gei­zi­gen und nimmt dem Vor­gang des Be­zah­lens al­le Emo­tio­nen, die ihm an­haf­ten, aber nicht zu­ste­hen. Ein klei­nes Schrau­ben an der Kal­ku­la­ti­on, und die Rech­nung stimmt für uns al­le, im­mer und übe­r­all.

1959, im Jahr mei­ner Ge­burt, wur­de das Frau­en­stimm­recht ab­ge­lehnt. Ich kann mich an die Wor­te mei­nes Va­ters er­in­nern, als er 1971 sag­te, er ge­he jetzt ab­stim­men, da­mit ich und mei­ne Schwes­tern spä­ter auch ab­stim­men dür­fen. Da­mals war ich zwölf.

In­zwi­schen sind Frau­en und Män­ner theo­re­tisch gleich­be­rech­tigt, doch prak­tisch sieht das an­ders aus. In der For­schung et­wa sind Frau­en im­mer noch ei­ne Sel­ten­heit. Vor 25 Jah­ren, so lan­ge bin ich nun Pro­fes­so­rin an der ETH, wur­den ei­ni­ge Pro­fes­so­rin­nen an­ge­stellt. Da­mals wa­ren wir eu­ro­pa­weit in der Phy­sik bei­nah füh­rend mit ei­ner so gros­sen An­zahl Frau­en. Doch da­mit war das The­ma Frau­en­för­de­rung in un­se­rem De­par­te­ment für vie­le Jah­re ab­ge­hakt. Mit dem Ef­fekt, dass wir dies­be­züg­lich Rück­schrit­te mach­ten.

Jun­ge Frau­en sind in na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Be­ru­fen mas­siv un­ter­ver­tre­ten, weil es zu we­ni­ge Vor­bil­der gibt und weil die Ar­beits­kul­tur in vie­len tech­ni­schen Be­rei­chen nicht ge­ra­de frau­en­freund­lich ist. Jun­ge Frau­en wach­sen heut­zu­ta­ge völ­lig gleich­be­rech­tigt auf, be­tre­ten dann die Ar­beits­welt und stos­sen auf Struk­tu­ren und Ver­hal­tens­wei­sen, die sie nicht er­war­tet ha­ben. Sie fra­gen sich nach dem Grund und fan­gen an, sich zu weh­ren. Das bleibt aber nicht oh­ne Fol­gen, wenn sie dies al­lei­ne ma­chen. Es ist wich­tig, dass sich hier Frau­en bes­ser ver­net­zen. Die­se Tat­sa­che wird viel zu oft un­ter­schätzt. Ich bin jetzt re­la­tiv alt und er­folg­reich, des­halb hof­fe ich, dass mich mein dies­be­züg­li­ches En­ga­ge­ment be­ruf­lich nicht zu stark ne­ga­tiv be­las­tet. Aus­ser­dem füh­le ich mich ver­pflich­tet, mich für Frau­en­the­men ein­zu­set­zen, weil ich als Pro­fes­so­rin auch für die Aus­bil­dung und För­de­rung der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on mit­ver­ant­wort­lich bin. Wich­tig ist mir, dass wir gu­te Rah­men­be­din­gun­gen für Frau­en schaf­fen, sol­che, die es ih­nen er­mög­li­chen, ih­re Be­ga­bun­gen ein­zu­brin­gen.

Der An­teil or­dent­li­cher Pro­fes­so­rin­nen an der ETH liegt bei rund 10 Pro­zent, mit den aus­ser­or­dent­li­chen et­was hö­her. Ei­ne Stu­die be­legt aber, dass sich die Ar­beits­kul­tur erst bei ei­nem Frau­en­an­teil von 30 Pro­zent ver­än­dert. Zur­zeit sind die ge­sam­ten Struk­tu­ren durch Män­ner de­fi­niert, und man muss sich als Frau den be­ste­hen­den Rah­men­be­din­gun­gen an­pas­sen. Für ei­ne Ve­rän­de­rung brau­chen wir ein­fach mehr Frau­en.

Aus die­sem Grund ha­be ich mit wei­te­ren er­folg­rei­chen Pro­fes­so­rin­nen und der fi­nan­zi­el­len Un­ter­stüt­zung des Schwei­ze­ri­schen Na­tio­nal­fonds in­ner­halb des in­ter­dis­zi­pli­nä­ren For­schungs­pro­gramms NCCR MUST das Netz­werk ETH Wo­men Pro­fes­sors ge­grün­det. Wir Mit­glie­der des Pro­fes­so­rin­nen-fo­rums un­ter­stüt­zen auch jün­ge­re Kol­le­gin­nen bei ih­rem be­ruf­li­chen Wer­de­gang. Wir be­trei­ben auch Lob­by­ing, da­mit an der ETH mehr Frau­en ein­ge­stellt wer­den. Ei­ne Er­hö­hung des Frau­en­an­teils braucht es, weil Füh­rungs­frau­en als Rol­len­mo­dell jun­ge Frau­en mo­ti­vie­ren.

Ganz wich­tig ist auch das Net­wor­king. Vie­le Frau­en un­ter­schät­zen, wie zen­tral ein tra­gen­des Netz­werk ist. Ge­ra­de bei ernst­haf­ten Pro­ble­men ist es es­sen­zi­ell, gut ver­netzt zu sein und Un­ter­stüt­zung zu er­hal­ten.

Jun­gen Frau­en wür­de ich ra­ten, Ve­rän­de­rung zu for­dern: Sie sol­len sich ein­set­zen für bes­se­re Rah­men­be­din­gun­gen, Kin­der­krip­pen und El­tern­ur­lau­be. Tun sie das nicht, kom­men Ver­bes­se­run­gen nie zu­stan­de. Wir ha­ben das Stimm­recht nur be­kom­men, weil sich an­de­re Frau­en un­er­müd­lich da­für ein­setz­ten. Wir brau­chen aber auch die Un­ter­stüt­zung der männ­li­chen Kol­le­gen. Ich bin über­zeugt, dass ei­ne Ar­beits­kul­tur, die es Frau­en er­laubt, er­folg­reich zu ar­bei­ten, für al­le bes­ser ist.

Die Wis­sen­schaft ist ei­ne wun­der­ba­re Welt, in der Frau­en we­gen ste­reo­ty­pi­scher Vor­ur­tei­le mas­siv un­ter­ver­tre­ten sind. Ich hof­fe, das än­dert sich bald, denn wer an tech­no­lo­gi­schen und na­tur­wis­sen­schaft­li­chen For­schun­gen mit­wirkt, kann un­se­re und die Zu­kunft un­se­rer Kin­der mit­be­stim­men.

Lie­be Kell­ne­rin­nen und Kell­ner, bit­te nicht gleich aus­flip­pen: Hier steht, war­um Trink­geld­ge­ben kei­ne gu­te Sa­che ist.

U R S U L A K E L L E R (59), Pro­fes­so­rin für Ex­pe­ri­men­tal­phy­sik, schrieb Ge­schich­te – als ers­te Frau auf ei­nem na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Lehr­stuhl der ETH Zü­rich.

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