ER­IN­NE­RUN­GEN AN DIE LIE­BE IN RO­MAN­TI­SCHEN ZEI­TEN

Das Magazin - - Allzumenschliches - Text Mar­tin r. De­an

Mit Li­lia­nes Kuss brach ei­ne neue Welt ein, et­was Un­er­hör­tes, et­was gänz­lich Neu­es. Ich weiss nur noch, dass wir uns end­los auf ih­rem Bett wälz­ten, zwi­schen­durch Atem schöpf­ten und re­de­ten, Ker­zen an­zün­de­ten, wei­ter­schmus­ten und in ei­ner End­los­schlau­fe «Let It Bleed» von den Sto­nes hör­ten. Hö­re ich die­ses Stück heu­te, wer­de ich wie ein Neu­ron in je­nes Li­lia­ne­zim­mer zu­rück­ge­beamt, rie­che wie­der die Holz­tä­fe­rung, se­he den fal­len­den Schnee vor dem Fens­ter und spü­re die Spinn­we­ben ih­rer ro­ten Haa­re in der Na­se. Bin wie­der mit­ten in die­ser auf­wen­di­gen, un­si­che­ren Ex­pe­di­ti­on des Fünf­zehn­jäh­ri­gen in ein un­er­forsch­tes Ge­biet zwi­schen Stoff und Haut. «Ta­ke my arm, ta­ke my leg, bleed on me ...» Die un­schul­di­ge Lie­be mit Li­lia­ne, sie war wie ein ein­zi­ger, fünf Ta­ge lan­ger Kuss.

Und den­noch schäm­te ich mich. Aber wo­für? Für mei­ne Un­er­fah­ren­heit. Als ich Li­lia­ne beim Ab­schied frag­te, ob sie jetzt ein Kind be­kom­men wür­de, schüt­tel­te sie la­chend ih­re ro­te Mäh­ne und sag­te, da müs­se schon mehr lau­fen.

Was aber trieb uns da­mals da­zu, ta­ge­lang die Freun­de, das Ski­fah­ren und selbst das Es­sen zu ver­ges­sen? Wie­so mach­ten wir oh­ne je­de An­lei­tung ge­nau das Rich­ti­ge? Die Ker­zen, die Mu­sik, der Schnee, die Haa­re von Li­lia­ne, al­les füg­te sich zu­sam­men und er­zeug­te je­nes ein­zig­ar­ti­ge Ge­fühl, das man Ver­liebt­heit nennt. Ein Ge­fühl, das be­rauscht, hell­sich­tig und blind macht und ei­nen In­nen­raum im Selbst schafft, aus dem man nicht mehr hin­aus­will. Und war­um sucht man die­sen sin­gu­lä­ren Schau­platz der Ge­füh­le ein Le­ben lang auf ? Es war das Jahr neun­zehn­hun­dert­und­sieb­zig, die Beat­les san­gen ge­ra­de «Let It Be», Ji­mi Hen­d­rix starb, und «The Sun» in Gross­bri­tan­ni­en stei­ger­te die Auf­la­ge mit dem Ab­druck ei­nes nack­ten pa­ge th­ree girl. Von all­dem nahm ich kaum No­tiz, denn die Lie­be war ei­ne Raum­kap­sel, die mich ins All trug und die Er­de im­mer klei­ner wer­den liess. Li­lia­ne und ich schrie­ben uns ein paar­mal lei­den­schaft­lich, aber es kam zu kei­ner Be­geg­nung mehr. Sie er­zähl­te von Plä­nen, woll­te die Schweiz ver­las­sen, be­reits nis­te­te das Aben­teu­er des Aus­reis­sens in ih­ren Zei­len. Wir sehn­süch­tel­ten ein­an­der ei­ne Wei­le nach, selbst dann noch, als sich ih­re Lie­bes­brie­fe mit de­nen an­de­rer Mäd­chen zu kreu­zen be­gan­nen. In mei­ner Klas­se in der Be­zirks­schu­le Aarau schwän­ger­te ein Ka­me­rad ei­ne Mit­schü­le­rin und hau­te mit der Klas­sen­kas­se auf die Is­le of Wight ab. Er wur­de von In­ter­pol ge­fun­den, aus der Schu­le ge­wor­fen und be­gann ei­ne Kar­rie­re als Lö­wen­domp­teur.

Heu­te be­sit­ze ich noch im­mer ei­ni­ge Schuh­schach­teln mit Lie­bes­brie­fen. Ro­sa­ro­te, him­mel­blaue, si­gna­lo­r­an­ge, blut­ro­te, gras- und frosch­grü­ne Um­schlä­ge, die beim An­fas­sen aus­ein­an­der­fal­len und manch­mal ei­ne gold­far­be­ne oder sil­ber­leuch­ten­de In­nen­sei­te zei­gen. Meist fehlt das Da­tum, dann steht da ei­ne Uhr­zeit. Meist fehlt die Un­ter­schrift, da­für gibts ein Kür­zel und am Sei­ten­rand ein ge­zeich­ne­tes Herz oder ei­nen Ko­se­na­men. Dut­zen­de in ge­schwun­ge­ner, stei­fer, ak­ku­ra­ter, zu­wei­len pe­dan­ti­scher Hand­schrift ver­fass­te Brie­fe, die die gros­se Lie­be her­auf­be­schwö­ren oder ih­ren Ver­lust be­kla­gen. Wor­te wie Küs­se, Wor­te wie Trä­nen. Heu­te kommt es mir vor, als hät­te ich ne­ben dem Fuss­ball­spie­len beim FC Aarau nichts an­de­res ge­macht, als die­se Stür­me im Was­ser­glas zu durch­que­ren. Auf par­fum­duf­ten­de Kar­tons ge­schrie­be­ne Vo­ka­beln zu ent­zif­fern, in Cou­verts ge­steck­te Haar­bü­schel her­aus­zu­klau­ben, wäh­rend ei­nen aus Brief­ecken der Kuss­ab­druck ro­ter Lip­pen be­deu­tungs­schwer an-

schau­te. Nie hät­te ich mich über For­mu­lie­run­gen wie: «Je t’ai­me­rai jus­qu’à ce que le mon­de cas­se» ge­wun­dert, das Über­trei­ben ge­hör­te ja zum Lie­bes­brief wie sei­ne hap­ti­sche Ma­te­ria­li­tät. Heu­te, im Ab­stand von ei­ni­gen Jahr­zehn­ten, för­dert der Griff in die Schuh­schach­teln vor al­lem Pein­li­ches zu­ta­ge. Die meis­ten Brie­fe sind ge­ha­gelt voll von Miss­ver­ständ­nis­sen und über­ris­se­nen Lie­bes­an­sprü­chen, de­nen nie­mand je ge­recht wer­den könn­te. Lie­bes­brie­fe be­inhal­ten ein Zu­we­nig an In­for­ma­ti­on und ein Zu­viel an Ge­fühl. Sie ge­hen im­mer aufs Gan­ze, weil die Lie­be In­ten­si­tät und Mass­lo­sig­keit, weil sie die Über­schrei­tung braucht. Lie­bes­brie­fe sind das sel­te­ne Bei­spiel ei­ner Gat­tung, die das, wo­von sie Zeug­nis ab­legt, gleich sel­ber er­zeugt.

Die «Her­zens­schrif­ten» – so nann­te man sie im 18. Jahr­hun­dert – hat­ten ih­ren ers­ten Hö­he­punkt in der Li­te­ra­tur­epo­che der Ro­man­tik, in der Frau­en al­pha­be­ti­siert wur­den und Ro­ma­ne wie Goe­thes «Wer­t­her» zur Bil­dung bei­tru­gen. Die mit der Al­pha­be­ti­sie­rung in Gang ge­setz­te Ent­wick­lung der Ge­fühls­welt för­der­te je­ne In­ner­lich­keit, mit der das Bür­ger­tum sich sel­ber fin­det. Die Ge­sell­schaft wur­de li­te­ra­risch, weib­li­cher und fried­fer­ti­ger. Der Phi­lo­soph Klaus The­we­leit hat sol­che Epo­chen, in de­nen die Lie­bes­form ei­nen In­ner­lich­keits­schub för­dert, «fe­mi­nin» ge­nannt. Im Ge­gen­satz zu den «mas­ku­li­nen» Zei­ten, die Krieg, Ero­be­rung und Ge­walt an die ers­te Stel­le set­zen.

His­to­risch ge­se­hen ver­in­ner­licht sich das abend­län­di­sche Sub­jekt im 12. Jahr­hun­dert erst­mals mit dem hö­fi­schen Min­ne­sang und der klös­ter­li­chen Je­sus­ver­eh­rung. Es ent­ste­hen die Lie­bes­re­geln zwi­schen zwei Men­schen, wie wir sie ken­nen, die kei­nes­wegs uni­ver­sal sind. Denn Lie­be ist im­mer auch Trieb­for­mung, Af­fekt­mo­du­lie­rung und Ver­hal­tens­schu­le nach ei­nem kul­tu­rel­len Mus­ter. Und: Flir­ten, Pet­ting und das Ver­fas­sen ro­man­ti­scher Lie­bes­brie­fe sind be­son­de­re Kul­tur­tech­ni­ken, die uns von an­de­ren Kul­tu­ren un­ter­schei­den.

Die­ser Geist der Ro­man­tik scheint sich bis in die 1960erJah­re ge­ret­tet zu ha­ben. Hand­ge­schrie­be­ne Lie­bes­brie­fe be­zeu­gen die­se ro­man­ti­sche Tra­di­ti­on. Sie sind hoch­tou­rige Ge­fühls­pro­duk­tio­nen, die dem Aus­bau von Ich­in­nen­räu­men die­nen. Al­so Ve­hi­kel zur Selbst­er­mäch­ti­gung und zugleich Brü­cken­bau zum an­de­ren. Übun­gen in Em­pa­thie. Le­se ich die Epis­teln die­ser fünf­zehn­ bis acht­zehn­jäh­ri­gen Ver­fas­se­rin­nen als Ver­su­che, ei­ne ei­ge­ne Spra­che der Lie­be zu fin­den, sind die Über­trei­bun­gen we­ni­ger pein­lich. Dann ge­win­nen die Sät­ze wie­der et­was von je­ner ra­scheln­den Ver­schwie­gen­heit zu­rück, die die Be­rüh­rung der Fin­ger beim Durch­die­nacht­wan­dern hat­te. Und der kit­schi­ge Kuss­ab­druck ruft den Ge­schmack der Lip­pen wach und wird zugleich zum Zei­chen der Ohn­macht dar­über, dass man mit Wor­ten doch nicht das aus­drü­cken konn­te, was man woll­te. Das bei­ge­leg­te Stück Stoff er­in­nert ei­nen an das Kleid, das die Brief­schrei­be­rin beim Fest trug, als man ih­ren Klei­dern nä­her war als sich sel­ber. Wenn man al­so ein­räumt, dass für die­se Form von ju­gend­li­cher Lie­be noch kei­ne Spra­che exis­tiert, wer­den die Brie­fe als Übun­gen zur Her­aus­bil­dung ei­ner ei­ge­nen Ge­fühl­s­kul­tur les­bar.

Nach der Lie­bes­wo­che mit Li­lia­ne hat­te ich so et­was wie das Ein­tritts­bil­lett ins Le­ben ge­won­nen. Denn auch un­ter Bu­ben galt: je mehr Er­fah­rung, des­to hö­her der Kurs­wert. Auf dem Pau­sen­hof der Schu­le brach sich ei­ne wah­re Zet­tel­ wirtschaft Bahn. Ab Wo­chen­mit­te ver­teil­ten wir Bu­ben auf dem Schul­hausare­al Zet­tel an die Mäd­chen mit Ein­la­dun­gen zur sams­täg­li­chen Fe­te. Wir steck­ten sie ge­rollt in ih­re Fahr­rad­sat­tel, scho­ben sie ge­fal­tet un­ter ih­re Klin­geln, lies­sen sie ih­nen zer­knit­tert von ei­nem schüch­tern stot­tern­den Freund über­rei­chen. Wer bis Frei­tag kei­ne Ant­wort er­hielt, dem stand ein qual­vol­les Wo­che­n­en­de mit Tipp­kick und lan­gen St­un­den in lee­ren Hin­ter­hö­fen be­vor.

Dar­aus folg­ten zwei Ty­pen der Initia­ti­on zur Männ­lich­keit. Der ers­te Ty­pus stürz­te sich in den Sport und konn­te be­reits mit acht­zehn ei­ne be­acht­li­che Mus­kel­mas­se aus­wei­sen. Männ­lich­keit, die den Leh­rern ge­fiel, spä­ter auch dem Mi­li­tär. Dem an­de­ren Ty­pus war die­se Männ­lich­keit ver­däch­tig; er liess sich die Haa­re wach­sen und bil­de­te sich ein, die Lie­be sei das Wich­tigs­te in sei­nem Le­ben. Die­ser Ty­pus traf sich am Wo­che­n­en­de in schumm­ri­gen Ga­ra­gen, schraub­te far­bi­ge Glüh­bir­nen in die Fas­sung, mon­tier­te ei­ne Ste­reo­an­la­ge und ver­teil­te Chips und Co­la auf Ha­ras­sen. Das Licht muss­te dämm­rig sein und im rich­ti­gen Mo­ment aus­fal­len. Am Abend ka­men die ki­chern­den Mäd­chen, wir tanz­ten zu den Songs von den T-rex und Do­no­van, und ge­gen Mit­ter­nacht wa­ren wir so in un­se­re Braut ver­klumpt, dass wir wie see­kran­ke Ma­tro­sen durch die selbst ent­fach­ten Ge­fühls­stür­me tor­kel­ten.

Was such­ten wir? Was trieb uns, Schu­le, Hob­by, Ge­sund­heit, Freun­de und im Not­fall die gan­ze Welt für ei­nen Tanz fah­ren zu las­sen? War die Lie­be wirk­lich ein Schie­len in je­ne Ecken, in de­nen wir uns sel­ber einst ver­lo­ren ge­gan­gen wa­ren, wie Freud be­haup­te­te? Al­so die Be­wäl­ti­gung ei­nes früh­kind­li­chen Ver­lusts? Oder war sie nicht doch ei­ne Re­vol­te ge­gen die spies­si­ge Tro­cken­le­gung un­se­rer Trie­be, wie Mar­cu­se schrieb?

Viel­leicht war die Ver­liebt­heit der Zau­ber­trick, um uns aus der bür­ger­li­chen En­ge hin­aus­zu­ka­ta­pul­tie­ren. Wir woll­ten frei sein, aber nicht ein­sam. Und Sex als Kon­sum war uns zu­wi­der, wir woll­ten kei­nen Sex oh­ne Lie­be. Den Er­wach­se­nen war un­se­re ro­man­ti­sche Lie­bes­welt su­spekt, denn sie ver­weich­lich­te uns, mach­te uns zu Wa­sch­lap­pen, leis­tungs­un­tüch­tig und wehr­dienst­un­taug­lich. Aber schon bald, nach 68, wur­den wir von der an­de­ren Seite mit Miss­trau­en ein­ge­deckt: Be­stä­tigt der, der liebt, nicht af­fir­ma­tiv die «be­ste­hen­den Ver­hält­nis­se»?

Lie­be und Po­li­tik? Ich hat­te bei mei­ner Lie­bes­wo­che im Holz­zim­mer zu Kan­der­steg kei­nen Mo­ment an John Len­nons Bed-in mit Yo­ko Ono ein Jahr zu­vor ge­dacht. Ich emp­fand Lie­be da­mals als das Ge­gen­teil von Po­li­tik. Man konn­te Sex als po­li­ti­sches State­ment in­sze­nie­ren, aber die wah­re Lie­be muss­te ei­nen wie ein Blitz tref­fen. Sie war doch schon im­mer die Zwil­lings­schwes­ter des Glücks ge­we­sen; bei­de lies­sen sich nicht pla­nen. Viel­leicht ging da­mals auch al­les in­ein­an­der über. Für kur­ze Zeit bil­de­ten En­de der Sech­zi­ger­jah­re die ro­man­ti­sche Lie­be, Glücks­su­che und Ge­sell­schafts­pro­test ein un­ent­wirr­ba­res Knäu­el. Die Fan­ta­sie, die an die Macht soll­te und die wir an den Lie­bes­brie­fen ent­wi­ckel­ten, kam aus ei­ner an­ti­bür­ger­li­chen Vor­stel­lung. Der «Bünz­li» hat­te kei­ne Fan­ta­sie, und die Ehe un­se­rer El­tern war das To­tes­te un­ter der Son­ne.

Aus dem Schrei­ben von Lie­bes­brie­fen ent­wi­ckel­te ich in den fol­gen­den Jah­ren im­mer mehr das Schrei­ben von frei­er Pro­sa. Er­zäh­lun­gen, Kurz­ge­schich­ten, dann der ers­te Ro­man. Das Lie­bes­brief­schrei­ben war ei­ne Vor­stu­fe zur Li­te­ra­tur. Ers­te An­läu­fe, um die ei­ge­ne Be­find­lich­keit in Wor­te zu fas­sen und das Rea­le in et­was Mög­li­ches zu ver­wan­deln. Lie­gen der Fik­tio­na­li­sie­rung in der Lie­be nicht die­sel­ben Mus­ter zu­grun­de wie in der Li­te­ra­tur? Das The­ma der Lie­be, der Be­zie­hun­gen und der Ab­grün­de der Lie­be liess mich nicht mehr los.

Ob mei­ne Ge­ne­ra­ti­on wirk­lich so fan­ta­sie­voll, ei­gen­wil­lig und wi­der­bors­tig war, wie wir glaub­ten? – Der Ablauf des Sich­ver­lie­bens ge­horch­te wohl doch ei­nem Skript, das kul­tu­rell fest­ge­legt war: Ver­ab­re­dung, Zärt­lich­keit, Kuss, Pet­ting und spä­ter Ge­schlechts­ver­kehr. Die Zeit­span­ne zwi­schen den ein­zel­nen Sta­tio­nen ent­schied über die Schick­lich­keit des Vor­ge­hens. Um­keh­run­gen oder Aus­las­sun­gen wa­ren nicht an­ge­sagt. Ei­ne Freun­din, mit der ich schon seit Wo­chen zu­sam­men war, zog sich im­mer dann zu­rück, wenn es ums Küs­sen ging. Mit der Zeit aber wur­de uns das blos­se In­die-au­gen-schau­en schal. Dann ge­stand sie mir, dass sie im Küs­sen zu we­nig Übung hat­te! Sie, die von vie­len Jungs um­schwärmt wur­de, war un­si­cher, wie man küsst, und war, wie sie be­teu­er­te, noch im­mer am Üben. Und zwar mit ih­rem Ted­dy­bä­ren, den sie gleich mit­ge­bracht hat­te. Oh­ne die all­mäh­li­che Er­set­zung des Ted­dy­bä­ren konn­ten wir al­so nicht wei­ter vor­an­schrei­ten. Ir­gend­wann ein­mal im Le­ben wird die Lie­be für je­den wich­tig. Eva Ill­ouz be­schreibt die Qua­len, die wir auf der ro­man­ti­schen Su­che nach dem Mär­chen­prin­zen oder der Mär­chen­prin­zes­sin er­lei­den, die Selbst­ab­wer­tung, wenn wir ab­ge­wie­sen, die Selbst­aus­lö­schung, wenn wir ver­las­sen wer­den. «Könn­te die So­zio­lo­gin die Stim­men der Men­schen hö­ren, die nach Lie­be su­chen», schreibt sie, «dann ver­näh­me sie ei­ne lan­ge und lau­te Li­ta­nei des Jam­merns und Stöh­nens.» Und die­se Li­ta­nei er­hebt erst­mals im ho­hen Mit­tel­al­ter ih­re Stim­me und fin­det in ei­nem Ro­man wie «Tris­tan und Isol­de» von Gott­fried von Strass­burg ih­ren ein­drück­li­chen Hö­he­punkt. Ei­ne Drei­ecks­ge­schich­te, wie üb­ri­gens auch die von Goe­thes «Wer­t­her», die in «Ju­les et Jim» von Truf­faut ei­ne fer­nes Echo fin­det. Von Sha­ke­speares «Ro­meo und Ju­lia» bis in die 1980er-jah­re präg­te die­ses auf Ab­so­lut­heit an­ge­leg­te Mo­dell das Lie­bes­ver­hal­ten. Als Kul­tur­pra­xis im Ge­fol­ge des Chris­ten­tums war die Zwei­er­lie­be auch ein Treib­stoff der Zi­vi­li­sa­ti­on.

Ich ver­mu­te, dass mit dem Auf­kom­men des In­ter­nets in den 1990er-jah­ren der bis­her gröss­te Bruch mit die­ser acht­hun­dert­jäh­ri­gen Lie­bestra­di­ti­on er­folg­te. Das In­ter­net schreibt den Lie­bes­text ra­di­kal um. Aus dem Ge­flüs­ter in Haus­ein­gän­gen, dem Ge­mur­mel an Fe­ten, den sprach­li­chen Um- und Ab­we­gen wird di­gi­ta­ler Text, eben­so in­for­ma­tiv wie ap­pel­la­tiv. Wenn auch hier gilt, dass das Me­di­um sei­nen In­halt be­stimmt, dann ver­än­dern die neu­en Me­di­en den Cha­rak­ter der Lie­bes­wer­bung, ja, der Lie­be über­haupt. Dem hand­ver­fass­ten Lie­bes­brief ste­hen heu­te zwei, drei Zei­len auf Whatsapp ge­gen­über, auf die Ju­gend­li­che ih­ren Ge­fühls­über­schwang her­un­ter­buch­sta­bie­ren. Kurz­tex­te, de­ren se­man­ti­sche Fall­hö­he in der Fra­ge nach der mo­men­ta­nen Be­find­lich­keit oder auch dem ge­gen­wär­ti­gen Auf­ent­halts­ort be­ste­hen, Satz­fet­zen und Emo­jis, die den Ge­lieb­ten mit kurz­at­mi­gen Stös­sen durch den Tag (oder auch die Nacht) be­glei­ten, stets be­müht, je­ne Nä­he her­zu­stel­len, mit der man sei­nen Da­ckel vor ei­nem zu wei­ten Aus­lauf be­wahrt. Hin­ge­schla­cker­te Kom­pli­men­te oder auch halb­wegs scherz­haf­te Be­lei­di­gun­gen auf Snap­chat, die sug­ge­rie­ren, dass Ge­füh­le nicht län­ger dau­ern als das Ab­spie­len ei­nes schrä­gen Film­chens. Beim Flir­ten in den So­ci­al Me­dia, das be­stä­ti­gen mir mei­ne Gym­na­si­as­ten, hat man für lan­ge An­re­den, für sprach­li­che Um­we­ge, Ab­we­ge und Irr­we­ge kei­ne Zeit. Die Lie­bes­ge­ständ­nis­se sind prä­zi­ser, här­ter und fan­ta­sie­är­mer ge­wor­den.

Aber dem Schluss, dass Ju­gend­li­chen heu­te ei­ne ro­man­ti­sche Ge­fühl­s­kul­tur ab­geht, wi­der­spricht mei­ne drei­und­zwan­zig­jäh­ri­ge Toch­ter en­er­gisch. Ro­man­tik, sagt sie, sucht sich heu­te ei­ge­ne, in­di­vi­du­el­le We­ge. Sie folgt kei­nem Skript, son­dern ge­horcht der si­tua­ti­ven Lau­ne der Lie­ben­den.

Hebt sie nicht auch den Ka­non auf, den man beim Ken­nen­ler­nen un­be­wusst ver­folg­te? Auf ei­ner Le­se­rei­se durch Deutsch­land ver­lieb­te ich mich in ei­ne jun­ge Frau al­lein auf­grund ih­rer Stim­me. Es mag al­bern klin­gen, aber tat­säch­lich war die Stim­me die­ser Frank­fur­ter Buch­händ­le­rin das Ers­te und Ent­schei­den­de, was ich von ihr wahr­nahm. Es wä­re mir nie in den Sinn ge­kom­men, vor dem wei­te­ren Ken­nen­ler­nen mehr In­for­ma­tio­nen über sie ein­zu­ho­len. Ver­lie­ben und Ken­nen­ler­nen fie­len in eins. Ist es im ei­nen Fall ein Blick, so im an­dern die Stim­me; zu­meist sind es kör­per­li­che Ei­gen­hei­ten, an de­nen man Feu­er fängt. Hät­te ich so viel über die Frau

Dann ge­stand sie mir, dass sie im Küs­sen zu we­nig Übung hat­te! Sie, die von vie­len Jungs um­schwärmt wur­de, war un­si­cher, wie man küsst, und war, wie sie be­teu­er­te, im­mer noch am Üben.

ge­wusst, wie heu­te je­der Par­ship­nut­zer weiss, ich hät­te mich nicht mehr so leicht ver­lie­ben kön­nen. Fehlt, wie auf den Part­ner­bör­sen, der kör­per­li­che first ap­peal, wird aus dem Lie­bes­aben­teu­er ei­ne kopf­ge­steu­er­te Fahn­dung. Das klei­ne Wun­der, im an­de­ren den Ab­glanz von et­was Gött­li­chem zu se­hen, wird durch ein Psy­cho­ras­ter ge­löscht. Auch un­ter­gra­ben In­ter­net­platt­for­men das Ge­fühl der Ein­zig­ar­tig­keit, das be­zeich­nend für das ro­man­ti­sche Lie­bes­ge­fühl ist. Wann wer­den Tin­der & Co. ih­ren Kun­den ge­ne­ti­sche Pro­fi­le der po­ten­zi­el­len Part­ner an­bie­ten?

Wir ler­nen uns auf ganz ver­schie­de­ne Ar­ten ken­nen, sagt mei­ne Toch­ter. Bei ei­ni­gen ist es so, dass sie zu­erst mit­ein­an­der schla­fen, und erst da­nach be­ginnt ih­re ro­man­ti­sche Zeit. Wol­len wir ro­man­tisch sein, ma­chen wir ein­an­der zum Bei­spiel klei­ne Ge­schen­ke. Schen­ken dem an­de­ren ein Wee­kend am Meer oder ei­nen Aus­flug mit Über­nach­tung im Frei­en als Event­pa­ket. Am Melt! Fes­ti­val, von dem sie ge­ra­de zu­rück­ge­kehrt ist, gab es ei­nen Weg, der mit Lämp­chen und Bän­ken am Ufer ent­lang die Lie­bes­paa­re zum Ver­wei­len ein­lud. Ich mer­ke: Das Ro­man­ti­sche ist nicht mehr das Flui­dum, in dem sich die Lie­be ent­fal­tet, son­dern schon Zi­tat. Wo mei­ne Ge­ne­ra­ti­on ge­fühls­ge­la­de­ne Si­tua­tio­nen und Um­ge­bun­gen auf­such­te, sind die­se heu­te oft vor­ge­fer­tigt zu ha­ben.

Das Be­dürf­nis nach ro­man­ti­schem Ge­fühls­auf­schwung treibt aber auch selt­sa­me Blü­ten. Deut­lich wird dies an der Zu­nah­me prunk­vol­ler Hoch­zei­ten. Die Bas­ler So­zio­lo­gin Fleur Wei­bel, die die ge­gen­wär­ti­ge Hoch­zeits­kon­junk­tur in den Blick ge­nom­men hat, sagt da­zu, dass es bei Trau­ungs­ze­re­mo­ni­en nicht nur um ei­ne Reinsze­nie­rung tra­di­tio­nel­ler Ge­schlech­ter­rol­len geht, son­dern auch um das ro­man­ti­sche Er­leb­nis schlecht­hin. Wie­der­her­ge­stellt wird, was im All­tag brü­chig ge­wor­den ist: ei­nen Tag lang Prinz oder Prin­zes­sin in ei­nem Mär­chen zu sein. Die Lie­be wird mit­tels thea­tra­li­scher Ges­ten für­ein­an­der und für an­de­re sicht­bar ge­macht – auf dass die­ser Tag ein Le­ben lang in Er­in­ne­rung blei­be.

Wo­hin aber wan­dert die wah­re Lie­be, wenn ihr ro­man­ti­scher Kern durch den Kom­merz ver­hö­kert wird? Kann man die Ro­man­tik, so­zu­sa­gen die Es­senz des Lie­bens, über­haupt ganz til­gen? Ent­steht sie nicht im­mer wie­der, so­bald die Sehn­sucht er­wacht? Dass die gros­se Lie­be im Bou­le­vard dem Kitsch und Kli­schee zum Op­fer fällt, wi­der­spricht ih­rer Wich­tig­keit für un­ser Le­bens­glück nicht. Viel­leicht war Lie­be schon im­mer kit­schig. Wer sich in Zei­ten von Ro­sa­mun­de Pil­cher und an­de­rer Staf­feln aber dem Ri­si­ko au­then­ti­scher Emo­tio­nen aus­set­zen will, kann sich an die gros­sen Lie­ben­den hal­ten. An Höl­der­lin, der nicht von sei­ner Ban­kiers­gat­tin Su­set­te los­kam, die er als Göt­tin «Diot­ima» idea­li­sier­te, und über der Un­mög­lich­keit der Be­zie­hung wahn­sin­nig wur­de. Oder an die Fil­me von Truf­faut bis Al­mo­dóvar, die die Wucht der Lie­bes­tra­gik vor­füh­ren. Oder an den Brief­wech­sel von Vé­ra und Vla­di­mir Na­bo­kov, der ei­ne über die Jah­re un­ver­min­dert star­ke und un­ver­brüch­li­che Lie­be zeigt.

Die elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­än­dert die Lie­be, macht das Lie­bes­wer­ben kür­zer und di­rek­ter. Ent­schei­dend aber ist, dass erst das In­ter­net der Por­no­gra­fie zum brei­ten Durch­bruch ver­hol­fen hat. Die all­ge­gen­wär­ti­ge Por­no­gra­fie, die sich in die Bild­ge­dächt­nis­se der jun­gen User frisst, trennt Lie­be und Sex. Die Por­no­gra­fi­sie­rung der Ge­sell­schaft ver­wan­delt Sehn­sucht in ei­nen Trieb, der im Ge­gen­über kein Mass hat. Wo­hin die­se Ent­wick­lung füh­ren wird, ist un­ab­seh­bar. Die Zu­kunft der Lie­be könn­te so aus­se­hen, dass die pri­mä­ren Ge­füh­le im­mer mehr zu den Din­gen ab­wan­dern. Oder zu Sach­ver­hal­ten. Lie­be zum an­de­ren könn­te durch Lie­be zur Na­ti­on er­setzt wer­den. Durch Lie­be zum Tier oder zum Ro­bo­ter. Ge­ra­de­zu wahr­schein­lich ist, dass sich das Lie­bes­be­geh­ren in Zu­kunft ver­schiebt zu Hass, Ekel oder zur pseu­do­re­li­giö­sen An­be­tung ei­nes Fe­tischs. Die Ge­mein­sam­keit und Ver­bind­lich­keit des Lie­bes­codes dürf­te ei­nem Vie­ler­lei an For­men wei­chen, mit Ne­ben­ und Un­ter­be­zie­hun­gen, neu­en Über­gän­gen und un­be­kann­ten Ri­tua­len.

Und die Scham, die ich ge­gen­über Li­lia­ne emp­fand? Sie war das Echo ei­nes Ver­bots, das ich über­tre­ten muss­te, um im Le­ben wei­ter­zu­kom­men. Der Preis für ei­ne ver­hält­nis­mäs­sig klei­ne Zü­gel­lo­sig­keit, die im sitt­li­chen Ko­dex der da­ma­li­gen Zeit ei­nem Fünf­zehn­jäh­ri­gen kaum zu­stand. Von heu­te aus ge­se­hen aber ist mir mei­ne Scham un­ver­zicht­bar ge­wor­den.

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