ben moo­re Über Zi­vi­li­sa­ti­on, Bier und Brot

Das Magazin - - Contents - Ben Moo­re

Vor ei­ni­gen Wo­chen woll­te ich hier die Fra­ge klä­ren, was zu­erst da war – das Huhn oder das Ei. Da­bei gä­be es doch wich­ti­ge­re Fra­gen zu klä­ren, et­wa die­se: Was kam zu­erst – Bier, Brot oder die Zi­vi­li­sa­ti­on? Brot und Bier ge­hö­ren zu den Gr­und­nah­rungs­mit­teln der mo­der­nen Ge­sell­schaft. Bei­de ver­wen­den He­fe, zum Fer­men­tie­ren, bei­de gel­ten als Im­puls für die Ent­wick­lung von Land­wirt­schaft und Zi­vi­li­sa­ti­on. Aber wel­ches war zu­erst da?

2012 mas­sen For­scher den täg­li­chen Ener­gie­be­darf ei­nes der letz­ten ver­blie­be­nen Jä­ger-samm­ler-stäm­me in Tan­sa­nia. Das Er­geb­nis war, dass die­se we­ni­ger Ener­gie ver­brau­chen und mehr Zeit zum Aus­ru­hen ha­ben als die Men­schen pri­mi­ti­ver Bau­ern­ge­mein­schaf­ten. War­um al­so ha­ben wir uns über­haupt je die Mü­he ge­macht, Land­wirt­schaft zu be­trei­ben?

Viel­leicht woll­ten wir – we­gen sei­ner wohl­tu­en­den psy­cho­tro­pen Wir­kung – ein­fach nur grosse Men­gen Bier her­stel­len. Ei­ne re­gel­mäs­si­ge Ge­trei­de­quel­le war not­wen­dig, um ge­nug Bier zur Hand zu ha­ben, sonst wä­re die Sip­pe un­ru­hig ge­wor­den. Das pos­tu­lier­ten zu­min­dest ei­ni­ge For­scher. An­de­re ar­gu­men­tier­ten, es sei den ers­ten Acker­bau­ern nicht et­wa um Bier, son­dern um Brot ge­gan­gen. Ein Gr­und­nah­rungs­mit­tel, das eben­falls leicht aus fer­men­tier­ten Kör­nern her­ge­stellt und zu le­cke­ren Sa­chen wie Piz­za und Sand­wi­ches ver­ar­bei­tet wer­den kann. Okay, die ka­men viel spä­ter, aber Sie ver­ste­hen, wor­auf ich hin­aus­will.

Bier und Brot wur­den wahr­schein­lich durch Zu­fall ent­deckt, als ge­la­ger­te nas­se Kör­ner zu gä­ren be­gan­nen; in der Luft schwir­ren vie­le He­fe­zel­len her­um. Ei­ni­ge Leu­te bu­ken das fer­men­tier­te Korn überm Feu­er zu Brot, an­de­re tran­ken es und wur­den glück­lich.

Der äl­tes­te be­kann­te Text über Bier wur­de von den Su­me­rern um 1800 v. Chr. in Keil­schrift auf Ton­ta­feln ge­ritzt. Die Hym­ne an Nin­ka­si (die su­me­ri­sche Göt­tin des Bie­res) ist Ge­dicht und Bier­re­zept in ei­nem. Es gibt ei­ne noch äl­te­re Ta­fel, um 3000 v. Chr. ent­stan­den, auf der Men­schen zu se­hen sind, die aus ei­ner Ge­mein­schafts­schüs­sel mit Schilfhal­men trin­ken – che­mi­sche Tests an an­ti­ken Ton­ge­fäs­sen in der glei­chen Re­gi­on fan­den Spu­ren von Bier aus der Zeit um 5000 v. Chr. Das pas­sier­te al­ler­dings al­les erst, nach­dem wir uns längst nie­der­ge­las­sen und mit der Land­wirt­schaft be­gon­nen hat­ten – um 9000 v. Chr. in der Le­van­te. Es gibt aber Hin­wei­se dar­auf, dass es Bier und Brot schon gab, als wir noch Jä­ger und Samm­ler wa­ren.

Der Gö­be­kli-te­pe-tem­pel in der Tür­kei wur­de um 10 000 v. Chr. er­baut und war wo­mög­lich ein Ort, wo Jä­ger und Samm­ler fei­er­ten – dort ent­deck­te St­ein­ge­fäs­se fas­sen über hun­dert Li­ter und wur­den wohl fürs Bier­brau­en ver­wen­det. In ih­rem Bo­den fan­den sich Res­te von Oxa­lat, ei­nem Stoff, der bei der Ver­gä­rung von Ge­trei­de in Al­ko­hol zu­rück­bleibt.

Doch im letz­ten Mo­nat kipp­te die Be­weis­la­ge für den Ur­sprung der Sess­haf­tig­keit zu­guns­ten des Bro­tes. In Jor­da­ni­en ent­deck­te man ver­kohl­te Brot­über­res­te, die auf 12 000 v. Chr. da­tiert wur­den – lan­ge vor dem Auf­kom­men der Land­wirt­schaft. Es wur­de aus den Vor­fah­ren von do­mes­ti­zier­tem Ge­trei­de wie Gers­te, Ein­korn und Ha­fer her­ge­stellt. Je­den­falls gin­gen Brot und Bier den Sied­lun­gen und der Land­wirt­schaft wohl vor­aus, ga­ben viel­leicht gar den An­stoss für die Ent­ste­hung der Zi­vi­li­sa­ti­on. Höchs­te Zeit al­so für ein Bier und ei­ne Piz­za, um un­se­re er­fin­de­ri­schen Vor­fah­ren or­dent­lich zu fei­ern!

BEN MOO­RE ist Pro­fes­sor für Astro­phy­sik an der Uni­ver­si­tät Zü­rich.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.