Vor fünf Jah­ren spreng­ten zwei Din­ge ihr ge­re­gel­tes Le­ben Stück für Stück aus­ein­an­der: die Stras­sen­gang MS-13 und die Mi­gra­ti­ons­po­li­tik der USA.

Das Magazin - - Flucht - JAN CHRIS­TOPH WIECHMANNIST«MA­GA­ZIN»Re­por­ter. redaktion@das­ma­ga­zin.ch

Die ers­ten Wo­chen in Te­xas oh­ne Frau­en und Kin­der sind die schlimms­ten. Sie kom­men bei Alex’ Schwie­ger­el­tern in Dal­las un­ter, zu ne­unt in ei­ner Zwei­zim­mer­woh­nung, die Brü­der tei­len sich ein Zim­mer. Sie ver­ste­hen kein Eng­lisch, aber in der Welt, in der sie sich nun be­we­gen, spre­chen al­le Spa­nisch. Sie le­ben in der Ge­wiss­heit: Wir ha­ben viel ver­lo­ren, aber nicht das Le­ben.

Ame­ri­ka

Von Hon­du­ras sind es die Söh­ne ge­wohnt zu schuf­ten, vier­zehn St­un­den am Tag, und so fin­den sie schnell Jobs, die den so­ge­nann­ten il­le­gals zu­fal­len und oh­ne die heu­te kei­ne Ge­sell­schaft mehr aus­kommt: Ra­sen­mä­hen, Au­to­wa­schen, Ho­tel­zim­mer­put­zen. Es ist, was man in Ame­ri­ka ei­ne Win-win-si­tua­ti­on nennt: Sie ver­die­nen ei­nen für Mit­tel­ame­ri­ka­ner or­dent­li­chen St­un­den­lohn von 6,50 Dol­lar. Die Fir­men be­kom­men im Ge­gen­zug wil­li­ge Ta­ge­löh­ner und be­zah­len kei­ne So­zi­al­ab­ga­ben. Sie sind, öko­no­misch ge­spro­chen, kei­ne Flücht­lin­ge, son­dern das Re­ser­voir an Bil­lig­ar­bei­tern, aus dem sich Un­ter­neh­men be­gie­rig be­die­nen. Recht­lich ge­se­hen, fal­len sie in die Ka­te­go­rie der il­le­gal im­mi­grants, ein zy­ni­scher Be­griff für Men­schen, die vor dem Tod flie­hen. Sie ha­ben – wo­mög­lich ein Feh­ler – bei der Ein­rei­se nicht um Asyl ge­be­ten, weil sie Angst hat­ten, schon an der Gren­ze ab­ge­wie­sen zu wer­den.

Po­li­tisch ge­se­hen, sind sie die Her­aus­for­de­rung des 21. Jahr­hun­derts. Sie sind je­ne Men­schen, de­ret­we­gen sich Fron­ten bil­den, Na­tio­na­lis­ten for­mie­ren, Re­gie­run­gen zer­bre­chen, der Hei­mat­be­griff neu fest­ge­zurrt wird. 68,5 Mil­lio­nen Men­schen sind der­zeit welt­weit auf der Flucht.

Die Po­li­tik der USA il­le­gals ge­gen­über ist ein­deu­tig: Bei Auf­griff wer­den sie fest­ge­nom­men und ab­ge­scho­ben. Das galt auch un­ter Obama, ehe er das Ge­setz für min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge aus dem be­rüch­tig­ten Nort­hern Tri­ang­le – Hon­du­ras, Gua­te­ma­la, El Sal­va­dor – än­der­te und ih­nen tem­po­rä­ren Schutz ge­währ­te.

Nach vier Wo­chen im neu­en Land tref­fen die Díaz 5 ei­ne weit­rei­chen­de Ent­schei­dung: Sie tren­nen sich – aus Angst vor Raz­zi­en, aus Angst, als Grup­pe leich­ter ge­schnappt zu wer­den: Mi­guel geht zum On­kel ins kal­te New Jer­sey. Alex ju­ni­or jobbt als Fri­seur in Dal­las, Os­car als Mais­ver­käu­fer in den Vo­r­or­ten. Lu­is zieht als Wan­der­ar­bei­ter nach Flo­ri­da und An­gel nach Hous­ton. Zum ers­ten Mal im Le­ben tren­nen sich die fünf – und sie wer­den sich so nicht wie­der­se­hen.

An­gel. Díaz Nr. 4

Hous­ton kommt An­gel un­wirk­lich vor, Stras­sen wie am Reiss­brett ge­zo­gen, Au­tos so mons­trös wie Lie­fer­wa­gen, aber er fin­det sich schnell ein. Er ar­bei­tet Dop­pel­schich­ten in ei­ner Wa­sch­an­la­ge und auf dem Bau, und schon nach sechs Mo­na­ten hat er das Geld zu­sam­men, um sei­ne Frau Su­ria und drei der Kin­der nach­zu­ho­len: 8000 Dol­lar Schleu­ser­ge­büh­ren plus 2000 Dol­lar Re­ser­ve für Kid­nap­ping, Schmier­geld, Er­pres­sung.

An­gel ist der Fah­rigs­te der Brü­der, stän­dig un­ter Strom, mit dem Ener­gie­ver­brauch ei­nes Te­enagers. Sei­nen Bart trimmt er zu fei­nen Li­ni­en, aus sei-

nem Kör­per formt er ei­ne Land­schaft mar­tia­li­scher Tat­toos.

Die har­te Ar­beit in Hous­ton hat ei­nen ho­hen Preis. An­gel ist stän­dig un­ter­wegs, von ei­nem Job zum an­de­ren. Bei ei­ner Stras­sen­kon­trol­le der Po­li­zei wird er er­wischt, ein «Il­le­ga­ler» oh­ne Pa­pie­re. In den meis­ten Bun­des­staa­ten wür­de ihm nur ei­ne Geld­stra­fe dro­hen, der Po­li­zei ist ver­bo­ten, die Mi­gra­ti­ons­be­hör­de ICE (Im­mi­gra­ti­on and Cust­oms En­force­ment) zu in­for­mie­ren. Aber in Te­xas, die­sem kon­ser­va­tivs­ten al­ler Staa­ten, alar­mie­ren die Po­li­zis­ten Ice-er­mitt­ler und ste­cken An­gel in Un­ter­su­chungs­haft.

Zwei Mo­na­te sitzt er im Ge­fäng­nis in Hous­ton. Die Brü­der schal­ten ei­nen An­walt ein und zah­len das Ho­no­rar, 4000 Dol­lar. An­gel be­an­tragt politisches Asyl, sein Le­ben sei in Ge­fahr, be­legt durch das Do­ku­ment 0511-5382013, aber er hät­te dies be­reits bei der Ein­rei­se mel­den müs­sen. Im Ju­ni 2015, noch un­ter Obama, der mit mehr als zwei Mil­lio­nen so vie­le Men­schen ab­schie­ben liess wie kein Prä­si­dent vor ihm, wird An­gel oh­ne Ver­hand­lung nach Hon­du­ras de­por­tiert.

Er ist der ers­te Díaz, der ge­hen muss – und nicht der letz­te.

Die La­ge in Potre­ril­los hat sich in den knapp zwei Jah­ren wei­ter zu­ge­spitzt. Nicht nur die MS-13 knöpft der Fa­mi­lie Díaz Schutz­gel­der ab, son­dern nun auch die Gang Bar­rio 18 an der End­hal­te­stel­le in der In­dus­trie­stadt San Pe­dro Su­la. Wer nicht zahlt, er­hält mit Glück erst ei­ne War­nung, beim nächs­ten Mal die Ku­gel. Zwölf Bus­fah­rer wur­den be­reits er­mor­det.

Zu­dem gilt, wer in den USA war wie An­gel, als reich und muss zu­sätz­lich ei­ne Mi­gran­ten­prä­mie ab­drü­cken, noch mal 300 Dol­lar pro Mo­nat.

Den­noch ent­schei­det sich auch Os­car, der Jüngs­te, kurz­zei­tig zu­rück­zu­ge­hen, um bei dem de­por­tier­ten Bru­der zu sein. «Mich be­schlich ei­ne dunk­le Ah­nung», sagt er rück­bli­ckend. «Mei­net­we­gen be­gann die­se gan­ze Flucht. Und nun war An­gel al­lein, ei­ne Ziel­schei­be für die Ban­den.» Zu­dem will Os­car Frau und Kin­der nach­ho­len. Er will ih­nen die ge­fähr­li­che Flucht in die USA nicht al­lein zu­mu­ten.

An­gel steigt wie­der als Fah­rer im Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men ein. Er ar­bei­tet un­un­ter­bro­chen, um die Rück­kehr zu Frau und Kin­dern in die USA zu fi­nan­zie­ren, sie­ben Ta­ge die Wo­che, vier­zehn St­un­den täg­lich, bis sein Va­ter ihm am 13. Ju­li, ei­nem Mon­tag, rät: «Nimm dir heu­te mal frei. Du brauchst das.»

«Heu­te nicht», er­wi­dert An­gel. «Mon­tags im Be­rufs­ver­kehr ist viel zu ver­die­nen.»

Am sel­ben Abend um 19.30 Uhr, ge­gen En­de der Schicht, ist An­gel im Stadt­teil Las Bri­sas in der Dämmerung kurz vor dem En­de der Rou­te. Der letz­te Pas­sa­gier ist aus­ge­stie­gen. Da nä­hern sich drei Män­ner dem Klein­bus und wer­fen ei­nen flüch­ti­gen Blick hin­ein. Dann schies­sen sie durchs Sei­ten­fens­ter. Drei Schüs­se tref­fen An­gel in Bauch, Schul­ter, Hals.

Sein Va­ter, der an der End­hal­te­stel­le auf ihn war­tet, ist nur drei Mi­nu­ten spä­ter am Tat­ort. Er star­tet Wie­der­be­le­bungs­ver­su­che, legt An­gel auf den Bei­fah­rer­sitz, fährt zum Ro­ten Kreuz. Auch Os­car kommt hin­zu: «Das soll­te ich sein. Die ha­ben uns ver­wech­selt. Wir Díaz se­hen al­le gleich aus.»

An­gel stirbt vier Wo­chen nach sei­ner Ab­schie­bung um 19.45 Uhr in den Ar­men sei­nes Va­ters. Der Ers­te der Díaz 5. Da sind sie nur noch vier.

Spä­ter sagt Os­car: «Ich muss ewig da­mit le­ben, dass mein Bru­der für mich starb. Wie lebt man da­mit?»

Va­ter Díaz

Die Gr­ab­plat­te ist aus ge­schlif­fe­nem Fels­stein. Die Plas­tik­blu­men ste­cken in ei­ner Colaf­la­sche. In dünn ge­meis­sel­ten Buch­sta­ben steht auf ei­nem Kreuz: An­gel Alex­an­der Díaz Mora­les, 13. 7. 2015.

Es ist ein heisser Tag An­fang 2018. Va­ter Alex beugt sich über das Gr­ab und rückt die Blu­men zu­recht. Er flüs­tert: «Ich ver­mis­se dich, mein Sohn.»

Sein Blick ist trüb. In der Stirn sit­zen tie­fe Ker­ben. Alex Díaz ist kein Mann gros­ser Wor­te, sein Le­ben be­stand aus Ar­beit und sei­nen Kin­dern, er ist erst fünf­zig, wirkt dem En­de aber schon nah.

Ne­ben An­gels Gr­ab lie­gen wei­te­re Grä­ber von Te­enagern und jun­gen Män­nern – Mord­op­fer der Gangs oder der Ban­den­krie­ge, die To­des­ur­sa­che Num­mer 1 in Hon­du­ras. Es ist ein Män­ner­fried­hof, Frau­en sind kaum un­ter den Op­fern. «Frau­en su­chen die Nä­he der ma­re­ros», sagt Va­ter Díaz an­ge­wi­dert. «Die sind die grosse At­trak­ti­on, so wie Rock­stars.»

Es ist ei­ne An­spie­lung auf An­gels Ehe­frau, die Wit­we Su­ria López. Sie ban­del­te nach der Er­mor­dung ih­res Man­nes mit ei­nem ma­re­ro an. «Das hat sie nun da­von», sagt Alex se­ni­or. «Der ma­re­ro wur­de er­mor­det. Jetzt ist sie mit dem nächs­ten zu­sam­men.»

Ein Tref­fen mit Su­ria fin­det un­ter kon­spi­ra­ti­ven Um­stän­den statt. Ei­ne schlan­ke Frau mit lan­gen dunk­len Lo­cken, der die Angst ins Ge­sicht ge­schrie­ben ist. Sie re­det sich zu­nächst her­aus, gibt dann aber zu: «Ich tu es für mei­ne Kin­der. Es ist das Si­chers­te, sich mit den Macht­ha­bern ein­zu­las­sen.»

Sie folgt ei­ner ver­stö­ren­den Lo­gik: Die Mör­der ih­res Man­nes sind die Ga­ran­ten ih­res Le­bens.

Es ist ei­ne ge­setz­lo­se Gegend, dreis­sig Ki­lo­me­ter süd­lich von San Pe­dro Su­la, der Stadt mit ei­ner der höchs­ten Mor­d­ra­ten der Welt. Zer­sie­delt liegt Potre­ril­los an der Aus­fall­stras­se, um­ge­ben von ei­ni­gen Zu­cker­rohr­fel­dern und Bil­lig­fa­bri­ken, maqui­las ge­nannt. Vor je­dem Ge­schäft ste­hen be­waff­ne­te Wa­chen. Je­des Haus, auch das ein­fachs­te, ist von ho­hen Zäu­nen um­ge­ben. Je­de Strasse hat Tat­or­te. Ban­ken sind Fe­s­tun­gen. Die Nach­rich­ten, die aus Hon­du­ras kom­men, dre­hen sich um ma­ni­pu­lier­te Wah­len und Mor­de an Um­welt­schüt­zern. Es ist ein Le­ben nah an der Apo­ka­lyp­se, in ei­nem Staat, den man als ge­schei­tert be­zeich­nen muss.

Va­ter Díaz fährt an den Tat­ort, ein un­be­sie­del­tes Stück Strasse zwi­schen Mais­fel­dern und ei­ner ver­wais­ten Fa­b­rik. Er tut dies je­den Tag. Er re­kon­stru­iert die Tat, die drei Schüs­se, als woll­te er end­lich ver­ste­hen, was pas­siert ist. Er holt Fo­tos des er­mor­de­ten Jun­gen her­vor, das ein­bal­sa­mier­te Ge­sicht des To­ten, er ist wie ver­sun­ken in der Ge­walt, die den Söh­nen an­ge­tan wur­de.

Hat­ten Sie nie den Ge­dan­ken an Ra­che?

«Stän­dig. Ich ha­be über­legt, ei­nen Auf­trags­kil­ler an­zu­heu­ern, doch dann tö­ten die ma­re­ros al­le mei­ne Kin­der.» War­um tö­ten die Ban­den nicht Sie? «Sie wis­sen: Sie tref­fen mich viel mehr, wenn sie mei­ne Kin­der tö­ten.» Hat die Po­li­zei er­mit­telt?

«Die ste­cken un­ter ei­ner De­cke. Die Po­li­zis­ten ge­ben In­for­ma­tio­nen an die Gangs wei­ter. Des­we­gen ha­be ich

kei­ne An­zei­ge er­stat­tet. Ich ha­be ex­tra ge­sagt: Ich will nur ein Pro­to­koll der Tat. Kei­ne An­zei­ge.»

Er hat kei­ne an­de­re Wahl als zu schwei­gen. Es ist das in­of­fi­zi­el­le Lan­des­mot­to: Mi­re y cal­le­se. Schau­en und die Klap­pe hal­ten.

Und sei­ne Söh­ne im­mer wie­der nach Nor­den zu schi­cken.

Os­car. Díaz Nr. 5

Am Tag nach dem Mord an An­gel flieht Os­car mit sei­ner Frau und den drei klei­nen Kin­dern aus Potre­ril­los in ei­ne Hüt­te auf dem Land, 200 Ki­lo­me­ter ent­fernt. Hier pla­nen sie die Wei­ter­flucht in die USA. Er ist noch im­mer ge­zeich­net vom Mord­ver­such knapp zwei Jah­re zu­vor, der Rü­cken un­ter kon­stan­ten Schmer­zen, die See­le trau­ma­ti­siert. Os­car soll, ent­schei­det die Fa­mi­lie, Ste­ven, den neun­jäh­ri­gen Sohn sei­nes Bru­ders Alex, mit­neh­men, der sonst als Te­enager zum Re­kru­tie­rungs­ziel der MS-13 wer­den könn­te.

Für die Flucht von sechs Per­so­nen brau­chen sie wei­te­re 24000 Dol­lar. Der Va­ter hat nichts mehr, aber die drei Brü­der in den USA schi­cken nun ihr letz­tes Geld, Os­car ver­kauft sein Haus. Ins­ge­samt über­stei­gen die Flucht­kos­ten der Fa­mi­lie Díaz in die­sen Jah­ren 80 000 Dol­lar.

Sie ge­hö­ren zu den pri­vi­le­gier­ten Flücht­lin­gen. Vie­le an­de­re Fa­mi­li­en lan­den mit­tel­los an der Gren­ze und stran­den in me­xi­ka­ni­schen La­gern.

Im Ok­to­ber 2015 bre­chen Os­car und sei­ne Frau Ju­lia in der Nacht mit den vier Kin­dern Rich­tung Nor­den auf. Dies­mal wäh­len sie ei­ne Rou­te über Me­xi­ko-stadt und Mon­ter­rey nach Reyno­sa. Doch sie ha­ben nicht das Glück der ers­ten Flucht. Die Us-gren­ze ist bes­ser ge­si­chert – mit 20000 Grenz­schüt­zern und mit He­li­ko­ptern, mit Auf­klä­rungs­droh­nen und be­rit­te­nen Fahn­dern. Schon kurz nach der Über­que­rung des Rio Gran­de wer­den sie auf­ge­grif­fen von der mi­gra, wie die Grenz­po­li­zei ge­nannt wird. Sie bit­ten um Asyl und do­ku­men­tie­ren so­wohl den Mord an An­gel als auch den Mord­ver­such an Os­car sel­ber.

Doch die Ice-er­mitt­ler ma­chen nun von ei­ner neu­en Pra­xis Ge­brauch: Sie tren­nen die Fa­mi­lie. Ei­ne Me­tho­de, die sie zu­nächst spo­ra­disch, un­ter Trump nun sys­te­ma­tisch an­wen­den und die als Ab­schre­ckung die­nen soll, wie es Jus­tiz­mi­nis­ter Jeff Ses­si­ons for­mu­liert. Ses­si­ons be­zeich­net El­tern, die mit ih­ren Kin­dern flie­hen, als Schmugg­ler: «Wenn du ein Kind schmug­gelst, wer­den wir dich ver­fol­gen, und die­ses Kind wird dir weg­ge­nom­men.»

Zum ers­ten Mal in der 400 Jah­re al­ten Ein­wan­de­rungs­ge­schich­te der USA nimmt die Re­gie­rung ei­ne Hal­tung ein, die sich ex­pli­zit ge­gen das Wohl von Kin­dern rich­tet.

Aus der Fa­mi­lie Díaz ma­chen die Be­am­ten ei­nen Prä­ze­denz­fall. Os­cars Frau Ju­lia und die drei Kin­der wer­den re­gis­triert und dür­fen bis zur Prü­fung ih­res Asyl­an­trags blei­ben. Der neun­jäh­ri­ge Ste­ven wird als «un­be­glei­te­ter Min­der­jäh­ri­ger» von den an­de­ren ge­trennt und wei­nend dem Of­fice of Re­fu­gee Re­set­t­le­ment über­ge­ben – wie mehr als 2300 an­de­re Kin­der auch. Nach drei Ta­gen trans­fe­riert man ihn in ein Auf­fang­la­ger ins 3000 Ki­lo­me­ter ent­fern­te New York, ein Akt, den Bür­ger­recht­ler als staat­li­ches Kid­nap­ping an­pran­gern. Die Fa­mi­lie er­fährt nichts über Ste­vens Ver­bleib.

Os­car wird re­gis­triert als Il­le­ga­ler A208376104 und in ein Ge­fäng­nis nach Mia­mi trans­por­tiert; erst ge­gen Zah­lung von 15000 Dol­lar Kau­ti­on dür­fe er raus. Die Fa­mi­lie hat nun aber kein Geld mehr.

Auch für Ste­vens Va­ter, Alex ju­ni­or, den Mitt­le­ren der Díaz 5, hat die Fest­nah­me gra­vie­ren­de Fol­gen. Er fährt von Dal­las nach New York ins Auf­fang­la­ger für Flücht­lings­kin­der, ei­nes von mehr als hun­dert im Land, und be­legt mit Do­ku­men­ten, dass er Ste­vens Va­ter ist. Doch die Be­hör­den ver­lan­gen wei­te­re Un­ter­la­gen, Ein­kom­mens­nach­wei­se, Miet­ver­trag, Füh­rungs­zeug­nis. Sie tau­schen die Da­ten mit dem Hei­mat­schutz­mi­nis­te­ri­um aus, so­dass Alex nun in der Da­ten­bank als il­le­gal ali­en un­ter sei­ner Adres­se in Dal­las re­gis­triert ist. Täg­lich kön­nen die Ice-er­mitt­ler da­mit an sei­ne Tür klop­fen.

Er war vor dem Tod in Hon­du­ras ge­flo­hen. Nun steht er im Zufluchts­land vor ei­ner neu­en Not­la­ge: Wie be­freie ich mei­nen Sohn aus den Fän­gen des Us-staa­tes?

Der­weil wird sein Bru­der Os­car bis zur An­hö­rung vor ei­nem Mi­gra­ti­ons­ge­richt ge­gen Kau­ti­on aus der Haft ent­las­sen, muss aber ei­ne elek­tro­ni­sche Fuss­fes­sel tra­gen. Er wird da­mit, wie 12 500 an­de­re Flücht­lin­ge, auf Schritt und Tritt er­fasst, un­ter der Num­mer KROS-16-00015. Die Kau­ti­on in Hö­he von 15 000 Dol­lar muss er – zu ei­nem Zins­satz von 15 Pro­zent – über zwei Jah­re ab­zah­len plus ei­ne Be­nut­zungs­ge­bühr von mo­nat­lich 420 Dol­lar für die Fuss­fes­sel. Ins­ge­samt über­steigt der Be­trag 28000 Dol­lar, iro­ni­scher­wei­se ähn­lich viel, wie er in Hon­du­ras in Form von Er­pres­sungs­gel­dern an die Gangs ab­drü­cken muss.

Pro­fi­teur ist das Un­ter­neh­men Lib­re by Ne­xus (200 An­ge­stell­te, 30 Mil­lio­nen Dol­lar Um­satz), das Tau­sen­de von Kau­ti­ons­zah­lun­gen für Mi­gran­ten ar­ran­giert. Es ge­hört zu ei­ner Rei­he pri­va­ter Un­ter­neh­men, die von der dra­ko­ni­schen Mi­gra­ti­ons­po­li­tik der USA pro­fi­tie­ren, dar­un­ter vie­le, die als Un­ter­stüt­zer Prä­si­dent Trumps fun­gie­ren, wie Wahl­un­ter­la­gen be­le­gen. Auch Sou­thwest Key ge­hört da­zu, die Fir­ma, die Ar­rest­la­ger für die von den El­tern ge­trenn­ten Kin­der be­treibt und Re­gie­rungs­auf­trä­ge im Wert von 955 Mil­lio­nen Dol­lar ein­streicht. So­wie das Rüs­tungs­un­ter­neh­men Ge­ne­ral Dy­na­mics und die Si­cher­heits­fir­ma MVM, die einst Us-trup­pen im Irak aus­rüs­te­te.

Die Not der Flücht­lin­ge, so stellt sich zu­neh­mend her­aus, ist ein Mil­li­ar­den­ge­schäft. Auf me­xi­ka­ni­scher Sei­te exis­tiert ei­ne In­dus­trie der Flücht­lings­schmugg­ler und -er­pres­ser. Auf ame­ri­ka­ni­scher Sei­te ei­ne der Flücht­lings­jä­ger und -ver­wal­ter.

Os­car und sei­ne Fa­mi­lie woh­nen in ei­ner Leicht­bau­sied­lung am Rand von Dal­las, see­len­los in die Pr­ä­rie ge­baut, ei­ne Ku­lis­se der Trost­lo­sig­keit.

Ein März­tag 2018, zehn Grad, Os­car macht sich auf den Weg zum Ca­si­no, wo er als Bo­dy­guard ar­bei­tet. Das ist Ame­ri­ka 2018 in all sei­ner Bi­got­te­rie: Er ist ein Il­le­ga­ler, trägt aber als Si­cher­heits­mann Waf­fe und Schlag­stock.

Sei­ne Frau Ju­lia kommt eben von ei­nem Putz­job im Ho­li­day Inn nach Hau­se. Aus Angst vor Raz­zi­en nimmt sie nicht mehr den Sam­mel­bus für Mit­ar­bei­ter. Auch Os­car wählt für sei­nen Ar­beits­weg nicht mehr die Haupt­stras­sen, aus Angst vor Kon­trol­len. Die Fuss­fes­sel ver­birgt er un­ter lan­gen Je­ans und ho­hen Strümp­fen.

Die bei­den sind ab­wech­selnd bei den Kin­dern, sie ar­bei­ten rund um die Uhr, um sich die An­walts­kos­ten (9000 Dol­lar) und die hoch­ver­zins­te Kau­ti­on leis­ten zu kön­nen. Die Asyl­be­hör­de hat be­schie­den, dass sie ei­ne «glaub­wür­di­ge Furcht vor Fol­ter oder Ver­fol­gung dar­leg­ten», den­noch wird ihr Aus­wei­sungs­ver­fah­ren für 2019 an­be­raumt. Wenn sie ir­gend­wann de­por­tiert sind, ha­ben die USA über 50 000 Dol­lar an ih­rer Flucht ver­dient.

Es ist der In­be­griff ame­ri­ka­ni­schen In­no­va­ti­ons­geis­tes: Selbst aus der Not der ver­wund­bars­ten Men­schen wird noch ei­ne In­dus­trie.

Os­cars drei Kin­der bli­cken durch die ver­gilb­ten Gar­di­nen auf den Park­platz. Es ist, dar­auf sind sie ge­trimmt, die Zeit von Trump. De­por­ta­tio­nen fin­den lau­fend statt. Nach­bar­jun­gen wur­den schon ab­ge­holt. Die ICE-TRUP­pen, ge­klei­det in Bei­ge oder Blau, zie­hen von Haus zu Haus. Sie che­cken Ar­beit­ge­ber, Ho­tels, Ge­flü­gel­fa­bri­ken, füh­ren Raz­zi­en an Tank­stel­len durch.

Da­zu kom­men Bür­ger, die, er­mu­tigt durch Trumps Het­ze, Aus­län­der de­nun­zie­ren oder sel­ber mit Waf­fen und Fern­glä­sern nach ton­ks su­chen, wie der da­ma­li­ge Ice-di­rek­tor Tom Ho­man die Flücht­lin­ge ab­wer­tend nann­te – in An­spie­lung auf das Ge­räusch, das ent­steht, wenn die Fahn­der Mi­gran­ten mit der Ta­schen­lam­pe über den Schä­del schla­gen («tonk»).

Der aus­län­der­feind­li­che Ei­fer ist um­so er­staun­li­cher, weil ge­mäss ei­ner Aus­wer­tung der Us-zoll­be­hör­de die Zahl il­le­ga­ler Grenz­über­trit­te auf ei­nem his­to­ri­schen Tief­stand ist. Fest­nah­men ver­rin­ger­ten sich von 1,6 Mil­lio­nen im Jahr 2000 auf 300 000 im Jahr 2017. Aber Fakten drin­gen nicht mehr durch in die­sen hoch­e­mo­tio­na­len Zei­ten, in de­nen Bür­ger Wut zu ih­rem Le­bens­mot­to ma­chen.

Os­cars Kin­der ha­ben kla­re Re­geln: Nicht raus­ge­hen. Nicht die Tür öff­nen. Vor Kur­zen ha­ben Po­li­zis­ten an der Tür ge­klopft. «Wir ha­ben nicht auf­ge­macht», er­klärt Os­car ju­ni­or, 11, fach­män­nisch. «Sie dür­fen die Woh­nung nicht stür­men. Hier im Vier­tel öff­net kei­ner die Tür.»

Os­car ju­ni­or übt Eng­lisch mit sei­ner Schwes­ter Ash­ley, 8. Sie sind Klas­sen­bes­te. Sie spre­chen Eng­lisch oh­ne Ak­zent. Sie sind – in der Mi­gra­ti­ons­ter­mi­no­lo­gie – drea­mer, Mi­gran­ten­kin­der, die auf ein Blei­be­recht hof­fen. Trump will auch das be­en­den – für 800 000 Mi­gran­ten, die als Kin­der in die USA ka­men. Bis­her hat er da­für aber kei­ne Mehr­heit im Kon­gress.

Im Sep­tem­ber wird ihr Ge­schwis­ter­chen zur Welt kom­men. Es wird dann Ame­ri­ka­ner sein – in der Mi­gra­ti­ons­ter­mi­no­lo­gie ein an­chor ba­by, ge­zeugt zu Mi­gra­ti­ons­zwe­cken. In die­ser klei­nen Woh­nung in Nord­dal­las le­ben dann sechs Men­schen der­sel­ben Fa­mi­lie aus vier un­ter­schied­li­chen Ka­te­go­ri­en: Os­car ist «Il­le­ga­ler». Sei­ne Frau Ju­lia Asyl­su­chen­de. Die Kin­der fal­len un­ter das von Obama ge­schaf­fe­ne Drea­mer­pro­gramm. Das Ba­by wird ge­bür­ti­ger Ame­ri­ka­ner, darf oh­ne El­tern aber nicht blei­ben.

«Ich den­ke über ei­ne neue Flucht nach», sagt Os­car er­schöpft. Die Jah­re ha­ben ihm zu­ge­setzt, er wirkt nie­der­ge­run­gen von Be­dro­hun­gen und Bü­ro­kra­tie. «Hier in Te­xas spitzt sich die La­ge zu.» In Bun­des­staa­ten, die Trump ge­wählt ha­ben, grei­fen Ice-trup­pen in al­ler Här­te durch, an­ge­sta­chelt von sei­nen Hetz­pa­ro­len ge­gen «Ver­ge­wal­ti­ger», «In­va­so­ren», «Mör­der».

Aber wo­hin?

Viel­leicht nach Tren­ton, New Jer­sey, über­legt er, zu sei­nem Bru­der Mi­guel. In ei­ne sanc­tua­ry ci­ty, die sich nicht ak­tiv an den Ab­schie­bun­gen be­tei­ligt. Dort sind die Chan­cen grös­ser, ei­ne De­por­ta­ti­on zu ver­mei­den.

Es wä­re ei­ne Flucht im Flucht­land.

Mi­guel. Díaz Nr. 2

Das Vier­tel The Bot­tom in South Tren­ton ist ein klei­nes Stück Latein­ame­ri­ka an den Rand­zo­nen der Bür­ger­lich­keit. Aus den Holz­häu­sern dringt der rhyth­mi­sche Sound von Sal­sa und Reg­gae­ton, aus den Kü­chen der Duft von Ta­ma­les und Ta­cos. Aber es hat sich et­was ge­än­dert: Das Le­ben spielt nun drin­nen. Draussen war­ten Ge­fah­ren. 2018: ei­ne neue Zeit.

Für Mi­guel, den zweit­äl­tes­ten Díaz, ist Tren­ton das Ge­gen­teil des Ame­ri­can dream. Er lebt in ei­nem un­dich­ten Holz­haus und zahlt ei­ne ho­he Mie­te, 1200 Dol­lar. Er muss­te sein Stu­di­um in Hon­du­ras auf­ge­ben und ver­dient sein Geld jetzt als Ta­ge­löh­ner mit Schnee­schip­pen und Gar­ten­ar­beit. Es ist der Ab­stieg, der mit der Flucht ein­ her­geht. Aber im­mer­hin will ihn hier kei­ner tö­ten.

Es ist mor­gens um sechs an ei­nem grau­en Tag, der nie rich­tig er­wa­chen wird. Ein Bliz­zard von den Gre­at La­kes soll Schnee brin­gen. Mi­guel ist im Ge­län­de­wa­gen auf dem Weg zum Job. Ta­ge­löh­ner ste­hen wie Hu­ren an der Ecke und war­ten dar­auf, dass sie je­mand ab­holt. Hi­s­pa­ni­sche Ar­beits­ko­lon­nen zie­hen das gan­ze Jahr durch gut­bür­ger­li­che Vier­tel: jä­ten Un­kraut, schnei­den He­cken, sprit­zen Her­bi­zi­de. Im Som­mer pfle­gen sie die Gär­ten, im Win­ter schip­pen sie Schnee. Da­zwi­schen gibts nicht viel aus­ser dem Auf­räu­men nach ei­nem Sturm.

«Ich hof­fe auf viel Schnee im Win­ter und grosse Dür­re im Som­mer. Auf Wet­ter, das ver­rückt spielt», zählt Mi­guel auf. Die Kli­ma­er­wär­mung ist der Freund al­ler Mi­gran­ten.

Mi­guel ist der In­tel­li­gen­tes­te der Díaz 5. Der Ein­zi­ge mit Stu­di­um, ein Exot in der Ar­bei­ter­fa­mi­lie. Er sieht aus wie sein Va­ter, kein Jahr jün­ger, Hun­dert Ki­lo Kör­per­mas­se, das Ge­sicht ver­braucht, «Spu­ren von Ar­beit und Sor­gen», sagt er la­ko­nisch.

Es hat sich viel ge­än­dert seit Trump. Mi­guels Au­to­fah­ren ist eher ein Spiess­ru­ten­lauf. «Siehst du den Wa­gen da vorn?» sagt er. «Das ist Sta­te Po­li­ce, die über­prüft gern die Pa­pie­re von Hi­s­pa­nics. Die Bun­des­po­li­zei nimmt dich so­fort hoch. Die ICE-TRUP­pen fah­ren in Zi­vil­au­tos und ha­ben Spio­ne in un­se­rer Ge­mein­schaft; mei­nen Freund aus Gua­te­ma­la ha­ben sie gera­de ge­fasst. Nur die ört­li­che Po­li­zei fragt nie nach dem Auf­ent­halts­sta­tus.»

200 Städ­te in den USA, fast al­le re­giert von De­mo­kra­ten, ha­ben sich zu sanc­tua­ry ci­ties er­klärt. Sie wei­gern sich, bei Ab­schie­bun­gen mit­zu­hel­fen, ein Akt des Wi­der­stands ge­gen ih­ren re­pu­bli­ka­ni­schen Prä­si­den­ten. Auf ih­re Art le­ben die Díaz 5 zwi­schen den Fron­ten der bei­den gros­sen Par­tei­en. Aber auch zwi­schen den Po­len der Ge­sell­schaft. Zwi­schen pro­gres­si­ven Küs­ten und kon­ser­va­ti­vem heart­land. Und – auf ei­ner grös­se­ren, welt­wei­ten Ska­la – zwi­schen Glo­ba­lis­ten und Na­ti­vis­ten. Zwi­schen li­be­ra­ler Will­kom­mens­kul­tur und neu­na­tio­na­lis­ti­scher Ab­schot­tung.

Vor ei­nem Jahr hat Mi­guel sei­ne Fa­mi­lie nach­ho­len las­sen, sei­ne Frau Jes­si­ca und zwei Kin­der. Sie stan­den

vor ei­ner furcht­ba­ren Ent­schei­dung: Jes­si­ca konn­te nur zwei ih­rer vier Kin­der mit auf die Flucht neh­men, sonst wür­de sie zu teu­er und ge­fähr­lich.

«Wir ent­schie­den uns für die Jüngs­te und die Äl­tes­te», sagt er. War­um?

«Die Jüngs­te, weil sie uns am meis­ten braucht. Die Äl­tes­te, weil ihr in dem Al­ter Ver­ge­wal­ti­gun­gen durch die Gangs dro­hen. Sie ist drei­zehn.» Und die bei­den an­de­ren?

«Sind bei Ver­wand­ten ge­blie­ben. Wir ha­ben sie bis heu­te nicht wie­der­ge­se­hen.»

Die Ent­schei­dung nagt an ihm und sei­ner Frau. Man spürt es an ih­rer Stil­le. Spä­ter am Tag sit­zen sie stumm im Wohn­zim­mer, das Es­sen auf dem Schoss, an der Wand Fa­mi­li­en­fo­tos, kal­ter Wind pfeift durch die Rit­zen.

«Trump hat sein Ziel er­reicht», sagt Mi­guel an­satz­los. «Heu­te ha­ben al­le Angst, selbst Mi­gran­ten, die seit vier­zig Jah­ren hier le­ben. Angst in ih­ren Häu­sern. Bei der Ar­beit. Beim Ein­kau­fen. Angst über­all.»

Im Mai hat Trump den Schutz­sta­tus für Hon­du­ra­ner ge­stri­chen – trotz Pro­tes­ten von 600 re­li­giö­sen Wür­den­trä­gern. Ei­ne Ent­schei­dung, die hu­ma­ni­tä­re Or­ga­ni­sa­tio­nen als «To­des­ur­teil» in­ter­pre­tie­ren. Et­wa 90 000 Hon­du­ra­ner be­sas­sen we­gen der Ge­fah­ren in der Hei­mat die Er­laub­nis, in den USA zu blei­ben.

Mi­guel sieht es so: Er ist seit fünf Jah­ren auf der Dau­er­flucht. Ob nun in Hon­du­ras oder Ame­ri­ka.

Und wenn man sie auf­spü­ren soll­ te?

«Dann tau­chen wir un­ter und ge­hen in ei­nen an­de­ren Bun­des­staat.» Und wenn man sie de­por­tiert? «Kom­men wir zu­rück.»

Und wenn Trump die Mau­er baut? «Wenn El Ch­a­po me­ter­lan­ge Tun­nel gra­ben kann, kön­nen wir das auch. In Hon­du­ras war­tet der Tod auf uns.»

Nach ei­ner Pau­se sagt Mi­guel: «Grös­se­re Sor­gen ma­che ich mir um Lu­is. Er steht vor der De­por­ta­ti­on.»

Lu­is. Díaz Nr. 1

Zu der Zeit, An­fang 2018, sitzt sein äl­tes­ter Bru­der Lu­is 1500 Ki­lo­me­ter ent­fernt im Ge­fäng­nis in Ala­ba­ma. Wie et­wa 220 000 Mi­gran­ten pro Jahr steht er vor der Ab­schie­bung. Er teilt den Trakt mit an­de­ren Flücht­lin­gen und mit Kri­mi­nel­len, gar Gang­mit­glie­dern der MS-13.

Es ist ei­ne bi­zar­re Kon­stel­la­ti­on: In Hon­du­ras sind die Ma­ras sei­ne Tod­fein­de – hier sind sie Zel­len­nach­barn. Er floh 3000 Ki­lo­me­ter, um ih­nen so nah zu sein wie nie zu­vor.

Lu­is hat in Mia­mi und South Ca­ro­li­na ge­ar­bei­tet, als Tür­ste­her, Bau­ar­bei­ter, als Wach­mann und Dach­de­cker. Er und sei­ne Brü­der bau­ten Ame­ri­ka nach der Gros­sen Re­zes­si­on wie­der mit auf. Sie mach­ten Ame­ri­ca gre­at again.

Auf dem Weg von Flo­ri­da nach Te­xas ge­riet er in Ala­ba­ma in ei­ne Rou­ti­ne­kon­trol­le der Po­li­zei. Man fand Be­täu­bungs­mit­tel im Au­to, die ei­nem Kol­le­gen ge­hör­ten, aber man glaub­te Lu­is nicht und ver­buch­te ihn als Dea­ler, da­mit in der Ka­te­go­rie, die Trump «Un­ge­zie­fer» nennt. Trump setzt Im­mi­gran­ten oft mit Ver­bre­chern gleich, ob­wohl die Sta­tis­tik be­legt, dass die Ver­bre­chens­ra­te un­ter Mi­gran­ten ge­rin­ger ist als un­ter Us-bür­gern.

Zwan­zig Mo­na­te sass Lu­is in UHaft. Die Brü­der über­nah­men die An­walts­kos­ten, doch als «Il­le­ga­ler» in Ala­ba­ma, ei­nem der kon­ser­va­tivs­ten Bun­des­staa­ten, hat­te er kei­ne Chan­ce. Wäh­rend in New Yor­ker Ge­rich­ten 60 Pro­zent der Asyl­fäl­le an­er­kannt wer­den, sind es in Staa­ten wie Ala­ba­ma nur 5 Pro­zent. Er do­ku­men­tier­te die Mord­dro­hun­gen ge­gen sei­ne Fa­mi­lie, doch die Ge­gen­fra­ge lau­te­te: Wer­den Sie ver­folgt auf­grund Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Ras­se, Re­li­gi­on, Na­tio­na­li­tät oder po­li­ti­schen Mei­nung – ge­mäss den Kri­te­ri­en der Ver­ein­ten Na­tio­nen aus dem Jahr 1951? Ka­te­go­ri­en, die 2018 auf Mil­lio­nen Flücht­lin­ge welt­weit nicht mehr zu­tref­fen. Sei­ne Ant­wort lau­te­te: «Nein. Mir droht der Tod, weil die Gang das so will. Es ist ein Ter­ror­re­gime.»

Nach wei­te­ren Wo­chen Ab­schie­be­haft wird Lu­is schliess­lich de­por­tiert. Man steckt ihn und 200 an­de­re Hon­du­ra­ner in ein Flug­zeug nach San Pe­dro Su­la. Drei­mal pro Wo­che lan­den die voll be­setz­ten Ma­schi­nen der USLuft­waf­fe in der zweit­gröss­ten Stadt von Hon­du­ras. Sie brin­gen die Ge­schei­ter­ten, eher: die Ge­fähr­de­ten.

Va­ter Díaz emp­fängt Lu­is ge­mein­sam mit des­sen klei­nem Sohn am Flug­ha­fen. Es ist ein drü­ckend heisser Tag im Ja­nu­ar 2018, in der Luft hängt die blei­er­ne Schwü­le vor ei­nem Tro­pen­sturm. Die drei ver­gies­sen ein paar Trä­ nen – der Wie­der­se­hens­freu­de, aber auch der Ent­täu­schung und Sor­ge. Lu­is sieht er­le­digt aus, ein Mann, des­sen Haut lan­ge kei­ne Son­ne ge­se­hen hat.

Sie ge­hen über ei­nen Sei­ten­aus­gang schnell zum Au­to – Lu­is darf nicht ge­se­hen wer­den. Die Gangs po­si­tio­nie­ren Spä­her am Flug­ha­fen, um Fein­de zu iden­ti­fi­zie­ren und Rück­keh­rer aus den USA er­pres­sen zu kön­nen.

Va­ter Díaz be­sorgt sei­nem äl­tes­ten Sohn ei­nen Job als Bus­fah­rer für 500 Lem­pi­ra am Tag, et­wa 20 Dol­lar. Er stellt ei­ne Be­din­gung: Lu­is müs­se im Un­ter­grund blei­ben, das Haus nur im Dun­keln ver­las­sen, in kei­ne Bar, an kei­nen öf­fent­li­chen Ort ge­hen. «Wir müs­sen ge­nug spa­ren, da­mit du schnell zu­rück­kannst. In ei­nen si­che­re­ren Teil, viel­leicht Ka­li­for­ni­en.»

In­zwi­schen bie­ten Stras­sen­händ­ler in Hon­du­ras die Flucht für 8500 Dol­lar an. Lu­is könn­te die Gren­ze auf ei­ge­ne Faust über­que­ren, aber es gibt Be­rich­te, dass Schleu­ser sol­che Flücht­lin­ge er­mor­den, um Nach­ah­mer ab­zu­schre­cken.

Ei­ne le­ga­le Rück­kehr in die USA ist mitt­ler­wei­le für die gan­ze Fa­mi­lie aus­ge­schlos­sen. Als Teil der im Mai aus­ge­ru­fe­nen ze­ro to­leran­ce po­li­cy hat Jus­tiz­mi­nis­ter Ses­si­ons in der An­ord­nung 3929 ver­fügt, ei­ne Be­dro­hung durch Gangs und Ver­ge­wal­ti­gun­gen stel­le nun kei­nen Asyl­grund mehr dar. Trump hat zu­dem Tau­sen­de Na­tio­nal­gar­dis­ten ent­lang der Gren­ze sta­tio­niert und Ice-agen­ten schon in Me­xi­ko pos­tiert, um Asyl­su­chen­de zu war­nen: «Es gibt kei­nen Platz, um euch auf­zu­neh­men.» Ei­ne Ak­ti­on, die ame­ri­ka­ni­sches und internationales Recht bricht.

Im Au­gust 2018 be­su­chen wir Lu­is er­neut. Er lebt nun bei ei­ner Frau in ei­nem Miets­haus am Orts­rand. Er ist der Im­pul­sivs­te der fünf, die Ar­beit hat ihm ein brei­tes Kreuz ver­schafft, wie al­len Brü­dern. Auch die Sprach­lo­sig­keit ist ähn­lich, die sich erst lang­sam löst, das an­ge­eig­ne­te Miss­trau­en ge­gen­über Frem­den.

Sie be­we­gen sich jetzt frei im Ort? «Ich er­tra­ge die En­ge nicht län­ger», sagt er. «Ich bin ein frei­er Mann. Dies ist mei­ne Stadt. Ich beu­ge mich dem or­ga­ni­sier­ten Ver­bre­chen nicht mehr.»

Sein Va­ter sitzt ne­ben ihm. Sie trin­ken Li­mo­na­de und es­sen Ko­te­letts, die ih­re Frau­en ser­vie­ren.

«Du bist ver­rückt. Das ist le­bens­ge­fähr­lich», sagt Va­ter Díaz.

«Al­le sa­gen im­mer nur das­sel­be.»

«Ein fal­sches Wort, und du bist tot.»

Lu­is sieht sich um. Er sitzt in ei­nem dunk­len Haus, das für ihn zum Ge­fäng­nis ge­wor­den ist. «Ich kann so nicht le­ben», sagt er. «Ich bin jetzt Mit­te dreis­sig. Man kann nicht das gan­ze Le­ben in Angst ver­brin­gen.»

Am nächs­ten Tag ist Lu­is wie­der als Bus­fah­rer un­ter­wegs. Es ist Frei­tag, Zahl­tag. Er über­gibt Schutz­gel­der an zwei ju­gend­li­che Mit­glie­der der Gang Bar­rio 18 an der End­hal­te­stel­le in San Pe­dro Su­la. Längst ist ih­nen klar: Ein Díaz ist zu­rück. Es ist, als lie­fe­re sich Lu­is ih­nen frei Haus.

«Ich kann ihn nicht zwin­gen. Er ist er­wach­sen», sagt sein Va­ter ver­zwei­felt.

«Ich will ein nor­ma­les Le­ben», sagt Lu­is. «Wenn ich ster­ben muss, dann auf­recht.»

Dann geht er raus. Er will noch mal trin­ken. Die gan­ze Nacht.

Alex ju­ni­or. Díaz Nr. 3

Wenn ei­ner der Díaz 5 ei­nen Aus­weg ge­fun­den hat, dann viel­leicht Alex ju­ni­or. Der Mitt­le­re. Der Aus­ge­gli­che­ne. Auch der Pfif­figs­te.

Die Fahrt zu ihm führt aus Potre­ril­los in die Ber­ge, an den Hän­gen wach­sen Kaf­fee­sträu­cher und Ba­na­nen­stau­den, end­lo­se Plan­ta­gen, bis nach drei St­un­den San Lu­is auf­taucht, ei­ne klei­ne Berg­stadt mit nur drei Zu­fahr­ten. Es ist die Gegend der ca­fe­te­ros, der Kaf­fee­bau­ern.

Alex ju­ni­or und sei­ne Fa­mi­lie le­ben in ei­nem Haus, das den Häu­sern in den Süd­staa­ten nach­emp­fun­den ist, ein Flach­bau, ame­ri­ka­ni­sche Kü­che, ame­ri­ka­ni­scher Kühl­schrank, Tv-ses­sel.

Sie sind drei Mo­na­te zu­vor nach Hon­du­ras zu­rück­ge­kehrt, weil das Ver­steck­spiel in den USA sie an den Rand des Wahn­sinns führ­te, die­ses Le­ben in der Il­le­ga­li­tät. «Ich ha­be mei­nen Sohn Ste­ven aus dem Heim in New York zu­rück­be­kom­men», sagt Alex, «aber da war er schon de­pres­siv. Und wir hat­ten stän­dig Angst, dass die Trup­pen mich ho­len und die Kin­der al­lein blei­ben.»

Es ist wohl so: Sie sind gleich­zei­tig die Op­fer von Trump und sei­ne Tro­phä­en.

Alex trägt ei­nen kor­rekt ge­stutz­ten Bart und ei­ne Base­ball­kap­pe wie al­le Díaz. Sein Blick ist wach, sein Aus­se­hen et­was ur­ba­ner, ob­wohl er so weit ent­fernt ist vom ur­ba­nen Le­ben wie kei­ner der Brü­der. Er hat in San Lu­is ei­nen Fri­seur­sa­lon auf­ge­macht, er nimmt 50 Lem­pi­ra pro Haar­schnitt, zwei Dol­lar, und kann al­les be­hal­ten. Er ist der Ein­zi­ge in der Fa­mi­lie, der kei­ne ren­ta an die Gangs zahlt.

Auf sei­nem Schoss sitzt Jus­tin, sein in den USA ge­bo­re­ner Sohn, gera­de drei. «Er hat ei­ne grosse Zu­kunft», sagt Alex. «Al­le Frau­en wer­den mit ihm zu­sam­men sein wol­len, er hat die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft. Es gibt kein bes­se­res Start­ka­pi­tal.»

Da­ne­ben sitzt sein äl­te­rer Sohn Ste­ven, 12. Ein schüch­ter­ner Jun­ge, der von ei­nem Trau­ma (Flucht) in das nächs­te ge­riet (Fa­mi­li­en­tren­nung) und spä­ter in ein wei­te­res (De­por­ta­ti­on). Ein Ge­spräch mit Ste­ven über die Vor­komm­nis­se ist nicht leicht. Er hat die er­zwun­ge­ne Tren­nung durch­Us- be­am­te als Ent­füh­rung er­lebt, als En­t­reis­sen aus dem Schutz der Fa­mi­lie und bru­ta­le Über­füh­rung in ein In­ter­nie­rungs­la­ger 3000 Ki­lo­me­ter ent­fernt .« Die Be­treue­rin New York wa­ren nett, aber ich ha­be mich ge­fühlt wie ein Ver­bre­cher.»

Jetzt aber, sagt Ste­ven, ist die La­ge am al­ler­ge­fähr­lichs­ten. Er ist in dem Al­ter, da die Gangs ihn mit Ge­walt re­kru­tie­ren und zum Tö­ten ab­rich­ten – Haupt­grund für die Flucht vie­ler Te­enager. Ihm bleibt dann nur die Wahl: Mit­ma­chen und mor­den – oder flie­hen. «Ich möch­te nur le­ben», sagt er.

Hier in San Lu­is sind sie ei­ni­ger­mas­sen in Si­cher­heit. Sie le­ben im «Nar­co­land». Die Dro­gen­kar­tel­le ha­ben sich in Zen­tral­hon­du­ras ei­ne heile Welt ge­schaf­fen. Sie wa­schen hier ihr Geld und in­ves­tie­ren es in Lan­de­pis­ten, Kaf­fee­plan­ta­gen, Län­de­rei­en. Sie sind An­zug­trä­ger, An­wäl­te, Söh­ne von Prä­si­den­ten, Mi­nis­ter. Sie ha­ben ih­re ei­ge­ne Pri­vat­ar­mee. Sie sind bes­ser be­waff­net als Staat und Gangs zu­sam­men.

Die Ma­ras ver­such­ten, ins Ter­ri­to­ri­um ein­zu­drin­gen, wur­den aber ab­ge­fan­gen und er­mor­det. Es ist nicht an­ders als zwi­schen Staa­ten: ei­ne Fra­ge der bes­se­ren Rüs­tung.

Alex sagt: «Die Nar­cos tö­ten die Leu­te we­nigs­tens nicht. Sie knöp­fen ih­nen kei­ne Schutz­gel­der ab. Sie wol­len nur in Ru­he ihr Bu­si­ness durch­zie­hen.» Für ihn das ge­rin­ge­re Übel. Sie ma­chen ihr Geld mit Dro­gen und den Süch­ten der Yan­kees. Die Ma­ras da­ge­gen ma­chen es mit dem Ter­ror der Be­völ­ke­rung. «Man kann ihr Bu­si­ness kri­ti­sie­ren, aber Moral ist ein Lu­xus, den man sich hier nicht leis­ten kann.»

Könn­te das die Lö­sung für Hon­du­ras sein? Gar ein Mo­dell? Die Dro­gen­ma­fia ver­treibt die mor­den­den Gangs un­ter den Au­gen des Staa­tes? Es klingt wie der Stoff ei­nes dys­to­pi­schen Films.

Va­ter Díaz kommt zu Be­such. Es ist Au­gust 2018. Die USA ha­ben die To­re für Hon­du­ra­ner in­zwi­schen end­gül­tig ge­schlos­sen. Sein Sohn Os­car hat be­reits ei­ne vor­ge­zo­ge­ne Vor­la­dung vor das Ab­schie­bungs­ge rich­ter hal­ten.Díaz se­ni­or ist be­sorg­ter noch als bei un­se­rem ers­ten Tref­fen acht­zehn Mo­na­te zu­vor. Er sucht ei­nen si­che­ren Ort für die gan­ze Fa­mi­lie und fragt sich: Könn­te er Lu­is hier­her zu Alex schi­cken? So­gar Mi­guel und Os­car aus den USA? Al­le vier ihm ge­blie­be­nen Söh­ne?

Es könn­te, so glaubt er, die vor­über­ge­hen­de Ret­tung der Fa­mi­lieDíaz sein, der zar­teHo ff nungs­schim­mer in­mit­ten der Tra­gö­die:

Exil im Nar­co­land.

Va­ter Alex am Gr­ab sei­nes Soh­nes An­gel, der den Gangs zum Op­fer fiel – Tag fürTag ver­sucht er den Mord zu re­kon­stru­ie­ren.

Stolz zeigt ein Bar­rio-18mit­glied sein Gang-ab­zei­chen. In Hon­du­ras ist es die To­des­ur­sa­che Nr. 1, durch Ban­den um­zu­kom­men.

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