Lie­ber Herr Knu­bel

Das Magazin - - N° 37 — 15. September 2018 - max küng

ich muss­te schmun­zeln, als ich Ih­ren Na­men schrieb, er klingt ein­fach zu knud­de­lig. Nicht we­ni­ger knud­de­lig fand ich üb­ri­gens die Aus­sa­ge von Herrn Schmid, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef des Bun­des­am­tes für Stras­sen. Er sag­te, wes­halb die Stras­sen in der Schweiz brei­ter wer­den müss­ten: «Die Au­tos sind in den letz­ten Jahr­zehn­ten un­ter an­de­rem we­gen der Ver­kehrs­si­cher­heit brei­ter ge­wor­den. Auch die Ve­los sind brei­ter ge­wor­den.» Die Ve­los sind brei­ter ge­wor­den: Da ha­ben wirs! Soll­te da nicht die Po­li­tik ge­gen die ih­re Göp­pel per­vers ver­brei­tern­de Ve­lo­in­dus­trie vor­ge­hen? Je­doch: Ist nicht al­les und sind nicht al­le brei­ter ge­wor­den in den letz­ten Jah­ren – vor al­lem auch die Ge­dan­ken?

Aber des­halb schreib ich Ih­nen gar nicht, son­dern: Ich muss­te an Sie den­ken, als ich in der Zei­tung las, dass Hand­gra­na­ten auf­ge­taucht sind, bei Ter­ro­ris­ten, ge­nau­er bei ei­ner Schlä­fer­zel­le des IS in Sy­ri­en. Es sind Hand­gra­na­ten der Ruag, Mo­dell HG-85, ur­sprüng­lich aus ei­ner Char­ge von 2003 wohl, als die Ruag 225 000 Stück an die Streit­kräf­te der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te lie­fern durf­te. Lie­ber Herr Knu­bel, wir sa­hen uns bloss ein­mal, vor zwölf Jah­ren war das, in Pa­ris, an ei­ner Waf­fen­mes­se, als Sie den Stand der Ruag hü­te­ten, wo es Ca­fé crè­me gab und Schög­ge­li – und na­tür­lich auch Hand­gra­na­ten. Sie wa­ren dort in Ih­rer Funk­ti­on als Hand­gra­na­ten-pro­dukt­ma­na­ger der Ruag, der die ex­plo­si­ven Din­ger in der gan­zen Welt ver­kauft.

Ziem­lich stolz hat man in Pa­ris die neus­te Evo­lu­ti­ons­stu­fe der HG-85 prä­sen­tiert, ei­ne Hand­gra­na­te na­mens Pe­arl, ein im­po­san­tes Gross­mo­dell gab es da­von zu be­stau­nen, da­mit man die Funk­ti­ons­wei­se ver­ste­hen konn­te, denn in ei­ner Hand­gra­na­te steckt ja nicht bloss Bumm­zeugs, son­dern auch viel Know­how; zu­dem (und da­her der Na­me) wie Per­len­schmuck klei­ne Stahl­ku­geln, Hun­der­te da­von, die schön an­zu­se­hen sind, aber das be­wir­ken, was sie be­wir­ken sol­len – in ei­nem ge­wis­sen Um­kreis al­les zu durch­lö­chern, was gera­de da ist: ob Mau­er, Mensch, Ma­schi­ne.

Al­ler­dings wa­ren Sie da­mals nicht so ge­sprä­chig, als Sie merk­ten, dass ich kein po­ten­ter po­ten­zi­el­ler Gross­ein­käu­fer aus Abu Dha­bi war, son­dern ein Jour­na­list. Sie er­klär­ten mir zwar den Un­ter­schied zwi­schen «of­fen­si­ven» und «de­fen­si­ven» Hand­gra­na­ten, aber als ich die­sen auf die Schnel­le nicht be­grei­fen konn­te, da ver­wie­sen Sie mich an Ih­ren Chef, ei­nen Herrn Wen­ger, der aber gera­de in der Mit­tags­pau­se war. Zum Zeit­ver­treib drück­ten Sie mir noch ei­nen reich be­bil­der­ten Pro­spekt in die Hand (den ich üb­ri­gens bis heu­te auf­be­wahrt ha­be), da las ich: «Dank der ge­rin­gen Ge­fähr­dung des Wer­fers durch Split­ter ist die­se Hand­gra­na­te bes­tens für den Häu­ser­kampf ge­eig­net. Im un­mit­tel­ba­ren De­to­na­ti­ons­um­feld er­zielt sie ei­ne enor­me Wir­kung. Schutz­wes­ten nach STANAG 4512 las­sen sich mit ein­zel­nen Pe­arl-kon­fi­gu­ra­tio­nen auf 5 m durch­schla­gen.»

Nach dem Zmit­tag kam Herr Wen­ger und ver­dreh­te die Au­gen, als ich ihn frag­te, ob sich das nicht ir­gend­wie beis­se: dass die Schweiz, die­ses so neu­tra­le und fried­lie­ben­de Land, Hand­gra­na­ten in die wei­te Welt ver­kau­fe. Er mein­te: «Ach, Hand­gra­na­ten. Hand­gra­na­ten macht doch je­der. So­gar die Ös­ter­rei­cher ma­chen Hand­gra­na­ten.» So­gar die Ös­ter­rei­cher!

Mit den Waf­fen ist es halt so ei­ne Sa­che. Ich bin ja nicht gera­de das, was man ei­nen Waf­fen­ex­per­ten nen­nen könn­te, aber an je­ner Mes­se dau­er­te es nicht lan­ge, bis ich et­wa am Stand des fran­zö­si­schen Rüs­tungs­kon­zerns Gi­at die Vor­rich­tun­gen fand, mit de­nen man ein Pi­la­tus-flug­zeug aus Stans mit 20-Mil­li­me­ter-ka­no­nen be­stü­cken und so flugs in ei­ne su­per­wen­di­ge Kampf­ma­schi­ne ver­wan­deln kann. (Was zwei Jah­re spä­ter auch mit ei­ner vom Bun­des­rat als Schu­lungs­flug­zeug be­wil­lig­ten Pi­la­tus PC-9 im Tschad ge­schah.)

Ei­ne Hand­gra­na­te ist, was sie ist: ei­ne Hand­gra­na­te. Sie tut, was sie tun soll, wo­für sie kon­stru­iert und ge­baut wird: zer­stö­ren, tö­ten, ver­stüm­meln. Aber eben, sind ja nur De­fen­siv­hand­gra­na­ten, kei­ne Of­fen­siv­hand­gra­na­ten. Bloss zur Verteidigung; für das Gu­te. Für das Bö­se sind ja die an­de­ren zu­stän­dig, die Bö­sen näm­lich, oder?

Es grüsst, sich am Kopf krat­zend: Max Küng

PS Song zum The­ma: «War It» von Fo­rest Swords vom Al­bum «Com­pas­si­on», 2017

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