Mar­tin Föh­se ent­schei­det sich mit 32, ei­ne Frau zu wer­den. Jah­re spä­ter hat er ge­nug und kehrt in sein ur­sprüng­li­ches Ge­schlecht zu­rück. VON PAU­LA SCHEIDT

Mar­tin Föh­se wur­de ei­ne Frau. Doch dann hat­te er vom Le­ben als Frau ge­nug. Heu­te ist er wie­der ein Mann. Und Ex­per­te für bei­de Rol­len.

Das Magazin - - N° 38 — 22. September 2018 - Text Pau­la Scheidt

An ei­nem nach­mit­tag im mai steht er vor 150 stu­die­ren­den. ein gut aus­se­hen­der mann An­fang vier­zig, blau­er An­zug, weis­ses hemd. es ist die letz­te Vor­le­sung vor den se­mes­ter­fe­ri­en, Ver­wal­tungs­recht, vier st­un­den am stück. mar­tin föh­se, rechts­an­walt und As­sis­tenz­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät st. gal­len, wan­dert un­ter sei­ner power­point­prä­sen­ta­ti­on um­her, ei­ne hand in der ta­sche sei­ner dun­kel­blau­en An­zug­ho­se, in der an­de­ren hält er den po­in­ter. ei­ni­ge stu­den­ten che­cken face­book, schau­en Youtube, die meis­ten aber lau­schen kon­zen­triert, wie föh­se über kon­troll­or­ga­ne, Ver­wal­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on, den Ver­fü­gungs­be­griff spricht. oh­ne mi­kro. noch im ver­gan­ge­nen herbst hät­te er das nicht ge­macht, denn da­mals war er ei­ne frau. Zu ei­ner frau passt ei­ne sanf­te stim­me, ver­stärkt durch ein mi­kro.

mar­tin föh­se ist 42 jah­re alt. Bis zu sei­nem 32. le­bens­jahr war er ein mann und sein na­me mar­tin föh­se. Dann war er zehn jah­re ei­ne frau und hiess kath­rin föh­se. seit ja­nu­ar ist er wie­der ein mann, trägt sei­nen al­ten na­men und hat kein problem da­ mit, laut und oh­ne mi­kro zu spre­chen. Wenn er männ­lich klingt, ist das stim­mig.

kürz­lich ist in der hsg-stu­die­ren­den­zei­tung «pris­ma» ein por­trät über ihn er­schie­nen. Dar­in wird sei­ne stei­le kar­rie­re vom Ver­mes­sungs­zeich­ner zum As­sis­tenz­pro­fes­sor de­tail­liert nach­er­zählt, erst ge­gen en­de wird er­wähnt, dass er die letz­ten zehn jah­re kath­rin föh­se hiess. Der stu­dent, der den text ge­schrie­ben hat, fand es wohl nicht so wich­tig. oder das fra­gen da­nach in­dis­kret. An­de­re stu­die­ren­de ha­ben in den Win­ter­se­mes­ter­fe­ri­en kom­men­tar­los von «frau pro­fes­sor» auf «herr pro­fes­sor» um­ge­schal­tet.

seit sein «Wech­sel», wie er es nennt, be­kannt wur­de, hat er kei­nen ein­zi­gen dum­men kom­men­tar ge­hört. nur er selbst läuft noch manch­mal ge­dan­ken­ver­lo­ren rich­tung Da­men­wc oder greift mit der lin­ken statt mit der rech­ten hand nach der knopf­leis­te des ja­cketts – ja­cken für män­ner ha­ben die knöp­fe auf der an­de­ren sei­te. ihm scheint, stu­die­ren­de heu­te fin­den sei­ne ge­schich­te nicht mehr sehr er­staun­lich.

War­um al­so er­zählt er sie hier trotz­dem?

Über die Jah­re ist er zu der Ein­sicht ge­langt, dass die Er­fah­rungs­wel­ten von Frau­en und Män­nern sich ra­di­ka­ler un­ter­schei­den, als er es je für mög­lich ge­hal­ten hat. Un­ver­ständ­nis, Krän­kun­gen, Streit – vie­les lies­se sich viel­leicht ver­mei­den, wenn nicht je­der so in sei­ner Rol­le ge­fan­gen wä­re. Wenn da mehr Be­reit­schaft wä­re, sich in an­de­re hin­ein­zu­ver­set­zen.

«Das ist aber mu­tig», sa­gen Be­kann­te, die ihn als Frau ken­nen ge­lernt ha­ben, wenn sie er­fah­ren, dass er jetzt ein Mann ist. Dass es mal je­mand mu­tig fin­den wür­de, dass ich ein Mann bin, denkt er. Frü­her fan­den die Leute es mu­tig, dass ich ei­ne Frau bin.

An­fang mit Echt­haar

Vor zehn Jah­ren, im No­vem­ber 2008, lässt er sich die Haa­re ver­län­gern. Denn die Haa­re sind sehr wich­tig, wenn es dar­um geht, was an­de­re in ei­nem se­hen, sagt Föh­se. Die Coif­feu­se ist ei­ne Be­kann­te aus der Schul­zeit, sie hat die Echt­haa­re im rich­ti­gen Farb­ton schon vor Wo­chen be­stellt. Im Park­haus ist er so ner­vös, dass er mit sei­nem BMW ei­nen Pfos­ten tou­chiert. Der Ter­min dau­ert St­un­den, abends ver­lässt er den Sa­lon mit ei­nem dun­kel­blon­den, schul­ter­lan­gen Bob. Für den nächs­ten Tag hat er ei­nen Flug nach Gua­de­lou­pe ge­bucht, zwei Wo­chen Strand­fe­ri­en, ei­ne sym­bo­li­sche Zä­sur und ein klei­ner An­lauf für das, was kommt. In der Kanz­lei hat er an­ge­kün­digt, er wer­de nach den Fe­ri­en als Frau zu­rück­kom­men.

Zu­rück in der Schweiz heisst Mar­tin Föh­se nun Kath­rin Föh­se und geht mor­gens als Bu­si­ness­frau im schwar­zen Ho­sen­an­zug aus dem Haus. Sie ist auf­ge­wach­sen im Em­men­tal und ar­bei­tet als An­wäl­tin in ei­ner an­ge­se­he­nen Wirt­schafts­kanz­lei na­he dem Bahn­hof Bern. Lan­ge hat sie die­sen Mo­ment vor­be­rei­tet, viel­leicht ihr gan­zes Le­ben. Auf der Web­sei­te der Kanz­lei wer­den Na­me und Fo­to aus­ge­tauscht. Eben­so im An­walts­re­gis­ter. Sie plä­diert jetzt als Frau vor Ge­richt. Lau­fen­de Man­da­te schliesst sie als Mar­tin ab, da­mit es kei­ne Ver­wir­run­gen gibt. Neu­en Kli­en­ten stellt sie sich als Kath­rin vor. Die Se­kre­tä­rin in­for­miert sie bei je­dem An­ruf, nach wem ver­langt wird.

In Wa­ren­häu­sern fin­det sie sich jetzt zwi­schen Re­ga­len wie­der, wo das Dusch­gel ver­ziert ist mit ro­sa Schmet­ter­lin­gen und Blu­men, und nicht mehr vor blau­en und sil­ber­nen Plas­tik­fla­schen, auf de­nen was von Ener­gy und Po­wer steht. Im Re­stau­rant be­stellt sie eher ei­nen Sa­lat und ver­zich­tet aufs Des­sert, denn sie hat be­merkt, dass sie nun schnel­ler zu­nimmt. Sie lässt sich im Zug von frem­den Män­nern den Kof­fer auf die Abla­ge hie­ven, auch wenn sie ei­nen Kopf klei­ner sind. Sie geht sicher nicht an zwei Ta­gen hin­ter­ein­an­der im glei­chen Out­fit ins Bü­ro und ge­niesst es, Trä­gers­hirt und Bal­le­ri­nas zu tra­gen statt Kra­wat­te und So­cken. Es fühlt sich gut an, na­tür­lich.

Kath­rin Föh­se ist Per­fek­tio­nis­tin. Nie­mand soll an ih­rer Weib­lich­keit zwei­feln. Die Hor­mon­the­ra­pie wirkt be­reits, die Mus­keln sind ver­schwun­den, die Hüf­ten wei­cher ge­wor­den und die Bart­haa­re epi­liert. Um si­cher­zu­ge­hen, tes­tet sie ih­re Wir­kung an Frem­ den. Frü­her, als sie noch Mar­tin hiess, ar­bei­te­te sie ein paar Mo­na­te am Bahn­hof Bern im Si­cher­heits­dienst. Ein gut be­zahl­ter Stu­den­ten­job, GA in­klu­si­ve. Da­mals, er­in­nert sie sich, lüm­mel­te in der Hal­le ei­ne Bett­le­rin her­um, die je­dem, der ihr nichts gab, Be­lei­di­gun­gen hin­ter­her­brüll­te. Kath­rin Föh­se geht nun al­so im Ho­sen­an­zug durch den Bahn­hof, die Bett­le­rin steht wie­der da, Föh­se setzt ei­ne ar­ro­gan­te Mie­ne auf, und tat­säch­lich, die Bett­le­rin ruft: «Du dre­cki­ge Sau­fot­ze!» Und Föh­se denkt: Test be­stan­den. So kann man nur ei­ne Frau be­schimp­fen.

Ein an­der­mal, als sie bei der Ein­woh­ner­kon­trol­le ei­ne neue ID be­an­tragt, schaut die Mit­ar­bei­te­rin das al­te Do­ku­ment an, das Fo­to von Mar­tin, und sagt: «Tut mir leid, aber da muss Ihr Ehe­mann schon selbst vor­bei­kom­men.» Be­kann­te fra­gen, ob Mar­tin Föh­se ihr Bru­der sei. Es fol­gen vie­le wei­te­re Tests, bei­läu­fig im All­tag, al­le be­steht sie. Kath­rin Föh­se sieht aus, als sei sie schon im­mer Kath­rin Föh­se ge­we­sen.

Und ir­gend­wie war sie das auch. Ein­mal, im Kin­der­gar­ten, soll der fünf­jäh­ri­ge Mar­tin die Mut­ter spie­len, erst traut er sich nicht, aber dann macht es ihm Spass. Ein Ge­fühl, das ihn durch sei­ne Kind­heit und Ju­gend be­glei­tet und von dem er kei­nem Men­schen er­zählt.

Mar­tin spielt jah­re­lang Handball in der höchs­ten Ju­nio­ren­li­ga, fri­siert Töff­li und macht al­le Jung­schüt­zen­kur­se, wie es sich auf dem Land ge­hört. Bei der Aus­he­bung fürs Mi­li­tär er­reicht er die ta­ges­bes­te Punkt­zahl.

Nie­mand merkt et­was, aber je äl­ter Mar­tin wird, des­to mehr ver­sucht er, sein We­sen zu er­grün­den. Sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der­zu­set­zen, war­um sich sei­ne Rol­le als Mann falsch an­fühlt.

Was ist los mit mir? Wo soll mein Weg ent­lang­füh­ren?

Er macht ei­ne Leh­re als Ver­mes­sungs­zeich­ner, die tech­ni­sche Be­rufs­ma­tu­ra, dann die Ma­tu­ra Ty­pus C und be­ginnt mit 24 Jah­ren, an der Uni­ver­si­tät Bern Rechts­wis­sen­schaf­ten zu stu­die­ren.

Im Stu­di­um lernt er Ani­ta ken­nen. Die bei­den wer­den ein Paar, und sie ist die ers­te Per­son, der er sich an­ver­traut. Das wars, fürch­tet Ani­ta nach dem Ge­spräch, das En­de der Be­zie­hung. Aber Mar­tin Föh­se hat nicht vor, sich zu tren­nen. Und Ani­ta auch nicht. Spä­ter wird sie sa­gen: «Das Ge­heim­nis hat uns fast noch mehr zu­sam­men­ge­schweisst.» Das Ge­heim­nis sind zu die­sem Zeit­punkt bloss Ge­dan­ken, die Mar­tin mit sich her­um­schleppt, Fra­gen nach sei­ner Iden­ti­tät. Noch im­mer hat er gros­se Zwei­fel. Er liest Fach­li­te­ra­tur, geht zum Arzt, er will Klar­heit. Aber mit der Zeit muss er er­ken­nen, we­der die Bü­cher noch die Ex­per­ten kön­nen ihm die­se Klar­heit ver­schaf­fen. Am En­de muss man es selbst wis­sen.

An­fangs pro­biert er die Frau­en­rol­le nur heim­lich aus, wenn nie­mand da­bei ist. Be­zeich­nen­der­wei­se ist es die Klei­dung, die für die­se Su­che ei­ne wahn­sin­ni­ge Be­deu­tung hat. Weil das Äus­se­re dar­über be­stimmt, wie wir wahr­ge­nom­men wer­den, als Mann oder als Frau. Es ist ein Her­an­tas­ten, Schritt für Schritt. Aber

je mehr Raum er der Weib­lich­keit gibt, des­to bes­ser fühlt es sich an, selbst in dem Be­wusst­sein, was al­les auf dem Spiel steht, sei­ne Be­zie­hung, sei­ne Kar­rie­re.

Je­de neue Er­fah­rung lie­fert ihm ein Puz­zle­teil, wie es sein könn­te, das Le­ben als Frau. Nicht hin und wie­der, son­dern im­mer. Nicht al­lein zu Hau­se oder weit weg, son­dern bei Fa­mi­li­en­fei­ern und Ge­schäfts­ter­mi­nen. Nach und nach weiht er sei­ne Freun­de ein. Was ihm lan­ge Zeit un­denk­bar schien, wird zu ei­ner Mög­lich­keit. Als Ju­rist kennt er die recht­li­chen Schrit­te.

Ani­ta ist ei­nen lan­gen Weg mit ihm ge­gan­gen, fast zehn Jah­re sind die bei­den zu­sam­men. Sie liebt ihn, aber sie liebt auch, dass er ein Mann ist. Spä­ter wird sie sa­gen: «In ge­wis­ser Wei­se ha­be ich ihn ver­las­sen, weil ich ei­nen Mann woll­te, aber man kann auch sa­gen, er hat mich ver­las­sen, in­dem er ei­ne Frau wur­de.»

Kath­rin Föh­se hat den Wech­sel voll­zo­gen, kommt von Gua­de­lou­pe zu­rück, und es dau­ert nicht lan­ge, dann ver­liert sie ih­ren Job. Zu we­ni­ge Man­da­te, heisst es in der Kanz­lei. Sie ver­mu­tet, der wah­re Grund ist ein an­de­rer: dass ein Se­ni­or­part­ner ein Problem hat mit ih­rer neu­en Iden­ti­tät. Ihr wird ein wich­ti­ger Fall ent­zo­gen, und über Nacht ver­schwin­den Ak­ten­map­pen aus ih­rem Usm-schrank. Trotz­dem ak­zep­tiert sie die Ent­schei­dung. Kurz dar­auf be­ginnt sie als wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin im Bun­des­amt für Ener­gie. Dies­mal will sie si­cher­ge­hen, dass ihr Chef zu ihr hält. Des­halb legt sie al­les of­fen und kün­digt an, dass sie zwei Wo­chen feh­len wird, um sich ope­rie­ren zu las­sen: der letz­te Schritt zur Frau.

Zu­rück im Bü­ro merkt sie, dass ge­wis­se Din­ge nun an­ders lau­fen. Ener­gie­wirt­schaft ist ei­ne Män­ner­do­mä­ne, und von den Kol­le­gen wis­sen nur we­ni­ge von ih­rer Ver­gan­gen­heit. Sie se­hen Kath­rin Föh­se. Wenn sie mit Kol­le­gen, die sie noch nicht gut kennt, ein Sit­zungs­zim­mer be­tre­ten will, hält je­mand ihr die Tür auf, Stüh­le wer­den ge­rückt, das Ge­spräch ver­stummt. Es ist re­spekt­voll ge­meint von den Kol­le­gen, kein Zwei­fel, ei­ne Ges­te der Zu­vor­kom­men­heit. Aber sie hat den Ein­druck, es dau­ert, bis al­le sich wie­der ent­spannt ha­ben.

Bei den Vor­stel­lungs­ge­sprä­chen, die sie ge­führt hat, um die­sen Job zu be­kom­men, mein­te sie mehr­mals die Fra­ge her­aus­zu­hö­ren, ob sie pla­ne, bald schwan­ger zu wer­den.

Sie misst 176 Zen­ti­me­ter, ei­ne gu­te Grös­se, auch für ei­ne Frau. Sie ach­tet dar­auf, wie sie sich be­wegt, wie sie sich aus­drückt. Wel­che Klei­der ihr ste­hen. Ih­re Haa­re sind in­zwi­schen nach­ge­wach­sen, Ex­ten­si­ons braucht sie nicht mehr. Sie schminkt sich de­zent und lernt, dass das Bei­läu­fi­ge das Schwie­rigs­te ist.

Dann ist da ih­re Stim­me, an­fangs hat­te sie sich kaum zu spre­chen ge­traut. Aber mit der Zeit merkt sie, dass ih­re Ton­la­ge gar nicht so tief ist. Und dass viel wich­ti­ger ist, wel­che Wör­ter sie wählt, wie sie be­tont. Sie singt ein we­nig mehr beim Spre­chen, hebt öf­ter mal die Stim­me am Sat­zen­de.

Ihr neu­er Job in der Bun­des­ver­wal­tung führt sie re­gel­mäs­sig ins Par­la­ment, sie nimmt an Sit­zun­gen vor­be­ra­ten­der Kom­mis­sio­nen teil. Ein­mal, in der Kaf­fee­pau­se, kommt ei­ne Stän­de­rä­tin zu ihr und sagt: «Ich hö­re Ih­nen so gern zu, Sie ha­ben so ei­ne an­ge­neh­me Stim­me.» Ein Kom­pli­ment, das Kath­rin Föh­se nun öf­ter hört.

Im­mer wie­der un­ter­schätzt wer­den

Be­rufs­be­glei­tend schreibt sie ih­re Dis­ser­ta­ti­on über Swiss­grid, die Schwei­zer Strom­über­tra­gungs­netz­be­trei­be­rin, und bald zählt sie zu den füh­ren­den Ex­per­ten auf dem Ge­biet des Ener­gie­rechts.

In ih­rer Pu­bli­ka­ti­on kri­ti­siert sie den Ge­setz­ge­bungs­pro­zess. Ge­wis­se Par­la­men­ta­ri­er, schreibt sie, über­schätz­ten ih­re Kom­pe­tenz, Ge­set­zes­ent­wür­fe aus­zu­ar­bei­ten. Sie zi­tiert Bis­marck: «Wer weiss, wie Ge­set­ze und Würs­te zu­stan­de kom­men, kann nachts nicht mehr ru­hig schla­fen.» Das kann man als Pro­vo­ka­ti­on emp­fin­den, das ist ihr be­wusst, sie rech­net mit Wut, mit Wi­der­spruch, aber nichts pas­siert. Hin­ten­rum wird ihr Kri­tik zu­ge­tra­gen, aber nie­mand spricht sie per­sön­lich an. Wenn sie auf ih­re 32 Jah­re als Mann zu­rück­blickt, kommt ihr das selt­sam vor. Scho­nen die Po­li­ti­ker sie, weil sie ei­ne Frau ist?

Ihr scheint, dass sie nun mehr Kraft auf­wen­den muss, um sich Ge­hör zu ver­schaf­fen. Dass es län­ger dau­ert, bis sie An­er­ken­nung er­hält. In ei­ner Sit­zung wird über die Aus­le­gung ei­ner Be­stim­mung dis­ku­tiert, und sie sagt: «Sor­ry, das stimmt so nicht.» Der Kol­le­ge in­sis­tiert, bis ein Drit­ter ihn auf­klärt: «Hö­ren Sie, sie hat das Ge­setz selbst ge­schrie­ben.»

Jah­re spä­ter wird sie in der Kan­ti­ne ein­mal von ei­nem jün­ge­ren Kol­le­gen ge­fragt: «Ar­bei­test du im Se­kre­ta­ri­at?» Und weil sie schon seit meh­re­ren Jah­ren den Rechts­dienst lei­tet, ant­wor­tet sie: «Nein. Ar­bei­test du denn im Se­kre­ta­ri­at?»

Gleich­zei­tig be­ob­ach­tet sie, wie Frau­en mit­ein­an­der um­ge­hen, das hat fast was Ver­schwö­re­ri­sches. Man be­rührt sich schnel­ler, auch wenn man sich kaum kennt, ist sich auf ei­ne an­de­re Art nä­her. Sie nimmt an vie­len Kom­mis­si­ons­sit­zun­gen mit Bun­des­rä­tin Do­ris Leuthard teil und ist be­ein­druckt von de­ren Dos­sier­fes­tig­keit. Oft ist nur we­nig Zeit, um auf die Fra­gen der Par­la­men­ta­ri­er zu re­agie­ren, und zwi­schen Kath­rin Föh­se und Do­ris Leuthard reicht ein Blick, um sich zu ver­stän­di­gen.

Es kommt jetzt vor, dass Män­ner ihr das Herz aus­schüt­ten. Frü­her, als Mann, hat­te sie mit an­de­ren Män­nern nie die­se per­sön­li­che Ebe­ne er­reicht.

Im­mer öf­ter er­tappt sie sich da­bei, wie sie das Frau­sein ge­niesst. Sie hat jetzt viel we­ni­ger Mü­he, Schwä­che zu­zu­ge­ben. Zu sa­gen: Das weiss ich nicht. Ei­nen Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen. Frü­her dach­te sie: Was den­ken die an­de­ren? Wenn ich das nicht schaf­fe, bin ich dann ei­ne Pfei­fe?

Frau­en, lernt sie, lä­cheln sich auch mal an, wenn sie sich auf der Stras­se be­geg­nen.

Ein­mal fin­det sie am Ti­cket­au­to­ma­ten den Knopf nicht gleich, da steht schon ein Frem­der ne­ben ihr und fragt: «Kann ich Ih­nen hel­fen?» Es scheint plötz­lich in Ord­nung, hilfs­be­dürf­tig zu sein. Gleich­zei­tig

scheint sie auch hilfs­be­dürf­ti­ger zu wir­ken. Wei­cher, wär­mer, nach­gie­bi­ger scheint ihr das Frau­en­le­ben. Wie ei­ne Wohl­fühl­oa­se, manch­mal.

Die al­ten Freun­de blei­ben, neue kom­men hin­zu, vor al­lem Frau­en. Und plötz­lich lau­fen die Ge­sprä­che in ei­ne ganz an­de­re Rich­tung. All die Sor­gen und Nö­te rund um das The­ma Kin­der – als Mann hat sie die gar nicht wahr­ge­nom­men, im All­tag, in der Kar­rie­re­pla­nung. Sie be­kommt nun Kla­gen zu hö­ren, die mit «ty­pisch Mann» an­fan­gen oder en­den.

Es sind die klei­nen Din­ge, die sich ver­än­dern. Und na­tür­lich kann sie nie sicher sein, dass es wirk­lich am Frau­sein liegt, denn die ex­akt glei­che Si­tua­ti­on hat sie als Mann ja nicht er­lebt. Aber über die Jah­re sieht sie Mus­ter, die kaum dem Zu­fall ge­schul­det sein kön­nen.

Sie steht auf Frau­en, dar­an hat sich nichts ge­än­dert durch den Wech­sel. Das be­deu­tet: Sie ist nun les­bisch. Wenn Män­ner mit ihr flir­ten, be­rührt sie das auf ei­gen­ar­ti­ge Wei­se.

Im Bü­ro ein paar Tü­ren wei­ter ar­bei­tet ei­ne Kol­le­gin, ein paar Jah­re jün­ger, zier­lich, schwar­ze Haa­re, die viel ko­piert. Ein­mal be­geg­nen sie sich mor­gens auf dem Weg zur Ar­beit, wäh­rend es reg­net, und Kath­rin Föh­se hält ihr den Schirm über den Kopf. «Re­ gen macht schön», sagt sie, «du hast es nicht nö­tig, ich schon.» Dann wie­der ho­len sie zur sel­ben Zeit die Post ab, das Fach der Kol­le­gin liegt un­ter ih­rem, nun kennt sie den Na­men: Aka­ne, ein ja­pa­ni­scher Vor­na­me. Sie ver­ab­re­den sich zum Mit­tag­es­sen, ein ers­tes Da­te. Kath­rin Föh­se er­wähnt, dass sie die letz­ten zehn Jah­re mit ei­ner Frau zu­sam­men war. Was sie nicht sagt: dass sie ein Mann war.

32 Jah­re ei­nes Le­bens las­sen sich nicht ver­heim­li­chen, denkt sie. Ir­gend­wann wird Aka­ne fra­gen: «Wie war das da­mals, als du ein klei­nes Mäd­chen warst?» Und dann wird sie lü­gen müs­sen, denn sie war nie ein klei­nes Mäd­chen. Ein Di­lem­ma, vor dem sie im­mer steht, wenn sie je­man­dem na­he­kommt. Aka­ne soll al­les wis­sen. Weil Kath­rin Föh­se sich vor­stel­len kann, mit ihr durchs Le­ben zu ge­hen.

Aber Föh­se un­ter­schätzt die Wir­kung, die die­se In­for­ma­ti­on auf je­man­den hat, der voll­kom­men un­vor­be­rei­tet ist. Sie spa­zie­ren an der Aa­re ent­lang, Aka­ne kann nicht glau­ben, was sie hört, und sie wird es auch fort­an nicht mehr ver­ges­sen kön­nen. Nie­mals mehr wird da nur Kath­rin sein, son­dern im­mer auch Mar­tin. War­um willst du schon wie­der Fleisch es­sen? Musst du stän­dig Zei­tung le­sen? Sie wer­den ein Paar, aber in den acht Jah­ren, die sie zu­sam­men sind, kämpft Aka­ne im­mer auch ein biss­chen ge­gen Mar­tin.

Gleich­zei­tig schätzt Aka­ne Mar­tin. Er ist der Grund da­für, dass Kath­rin die Weib­lich­keit wie ei­ne kom­pli­zier­te Spra­che über die Jah­re ler­nen muss­te und sie nun bes­ser be­herrscht als al­le an­de­ren. Wie ein über­an­ge­pass­ter Mi­grant. Wel­che Far­ben ste­hen mir? Kath­rin hat sich oft be­ra­ten las­sen. Pas­sen­de Ohr­rin­ge zum Bu­si­nes­sout­fit? Sie kennt die rich­ti­gen Bou­ti­quen. Aka­ne in­ter­es­siert sich nicht für Mo­de, Schmuck oder Ma­ke­up, und Kath­rin fühlt sich her­aus­ge­for­dert, das zu än­dern. «Wir ha­ben dann an­ge­fan­gen, an dei­nem Stil zu ar­bei­ten», wird sie spä­ter mit ei­nem Schmun­zeln sa­gen, «dich muss­te man in die Lä­den prü­geln.»

Aka­ne ist pro­mo­vier­te Che­mi­ke­rin, und wenn sie abends vom La­bor er­zählt, sagt Kath­rin manch­mal: «Wenn du ein Mann wärst, wä­re das an­ders ge­lau­fen.» Dann hät­te ihr Chef bes­ser zu­ge­hört. Er hät­te nicht den Rat des neu­en Kol­le­gen ein­ge­holt, ob­wohl Aka­ne sich bes­ser aus­kennt.

Aka­ne be­ginnt schliess­lich, über ihr ei­ge­nes Frau­en­bild nach­zu­den­ken. Sie er­kennt, wie stark sie ver­in­ner­licht hat, sich zu kon­trol­lie­ren, sich nicht auf­zu­re­gen, um ja nicht hys­te­risch zu wir­ken. In Japan, wo sie Tei­le ih­rer Ju­gend ver­bracht hat, sind die Rol­len­bil­der noch star­rer.

Kath­rin Föh­se ist völ­lig an­ders. Gera­de­her­aus, schlag­fer­tig. Nach ei­nem Jahr im Bun­des­amt für Ener­gie wird Kath­rin Föh­se zur Sek­ti­ons­che­fin be­för­dert, sie ver­ant­wor­tet jetzt das ge­sam­te Ver­trags­ und Be­schaf­fungs­we­sen des Am­tes, das Per­so­nal­recht, das all­ge­mei­ne Ener­gie­recht, die Strom­ und Gas­markt­re­gu­lie­rung so­wie die Ver­hand­lun­gen mit der EU über ein Ab­kom­men im Ener­gie­be­reich. Im März 2011 kommt es zur Nu­kle­ar­ka­ta­stro­phe in Fu­kus­hi­ma, und sie ge­rät als fe­der­füh­ren­de Ju­ris­tin in ei­nes der gröss­ten Ge­setz­ge­bungs­pro­jek­te des Bun­des der letz­ten Jahr­zehn­te: die Ener­gie­stra­te­gie 2050.

Es sind gu­te Zei­ten für Frau­en im Be­rufs­le­ben. Der Fe­mi­nis­mus er­lebt ei­ne neue Wel­le, in den Me­di­en wird über Chan­cen­gleich­heit dis­ku­tiert, und Frau­en­för­de­rung gilt an vie­len Or­ten als chic. In den Chef­eta­gen sit­zen äl­te­re Män­ner, und um das aus­zu­glei­chen, wer­den – vor al­lem jün­ge­re – Frau­en von unten nach­ge­zo­gen.

Trotz­dem ent­schei­det sie mit vier­zig, sie will wie­der als An­wäl­tin ar­bei­ten. Die Ener­gie­stra­te­gie 2050 ist so gut wie aus­ge­ar­bei­tet, und nach sechs Jah­ren in der Ver­wal­tung reizt sie wie­der die Pri­vat­wirt­schaft. Vom Bun­des­amt für Ener­gie wech­selt sie zur re­nom­mier­ten Wirt­schafts­kanz­lei Kel­ler­hals Car­rard.

Dann er­hält sie ei­nen Ruf an die Hoch­schu­le St. Gal­len für ei­ne As­sis­tenz­pro­fes­sur in Ver­wal­tungs­recht. Ein pres­ti­ge­träch­ti­ges Amt für ei­ne Ju­ris­tin, sie kann es par­al­lel zu ih­rer Tä­tig­keit in der Kanz­lei aus­üben, wo sie das Pen­sum re­du­ziert.

Sie fragt sich öf­ter: Kann stim­mig sein, was Kraft kos­tet?

Sie tritt der FDP bei. Sie kann sich vor­stel­len, ein po­li­ti­sches Amt zu be­klei­den, viel­leicht will sie spä­ter noch Rich­te­rin wer­den, und da­für muss man fak­tisch Mit­glied ei­ner Par­tei sein. 2017 rü­cken die Gross­rats­wah­len nä­her, und der Wahl­kampf­lei­ter Ober­land fragt sie als Kan­di­da­tin an.

Sie hat jetzt ei­ne ge­wis­se Be­kannt­heit er­reicht. Sie hält an der HSG Vor­le­sun­gen vor Hun­der­ten von Stu­die­ren­den, ar­bei­tet für die zweit­gröss­te Wirt­schafts­kanz­lei des Lan­des, und bald wird sie von den ers­ten Wahl­pla­ka­ten her­un­ter­lä­cheln. Sie ist vier­zig, und es geht im­mer wei­ter hin­auf.

Ei­ne An­fra­ge, ob sie sich vor­stel­len kön­ne, Mit­glied in ei­nem Auf­sichts­gre­mi­um des Bun­des zu wer­den, des­sen Mit­glie­der vom Bun­des­rat er­nannt wer­den.

Ei­ne An­fra­ge, ob sie in­ter­es­siert sei an ei­nem Man­dat im Ver­wal­tungs­rat ei­nes Ener­gie­un­ter­neh­mens.

Ein An­ruf ei­nes Head­hun­ters, es geht um ei­ne Stel­le als Vi­ze­di­rek­to­rin in ei­nem Bun­des­amt.

In die­ser Zeit be­ob­ach­tet sie im Zug manch­mal die Gro­sis mit ih­ren lan­gen Fal­ten­rö­cken und ih­ren grau­en Me­phis­to-schu­hen, den Per­len­ket­ten und der Dau­er­wel­le, und sie denkt: Wer­de ich ir­gend­wann so aus­se­hen? Al­tern als Frau scheint ihr an­spruchs­voll. Erst recht mit ih­ren Vor­aus­set­zun­gen. Vie­le Jah­re lang hat sich al­les leicht an­ge­fühlt, rich­tig und na­tür­lich. Nun spürt sie manch­mal die­se klei­ne An­stren­gung. Nach end­lo­sen Vor­le­sun­gen, in de­nen sie ih­re Hal­tung und ih­re Stim­me kon­trol­lie­ren muss. Bei Vor­trä­gen, wenn Hun­der­te Au­gen­paa­re sie mus­tern. Es sind die an­de­ren Frau­en, de­ren Bli­cke sie am meis­ten fürch­tet, sie sind am kri­tischs­ten. Dann sehnt sie sich da­nach heim­zu­kom­men, durch­zu­at­men, sich ge­hen zu las­sen.

Be­sitzt sie wirk­lich die Ener­gie durch­zu­hal­ten? Die Ju­ris­te­rei ist ei­ne klei­ne Welt, und Föh­se ver­deckt ih­re Ver­gan­gen­heit nicht um je­den Preis. Wer ein biss­chen re­cher­chiert, mit al­ten Stu­di­en­kol­le­gen spricht oder auf ih­re Tä­tig­keit am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt stösst, der fin­det her­aus, dass sie einst Mar­tin Föh­se hiess. Was, wenn ei­ner Spass dar­an hat, es her­um­zu­er­zäh­len? Ir­gend­wo tief drin­nen sitzt noch im­mer die Angst, dass die Ver­gan­gen­heit sie ein­ho­len könn­te.

Sie fragt sich jetzt öf­ter: Kann stim­mig sein, was Kraft kos­tet?

Sie be­spricht ih­re Zwei­fel mit Aka­ne. Sie wagt erst­mals den Ge­dan­ken: Wä­re es ei­ne Mög­lich­keit, wie­der als Mann zu le­ben? Aka­ne fin­det es be­den­kens­wert. Viel­leicht wür­de es der Be­zie­hung so­gar gut­tun, wä­re da nur noch Mar­tin.

Für das Ver­wal­tungs­rats­man­dat im Ener­gie­un­ter­neh­men müss­te Kath­rin Föh­se tie­fer in der Re­gi­on ver­wur­zelt sein, stellt sich her­aus. Aber dass man über­haupt an sie ge­dacht hat – da ist sie sicher –, hat sie auch dem Um­stand zu ver­dan­ken, dass sie ei­ne Frau ist. In dem Gre­mi­um sit­zen acht Män­ner und ei­ne Frau.

Sie wird ein­ge­la­den zum As­sess­ment für den Job als Vi­ze­di­rek­to­rin des Bun­des­amts. In die­ser ex­po­nier­ten Po­si­ti­on kann man sich ei­ne reis­se­ri­sche Schlag­zei­le nicht leis­ten, denkt sie und legt ih­re Plä­ne of­fen: «Ich war frü­her ein Mann und will wie­der ei­ner wer­den.» Sie durch­läuft das As­sess­ment und wird für den Job emp­foh­len. Dann aber er­hält sie ei­ne Ab­sa­ge. Die zwei­te Kan­di­da­tin wird ein­ge­stellt mit der Be­grün­dung, bei glei­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen wer­de die Frau ge­nom­men und sie wer­de ja dann kei­ne mehr sein.

Oh­ne Fra­ge, für ih­re be­ruf­li­che Lauf­bahn wä­re es heu­te bes­ser, ei­ne Frau zu blei­ben. So wie es vor zehn Jah­ren bes­ser ge­we­sen wä­re, ein Mann zu blei­ben. Aber ih­re Ent­schei­dung steht fest. Im Herbst 2017 be­ginnt sie, Tes­to­ste­ron zu sprit­zen, die ers­te Vor­be­rei­tung auf den Wech­sel zum Mann. Sie en­ga­giert ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­te­rin, um an der HSG und in der Kanz­lei an­zu­kün­di­gen, dass sie ab dem Früh­lings­se­mes­ter 2018 Pro­fes­sor Dr. Mar­tin Föh­se heis­sen wird. Sie weiss, kei­ne Law School kann es sich leis­ten, je­man­den raus­zu­wer­fen, weil er sein Ge­schlecht wech­selt. Trotz­dem ist sie ge­rührt, wie die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen re­agie­ren. Ei­ner ver­traut ihr sei­ne Vor­le­sung für das kom­men­de Se­mes­ter an, ei­ne Pro­fes­so­rin und der De­kan küm­mern sich per­sön­lich, die Kom­mu­ni­ka­ti­on nach aussen wird auf­ge­gleist.

Die Kanz­lei macht ihr mehr Sor­gen, nach der schlech­ten Er­fah­rung vor zehn Jah­ren, als sie ih­ren Job ver­lor. Sie ver­ein­bart ein Ge­spräch mit dem Ma­na­ging Part­ner und er­öff­net ihm, was sie vor­hat, dass sie bald wie­der Mar­tin Föh­se sein wird. Als sie al­les ge­sagt hat, schaut er sie an und stellt nur ei­ne Fra­ge: «Wie kön­nen wir dich un­ter­stüt­zen?» Auch hier ver­läuft der Wech­sel pro­blem­los, die Kli­en­ten blei­ben, und neue kom­men hin­zu.

An ei­nem Som­mer­nach­mit­tag 2018 be­tritt Mar­tin Föh­se, Ak­ten­ta­sche un­ter dem Arm, ein Zürcher Ca­fé. Ei­ne St­un­de hat er ein­ge­plant für ein Ge­spräch mit dem «Ma­ga­zin», an­schlies­send muss er wei­ter nach St. Gal­len an die HSG, ein Apé­ro, an dem er sich bli­cken las­sen soll­te.

Er ist nun seit fünf Mo­na­ten wie­der Mar­tin Föh­se und sieht mit den kur­zen, blon­den Haa­ren und den schwar­zen Bu­da­pes­ter Schu­hen auch zu 100 Pro­zent so aus. Wenn man ihn fragt, wie es sich an­fühlt, dann lä­chelt er und sagt: «Gut, es fühlt sich gut an.» Man könn­te nun auf die Idee kom­men, dass al­les ein Irr­tum war. Dass sei­ne Zeit als Frau ein Feh­ler war, den

Für die be­ruf­li­che Lauf­bahn wä­re es heu­te bes­ser, ei­ne Frau zu blei­ben.

er er­kannt und be­ho­ben hat. Aber das ist nicht der Fall. «Die letz­ten zehn Jah­re wa­ren ei­ne der­mas­sen be­rei­chern­de und schö­ne Zeit für mich», sagt er. «Ei­ne tol­le Er­fah­rung, die ich um kei­nen Preis mis­sen will. Ich sa­ge das in dem Be­wusst­sein, dass man da­zu neigt, sich Din­ge im Nach­hin­ein schön­zu­re­den.»

Spä­ter, beim Be­zah­len, holt er ein weis­ses Porte­mon­naie aus der Ta­sche. Das «Mo­no­gram Mul­ti­co­lo­re»-de­sign mit den klei­nen far­bi­gen Lo­gos, ent­wor­fen vom ja­pa­ni­schen Star­künst­ler Ta­ka­shi Mu­ra­ka­mi für Lou­is Vuit­ton. Ein Frau­e­nac­ces­soire, ein­deu­tig. Aber es reut ihn, es aus­zu­sor­tie­ren.

Und es scheint ihm auch nicht nö­tig. Kürz­lich stand er nach ei­ner Ta­gung mit ei­nem an­de­ren Teil­neh­mer im Tram und lob­te eu­pho­risch die Vor­zü­ge des Gas­herds. Plötz­lich dach­te er: «Ist es über­haupt an­ge­mes­sen, dass ich mich als Mann der­art fürs Ko­chen be­geis­te­re?» Aber ja, völ­lig an­ge­mes­sen, dach­te er dann. War­um soll ich Bier trin­ken, wenn es mir nicht schmeckt? War­um so tun, als hät­te ich im­mer al­les im Griff, wenn das nicht der Fall ist? War­um auf mein Kaf­fee-und-ku­chen-ri­tu­al ver­zich­ten? «Die zehn Jah­re als Frau ha­ben mir ge­hol­fen, mich mit mei­nen weib­li­chen Sei­ten zu ver­söh­nen», sagt er. Vie­les, wo­zu er sich frü­her ge­nö­tigt fühl­te, lässt er heu­te ein­fach blei­ben.

In letz­ter Zeit denkt er oft: Mei­ne Er­fah­run­gen wür­den vie­len gut­tun. Frau­en wie Män­nern.

Die Ka­der­jobs zum Bei­spiel, die er nicht be­kom­men hat. Es scheint ihm, als ob manch ei­ner noch nicht ganz ver­stan­den hat, wo­rin der Mehr­wert ei­ner Frau in ei­nem Gre­mi­um lie­gen kann, was der Sinn von Di­ver­si­ty ist. Ge­le­gent­lich kommt es ihm so vor, als ob ein­fach un­ter öf­fent­li­chem Druck ei­ne Quo­te er­reicht wer­den soll, wo­durch das «Frau­sein» auf ein for­ma­les Kri­te­ri­um re­du­ziert wird, wel­ches ne­ben dem pas­sen­den Ab­schluss mit­zu­brin­gen ist. Will man die Frau ein­fach nur da­bei­ha­ben, weil sie ei­ne Frau ist? Oder weil sie an­de­re Er­fah­rungs­wel­ten, ei­nen an­de­ren Blick­win­kel ein­bringt?

Kürz­lich kam ei­ne Ein­la­dung zum Tref­fen der Fdp-frau­en, als Kath­rin hat­te er re­gel­mäs­sig teil­ge­nom­men, die The­men in­ter­es­sie­ren ihn wei­ter­hin, al­so frag­te er: «Darf ich noch kom­men?» Er durf­te.

Die pau­scha­le Be­haup­tung, als Frau sei man in der Be­rufs­welt im­mer be­nach­tei­ligt, scheint Mar­tin Föh­se heu­te manch­mal et­was lar­mo­yant. Er selbst hat als Frau Kar­rie­re ge­macht. Mög­li­cher­wei­se pro­fi­tier­te er da­bei von sei­ner So­zia­li­sie­rung als Mann. Aber er hat durch­aus auch im­mer wie­der be­ob­ach­tet, wie Kol­le­gin­nen mit ei­nem klei­nen Flirt ei­nen lu­kra­ti­ven Auf­trag, das Ver­trau­en des Chefs oder ei­ne Be­för­de­rung er­lang­ten. Wie sie aus ih­rer Weib­lich­keit Ka­pi­tal schlu­gen. Was er in Ord­nung fin­det, nur dür­fe es nicht ver­ges­sen ge­hen in der Dis­kus­si­on.

Al­ler­dings weiss er auch, wie es sich an­fühlt, nachts in ho­hen Schu­hen und Abend­gar­de­ro­be al­lein an ei­ner Grup­pe be­trun­ke­ner Män­ner vor­bei­zu­ge­hen. Wie un­an­ge­nehm es ist, bei ei­ner Ta­gung von ei­nem Ar­beits­kol­le­gen aufs Ho­tel­zim­mer ein­ge­la­den zu wer­den. Wie gross die Hür­de ist, ei­ne Sze­ne zu ma­chen, wenn ein ehe­ma­li­ger Re­gie­rungs­rat ei­nem bei ei­nem Apé­ro den Arm um die Tail­le legt. Vor al­len an­de­ren. Wie we­nig man dann al­le Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen möch­te, um nach­her als zim­per­lich oder zi­ckig zu gel­ten.

Dann wie­der­um gibt es, nun als Mar­tin Föh­se, Ve­rän­de­run­gen, mit de­nen er nie ge­rech­net hat. Mit Kol­le­gin­nen, mit de­nen er frü­her zu Mit­tag ass, stellt sich jetzt die Fra­ge, ob es den An­schein macht, man ha­be ei­ne Af­fä­re. Es könn­te Ge­rüch­te ge­ben.

Ein Mit­tag im Au­gust, er ist zu Be­such bei Ani­ta, sei­ner Ex-freun­din. Der Tisch im Gar­ten ist ge­deckt, zwi­schen den Äs­ten des Ap­fel­baums klemmt ein Son­nen­schirm. «Schau mal, der Schirm da oben», sagt Fe­lix, Ani­tas drei­jäh­ri­ger Sohn, wäh­rend er in sei­nen Spa­ghet­ti sto­chert, «bricht der nicht den Ast ab?» – «Und wenn, dann gibts Ap­fel­mus», sagt Mar­tin Föh­se, und Fe­lix ki­chert. Ani­ta und ihr Mann ha­ben Fe­lix vor ei­nem hal­ben Jahr er­klärt, dass sei­ne Got­te nun ein Göt­ti ist und nicht mehr Kath­rin heisst, son­dern Mar­tin.

Ani­ta schöpft Sa­lat, Mar­tin Föh­se hat ei­ne ju­ris­ti­sche Fach­fra­ge, die er mit ihr be­spre­chen möch­te, sie ist eben­falls An­wäl­tin, dann hilft er Fe­lix, das Wub­b­le Bub­b­le auf­zu­pum­pen, ei­nen kleb­ri­gen, gros­sen Ball.

Fe­lix springt mit dem Wub­b­le Bub­b­le über die Wie­se, vor­bei an den Jo­han­nis­bee­ren und Kür­bis­sen, die Ani­ta ge­pflanzt hat, und Mar­tin Föh­se schaut ihm nach. Manch­mal über­kom­men ihn Zwei­fel. Macht er ei­nen Feh­ler? Wird er es be­reu­en, sein Le­ben als Frau ver­mis­sen? Da­mals, mit 32, als er sich zum ers­ten Wech­sel ent­schied, war er sehr un­glück­lich, sah kei­nen an­de­ren Weg. Das ist jetzt an­ders. Wie­der ein Mann zu sein, fühlt sich leicht an, ein biss­chen wie nach Hau­se kom­men nach ei­nem tol­len Ur­laub. Er wird mit Fe­lix Fussball spie­len und sich viel­leicht wie­der ei­nen Töff kau­fen. Ani­ta, die ihn kennt wie kaum ei­ne an­de­re Per­son, sagt: «Ich glau­be, du kannst in bei­den Rol­len glück­lich sein. Als Mann und als Frau.» Sie denkt kurz nach, dann sagt sie: «Aber die Zeit zwi­schen dreis­sig und vier­zig ist su­per, um ei­ne Frau zu sein – da hast du die rich­ti­ge Pha­se er­wischt.»

Kürz­lich hat er sein zwei­tes von drei Göt­tik­in­dern be­sucht. Des­sen äl­te­rer Bru­der, der sechs ist, um­arm­te ihn und frag­te: «Was bist du ei­gent­lich – ei­ne Frau oder ein Mann?» Mar­tin Föh­se woll­te ei­ne ehr­li­che Ant­wort ge­ben, des­halb dach­te er nach und sag­te schliess­lich: «Weisst du, ganz sicher bin ich mir da auch nicht.»

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