Für die Ira­ner wird die Hoff­nung, die Mi­se­re ha­be ein En­de, im­mer wie­der zu­nich­te ge­macht. Jetzt kom­men er­neut schwe­re Zei­ten auf sie zu. VON PAR­SUA BA­SHI

Geht das Elend schon wie­der von vorn los? Auf die ira­ni­sche Be­völ­ke­rung kommt ei­ne neue schwe­re Zeit zu – zum x­ten Mal.

Das Magazin - - N° 38 — 22. September 2018 - Text par­sua ba­shi

Es ist Di­ens­tag­abend, 8. Mai, nachts halb elf, ich sit­ze vor dem Com­pu­ter und ver­su­che mit Mü­he, das schwa­che ira­ni­sche In­ter­net und die Blo­cker zum glo­ba­len Bbc-netz­werk zu durch­drin­gen, um end­lich zu er­fah­ren, was Do­nald Trump nach Dut­zen­den von Droh­re­den vol­ler An­spie­lun­gen auf das «ka­ta­stro­pha­le», von Ba­rack Oba­ma un­ter­zeich­ne­te Ab­kom­men 5+1 (mit den USA, Chi­na, Gross­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Russ­land und Deutsch­land) nun tat­säch­lich macht. Mei­ne 28­jäh­ri­ge Toch­ter, die an die­sem Abend bei mir zu Be­such ist, sieht mir über die Schul­ter, ge­nau­so ge­spannt wie ich. Ich über­le­ge, was für ei­nen Ein­fluss der Rück­zug der USA aus dem Ab­kom­men auf un­ser Le­ben ha­ben wird. Seit Ta­gen er­le­ben wir star­ke Schwan­kun­gen auf dem Ar­beits­markt und der Wäh­rungs­kur­se, was er­fah­rungs­ge­mäss wei­ter in­fla­tio­när stei­gen­de Prei­se von Woh­nun­gen, Le­bens­mit­teln, Me­di­ka­men­ten, Ben­zin und an­de­rem nach sich zieht.

Mei­ne Toch­ter tippt mir auf die Schul­ter, zeigt auf den Bild­schirm: Der Usprä­si­dent be­tritt das Po­di­um. Er ver­kün­det den Aus­stieg der USA aus dem Atom­ab­kom­men. Nennt den Iran er­neut ei­ne «Be­dro­hung für die Welt» und be­zieht sich da­bei auf das ira­ni­sche Ra­ke­ten­pro­gramm, die Wei­ter­ga­be der Ra­ke­ten an Ak­teu­re wie die His­bol­lah und spricht von ira­ni­schen He­ge­mo­nie­be­stre­bun­gen in der Re­gi­on. Mit grim­mi­ger Mie­ne fügt er hin­zu, der Iran müs­se nun mit «sehr schwe­ren» Wirt­schafts­sank­tio­nen rech­nen.

Mei­ne Toch­ter sagt: «Na su­per! Als ob in die­sem Land frü­her al­les ganz ea­sy ge­we­sen wä­re. In Zu­kunft wirds al­so noch här­ter.»

Auf ei­ner Pres­se­kon­fe­renz kurz zu­vor hat­te Trump das Atom­ab­kom­men mit dem Iran er­neut kri­ti­siert und sich da­bei auf ei­ne Pres­se­kon­fe­renz des is­rae­li­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu be­zo­gen. Die­ser be­haup­te­te, der Iran ha­be die In­ter­na­tio­na­le Atom­ener­gie­agen­tur (IAEA) und die ge­sam­te Welt an­ge­lo­gen und ar­bei­te am Bau der Atom­bom­be, dies las­se sich mit zahl­rei­chen ge­hei­men Do­ku­men­ten be­le­gen.

Trump nennt den Iran ei­nen «Lüg­ner». Er sagt, das Atom­ab­kom­men ver­schleie­re Te­he­rans wah­re Ab­sich­ten. Dann geht er hin­ter sei­nen Tisch und krit­zelt schnell, in sei­ner ty­pi­schen Ges­tik, schar­fe Li­ni­en aufs Pa­pier. Da­nach nimmt er die Map­pe, spitzt die Lip­pen zur Knos­pe, dreht ei­nen Kreis nach links und ei­nen nach rechts, so­dass es je­der auf der Pres­se­kon­fe­renz sieht, legt sei­ne Zun­ge zwi­schen die Zäh­ne, das «th» von «thank you» platzt laut in sei­nem Mund.

Den Rest des Bbc-be­richts ver­fol­ge ich nicht mehr, weil ich in die­sem Mo­ment, da der blon­de Mann, mehr als 10 000 Ki­lo­me­ter von uns ent­fernt und mit 8,5 St­un­den Zeit­un­ter­schied, den letz­ten Buch­sta­ben sei­nes Na­mens aufs Pa­pier setzt, nur noch in Sor­ge an die fra­gi­le Zu­kunft mei­ner Toch­ter den­ken kann, an die Zu­kunft mei­ner Mut­ter, an mei­ne ei­ge­ne, an die Zu­kunft der Nach­barn, mei­ner Lands­leu­te, mei­ner Hei­mat, die durch die Be­we­gung die­ses Stif­tes über das Blatt wie­der ein­mal schick­sal­haf­ten Ve­rän­de­run­gen un­ter­wor­fen wird.

Ich be­mer­ke nicht das Schwei­gen mei­ner Toch­ter, die, statt Kom­men­ta­re ab­zu­ge­ben, auf der Couch liegt und auf ih­rem Han­dy liest, ir­gend­et­was, das viel­leicht nichts mit Trump oder dem Iran zu tun hat, denn sie lä­chelt, und das blaue Licht ih­res Han­dys fun­kelt in ih­ren Au­gen wie ein Stern.

Für mich ist es nichts Neu­es, dass ein oder meh­re­re Län­der uns den Krieg er­klä­ren oder uns po­li­tisch oder wirt­schaft­lich in die En­ge trei­ben. Aber so­gar in der Zeit vor­her – be­vor die Wirt­schafts­sank­tio­nen mit Zu­stan­de­kom­men des Atom­ab­kom­mens im Ju­li 2015 ge­gen uns aus­ge­setzt wur­den –, als der Iran noch un­ter den strengs­ten in­ter­na­tio­na­len Ein­schrän­kun­gen litt, war ich nicht der­mas­sen frus­triert wie jetzt.

Der Iran war nach der Re­vo­lu­ti­on von 1979 prak­tisch im­mer Sank­tio­nen der Ver­ei­nig­ten Staa­ten un­ter­wor­fen. Be­reits seit 1981, un­mit­tel­bar nach En­de der Be­sat­zung der Us-bot­schaft in Te­he­ran durch ra­di­ka­le Stu­den­ten, «An­hän­ger der Li­nie Imam Khomei­nis», steht der Iran un­ter Em­bar­go.

Die ira­ni­sche Luft­fahrt­in­dus­trie wur­de von Mo­ham­med Re­za Pah­le­wi, dem letz­ten Schah, und den USA ge­kauft, und ver­al­te­te nach dem Ab­bruch der Be­zie­hun­gen schnell, und die gi­gan­ti­schen Gel­der aus dem Iran auf ame­ri­ka­ni­schen Bank­kon­ten, die noch aus der Pah­le­wi-ära stam­men, sind bis heu­te dort blo­ckiert.

In all die­sen Jah­ren ha­ben wir mit den Be­las­tun­gen durch die In­fla­ti­on und gleich­zei­tig mit der Pro­pa­gan­da ver­schie­de­ner Re­gie­rungs­krei­se ge­kämpft, mit der Pro­pa­gan­da von Frei­tags­pre­di­gern, von Kle­ri­kern oder Nicht­kle­ri­kern in Ra­dio- und Fern­seh-

Ich kann nur noch in Sor­ge an die fra­gi­le Zu­kunft mei­ner Toch­ter den­ken, an die mei­ner Mut­ter, an mei­ne ei­ge­ne, an die Zu­kunft mei­ner Nach­barn, mei­ner Lands­leu­te.

pro­gram­men bis zur Pro­pa­gan­da von Par­la­ments­prä­si­dent, Prä­si­dent und dem geist­li­chen Füh­rer selbst. Sie al­le pre­di­gen uns seit­dem, ge­gen Im­pe­ria­lis­mus und Zio­nis­mus in der Welt Wi­der­stand zu leis­ten und un­se­re Ent­beh­run­gen ge­dul­dig hin­zu­neh­men. Aber kürz­lich, als der sehr al­te Aya­tol­lah Ah­med Jan­na­ti in sei­ner Frei­tags­pre­digt die Te­he­ra­ner auf­for­der­te, nur zwei statt drei Mahl­zei­ten am Tag zu sich zu neh­men – zu viel Fleisch sei der Ge­sund­heit oh­ne­hin nicht zu­träg­lich –, da wur­den wir sehr wü­tend. Weil wir, das Volk, mit­an­se­hen, wie der Reich­tum un­se­res Lan­des in den Ta­schen der sy­ri­schen Re­gie­rung und der His­bol­lah im Li­ba­non lan­det, da­mit sie da­von Waf­fen kau­fen – wäh­rend die Men­schen im Iran in im­mer tie­fe­re Ar­mut ge­drängt und ih­re Men­schen­rech­te mit Füs­sen ge­tre­ten wer­den. Weil wir se­hen, wie je­des Auf­be­geh­ren als Ver­stoss ge­gen die öf­fent­li­che Mei­nung, als Hand­lung ge­gen die na­tio­na­le Si­cher­heit ge­ahn­det wird und zu Exil oder so­gar zum Tod füh­ren kann.

Ich glau­be, den Aus­schlag für die Re­vo­lu­ti­on 1979 gab, an­ders als es das Re­gime heu­te be­haup­tet, we­der ein ideo­lo­gi­scher noch ein re­li­giö­ser Grund – ab­ge­se­hen vom lang ge­heg­ten Wunsch, sich vom Joch des Dik­ta­tors Schah zu be­frei­en: Das Mo­tiv wur­zel­te in der tie­fen Un­zu­frie­den­heit der Be­völ­ke­rung, be­dingt durch die enor­men Klas­sen­un­ter­schie­de. Wir Ira­ner er­sehn­ten uns in den ver­gan­ge­nen vier­zig Jah­ren wie der Rest der Mensch­heit ein Le­ben in psy­chi­scher und öko­no­mi­scher Si­cher­heit. Und die un­ge­heu­re Wut und die Angst, die je­der Ein­zel­ne im Iran mit sich her­um­schleppt, sind das Er­geb­nis eben­je­ner Frus­tra­ti­on, sich vier­zig Jah­re ver­geb­lich dar­um be­müht zu ha­ben. Vier­zig Jah­re ge­gen zwei re­pres­si­ve Mäch­te an­kämp­fen zu müs­sen: ge­gen den ira­ni­schen Staat und je­ne aus­län­di­schen Staa­ten, die der ira­ni­schen Re­gie­rung ent­ge­gen­tre­ten. Die­se sind der Grund da­für, war­um un­se­re Be­mü­hun­gen bis heu­te kei­ne Früch­te ge­tra­gen ha­ben.

Der po­li­ti­sche Kampf zwi­schen den an­geb­li­chen Su­per­fein­den und die Zer­stö­rung und Aus­beu­tung der na­tio­na­len Ver­mö­gens­wer­te ha­ben die Be­völ­ke­rung zer­mürbt und zu ei­ner exis­ten­zi­el­len Ver­zweif­lung ge­führt, bei­na­he als wä­re die­se Ge­sell­schaft ein ein­zi­ger er­schöpf­ter Kör­per; dem Re­gime wie­der­um dien­ten die äusseren Fein­de als stän­di­ge Recht­fer­ti­gung, je­de ge­walt­lo­se zi­vi­le Be­we­gung in­nert kür­zes­ter Zeit nie­der­zu­knüp­peln, was die Herr­schaft der Mul­lahs lang­fris­tig sta­bi­li­siert hat.

Wie sonst kann es sein, dass uns von bei­den Streit­par­tei­en glei­cher­mas­sen Scha­den zu­ge­fügt wird? Wä­re es, wie die Staats­me­di­en be­haup­ten, dass das Volk für sei­nen ma­te­ri­el­len Wohl­stand und sei­ne geis­ti­ge Er­lö­sung uner­müd­lich ge­gen sei­ne wich­tigs­ten Fein­de, die USA und de­ren Haupt­ver­bün­de­ten Is­ra­el, an­kämpft – hät­te es dann als der ei­gent­li­che «Be­sit­zer des Lan­des» nicht längst von die­sem Streit in ir­gend­ei­ner Wei­se pro­fi­tiert?

Doch von all den Feind­schaf­ten und der ge­schür­ten Usa-pho­bie hat das Volk gar nichts! Nur Ar­mut und Ar­beits­lo­sig­keit, ei­ne ver­nich­te­te In­dus­trie und Land­wirt­schaft, ei­nen to­ta­len Ex­port­stopp von Öl und an­de­rer Pro­duk­te, ex­trem vie­le Dro­gen­ab­hän­gi­ge, kras­se Klas­sen­un­ter­schie­de, die In­e­xis­tenz jeg­li­cher per­sön­li­chen und so­zia­len Frei­heit, ei­ne sich im­mer wei­ter aus­brei­ten­de Kor­rup­ti­on in der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung und Jus­tiz und ei­ne un­glaub­li­che Zahl an Hin­rich­tun­gen po­li­ti­scher Ge­fan­ge­ner und zi­vi­ler Ak­ti­vis­ten so­wie die to­ta­le po­li­ti­sche Iso­la­ti­on des Lan­des – wo­durch wir Ira­ner welt­weit je­de na­tio­na­le Eh­re ein­ge­büsst ha­ben. Kurz: Un­se­re Um­welt ist zer­stört, wir ha­ben kaum noch Strom und kei­ne Luft zum At­men.

Der Satz, den ich ir­gend­wo las, gibt un­se­re Si­tua­ti­on treff­lich wie­der: «Ei­ni­gen sich die Po­li­ti­ker, wer­den sie un­ser Ei­gen­tum steh­len. Strei­ten sie sich, ist un­ser Le­ben in Ge­fahr.»

Aus ei­ge­ner Be­ob­ach­tung kann ich sa­gen, dass die Re­gie­rung die Un­ter­drü­ckung der recht­mäs­si­gen Be­dürf­nis­se der Ge­mein­schaft le­gi­ti­miert, in­dem sie da­für stets das Feind­bild vom «gros­sen Sa­tan» her­an­zieht, wie ihn der Grün­der der Is­la­mi­schen Re­pu­blik, Aya­tol­lah Khomei­ni, einst nann­te. Wie es ge­lang, dies zu ei­nem ef­fek­ti­ven ideo­lo­gi­schen In­stru­ment in den Hän­den des Re­gimes zu ma­chen, da­für braucht man gründ­li­ches his­to­ri­sches Wis­sen, das ich nicht be­sit­ze. Doch ha­be ich im­mer wie­der so­ge­nann­te ein­fa­che Leute ge­fragt, zu­dem An­ge­hö­ri­ge und äl­te­re Freun­de, die sich noch an die Zeit vor und wäh­rend der Re­vo­lu­ti­on er­in­nern: Wann und wo soll un­se­re Feind­schaft mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten an­ge­fan­gen ha­ben?

Mit Khomei­ni be­ginnt der Hass

Doch ich er­hielt kei­ne Ant­wor­ten, die mich über­zeug­ten. Ei­nig war man sich nur in ei­nem Punkt: dass in ers­ter Li­nie der Putsch des Schahs am 19. Au­gust 1953 ge­gen Mo­ham­med Mossa­de­qs Re­gie­rung den Aus­schlag für die dar­auf­fol­gen­de Un­ter­jo­chung des Vol­kes gab, be­werk­stel­ligt mit­hil­fe der CIA. So­wie je­ner Ar­ti­kel, der im Wie­ner Ab­kom­men vom 18. April 1961 von Mo­ham­med Re­za Pah­le­wi als Schah von Per­si­en un­ter­zeich­net wur­de: Ar­ti­kel 31 si­cher­te aus­län­di­schen Be­ra­tern und Di­plo­ma­ten, ein­schliess­lich der Ame­ri­ka­ner, Im­mu­ni­tät zu. Das Par­la­ment ver­ab­schie­de­te die­sen Ar­ti­kel 1964, drei Jah­re spä­ter. Im sel­ben Jahr be­zeich­ne­te Khomei­ni in ei­ner Re­de in Qom mit ex­pli­zi­tem Ver­weis auf die Ame­ri­ka­ner die Un­ter­zeich­nung des in­ter­na­tio­na­len Ver­trags als «Ka­pi­tu­la­ti­on». Die­se Re­de mach­te Khomei­ni der brei­ten Be­völ­ke­rung be­kannt (zu­vor kann­ten ihn nur Geist­li­che und Schah-op­po­si­tio­nel­le).

1964, al­so fünf­zehn Jah­re vor Aus­bruch der Re­vo­lu­ti­on, wand­te sich Khomei­ni in sei­ner Re­de ans Mi­li­tär, an die Par­la­men­ta­ri­er, Geist­li­chen, an die Stu­den­ten und klei­nen Kauf­leu­te, mit je­nen be­rühmt ge­wor­de­nen Sät­zen: «Ame­ri­ka ist schlim­mer als En­g­land, En­g­land ist schlim­mer als Ame­ri­ka, die So­wjet­uni­on ist schlim­mer als al­le an­de­ren, je­de die­ser Na­tio­nen ist schlim­mer als die an­de­re, je­de noch dre­cki­ger. Wir ha­ben es mit dem Bö­sen zu tun. Der Prä­si­dent der USA soll wis­sen, dass er der meist­ge­hass­te Mensch un­se­rer Na­ti­on ist. All un­se­re Nö­te ent­sprin­gen den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. All un­se­re Nö­te ha­ben ih­ren Ur­sprung bei Is­ra­el, denn Is­ra­el ist mit Ame­ri­ka iden­tisch.»

Ge­nau wie Sie viel­leicht ei­ni­ge Au­gen­bli­cke lang bei der Lek­tü­re die­ser Sät­ze ver­wirrt wa­ren, brauch­ten auch wir Ira­ner ei­ni­ge Zeit, um ih­re Be­deu­tung zu er­fas­sen: uns an die fin­di­ge Gram­ma­tik und Lo­gik des Aya­tol­lah zu ge­wöh­nen – wo­bei ich zu­ge­ben muss, dass es uns nie ganz ge­lang.

Und Khomei­ni un­ter­strich am 26. Ok­to­ber des­sel­ben Jah­res noch ein­mal in ei­ner Er­klä­rung: «Die Na­tio­nen des Is­lam has­sen im All­ge­mei­nen und Be­son­de­ren Ame­ri­ka. Die Welt soll wis­sen, dass die Not­la­ge der ira­ni­schen Na­ti­on und al­ler an­de­ren mus­li­mi­schen Na­tio­nen durch frem­de Na­tio­nen, ins­be­son­de­re die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, her­bei­ge­führt wur­de.» Wer mit «den Na­tio­nen des Is­lam» in der Re­de des ver­stor­be­nen Aya­tol­lah ge­meint war, wis­sen wir nicht. Nach die­ser Re­de je­den­falls wur­de Khomei­ni ver­haf­tet und von der SAVAK, der Ge­heim­po­li­zei des Schahs, am 4. No­vem­ber 1964 ins Exil ge­zwun­gen. Das ver­schaff­te ihm wei­te­re Be­deu­tung; auch die Fest­nah­me und Er­mor­dung von De­mons­tran­ten aus tra­di­tio­nell geist­li­chen Krei­sen durch das Sch­ah­re­gime wie­gel­te das ira­ni­sche Volk auf. Erst im Fe­bru­ar 1979 kehr­te der Aya­tol­lah zu­rück und wur­de bald dar­auf zum Grün­der der Is­la­mi­schen Re­pu­blik.

So lau­ten die Ver­sio­nen, die ich zu hö­ren be­kam, dar­über, wie die USA zum «gros­sen Sa­tan» wur­den. Aber es gibt noch ei­ne an­de­re, un­ge­schrie­be­ne Fas­sung, wie der Slo­gan «Tod den USA!» ent­stan­den sei: Dar­in wird al­le Schuld den jun­gen re­vo­lu­tio­nä­ren Gue­ril­la­grup­pen mit mar­xis­ti­schen oder den Volks­mu­ja­he­din mit is­la­mi­schen Über­zeu­gun­gen in die Schu­he ge­scho­ben. Die­se Grup­pen kämpf­ten ge­gen das Sch­ah­re­gime in den tur­bu­len­ten 60er-jah­ren bis zum Aus­bruch der Re­vo­lu­ti­on 1979, in ge­hei­men mi­li­tan­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen. Sie setz­ten sich vor al­lem aus ge­bil­de­ten Ju­gend­li­chen zu­sam­men, die die re­vo­lu­tio­nä­ren Tex­te von äl­te­ren mar­xis­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen wie der Tu­deh-par­tei la­sen. Mit dem Cre­do «Kampf ge­gen den glo­ba­len Im­pe­ria­lis­mus mit den su­per­ka­pi­ta­li­schen USA an der Spit­ze, für ei­ne idea­le Ge­sell­schaft oh­ne Klas­sen» er­ober­ten sie sich ih­ren Platz in in­tel­lek­tu­el­len Krei­sen.

Mei­ner Mei­nung nach hat­ten we­der die Füh­rer der jun­gen Re­vo­lu­ti­ons­re­gie­rung noch das Volk ei­nen Grund zur Feind­schaft mit den USA. Viel­leicht war die Haupt­mo­ti­va­ti­on für den Ruf «Tod dem Im­pe­ria­lis­mus» in die­ser Zeit eher Aus­druck ei­ner in­tel­lek­tu­el­len, po­li­ti­schen Un­rei­fe. Ge­hen wir von die­ser bei­na­he tra­gi­schen Ver­si­on aus, dann muss uns tie­fes Be­dau­ern er­grei­fen, denn heu­te, nach mehr als ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert, ist die Pa­ro­le zur Rea­li­tät ge­wor­den – die USA zu ei­nem ech­ten ob­jek­ti­ven Feind. Das heisst, die Pra­xis hat die Feind­schaft Schritt für Schritt er­schaf­fen – und da­mit die Fun­da­men­te mei­nes All­tags wie die al­ler Ira­ner er­schüt­tert.

Auch ge­gen Is­ra­el, un­se­ren an­de­ren an­geb­li­chen Tod­feind, den Ver­bün­de­ten der USA, gibt das ira­ni­sche Re­gime an­dau­ernd hef­ti­ge An­ti­pa­ro­len aus, lässt de­ren Flag­ge ver­bren­nen und die Frei­tags­pre­di­ger Is­ra­els Tod be­schwö­ren – doch hat kaum ein Ira­ner ein Problem mit dem Staat Is­ra­el oder den Is­rae­lis. Jü­di­sche Ira­ner le­ben seit Jahr­hun­der­ten bes­tens mit uns zu­sam­men, heu­te sind es noch cir­ca 10 000. Trotz­dem die­nen die bit­ter­bö­sen of­fi­zi­el­len Kampf­an­sa­gen dem­sel­ben Zweck: Die Re­gie­rung braucht die Fein­de von aussen, um den in­ne­ren Zu­sam­men­halt zu stär­ken.

Hoff­nung auf Ve­rän­de­rung

Ich sprin­ge zu­rück, in ei­ne Zeit, be­vor mei­ne Hoff­nung starb – ich ver­su­che, mich zu er­in­nern:

Als sich im Ju­li 2015, nach jah­re­lan­gen Ver­hand­lun­gen und Dut­zen­den von Tref­fen, der Iran mit der 5+1-Grup­pe end­lich ei­nig­te, freu­te ich mich so wie die meis­ten mei­ner Lands­leu­te und hoff­te auf ei­ne lang­sa­me, aber voll­stän­di­ge Auf­he­bung der Sank­tio­nen. Ob­wohl ich nicht wie vie­le an­de­re auf der Stras­se ju­bel­te und tanz­te oder auch nur die Au­to­schein­wer­fer an­warf und hup­te, fühl­te ich mich als Teil un­ser al­ler Hoff­nung.

Da­für be­glück­wünsch­te ich ei­ni­ge mei­ner Freun­de te­le­fo­nisch; wir lach­ten mit­ein­an­der. Wir spra­chen dar­über, ein­an­der bald zu Par­tys ein­zu­la­den und dann mit ge­schmug­gel­tem Whis­key an­zu­stos­sen. Wir mal­ten uns un­se­re Stadt vol­ler Op­ti­mis­mus und über­wäl­ti­gen­dem Witz aus, ein Te­he­ran vol­ler Zei­tungs­ki­os­ke mit je­der Men­ge frei­er Pu­bli­ka­tio­nen in den Aus­la­gen, die Schau­fens­ter von Buch­hand­lun­gen mit lau­ter un­zen­sier­ten Bü­chern, fröh­li­che Men­schen in ih­ren Lieb­lings­kla­mot­ten, Frau­en auf Ve­los und Mo­tor­rä­dern, Schul­mäd­chen oh­ne Kopf­be­de­ckung und Tou­ris­ten, die über die Gast­freund­schaft der Ira­ner stau­nen, weil die­se ent­ge­gen der Pro­pa­gan­da den Frem­den durch­aus wohl­ge­sinnt sind. Wir stell­ten uns Wohl­stand und di­plo­ma­ti­schen Frie­den vor, fan­ta­sier­ten von Rei­sen ins fer­ne Aus­land, oh­ne Vi­sa­pro­ble­me und oh­ne ei­nen ge­gen­über aus­län­di­schen Wäh­run­gen fast wert­lo­sen Ri­al im Porte­mon­naie. Wir schwelg­ten ge­mein­sam so­gar in dem Traum, dass Prä­si­dent Oba­ma zu­sam­men mit sei­ner schö­nen Mi­chel­le nach sei­nen Frie­dens­ver­hand­lun­gen von der ar­chi­tek­to­ni­schen Ma­gie in Is­fa­han fas­zi­niert wä­re oder ne­ben un­se­rem Prä­si­den­ten durch das his­to­ri­sche Zen­trum von Per­se­po­lis wan­del­te.

Die Wirk­lich­keit war un­se­ren Fan­ta­si­en vor­aus­ge­gan­gen, in der Per­son des ira­ni­schen Aus­sen­mi­nis­ters Mo­ham­med Ja­wad Sa­rif und sei­nes ame­ri­ka­ni­schen Amts­kol­le­gen John Ker­ry – die bei­den hat­ten, als sie vom Co­burg Ho­tel Wi­en zu ih­ren Wa­gen schrit­ten, mit ih­rer freund­li­chen Stim­mung in uns die­se Hoff­nung ge­nährt: auf di­rek­te Ge­sprä­che mit den USA und ei­ne Be­en­di­gung der jahr­zehn­te­lang wäh­ren­den Feind­schaft. Der Ver­stoss ge­gen das Ta­bu, dass ein ira­ni­scher und ein ame­ri­ka­ni­scher Po­li­ti­ker auch nur Blick­kon­takt ha­ben, wur­de 2015 als Me­dien­bild ein­ge­fan­gen. Das hat­te nicht ein­mal der ge­mäs­sig­te Prä­si­dent Kha­ta­mi ge­wagt, ob­wohl zu sei­ner Amts­zeit der De­mo­krat Bill Cl­in­ton im Weis­sen Haus sass, der deut­lich den Wunsch ge­äus­sert hat­te, die Be­zie­hun­gen zum Iran zu ver­bes­sern.

(Man mun­kel­te so­gar, auf dem Welt­gip­fel 1998 in New York, im zwei­ten Jahr sei­ner Prä­si­dent­schaft, sei Kha­ta­mi, als er Cl­in­ton in den Flu­ren des Haupt­quar­tiers der Ver­ein­ten Na­tio­nen er­blick­te, blitz­ar­tig um­ge­kehrt, um ihn ja nicht be­grüs­sen zu müs­sen. Weil er ge­wusst ha­be, dass er nach sei­ner Rück­kehr in den Iran al­lein des­we­gen sein Amt ein­büs­sen könn­te. Ich ent­sin­ne mich, dass ei­ni­ge da­nach scherz­ten, un­ser Prä­si­dent ha­be ein­fach drin­gend zum Klo ge­musst.)

Ein paar St­un­den lang war ich stolz dar­auf, dass un­se­re Di­plo­ma­ten in Wi­en ne­ben den an­de­ren Län­der­chefs stan­den. Mit mir zu­frie­den, dass ich mei­ne Stim­me Has­san Ro­ha­ni ge­ge­ben hat­te. Ei­ner Re­gie­rung mit dem Cre­do «Be­son­nen­heit und Hoff­nung». Be­son­nen­heit er­schien mir le­bens-

wich­tig, Hoff­nung ein Heil­mit­tel für un­se­re er­mü­de­te Ge­sell­schaft.

Ja, wir al­le hat­ten ge­hofft, dass wir mit der Wahl des re­form­freu­di­gen Ro­ha­ni dem ewi­gen Di­lem­ma zwi­schen schlecht und noch schlech­ter ent­kom­men wür­den, der fun­da­men­ta­lis­ti­schen Herr­schaft Mahmoud Ah­ma­di­ne­jads und des­sen bö­sem Den­ken, sei­ner Dumm­heit und Feind­se­lig­keit. Dass un­se­re Wahl end­lich da­für sor­gen wür­de, dass die di­plo­ma­ti­sche Lo­gik über den po­li­ti­schen Po­pu­lis­mus sieg­te, an ei­ner Sei­te mit Oba­ma. Ob­wohl der längst die Hand zur Freund­schaft aus­ge­streckt hat­te, hat­te die Re­gie­rung des Iran un­ter Kha­men­ei bis­her das An­ge­bot aus­ge­schla­gen.

Gleich nach der Un­ter­zeich­nung des Ab­kom­mens gab die Re­gie­rung uns das Ver­spre­chen, Ver­trä­ge mit wich­ti­gen eu­ro­päi­schen Un­ter­neh­men zu schlies­sen, mit Bo­eing und nam­haf­ten Au­to­fir­men zu ver­han­deln, neue Flug­zeu­ge zu er­wer­ben, in­ter­na­tio­na­le Ex­per­ten ein­zu­la­den, da­mit sie sich an der Ent­wick­lung von Öl- und Gas­stand­or­ten und am wirt­schaft­li­chen Auf­bau des Lan­des über­haupt be­tei­lig­ten. Sie ver­sprach uns ei­ne Fül­le neu­er Jobs und die In­dus­trie wie­der­zu­be­le­ben, aus­ser­dem die Land­wirt­schaft und hei­mi­sche Pro­duk­ti­on: Frie­den und Wohl­stand für uns al­le, die wir so auf die­sen Mo­ment ge­war­tet hat­ten.

Nun, drei Jah­re nach dem Auf­kei­men die­ser Hoff­nung, zieht sich Ame­ri­ka aus dem Ab­kom­men zu­rück, und für uns be­ginnt ei­ne neue schwe­re Zeit, zum x-ten Mal. Ich bin in­zwi­schen im mitt­le­ren Al­ter, mei­ne Toch­ter ist ei­ne jun­ge Frau, mei­ne Mut­ter ei­ne Grei­sin. Mei­ne Ge­ne­ra­ti­on hat ih­re gan­ze Ju­gend hin­durch, im Grun­de ihr gan­zes Le­ben in der Hoff­nung auf bes­se­re Ta­ge ver­bracht. Die Un­ter­zeich­nung die­ses Pseu­do-frie­dens­ver­tra­ges hat­te sie dar­in be­stärkt, bald al­le Frei­hei­ten zu ha­ben: freie po­li­ti­sche Par­tei­en, Ge­werk­schaf­ten, freie Zei­tun­gen, Rund­funk und In­ter­net, glei­che Men­schen­rech­te, un­ab­hän­gig von eth­ni­scher Her­kunft, Ras­se, Ge­schlecht oder se­xu­el­ler Nei­gung, ge­nug Woh­nun­gen und Ar­beit für al­le, Chan­cen­gleich­heit auch für die, die kei­ne An­hän­ger der Re­gie­rung sind, ei­ne Viel­falt der Kunst, frei von Zen­sur – all je­ne klei­nen und gros­sen Din­ge, die der Rest der Welt, der frei­en Welt, selbst­ver­ständ­lich ge­niesst.

Und wäh­rend wir hoff­ten, ver­such­ten wir im­mer wie­der, gu­ten Wil­len zu zei­gen: un­se­rer Re­gie­rung mit zi­vi­len Be­we­gun­gen un­se­re Be­reit­schaft zur Mit­ar­beit zu de­mons­trie­ren. Aber er­folg­los – wir wur­den im­mer wie­der ent­täuscht. Trotz­dem ga­ben wir Mit­tel­al­ten die Träu­me un­se­rer Kind­heit und Ju­gend nicht auf, bis jetzt nicht. Erst in je­nem Au­gen­blick, als Trump das Me­mo­ran­dum zum Aus­stieg aus dem Atom­de­al un­ter­schrieb, da schwand un­se­re Hoff­nung voll­ends.

Wir sind die Ge­ne­ra­ti­on, die in­ner­lich un­fer­tig ge­blie­ben ist. Un­se­re See­len reif­ten nicht, viel­leicht weil wir im­mer in Furcht wa­ren. Als wä­re die Zeit in un­se­rem In­ne­ren ste­hen ge­blie­ben, weil es noch im­mer die Träu­me von Te­enagern birgt. Die Zeit liess nur un­se­re Kör­per rei­fen, nicht die See­len – als hät­ten wir fast vier­zig Jah­re ge­schla­fen.

Viel­leicht be­fin­den sich aber auch un­se­re Po­li­ti­ker noch in ei­nem Rei­fe­sta­di­um; nur ei­nen Tag nach dem Aus­stieg aus dem Atom­de­al je­den­falls klet­ter­ten kon­ser­va­ti­ve Ab­ge­ord­ne­te, dar­un­ter vie­le in den Ge­wän­dern von Geist­li­chen, im Par­la­ment auf das Po­di­um, zün­de­ten ei­ne Ko­pie des Ab­kom­mens und ei­ne Usa-pa­pier­flag­ge an und rie­fen «Tod den USA!», wäh­rend sie auf der Asche her­um­tram­pel­ten. Da­bei ver­brann­te sich ei­ner den Fin­ger. Der Par­la­ments­vor­sit­zen­de und sein Stell­ver­tre­ter be­ob­ach­te­ten die Ab­ge­ord­ne­ten da­bei lä­chelnd, als hand­le es sich um das un­be­küm­mer­te Spiel von Kin­dern.

Über­all er­fuhr ich an die­sem Tag von der Wut der Men­schen über das lä­cher­li­che Ver­hal­ten der Par­la­men­ta­ri­er. Ein jun­ger Ta­xi­fah­rer sag­te vol­ler Zorn und Spott, dass die­ses un­zi­vi­li­sier­te Ver­hal­ten der so­ge­nann­ten An­wäl­te des Vol­kes Trumps An­sich­ten und die sei­ner Hard­li­ner nur be­stä­ti­gen und neue Här­ten ge­gen den Iran recht­fer­ti­gen wer­de. Er sorg­te sich um den Ver­lust der Eh­re des ira­ni­schen Vol­kes in den Au­gen der Welt, an­ge­feu­ert von Trumps Ras­sis­mus ge­gen­über den Men­schen im Na­hen Os­ten und den Ira­nern.

«Was soll das?», schimpf­te der Fah­rer. «Ent­we­der sol­len sie die Flag­ge ver­bren­nen oder aufs Trot­toir ma­len, da­mit die Men­schen drauf­stei­gen, oder sie sol­len To­ten­köp­fe statt der Ster­ne zeich­nen. Die Flag­ge je­des Lan­des aber ge­hört der Na­ti­on, nicht der Re­gie­rung! Man soll­te das Haus des Par­la­ments pas­sen­der ei­nen is­la­mi­schen Kin­der­gar­ten nen­nen!»

Ei­ne Da­me im Tscha­dor, die ne­ben mir im Sam­mel­ta­xi sass, zi­tier­te spöt­tisch Aya­tol­lah Kha­men­ei, den sie zwar als «ih­ren Füh­rer» be­trach­te­te, trotz­dem wand­te sie ein: «Was kann man denn an­de­res von un­ge­bil­de­ten Ab­ge­ord­ne­ten er­war­ten, die durch Be­zie­hun­gen ih­re Pos­ten be­ka­men und durch Schmei­che­lei­en den Weg in die Re­gie­rung fan­den – als dass sie dem Prä­si­den­ten ei­nes frem­den Lan­des zu ver­ste­hen ge­ben: Halt den Mund!» Wo­bei sie hin­ter­her­schob: «Ab­ge­se­hen da­von, dass ich die­sen un­ge­ho­bel­ten Bau­ern Trump has­se, aber das ist noch lan­ge kein Grund, dass sich selbst un­ser Füh­rer der­ar­tig auf­führt.»

Im Ta­xi auf der Va­li­asr-stras­se, die einst ho­he Bäu­me be­schirm­ten und auf der sich nun un­ent­wegt Ko­lon­nen stau­en und auch die Früh­lings­luft dem Smog nicht mehr trot­zen kann, dach­te ich an den gif­ti­gen Hass in un­se­ren Her­zen, in die­sem gros­sen Land, in den Her­zen von 82 Mil­lio­nen Men­schen. Und zu all die­sem tie­fen Hass und Schmerz kam nun noch der Hass des neu­en selt­sa­men Prä­si­den­ten der USA da­zu, der sich uns schon bei Amts­an­tritt be­wies, mit sei­nem Usa-ein­rei­se­ver­bot für Ira­ner und An­ge­hö­ri­ge sechs wei­te­rer Na­tio­nen, aus wel­chem An­lass auch im­mer.

Meh­re­re Mil­lio­nen ira­ni­sche Ein­wan­de­rer le­ben seit Jahr­zehn­ten in den USA. Ih­re Ver­wand­ten nah­men

Mei­ne Ge­ne­ra­ti­on hat ih­re gan­ze Ju­gend, im Grun­de ihr gan­zes Le­ben in der Hoff­nung auf bes­se­re Ta­ge ver­bracht.

seit­dem ei­ne Men­ge Auf­wand für ih­re Be­su­che in Kauf, durch­stan­den die Odys­see für ein Vi­sum in ei­nem Dritt­land wie der Tür­kei, Abu Dha­bi oder Du­bai, um in die USA zu ge­lan­gen. Für sie al­le, für die oft al­ten El­tern der Aus­wan­de­rer­ge­ne­ra­ti­on, ist es nun un­mög­lich ge­wor­den, ih­re engs­te Fa­mi­lie wie­der­zu­se­hen, für ei­ni­ge von ih­nen viel­leicht bis an ihr Le­bens­en­de.

Ich kann ih­re Trau­er nach­emp­fin­den; auch mei­ne Mut­ter ist ei­ne von je­nen, die ih­re Kin­der in den USA nicht mehr be­su­chen dür­fen. Und der Kreis­lauf mei­nes Le­bens schliesst sich: Vor vier­zig Jah­ren war ich ein Te­enager, mei­ne Mut­ter jung und mei­ne Gross­mut­ter, die heu­te nicht mehr lebt, war im mitt­le­ren Al­ter wie ich heu­te. Die Ge­füh­le aber, die wir vor vier­zig Jah­ren emp­fan­den, sind ge­blie­ben: die Angst vor der Zu­kunft, die Stra­pa­zen der Ge­gen­wart, der Groll über die frucht­lo­se Ver­gan­gen­heit.

Kuss am weis­sen Mitt­woch

Es ist der 18. Ju­li, Te­he­rans Som­mer auf sei­nem Ze­nit, über vier­zig Grad. Ich tra­ge ein weis­ses Kleid, um die Hit­ze leich­ter zu er­tra­gen, und ge­he die Va­li­asr-stras­se Rich­tung Nord-te­he­ran ent­lang. Ich kom­me von ei­nem Tref­fen in mei­nem Ver­lag zu­rück und will nur nach Hau­se. Es soll­te um die Ver­öf­fent­li­chung mei­nes neu­en Ma­nu­skripts ge­hen. Über ein Jahr hat­te ich an ei­ner Gra­phic No­vel ge­ar­bei­tet. Der er­folg­rei­che Te­he­ra­ner Ver­le­ger selbst hat­te mich da­zu er­mu­tigt. Doch heu­te war da­von kei­ne Re­de mehr, viel­mehr kün­dig­te er an, er wer­de von un­se­rem Ver­trag zu­rück­tre­ten – auch wenn er sich für die­sen Schritt schä­me, wie er sag­te. War­um dann?

We­gen der Sta­gna­ti­on über­all, der schlim­men Re­zes­si­on, der gren­zen­lo­sen In­fla­ti­on, weil nie­mand mehr Geld für Bü­cher ha­be, weil es nicht ein­mal mehr für die Grund­be­dürf­nis­se rei­che. Durch den An­stieg der Fremd­wäh­run­gen um mehr als das Drei­fa­che war der Preis für Pa­pier, Druck usw. ge­stie­gen.

Trumps Un­ter­schrift zeig­te nach gut zwei Mo­na­ten, viel frü­her, als ich er­war­tet hat­te, ih­re schreck­li­chen Fol­gen. Für mich be­deu­tet das ein Jahr un­be­zahl­ter Ar­beit – mehr als das, es schnürt mir fi­nan­zi­ell den Hals zu.

Ich neh­me den weis­sen Baum­woll­schal kurz vom Kopf, um mei­ne Keh­le frei zu be­kom­men. Die Pas­san­ten auf der Va­li­asr-stras­se schen­ken mei­nen un­be­deck­ten Haa­ren kei­ne Auf­merk­sam­keit, ge­hen ih­res We­ges, al­so ge­he ich wei­ter oh­ne Hi­jab. Plötz­lich spü­re ich ei­ne Hand auf mei­ner Schul­ter. Ich dre­he mich um. Vor mir steht ei­ne Frau mit freund­lich lä­cheln­den Au­gen und sagt: «Mei­ne Lie­be, lass uns ein­an­der küs­sen, herz­li­chen Glück­wunsch!» Und be­vor ich et­was sa­gen kann, küsst sie mich, wie es hier üb­lich ist, auf je­de mei­ner ver­schwitz­ten Wan­gen. Ich fra­ge: «Ken­nen wir uns?» Sie er­wi­dert: «Nein, aber heu­te ist doch Mitt­woch, und ich tra­ge wie Sie ei­nen weis­sen Schal, nur wa­ge ich nicht, ihn ab­zu­strei­fen. Mein Kuss ist für den Mut, den Sie ha­ben und ich nicht.»

Weis­se Mitt­wo­che – hät­te ich die nicht völ­lig ver­ges­sen, hät­te auch ich mei­nen Schal nicht ab­ge­streift. Und tap­fer bin ich kein biss­chen. Ma­sih Ali­ne­jad, ei­ne ira­ni­sche Jour­na­lis­tin im Exil in New York, hat­te ei­nen Face­book-auf­ruf na­mens «Hei­mi­sche Frei­heit» ge­star­tet und spä­ter ei­nen zwei­ten: «Weis­se Mitt­wo­che». Wir al­le ken­nen sie, weil sie seit vier Jah­ren für das Selbst­be­stim­mungs­recht der ira­ni­schen Frau­en mit ih­ren Netz­kam­pa­gnen kämpft; lan­ge be­vor sich im Win­ter 2017 in Te­he­ran, ei­ne an­de­re Mu­ti­ge, Vi­da Mo­va­hed, auf ei­nen Strom­kas­ten stell­te, an der Kreu­zung Ve­sal- und Re­vo­lu­ti­ons­stras­se, und ihr Kopf­tuch als weis­se Flag­ge an ei­nem Stock hiss­te. Das war der An­fang ei­ner neu­en Wel­le: Vie­le Frau­en ha­ben sich seit­dem auf Strom­käs­ten ge­stellt. In der vir­tu­el­len Welt wur­den sie als «Be­we­gung der Töch­ter der Re­vo­lu­ti­on» be­kannt. Von den Ver­haf­tun­gen, Schlä­gen und schwe­ren Stra­fen für die­se Frau­en und von der lä­cher­li­chen Re­ak­ti­on der Re­gie­rung, schrä­ge Tei­le auf Strom­käs­ten zu schweis­sen, ha­ben Sie wahr­schein­lich ge­hört.

Der ira­ni­sche Kopf­tuch­zwang ist für mich die Achil­les­fer­se der Re­gie­rung ge­wor­den. Das Recht der ira­ni­schen Frau auf ih­ren Kör­per und ih­re ei­ge­ne Be­klei­dung, das ihr ve­he­ment ent­zo­gen wur­de, be­nö­tigt das ideo­lo­gi­sche Re­gime als Sym­bol sei­ner Macht und Hei­lig­keit, be­son­ders an Ta­gen, wo sich Streiks im Land aus­brei­ten und das Re­gime um sei­ne Exis­tenz zit­tern muss. Oh­ne die­ses Sym­bol wür­de sich die Re­gie­rung nicht von an­de­ren Dik­ta­tu­ren die­ser Welt un­ter­schei­den. Da­her wird je­de Ges­te ei­ner Ira­ne­rin, und sei es nur das Her­vor­zup­fen der Haa­re un­term Tuch oder der Tanz ei­nes 17-jäh­ri­gen Mäd­chens auf Ins­ta­gram, je­der Freu­den­ju­bel auf der Stras­se für un­ser Fuss­ball­team, auf der Stel­le hef­tig be­straft – was man­che po­li­ti­schen Ana­ly­ti­ker er­staunt: An­ge­sichts ei­ner rui­nier­ten Wirt­schaft und des Pro­tests der Be­völ­ke­rung, der im ver­gan­ge­nen Jahr ei­nen Hö­he­punkt er­reich­te, wie kann es da sein, dass das Re­gime das Si­gnal sei­nes Nie­der­gangs nicht hört und sich in­mit­ten die­ses Cha­os lie­ber mit dem Hi­jab be­fasst? An­statt da­mit, dass die Le­bens­mit­tel­prei­se teil­wei­se um 100 Pro­zent ge­stie­gen sind, Arz­nei­mit­tel knapp wer­den, ei­ni­ge gar nicht mehr zu krie­gen sind? Sind die Wor­te des Ge­sund­heits­mi­nis­ters Has­san Has­he­mi nicht bei ih­nen an­ge­kom­men, der gera­de erst sag­te: «Das The­ma Sank­tio­nen müs­sen wir ernst neh­men, wir müs­sen uns für ei­nen na­hen Sturm rüs­ten, da­mit wir be­reit sind, mit den­je­ni­gen zu spre­chen, die Mass­nah­men er­grei­fen kön­nen.» Der dar­auf ver­wies, dass die Si­tua­ti­on im Iran ab dem 4. No­vem­ber, mit Ein­set­zen der Us-sank­tio­nen, noch ver­hee­ren­der wer­de: «Es wer­den Ta­ge der Not sein.»

Mit je­nen, «die Mass­nah­men er­grei­fen kön­nen», mein­te er die «Füh­rer» der eu­ro­päi­schen Staa­ten, je­ne Chi­nas und Russ­lands, mit de­nen sich hoch­ran­gi­ge Di­plo­ma­ten der Is­la­mi­schen Re­pu­blik nach dem Aus­stieg der USA aus dem Atom­de­al tra­fen. Ob­wohl die­se Füh­rer in die USA reis­ten und mit Trump auch im Weis­sen Haus zu­sam­men­ka­men, um ihn zu über­re­den, sei­ne Ent­schei­dung rück­gän­gig zu ma­chen. Ob­wohl sie dem Iran ver­spra­chen, das Ab­kom­men zu re­spek­tie­ren und die wirt­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen wei­ter­zu­füh­ren, ver­zich­te­ten die Han­dels-, In­dus­trie- und Erd­öl­ge­sell­schaf­ten je­ner Län­der, trotz der Ver­trä­ge, die sie mit dem Iran hat­ten, aus Furcht vor den Us-sank­tio­nen, ei­nes nach dem an­de­ren, auf die Zu­sam­men­ar­beit mit dem Iran. Bo­eing, Peugeot, Ci­tro­ën, Sie­mens, Air­bus, To­tal, die in­ter­na­tio­na­len Öl­trans­port­ver­si­che­run­gen, al­le­samt Pri­vat-, kei-

ne Staats­un­ter­neh­men. Zwei gros­se ja­pa­ni­sche Un­ter­neh­men, ge­folgt von der fran­zö­si­schen Scor SE, Lloyd’s aus Lon­don und Møl­ler-ma­ersk aus Nor­we­gen. Das heisst, selbst wenn es dem Iran ge­län­ge, Öl zu ver­kau­fen, wür­de man in ei­ner Sack­gas­se lan­den, weil man es gar nicht trans­por­tie­ren könn­te. So­gar die rus­si­sche Öl­ge­sell­schaft Lu­ko­il gab ih­re Ko­ope­ra­ti­on mit dem Iran auf. Da­bei war der Iran im­mer so stolz auf Pu­tins Loya­li­tät ge­we­sen.

Ich ge­he mit der Da­me ein Stück mit, auf ein Ca­fé zu, mei­nen Schal noch im­mer um den Hals. Be­vor wir aber den schat­ti­gen In­nen­hof be­tre­ten, zie­he ich den Schal wie­der übers Haar, mit dem Vor­wand, der Ca­fé­be­sit­zer kön­ne sonst mei­net­we­gen in Schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten. Bald dar­auf ver­ab­schie­det sie sich. Statt nach Hau­se oder in mein Bü­ro zu ge­hen, blei­be ich sit­zen und ver­fol­ge, bis man mir die Kar­te bringt, die Neu­ig­kei­ten über die Sank­tio­nen am Han­dy.

Am 21. Mai hat­te Us-aus­sen­mi­nis­ter Pom­peo dem Iran zwölf Be­din­gun­gen für Ge­sprä­che ge­nannt, ge­sagt, wenn man sich an die hal­te, wä­ren die USA zu Ver­hand­lun­gen mit dem Iran be­reit; an­dern­falls wür­den die schmerz­haf­tes­ten Sank­tio­nen in der Ge­schich­te ge­gen den Iran ver­hängt, wor­über die ira­ni­sche Re­gie­rung stür­zen wer­de. Er sag­te, auch der Rest der Welt dür­fe mit dem Iran kei­nen Han­del trei­ben, sonst wä­ren die­se Län­der selbst Us-sank­tio­nen aus­ge­setzt. Am En­de des Ta­ges sag­te er: «Un­mit­tel­bar nach der Er­fül­lung un­se­rer For­de­run­gen durch Te­he­ran wer­den die Sank­tio­nen ge­gen den Iran auf­ge­ho­ben.»

Zwölf de­tail­lier­te For­de­run­gen, von de­nen kein Ira­ner an­nimmt, dass das Re­gime un­ter Aya­tol­lah Kha­men­ei auch nur ei­ne ein­zi­ge er­fül­len wird.

Der Iran muss sei­ne frü­he­re Nu­kle­ar­waf­fen­for­schung um­fas­send dar­le­gen, die Uran­an­rei­che­rung stop­pen, der In­ter­na­tio­na­len Atom­ener­gie­be­hör­de «un­ein­ge­schränk­ten Zu­gang» zu al­len Stand­or­ten im Land ge­wäh­ren, muss auf­hö­ren, mi­li­tan­ten Grup­pen Ra­ke­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len, und die Ent­wick­lung atom­waf­fen­fä­hi­ger Ra­ke­ten be­en­den, al­le Us-ame­ri­ka­ni­schen und al­li­ier­ten Häft­lin­ge frei­las­sen, muss auf­hö­ren, mi­li­tan­te Grup­pen zu un­ter­stüt­zen, ein­schliess­lich His­bol­lah, Ha­mas und Is­la­mi­scher Ji­had in Pa­läs­ti­na, muss die ira­ki­sche Sou­ve­rä­ni­tät re­spek­tie­ren, auf­hö­ren, Waf­fen an die Hu­tis zu lie­fern, und sich für ei­ne fried­li­che Re­ge­lung im Je­men ein­set­zen, muss al­le ihm un­ter­stell­ten Trup­pen aus Sy­ri­en ab­zie­hen, die Un­ter­stüt­zung für die Ta­li­ban be­en­den und auf­hö­ren, Al-qai­da-kämp­fer auf­zu­neh­men, muss die Un­ter­stüt­zung der pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Quds-ar­mee für mi­li­tan­te Grup­pen be­en­den. Der Iran muss auf­hö­ren zu dro­hen, Is­ra­el zer­stö­ren zu wol­len, und in­ter­na­tio­na­le Schif­fe zu be­dro­hen. Im sel­ben Atem­zug liess uns Pom­peo wis­sen: Wir wol­len ein bes­se­res Ab­kom­men als das letz­te mit dem Iran er­rei­chen. Und: Wir be­grüs­sen je­des Land, das ge­gen den Iran ist.

Wir aber, das Volk, ver­trau­en kei­ne Se­kun­de auf die Be­son­nen­heit un­se­res Füh­rers – tat­säch­lich ge­riet der Aya­tol­lah Kha­men­ei in Ra­che­stim­mung: Am 4. Ju­ni be­fahl er der Atom­ener­gie­or­ga­ni­sa­ti­on, die nö­ti­gen Vor­keh­run­gen zu tref­fen, um die An­rei­che­rungs­ka­pa­zi­tät Irans auf 190 000 Ein­hei­ten Ur­an­tren­n­ar­beit aus­zu­bau­en. Dann sag­te er, die Na­ti­on und die Re­gie­rung wür­den we­der die Sank­tio­nen to­le­rie­ren noch sich zu nu­klea­rer Zu­rück­hal­tung ver­pflich­ten. «Aus­län­der und selbst ei­ni­ge im Land täu­schen in ih­rer Pro­pa­gan­da vor, dass ein Krieg aus­bre­che, wenn der Iran die­ses un­zu­läs­si­ge Ab­kom­men nicht ak­zep­tie­re. Aber nein, das ist ei­ne Lü­ge!»

Ich kann mich gut an je­nen Tag er­in­nern: Ich war in der Apo­the­ke, um für mei­ne Mut­ter Me­di­zin zu be­sor­gen, als sei­ne Re­de aus dem Ra­dio auf dem Tre­sen schall­te. Ich wun­der­te mich über die Me­di­ka­men­ten­rech­nung; sie schien mir falsch, für die glei­che An­zahl Blut­hoch­druck­pil­len und Mul­ti­vit­amin­kap­seln, pro­du­ziert im Iran, hat­te ich vor zwei Mo­na­ten gera­de die Hälf­te ge­zahlt. Zu­gleich ver­wirr­ten mich die schar­fen Wor­te aus dem Ra­dio, und ich woll­te die Phar­ma­zeu­tin we­gen des Prei­ses fra­gen, als sie mit ag­gres­si­ver Stim­me zum Red­ner im Ra­dio sprach: «Du bist doch selbst der al­ler­gröss­te Lüg­ner! Wer hat dir über­haupt er­laubt, als Spre­cher der Na­ti­on auf­zu­tre­ten? Was für ein Problem ha­ben wir denn mit den USA?» Ich muss­te la­chen, sah mich um. Die Apo­the­ke war vol­ler Kun­den. Ich flüs­ter­te: «Ma­chen Sie sich denn kei­ne Sor­gen, dass Sie und Ih­re Apo­the­ke Är­ger be­kom­men?» Statt der Apo­the­ke­rin ant­wor­te­te ein Mann mitt­le­ren Al­ters hin­ter mir: «Oh, mei­ne Da­me, es ist um uns ge­sche­hen – will man uns al­le acht­zig Mil­lio­nen in­haf­tie­ren? Die sol­len mich lie­ber ver­haf­ten. Denn ist mein Blut nicht rö­ter als das Blut der Ju­gend­li­chen die­ses Lan­des, die in den Streik tre­ten we­gen ih­rer seit Mo­na­ten aus­ste­hen­den Löh­ne und da­für gleich ins Ge­fäng­nis kom­men?»

Die Ant­wort der Apo­the­ke­rin auf mei­ne un­ge­stell­te Fra­ge folg­te den Wor­ten des Man­nes; zor­nig sag­te sie: «Der Dol­lar kos­tet jetzt statt 3500 To­man fast 10 000 To­man – das ist der Grund: Die Rech­nung ist kor­rekt, und das hier wird erst der An­fang sein. Es wird noch viel teu­rer wer­den.»

Der Mann wis­per­te dar­auf­hin: «Das Le­ben von uns Äl­te­ren un­ter die­sem Re­gime ist ver­lo­ren; Gott mö­ge nun un­se­rer Ju­gend bei­ste­hen! Die­ses Mal wird es uns ver­nich­ten, selbst wenn wir das Glück ha­ben, nicht mi­li­tä­risch an­ge­grif­fen zu wer­den.»

Plas­tik­blu­men im Gar­ten

Im Ca­fé weiss ich plötz­lich mit Ge­wiss­heit, dass es kei­ne Lü­ge ist. Die Ge­fahr ei­nes Krie­ges und ei­nes Mi­li­tär­schlags be­steht. Die Welt ist in den Hän­den von Ver­rück­ten und Clowns.

Ich hö­re ein Ge­spräch am Nach­bar­tisch zwi­schen ei­ner jun­gen Frau und ei­nem Mann; ich will nicht zu­hö­ren, aber die Frau spricht laut: «Das Geld, das wir in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren zur Sei­te ge­legt ha­ben, ent­sprach zu da­ma­li­gen Ri­al­wert 1000 Eu­ro, heu­te sind es nur noch 300 Eu­ro. Sei sicher, es wird noch we­ni­ger! In ei­nem Mo­nat wer­den die ers­ten Sank­tio­nen in Kraft tre­ten, und bes­ser re­den wir jetzt noch nicht dar­über, was dann ab No­vem­ber ge­schieht. Hät­ten wir doch von An­fang an Gold ge­kauft!»

Mir huscht durch den Sinn: Ich muss mir über­haupt kei­ne Sor­gen ma­chen! Mein Spar­kon­to ist eh leer! Dann den­ke ich an­ge­sichts der Ver­zweif­lung des jun­gen Paa­res am Ne­ben­tisch an ei­nen Gar­ten, den sie fünf Jah­re lang ver­ant­wor­tungs­voll ge­hegt ha­ben, in der Vor­freu­de auf die Düf­te sei­ner bal­di­gen Blü­te, und wie ih­nen jetzt erst

auf­geht, dass ihr Gar­ten lau­ter Plas­tik­blu­men be­her­bergt.

Es geht mir nicht gut. Ich be­schlies­se, mir ei­nen schö­nen Nach­mit­tag zu ma­chen und mei­ne Mut­ter mit ei­nem Be­such zu über­ra­schen. Viel­leicht wird mir in ih­rer Nä­he woh­ler sein, viel­leicht kann ich dem po­li­ti­schen Un­rat ent­flie­hen.

In ih­rer klei­nen Woh­nung se­he ich zu mei­ner gros­sen Freu­de On­kel Mor­te­za. Er ist ein al­ter Kämp­fer, ein frü­he­rer Kom­mu­nist und Ka­me­rad mei­nes Va­ters aus Sch­ah­zei­ten. Ich nen­ne ihn On­kel, weil er mit mei­nem ver­stor­be­nen Va­ter vor vie­len Jah­ren Brü­der­schaft schloss. Der Strom ist aus­ge­fal­len, die Woh­nung dun­kel und oh­ne Kli­ma­an­la­ge brül­lend heiss. La­chend sa­ge ich: «Wie wol­len die­se Leute ge­gen den Im­pe­ria­lis­ten ei­nen Krieg füh­ren, wenn sie die Stadt trotz der ab­seh­ba­ren Hit­ze nicht mal mit Strom ver­sor­gen kön­nen? Dan­ke, On­kel Mor­te­za, für den Sturz des Schahs und dan­ke da­für, dass die­se Leute mit eu­rer Hil­fe den Kampf ge­gen den ame­ri­ka­ni­schen Im­pe­ria­lis­mus auf­ge­nom­men ha­ben. Wie sonst hät­ten die­se Mul­lahs, die sich in ih­ren Käm­mer­chen nur Ge­dan­ken dar­über mach­ten, ob sie mit dem rech­ten oder lin­ken Fuss zum WC ge­hen, ge­wusst, ob Im­pe­ria­lis­mus was zum Es­sen oder An­zie­hen ist?» Ich la­che noch lau­ter. On­kel Mor­te­za lacht mit, dann aber sagt er ernst, dass die kol­lek­ti­ve Weis­heit der ira­ni­schen Na­ti­on die dum­me Po­li­tik be­sie­gen wer­de; der Iran blei­be un­se­re Hei­mat, un­ser Zu­hau­se. Ein Haus, das trotz sei­ner Ar­mut und Dun­kel­heit noch im­mer un­ser Haus sei. «Wir schüt­zen es und ho­len es uns von den Un­fä­hi­gen an der Macht zu­rück.»

Wie gern wür­de ich die­sem al­ten Mann glau­ben, der noch im­mer auf den Sieg der Ver­nunft über die Dumm­heit ver­traut. Wie sehr wün­sche ich, dass er ei­nes Ta­ges recht be­hält und wir un­ser Zu­hau­se vor sei­ner to­ta­len Zer­stö­rung zu­rück­er­obern wer­den.

Mei­ner Mut­ter ha­be ich auf dem Han­dy ei­ne App ein­ge­rich­tet, da­mit sie mit mei­nen Brü­dern aus­ser­halb des Lan­des kom­mu­ni­zie­ren kann; im­mer wie­der ist ei­ne Ver­bin­dung nur mit An­ti­fil­ter­pro­gram­men mög­lich. Jetzt aber funk­tio­niert es wun­der­sa­mer­wei­se,

das Pie­pen ei­ner neu­en Text­nach­richt er­tönt, und eu­pho­risch un­ter­bricht mei­ne Mut­ter mein Ge­spräch mit dem On­kel. Sie möch­te uns die Nach­richt vor­le­sen, sie denkt, es sei ein gu­ter Witz, der uns von der bit­te­ren Wirk­lich­keit ab­lenkt. Da­bei han­delt es sich in Wahr­heit um ein Ge­dicht des jun­gen Poe­ten Ni­ma Niknam:

Ich bin ein ein­fa­cher Mensch

Ge­nau wie du

Ich trin­ke Tee

Ich über­que­re die Stras­se

Ich ar­bei­te

Ich le­se kei­ne Zei­tun­gen

Wir sind vie­le ein­fa­che Men­schen Ge­nau wie du

Un­ter dem Fin­ger des Herr­schers Wir se­hen uns stumm an, die Ohn­macht hat uns die Spra­che ver­schla­gen. Und für ei­nen Mo­ment wün­sche ich, mei­ne Mut­ter hät­te uns das Ge­dicht nicht vor­ge­le­sen.

PAR­SUA BA­SHI leb­te meh­re­re Jah­re in Zü­rich, wo sie zwei Bü­cher ver­öf­fent­lich­te, be­vor sie 2010 in den Iran zu­rück­kehr­te. re­dak­ti­on@das­ma­ga­zin.ch

Im De­zem­ber 1978 wur­de Aya­tol­lah Ru­hol­lah Khomei­ni zum Ge­sicht der Schah-op­po­si­ti­on - die De­mons­tran­ten ver­lang­ten sei­ne Rück­kehr aus dem Pa­ri­ser Exil.

Seit Er­rich­tung der Is­la­mi­schen Re­pu­blik ist die Ju­gend Te­he­rans – 75 Pro­zent der Ira­ner sind jün­ger als 35 – ge­zwun­gen, die Gren­zen ih­rer Frei­heit im­mer neu aus­zu­lo­ten.

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