Ei­ne Toch­ter räumt das Haus ih­rer El­tern in Ita­li­en aus. Und lei­det un­ter dem Er­be. VON DA­NIE­LA BÄR

Vier Mau­ern, da­zwi­schen ein Ab­grund: Was es be­deu­tet, das Haus der El­tern zu räu­men.

Das Magazin - - N° 38 — 22. September 2018 - Text Da­nie­la Bär Il­lus­tra­ti­on lo­renz Mei­er

Lo­re­na hat die­ses Haus in Tei­len ge­erbt: die ers­te Hälf­te nach dem Tod ih­rer Mut­ter 2011, gleich be­tei­ligt wie ihr Va­ter, der wei­ter im Haus wohnt, ko­chen lernt und sei­ne Frau zu­min­dest in der Zu­be­rei­tung von Mi­ne­s­tro­ne bald hin­ter sich lässt. Zwei Jah­re be­vor er stirbt, er­laubt sich Lo­re­na die Fra­ge, was mit dem Haus ge­sche­hen sol­le, wenn auch er geht. Sie ahnt, dass das, was auf sie zu­kommt, Über­wäl­ti­gungs­po­ten­zi­al hat, auch wenn sie sich da­mals das Aus­mass erst dif­fus vor­stel­len kann.

«Ge­hen?», frag­te ihr Va­ter. «Mir geht es gut.» Das Haus liegt in Mu­ri­sen­go, ei­nem Dorf im Pie­mont. Seit­dem es am To­des­tag ih­res Va­ters ganz in Lo­re­nas Be­sitz über­ging, wur­de es sämt­li­cher Aspek­te ent­le­digt, die von Le­ben zeu­gen könn­ten. Al­le tech­ni­schen Ge­rä­te sind aus­ge­steckt, die Kaf­fee­ma­schi­ne ver­kalkt vor sich hin, der Fern­se­her ver­wei­gert das Bild, Licht ins Dun­kel der vier Stock­wer­ke kommt erst nach dem Ein­dre­hen der Si­che­run­gen. In der Kü­che gibt es al­les, was man braucht, aber nichts von dem, was man ein­fach so hat, wenn man wohnt und lebt und kocht. Zei­tun­gen und Ess­wa­ren, Ter­mink­ärt­chen – al­les Ver­falls­dat­um­tra­gen­de ist in­exis­tent, die Pflan­zen wur­den ver­schenkt, und wer mü­de ist, macht sich erst mal auf die Su­che nach Lein­tü­chern und Be­zü­gen. Die Zei­ger der Uhr im Wohn­zim­mer, ein Ge­schenk des Schwei­zer Ar­beit­ge­bers an den Va­ter zur Pen­sio­nie­rung, ha­ben den An­schluss ans Jetzt längst ver­lo­ren und be­grün­den ei­ne Zeit­zo­ne der Un­be­wohnt­heit. Was heu­te ist, war vor ei­nem hal­ben Jahr nicht an­ders und könn­te in den nächs­ten Jah­ren noch ge­nau gleich sein.

Das Haus zeigt auch bei die­sem Be­such ei­ne neue re­no­va­ti­ons­be­dürf­ti­ge Sei­te. Was­ser gibts meist nur kalt: Der Boi­ler ent­schei­det ger­ne selbst, wer wann war­mes Was­ser ha­ben soll. Ei­gent­lich ist Lo­re­na mit ih­rem Mann übers Wo­che­n­en­de ge­kom­men, um die letz­ten per­sön­li­chen Ge­gen­stän­de ih­rer El­tern aus dem Schlaf­zim­mer aus­zu­sor­tie­ren. Die meis­te Zeit wird sie je­doch da­mit ver­brin­gen her­aus­zu­fin­den, was zwi­schen die­sem und dem letz­ten Be­such ka­putt­ge­gan­gen oder schlim­mer ge­wor­den ist. Die Män­gel wer­den im­mer wie­der auf­ge­zählt, im Ge­spräch mit der Tan­te am Te­le­fon oder beim Be­such der Bä­cke­rin im Dorf. So ak­tiv nach Ka­put­tem ge­sucht wird, so pas­siv blei­ben Re­pa­ra­tur­ver­su­che: Es lohnt sich nicht, für we­ni­ge Ta­ge Auf­ent­halt im Jahr viel Auf­wand zu be­trei­ben. Das Nö­tigs­te wird re­pa­riert, al­les an­de­re als Recht­fer­ti­gung für den Wunsch ver­wen­det, das Haus mög­lichst bald los­zu­wer­den.

Lo­re­na weiss nicht, was die Leute aus dem Dorf hin­ter ih­rem Rü­cken nach ih­rer Abrei­se re­den, aber was sie ihr ge­gen­über äus­sern, ist Ver­ständ­nis. Seit es Ita­li­en noch schlech­ter geht, ver­ste­hen al­le, was so ein Haus kos­tet, selbst wenn man gar nicht da ist. Seit Lo­re­na Zah­len nennt, ist Ru­he ein­ge­kehrt im Dorf. Ihr Va­ter hat die Pro­ble­me vor­aus­ge­se­hen. Kurz vor sei­nem Tod gab er zu, dass ihm be­wusst sei, dass sei­ne Toch­ter lei­den wer­de mit die­sem Haus. Sie will ih­ren El­tern zwar nichts nach­tra­gen, doch sich über das Haus freu­en, es als Fe­ri­en­haus nut­zen und als Rück­zugs­ort lie­ben, das kann sie nicht.

Lo­re­na hat schö­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen an üp­pi­ge Fest­es­sen und son­ni­ge Ter­ras­sen­nach­mit­ta­ge mit der gan­zen ita­lie­ni­schen Fa­mi­lie. Die schlech­ten ent­ste­hen zu der Zeit, als Lo­re­na zehn Jah­re alt ist und ih­re Mut­ter ei­nen bruch­fäl­li­gen Haus­teil in die­sem Dorf, 400 Ki­lo­me­ter von Zü­rich ent­fernt, erbt.

Lo­re­na wächst als Ein­zel­kind in ei­ner Ge­nos­sen­schafts­woh­nung in Zü­rich-schwa­men­din­gen auf, die der Fa­b­rik ge­hört, für die ihr Va­ter als ita­lie­ni­scher Gas­t­ar­bei­ter ar­bei­tet. Ih­re El­tern ver­brach­ten ih­re Kind­heit we­ni­ge Ki­lo­me­ter von­ein­an­der ent­fernt, ler­nen sich je­doch erst ken­nen, als sie ins nörd­li­che Nach­bar­land aus­wan­dern und bei­de in Zü­rich Ar­beit fin­den. Die klei­ne Fa­mi­lie wohnt in ei­ner Zwei­zim­merwoh­nung mit ei­nem Schlaf­zim­mer für die El­tern und ei­nem wei­te­ren Zim­mer, das abends Kin­der­zim­mer, tags­über Schnei­de­rate­lier und an den Wo­che­n­en­den Treff­punkt der Ita­lie­ne­rin­nen aus der Nach­bar­schaft ist. Lo­re­na macht im Schlaf­zim­mer an ei­nem Se­kre­tär mit her­un­ter­ge­klapp­ter Tür Haus­auf­ga­ben. An­de­re Kin­der ha­ben ein Zim­mer für sich, Lo­re­na ist oft bei ih­nen zum Spie­len oder zum Auf­ga-

ben­ma­chen. «Ich ha­be aus Platz­grün­den kaum je je­man­den mit nach Hau­se neh­men kön­nen.»

Lo­re­na geht zum Bü­cher­ge­stell im Wohn­zim­mer und zieht die Bü­cher her­aus, die sie be­hal­ten hat: den Schwei­ze­ri­schen Se­kun­dar­schul­at­las und ei­ne Pu­bli­ka­ti­on des Ver­lags Küm­mer­ly+frey, «Schweiz: Al­pen­land im Her­zen Eu­ro­pas», mit Wid­mung von An­ton und He­le­ne, da­tiert auf den 22. Sep­tem­ber 1987, kurz vor der Rück­kehr von Lo­re­nas El­tern nach Ita­li­en. Die Wid­mung be­schreibt die Freund­schaft zwi­schen den Fa­mi­li­en als ein­zig­ar­tig wert­voll und for­mu­liert die Hoff­nung, die Dis­tanz zwi­schen Mu­ri­sen­go und Zü­rich mö­ge dar­an nichts än­dern. An­ton und He­le­ne wan­dern kurz dar­auf nach Rio de Janei­ro aus. Als ein­zi­ger Ro­man hat «Der Ex­or­zist» über­lebt. «All die di­cken Schund­ro­ma­ne mei­ner Mut­ter ha­be ich weg­ge­ge­ben», sagt Lo­re­na und schiebt ent­schul­di­gend hin­ter­her: «Eben­so die Mon­do-bü­cher.»

«Die Aus­län­der, das wa­ren wir. In den 1960er­jah­ren wa­ren wir die Tsching­gen.» Lo­re­na er­zählt von der Le­der­map­pe, die sie in ih­rer Pri­mar­schul­zeit wi­der­wil­lig her­um­schlepp­te, wäh­rend al­le an­de­ren ei­nen Thek hat­ten. «Mei­ne bes­te Freun­din hat­te Holz­zog­ge­li. Ich da­ge­gen trug sehr mo­di­sche Schlärpli aus Ita­li­en, auf die ich heu­te stolz wä­re, aber als Kind hat mich das in ei­ne Ecke ge­drängt – ich ha­be ge­merkt, dass ich an­ders bin.» Lo­re­na tauscht ih­re Map­pe ge­gen ei­nen Thek und ih­re Schlar­pen ge­gen Zog­ge­li. Dis­kri­mi­niert ge­fühlt hat sie sich nie – aber ge­stört hat sie das An­ders­sein im­mer. «Heu­te bin ich stolz dar­auf, dass ich bei­des sein kann, Ita­lie­ne­rin und Schwei­ze­rin.»

Von der Dorf­haupt­stras­se drin­gen Stim­men ins Wohn­zim­mer. Man kennt sich, man grüsst sich. Man kennt auch Lo­re­na und weiss von ih­rer An­we­sen­heit, be­vor sie ein ers­tes Mal das Haus ver­las­sen und die Stras­se über­quert hat. Lo­re­na ist la Sviz­zerot­ta, ei­ne Be­zeich­nung von zärt­li­cher Häss­lich­keit, und dass sie wie­der ein­mal da ist, scheint be­rich­tens­wert. Aus Zü­rich mit­ge­bracht hat sie Brät für Wurst­weg­gen, Cer­ve­lats, Schin­k­li, die Kräu­ter­ma­yon­nai­se von Tho­my, Bet­ty-bos­si-blät­ter­teig und ro­te Lindt-ku­geln im Wert von 120 Schwei­zer Fran­ken. Beim kur­zen Rund­gang durchs Dorf wird im­mer an den­sel­ben Tü­ren ge­klopft, bei Le­na et­wa, die kei­ne Zäh­ne mehr, aber viel zu er­zäh­len hat. Bei An­ge­la, ei­ner al­ten Freun­din von Lo­re­nas El­tern, die al­le zwei Wo­chen nach dem Haus schaut und sich für die Kon­troll­be­su­che lie­ber in Lindt-ku­geln als mit Bar­geld be­zah­len lässt. Bei Ri­ta, der Bä­cke­rin, wo Gris­si­ni ein­ge­kauft und Neu­ig­kei­ten aus­ge­tauscht wer­den. Bei der an­de­ren Ri­ta, die stets zwei Fla­schen pie­mon­te­si­schen Wein für Lo­re­nas Mann be­reit­hält. Die­ser bleibt dem Rund­gang fern, er spricht kaum Ita­lie­nisch und kennt nie­man­den im Dorf, lässt sich die Ge­schich­ten von draussen brin­gen. Auch Lo­re­na kennt nur we­ni­ge der Ent­ge­gen­kom­men­den. Ge­grüsst wird trotz­dem, man weiss ja nie.

Von Lo­re­nas Ei­fer des Aus­mis­tens ver­schont ge­blie­ben sind die Bil­der an den Wän­den. Be­tritt man das Haus von der Ga­ra­ge aus, wird man auf dem ers­ten Trep­pen­ab­schnitt von vier ge­rahm­ten Fo­to­gra­fi­en be­glei­tet. Statt in die Hü­gel­land­schaft des Pie­monts füh­ren die­se aber di­rekt da­hin zu­rück, wo­her Lo­re­nas El­tern beim Ein­zug in die­ses Haus ka­men: Blick auf das Zürcher Gross­müns­ter von der Quai­brü­cke aus. Aus­blick vom Üet­li­berg. Stie­ben­de Was­ser­mas­sen am Rhein­fall in Schaff­hau­sen. Das Mat­ter­horn. Er­in­ne­run­gen an ein Le­ben in der Schweiz, die zei­gen, wie Lo­re­nas El­tern das nörd­li­che Nach­bar­land ge­se­hen ha­ben – mit den Au­gen der Frem­den.

Fremd sein – hier wie dort

Die El­tern wa­ren gern in der Schweiz, sie wa­ren in­te­griert und hat­ten vie­le Schwei­zer Freun­de. Aber eins war im­mer klar: Nach der Pen­sio­nie­rung ge­hen sie zu­rück. Wie zahl­rei­che ih­rer Freun­de und un­zäh­li­ge Mi­gran­tin­nen und Mi­gran­ten ha­ben sie die­sen früh ge­fass­ten Ent­scheid nie hin­ter­fragt. Sie sind ein­ge­wan­dert, um ir­gend­wann wie­der aus­zu­wan­dern. Im Bü­cher­re­gal, das in­zwi­schen leer ist, stand auch L. P. Hart­leys «The Go-bet­ween», be­gin­nend mit dem Satz: «The past is a for­eign coun­try: they do things dif­fer­ent­ly the­re.»

Dies spü­ren auch Lo­re­nas El­tern: Mu­ri­sen­go, das Dorf, in dem Lo­re­nas Mut­ter auf­wuchs, hat sich so ver­än­dert, dass die Rück­kehr ähn­li­che Ge­füh­le des Fremdseins aus­löst wie die An­kunft in die Schweiz. Das Paar hat län­ger in der Schweiz ge­ar­bei­tet als in Ita­li­en ge­lebt. In der al­ten Hei­mat feh­len ih­nen die Pünkt­lich­keit, die Ver­bind­lich­keit. Das pie­mon­te­si­sche Kli­ma ist ein klei­ner Trost für die gros­se Dis­tanz zu Toch­ter und En­kel­toch­ter. Den­noch wur­de die­se Ent­schei­dung nie rück­gän­gig ge­macht. Lo­re­na zuckt mit den Schul­tern. «Ich wuss­te im­mer, dass sie ge­hen wer­den, und ge­nau­so wuss­te ich im­mer, dass ich in der Schweiz blei­ben wer­de.»

Als Ja­mes Schwar­zen­bach tobt, als das Schwei­zer Volk 1970 mit der Über­frem­dungs­in­itia­ti­ve dar­über ab­stimmt, ob es den Aus­län­der­an­teil pro Kan­ton auf zehn Pro­zent be­schrän­ken, die Tsching­gen draussen ha­ben will – 583 000 Ita­lie­ne­rin­nen und Ita­lie­ner le­ben da­mals in der Schweiz –, all das hat Lo­re­na ver­in­ner­licht, als sie ei­ni­ge Jah­re spä­ter ei­ne Lehr­stel­le sucht und sich auch in der Hei­mat ih­rer El­tern um­schaut. Schliess­lich geht sie als Au-pair nach En­g­land.

«Dass mei­ne El­tern nach ih­rer Pen­sio­nie­rung nach Ita­li­en zu­rück­wol­len, war nie ein Problem bis zum Mo­ment, als ihr voll­ge­pack­ter Last­wa­gen weg­fuhr.» Der Schwei­zer Bo­den, den der Last­wa­gen hin­ter sich lässt, ist der Bo­den, den Lo­re­na un­ter den Füs­sen ver­liert. «Es war ein Ab­schied, ein Teil-ab-

schied. Oh­ne mei­ne El­tern ha­be ich mich in der Schweiz, mei­ner Hei­mat, al­lein ge­fühlt.»

Ein Son­der­fall, so ei­ne Dop­pel­bür­ge­rin, sagt die Ge­mein­de von Mu­ri­sen­go, als Lo­re­na das Haus ih­rer El­tern erbt. Lo­re­na re­cher­chiert und liest, dass rund ein Drit­tel der Mi­gran­tin­nen und Mi­gran­ten nach ih­rer Pen­si­on die Schweiz wie­der ver­las­sen und in ih­re al­te Hei­mat zu­rück­keh­ren. Und doch: Man wis­se nicht, wie man es in ih­rem Fall ma­chen sol­le, die Über­schrei­bung des Au­tos, die Schwei­zer AHV auf dem ita­lie­ni­schen Kon­to, die Um­be­nen­nung des Te­le­fon­an­schlus­ses. Sta­pel­wei­se For­mu­la­re aus­ge­druckt und aus­ge­füllt, den­noch an der kon­di­tio­na­len Bü­ro­kra­tie ge­schei­tert: Oh­ne die­ses For­mu­lar gilt das an­de­re nicht, trotz je­ner Be­schei­ni­gung hat die­se Un­ter­schrift kei­ne Gül­tig­keit, ge­hen Sie doch zum Kon­su­lat. Im­mer und im­mer wie­der ist Lo­re­na beim Kon­su­lat. Cou­si­ne Mo­ni springt ein, wenn bei den Be­hör­den Ter­mi­ne nur so kurz­fris­tig ver­ein­bart wer­den kön­nen, dass die acht St­un­den Zug­fahrt von Zü­rich nach Mu­ri­sen­go zu lan­ge dau­ern. Mo­ni ver­han­delt, über­re­det, stell­ver­tre­tend ener­viert über ita­lie­ni­sche Mit­tags­pau­sen und den dörf­li­chen Be­dürf­nis­sen an­ge­pass­te Öff­nungs­zei­ten. Ein­mal hat die Post­stel­le im Dorf drei Mi­nu­ten län­ger ge­öff­net, aus Rück­sicht auf Lo­re­na, die erst beim nächs­ten Be­such zwei­ein­halb Mo­na­te spä­ter wie­der in der Schlan­ge vor dem ein­zi­gen Schal­ter hät­te ste­hen kön­nen.

Die Zei­ten, in de­nen Lo­re­na sich fast nicht da­zu über­win­den kann, die Trep­pen des vier­stö­cki­gen Hau­ses hoch­zu­ge­hen, sind vor­bei. Lan­ge noch hat sie im Ohr, wie ih­re Mut­ter ih­re Fin­ger­nä­gel über die Ril­len der Holz­ver­tä­fe­lung rat­tern liess, im Gang zur Kü­che, oder glaubt die Sil­hou­et­te ih­res Va­ters in sei­nem Ses­sel zu se­hen, wenn sie das Wohn­zim­mer be­tritt. Dass ih­re Mut­ter in die­sem Haus starb, ist ein Ab­grund mehr. «Jah­re­lang ha­be ich sie noch auf dem Schlaf­zim­mer­bo­den lie­gen se­hen, von den Sa­ni­tä­tern ent­klei­det, die sie er­folg­los zu re­ani­mie­ren ver­such­ten.» Schla­fen kann sie in die­sem Zim­mer erst, nach­dem sie aus­ge­mis­tet und ei­ni­ges um­ge­stellt hat.

Wie geht man mit Er­in­ne­run­gen um, wenn sie an je­dem Ge­gen­stand kle­ben? Heu­te ist das Schlaf­zim­mer so, wie Schlaf­zim­mer nicht sein soll­ten: ste­ril. Beim ge­walt­sa­men Öff­nen des de­cken­ho­hen Klei­der­schran­kes – das Holz der Tü­ren hat sich im Lau­fe der Jahr­zehn­te aus­ge­dehnt – klap­pern die Klei­der­bü­gel nach Auf­merk­sam­keit, sie sind mit je­dem ge­füll­ten und ge­spen­de­ten Klei­der­sack ein biss­chen über­flüs­si­ger ge­wor­den. Über­all ist Lee­re und Dis­tanz zwi­schen dem üb­rig Ge­blie­be­nen.

«Wir sind stän­dig hier­her­ge­kom­men. An je­dem Fei­er­tag, je­des län­ge­re Wo­che­n­en­de, je­de Fe­ri­en­wo­che.» Lo­re­na will als Te­enager in Zü­rich blei­ben, will mit Freun­den Zeit ver­brin­gen, da­bei sein, wenn an­de­re Aben­teu­er er­le­ben. Aber sie ist nie da. Lo­re­na

fürch­tet, den An­schluss zu ver­lie­ren, den sie sich mit Le­der­map­pe und Schlärpli ge­sucht hat. «Ich ha­be mei­nen Frust im­mer auf die­ses Haus pro­ji­ziert. Ich has­se die­ses Haus. Die­ses Haus, das uns in un­se­rer Zwei­zim­merwoh­nung ge­hal­ten hat, weil man je­den Fran­ken für die Re­no­va­ti­on spar­te. Die­ses Haus ist schuld dar­an, dass ich nur ganz we­ni­ge Freund­schaf­ten aus mei­ner Ju­gend ha­be.»

Von Mot­ten zer­fres­sen

Lo­re­nas Mut­ter hat sich nie um die Ge­füh­le ih­rer Toch­ter fürs Haus ge­küm­mert. Bis zu ih­rem Tod will sie nicht, dass Lo­re­na das Haus je ver­kauft. Ihr Va­ter hin­ge­gen sieht die Pro­ble­me ein. Ihm ge­gen­über hat Lo­re­na ein schlech­tes Ge­wis­sen. Im Al­ters­heim, zwi­schen ers­tem und zwei­tem Schlag­an­fall, sagt er ihr, es tue ihm leid, dass er ihr die­ses Haus hin­ter­las­se. «Wenn er noch ein biss­chen län­ger ge­lebt hät­te, hät­ten wir bei­de das wohl in An­griff ge­nom­men.»

So aber geht Lo­re­na das Schlaf­zim­mer ih­rer El­tern al­lein an: Die höl­zer­ne Ma­don­nen­fi­gur auf der Abla­ge am Kop­fen­de des Bet­tes. Ei­ne Por­zel­lan­do­se, ge­füllt mit La­kritz­bon­bons. Stoff­ta­schen­tü­cher aus den Nacht­tisch­schub­la­den. Vier halb lee­re Par­fum­fla­kons. Hus­ten­saft und Kopf­weh­ta­blet­ten. Le­se­bril­len. Selbst ge­hä­kel­te Lam­pen­un­ter­set­zer. Zwei weis­se Schaf­woll­tep­pi­che vor dem Bett. Sie­ben­und­dreis­sig gro­be, schnee­weis­se Lein­tü­cher. Sieb­zehn Ho­sen von un­ter­schied­li­cher Stoff­di­cke, acht da­von un­ge­tra­gen. Blu­sen, in die ih­re Mut­ter schon lan­ge nicht mehr rein­pass­te. Frot­tee­wä­sche in je­der Far­be, teil­wei­se ori­gi­nal­ver­packt. Kü­chen­tü­cher, zu Tür­men ge­sta­pelt. Woll­de­cken, Woll­ja­cken, von Mot­ten zer­fres­sen. Di­ver­se Haus­schu­he in Grös­se 35. Zai­nen­wei­se Stoff­res­te als Über­bleib­sel der Schnei­de­rin­nen-ver­gan­gen­heit.

«Ich bin kei­ne Häu­schen­be­sit­ze­rin, das ha­be ich schon lan­ge ge­merkt. Ich ha­be ge­mie­tet, und wenns mir nicht mehr pass­te, bin ich ge­gan­gen.» Ver­kau­fen ist für Lo­re­na kei­ne schwie­ri­ge Ent­schei­dung, al­ler­dings ei­ne müh­sa­me Ge­dulds­pro­be. Seit ein paar Mo­na­ten bie­tet sie das Haus über ei­nen Mak­ler zum Ver­kauf an, er über­nimmt die Bü­ro­kra­tie und kommt spo­ra­disch mit po­ten­zi­el­len Käu­fern vor­bei, um ih­nen das Haus zu zei­gen. Der Mo­ment, als er das In­se­rat ins In­ter­net stell­te, setzt Lo­re­na zu: Das schlech­te Ge­wis­sen, das beim Aus­räu­men ein­ge­setzt hat, kommt wie­der. «Ich tue mei­nen El­tern ja nichts zu­lei­de, aber manch­mal den­ke ich: Viel­leicht schau­en sie ja her­un­ter.»

Der gros­se Kel­ler ist un­be­geh­bar. Hab­se­lig­kei­ten sind zwi­schen Fuss­bo­den und De­cke ge­klemmt. Rost­fle­cken und Holz­kä­fer. Den Stüh­len feh­len Bei­ne, Schrän­ke ha­ben zer­bro­che­ne Glas­tü­ren, Kom­mo­den zwar ab­schliess­ba­re Schub­la­den, aber kei­ne Schlüs­sel mehr. Über­all ist Samt, Bro­kat, Staub­grau. Bie­der­meier­ti­sche der Tu­ri­ner Tan­ten, Bil­der in pom­pö­sen Rah­men, eins an­geb­lich von Se­gan­ti­ni, in Wahr­heit aber von ei­nem Pro­vinz­ma­ler oh­ne Ein­trag im Le­xi­kon der re­gio­na­len Künst­ler. Toas­ter, Tisch­grill, To­ma­ten­pres­se. Lo­re­nas Mut­ter war grund­sätz­lich un­fä­hig, et­was weg­zu­wer­fen, und Lo­re­nas Va­ter ein hand­werk­lich am­bi­tio­nier­ter Bast­ler – ei­ne fa­ta­le Li­ai­son für die Er­bin des lie­gen Ge­blie­be­nen.

Lo­re­na er­hofft sich Ru­he, wenn sie die Haus­schlüs­sel ir­gend­wann je­man­dem über­ge­ben kann, die Er­lö­sung – und hofft auf Nach­mie­ter, die das Haus so schät­zen, wie es ist. Ih­re El­tern ha­ben viel da­für ge­ar­bei­tet. Lo­re­na wünscht sich je­man­den, der viel­leicht auch ein paar Mö­bel über­nimmt. «Nicht weil ich zu faul bin, sie zu ent­sor­gen, son­dern stell­ver­tre­tend für die Wert­schät­zung, die ich die­sem Haus nie ent­ge­gen­brin­gen konn­te.» Für Lo­re­na wird das Haus dann kei­ne Be­deu­tung mehr ha­ben. «Es war der Traum mei­ner El­tern, nicht mei­ner.»

Kurz vor der Ab­fahrt nach Hau­se er­folgt der Kon­troll­gang durch al­le vier Eta­gen. Ka­bel wer­den aus­ge­steckt, der Boi­ler aus­ge­schal­tet, letz­te Te­le­fo­na­te ge­führt. Früch­te, auf­ge­ris­se­ne Le­bens­mit­tel­pa­ckun­gen und an­ge­bro­che­ne Wein­fla­schen in ei­ne Kühl­ta­sche ge­packt. Al­le Roll­lä­den sind unten, al­le Tü­ren dop­pelt ab­ge­schlos­sen. Mit den noch feuch­ten Frot­tee­tü­chern reibt Lo­re­na im Gäs­te­bad hek­tisch über die Abla­ge aus schwar­zem Mar­mor, als gin­ge es dar­um, die weis­sen Spren­kel dar­in hin­aus­zu­rei­ben.

Das Haus ver­kaufs­wür­dig zu hin­ter­las­sen ist das Ziel der letz­ten Mi­nu­ten. In den aus Zü­rich mit­ge­brach­ten Ta­schen: vier Gor­gon­zo­las, sechs Sa­l­a­met­ti un­ter­schied­li­cher Grös­se, meh­re­re Pa­ckun­gen Gris­si­ni und pie­mon­te­si­sche Ha­sel­nüs­se, va­ku­um­ver­packt. Aus­ser­dem zwei Kis­ten Mal­va­sia und zwei Fla­schen Grap­pa von Maz­zet­ti. Beim Weg­fah­ren leuch­tet die Haus­fas­sa­de ab­schieds­rot. Lo­re­na blickt zu­rück, wie frü­her, als ih­re El­tern mit Ta­schen­tü­chern win­kend war­te­ten, bis das Au­to aus­ser Sicht war. Jetzt blickt Lo­re­na zum Fried­hof, der et­was aus­ser­halb des Dorf­kerns liegt. Viel­leicht schau­en sie ja her­über.

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