EIN TAG IM LE­BEN ei­ner Kin­der­buch­il­lus­tra­to­rin

Das Magazin - - News - Pro­to­koll SAMANTA SIEG­FRIED Bild PRI­VAT

Wenn du je­man­den ver­lierst, der dir na­he­steht, siehst du das Le­ben mit an­de­ren Au­gen. Ein klei­nes Me­men­to mo­ri sitzt dir auf den Schul­tern und er­in­nert dich an je­ne Din­ge, die wirk­lich zäh­len. Bei mir ge­schah das 2010, als mei­ne Mut­ter an Krebs starb. Sie war die ers­te mir na­he­ste­hen­de Per­son, die ich ver­lor. Aus die­ser Er­fah­rung ist mein Buch «Der Tod auf dem Ap­fel­baum» ent­stan­den. Weil es ein per­sön­li­cher Ver­ar­bei­tungs­pro­zess war, ha­be ich es nicht nur il­lus­triert, son­dern auch die Ge­schich­te da­zu ge­schrie­ben. Da­bei geht es um den ur­al­ten Wunsch der Mensch­heit, den Tod zu über­lis­ten, ei­ne Fa­bel, auf die ich schon in vie­len Ver­sio­nen ge­stos­sen bin. Bei mei­ner Ge­schich­te ist es ein Fuchs, der dem Tod ein Schnipp­chen schla­gen will. Als es ihm ge­lingt und er nach vie­len Jah­ren ein­sam und ge­brech­lich zu­rück­bleibt, wünscht er sich den Tod zu­rück – und wird schliess­lich von ihm er­löst. Ich bin über­zeugt, dass Kin­der­bü­cher erns­te The­men be­han­deln dür­fen. Auch Kin­der wer­den mit dem Tod kon­fron­tiert, und sei es das Meer­schwein­chen, das stirbt. Aber es ist si­cher kein Buch, das man sei­nem Göt­tik­ind ein­fach so schen­ken soll­te. Der Zeit­punkt muss stim­men.

In fast al­len mei­nen Bü­chern kom­men Tie­re vor. Der al­ler­ers­te Text, den ich il­lus­trier­te, war ein Lied­text von Stil­ler Has mit dem Ti­tel «Ohr ver­lo­re»: Ein Ha­se ver­liert ein Ohr, wird dar­auf­hin furcht­bar krank und er- hält es schliess­lich von ei­ner lie­ben He­xe über Nacht wie­der zu­rück. Das Lied war auf ei­ner «Oh­r­e­würm»-cd mei­ner Nich­te, und ich hat­te die Idee, ihr die Ge­schich­te zu Os­tern zu schen­ken. Da­mals ar­bei­te­te ich noch als Zeich­nungs­leh­re­rin an der Ori­en­tie­rungs­schu­le in Ba­sel. Das Il­lus­trie­ren hat mir so gut ge­fal­len, dass ich es so­gleich mit ei­nem zwei­ten Lied ver­such­te: «Gi­raff un­te­rem Bett» von den Lo­ve­bugs. Ge­schrie­ben hat­te es der Au­tor Lo­renz Pau­li, und so ha­ben wir uns ken­nen ge­lernt. Mo­ti­viert ha­be ich ein paar klei­ne­re Ge­schich­ten ge­macht, steck­te al­les in ei­ne Map­pe und ging da­mit an die Frank­fur­ter Buch­mes­se. Dort tin­gel­te ich von Stand zu Stand und zeig­te mei­ne Ar­beit. Al­le blät­ter­ten ge­lang­weilt durch, und ich be­kam nur Ab­sa­gen. Ein­zig mein jet­zi­ger Lek­tor, da­mals beim Sau­er­län­der-ver­lag, jetzt bei At­lan­tis, zeig­te In­ter­es­se. Er mein­te je­doch, ich sol­le zu­erst ein Sto­ry­board mit ei­ner Idee schrei­ben und nicht gleich mit der gan­zen Ge­schich­te an­kom­men. Das ha­be ich ge­macht, dar­aus wur­de das ers­te Kin­der­buch «Bel­la bellt und Karl­chen kocht». Das war 2001. Seit­her ha­be ich 37 Bü­cher ver­öf­fent­licht, und bis heu­te freue ich mich auf je­des Buch, das ich ma­chen darf. Die meis­ten da­von schreibt Lo­renz Pau­li. Un­se­re Zu­sam­men­ar­beit ist sehr be­son­ders, da wir die Ge­schich­ten ge­mein­sam ent­wi­ckeln. Er darf bei mei­nen Bil­dern mit­re­den und ich bei sei­nen Tex­ten.

Die Leu­te fra­gen oft, war­um ich fast nur Tie­re zeich­ne. Nun, ich mag Tie­re, und mit Tie­ren kann ich bes­ser Ge­füh­le aus­drü­cken. Mit ei­nem Schwänz­chen, das sich krin­gelt, oder dem Fell, das sich sträubt. Oft er­tap­pe ich mich da­bei, wie ich den Aus­druck des Tie­res an­neh­me, das ich ge­ra­de zeich­ne. Aus­ser­dem kann man Tie­re viel vor­ur­teils­frei­er dar­stel­len als Men­schen. Die Gen­der­fra­ge fällt weg und die nach der pas­sen­den Klei­dung. Auch die Viel­falt ist im Tier­reich grös­ser. Beim Zeich­nen ist es na­tür­lich nicht we­ni­ger her­aus­for­dernd: Schon ein ein­zi­ges Här­chen kann den Cha­rak­ter ver­än­dern. Sehr ger­ne mag ich Mäu­se. Ha­ben Sie sich schon ein­mal ei­ne Maus aus der Nä­he an­ge­schaut? Das sind rüh­ren­de Tie­re. Sie ha­ben ganz klei­ne ro­sa Hän­de und Füs­se mit win­zi­gen Nä­geln.

Ich glau­be nicht, dass ein Kin­der­buch ei­ne Bot­schaft ha­ben muss. Vor al­lem soll­te es ei­ne gu­te Ge­schich­te er­zäh­len, die mit der Welt der Kin­der zu tun hat, und Cha­rak­te­re dar­stel­len, mit de­nen Kin­der sich iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Und ein Hap­py End soll­te die Ge­schich­te ha­ben, schon dem gu­ten Schlaf zu­lie­be.

Die­bas­ler­in­kath­rin SCHÄRER (49) il­lus­triert Kin­der­bü­cher und ge­wann2017 zum zwei­ten Mal den Schwei­zer Kin­der- und Ju­gend­me­di­en­preis.

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